Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteForschung aktuellToiletten für ein besseres Leben06.02.2017

Themenreihe Mittelpunkt MenschToiletten für ein besseres Leben

Spülverhalten, Kloschüssel, Abwasserrohre - Mete Dimiriz erforscht technische und ergonomische Probleme rund um den Toilettengang. Dabei geht es dem Professor für Sanitärtechnik auch darum, das Thema aus der Tabuzone zu holen. Schließlich zählt die Toilette zu den größten medizinischen Errungenschaften, auf die 2,5 Milliarden Menschen weltweit noch immer verzichten müssen.

Von Michael Stang

(Deutschlandradio / Michael Stang)
Sanitär bedeutet: der Gesundheit dienen. Das ist die Mission von Mete Demiriz - hier an der Westfälischen Hochschule (Deutschlandradio / Michael Stang)

"Ich habe immer versucht, das Badezimmer, die Toilette, so ergonomisch wie möglich und auch technisch, einwandfrei zu planen und zu konstruieren."

Ein Portrait über Mete Demiriz hätte auch mit dem Geräusch einer Toilettenspülung beginnen können. Aber es würde dem Professor für Sanitär- und Bädertechnik an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen nicht gerecht werden, ihn nur auf die Toilette als solche zu reduzieren.

Sein Forschungsgebiet umfasst mehr als die Lösung technischer Probleme rund um das Verrichten der Notdurft. Das liegt vor allem an der Scham der Menschen, offen über dieses Thema zu sprechen. 

"Das ist das Intimste für viele, was es gibt. Und darüber sprechen sie ungern, über ihr Verhalten auf der Toilette, schon gar nicht über ihre Toilettengänge im öffentlichen Bereich."

Seine Mission: Toiletten aus der Tabuzone holen

Mete Demiriz will diesen Bereich enttabuisieren. Sanitär bedeutet: der Gesundheit dienen. Und die Toilette steht genau dafür. Vom British Medical Journal wurde sie, ebenso von der UNO, zur bedeutendsten medizinischen Errungenschaft überhaupt gekürt.

Mit der Technik rund um Zu- und Abwasser im Badbereich befasst sich Mete Demiriz seit Studienbeginn 1973. Damals kam der 21 jährige frisch vom Abitur, das er an einer deutschen Schule in Istanbul abgelegt hatte, nach Bochum zum Studium. Nach dem Abschluss in Verfahrenstechnik verblieb er an der Hochschule, wo er in Thermodynamik promoviert wurde. Danach verschrieb er sich der Sanitärtechnik.  

Mete Demiriz führt eine Treppe nach unten. Er öffnet eine Tür: "Wir sind hier in einem Laborbereich, was für uns ein Reallabor ist, das heißt zwischen Herren- und Damentoilette ist ein Bereich, wo alle Leitungen, Wasser- und Abwasserrohre hier durch diesen Raum gehen und wir die Möglichkeit haben, anonym Daten zu sammeln, in den Rohren die Strömungseigenschaften von Abwasser und Zählungen durchführen, wie viel, wann, wie lange die Toiletten benutzt werden."

Daten zur Klosett-Nutzung zu Forschungszwecken erheben

Der Raum ist geruchsneutral. Jedoch erlauben die Glasrohre deutliche Einsichten in all das, was Studierende und Hochschulmitarbeiter wegspülen. 

"Auf der Damenseite sind drei Waschtische, ein Frauenurinal und fünf normale WC-Anlagen, auf der Herrenseite sind sechs Urinale, drei WC-Anlagen und zwei Waschbecken."

Im Labor werden Benutzungsdauer und -häufigkeit registriert, zudem Daten erhoben, welche Toiletten beliebter sind als andere und ob und wieviel Wasser Benutzer nach dem Toilettengang am Waschbecken verbrauchen. Der Rundgang durch die Fachhochschule geht weiter."So, das ist neu" 

Wassersparen bringt nicht nur Vorteile

In der Laborhalle sind fast mehr als sechs Meter hoch an einem Gerüst Waschbecken, Toiletten und Urinale angebracht, anschlossen und verkabelt.

"Wir haben eine Abwasser-Demonstrationsanlage. Wir können hier in den Rohren nicht nur die Wasserbewegung, sondern auch die Luftbewegung zeigen. Das ist auch einzigartig in der Welt."

Die Wassernutzung hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren stark verändert. Spülkästen wurden von neun auf 4,5 Liter Wassermenge umgerüstet. Wassersparen wurde zur Bürgerpflicht. Das brachte nicht nur Vorteile mit sich.

"Viele Gebäude haben noch alte Leitungen, die für den früheren Verbrauch dimensioniert sind, die einfach zu dick sind und das Wasser stagniert jetzt in diesen Leitungen."

Großes Problem: Feuchttücher verstopfen Leitungen

Nicht nur die Infrastruktur ist oft verbesserungswürdig, sondern mitunter auch das Verhalten der Toilettenbenutzer. 

"Mittlerweile haben wir ein großes Problem mit Feuchttüchern. Die gehören eigentlich überhaupt nicht in die Abwasserleitungen."

Feuchttücher zersetzen sich im Gegensatz zu Toilettenpapier nicht im Wasser und verstopfen regelmäßig viele Abflüsse. Pläne hat der 64jährige für sein letztes Berufsjahr noch viele. 

2,5 Milliarden Menschen steht keine Toilette zur Verfügung

"Auch ein Bestreben ist, dass sehr viele Menschen im Alter barrierefreie Anlagen brauchen, so auch im Toilettenbereich, im Badezimmerbereich, dass man Änderungen sehr schnell durchführen kann."

Und nicht nur um die Toilettenprobleme hierzulande sorgt sich der umtriebige Sanitärfachmann. Weltweit stehen mehr als 2,5 Milliarden Menschen keine ausreichend hygienischen Toiletten zur Verfügung. 

"Ganz einfache Systeme für Gebiete, wo vielleicht kein Wasser ist, wo keine Toilette ist, dass man da ganz billige, ganz einfache Systeme entwickelt, damit die Leute auch die Möglichkeit haben, hygienisch ihre Notdurft zu entrichten und auch mal Hände waschen können mit wenig Wasser."

 

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