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StartseiteForschung aktuellThiopental: Narkosemittel mit dunklen Seiten02.11.2011

Thiopental: Narkosemittel mit dunklen Seiten

Mraseks Molekül-Mosaik

Das Molekül dieser Woche heißt Thiopental. Eine schwefelhaltige Verbindung mit Licht und Schatten. Ärzte verwenden das Betäubungsmittel aus der Klasse der Barbiturate schon lange für Narkosen, Justizbehörden in den USA dagegen bei Hinrichtungen. Thiopental hat zudem einen ominösen Ruf als Wahrheitsserum.

Von Volker Mrasek

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Mraseks Molekül Mosaik

Wegen seiner hypnotisierenden Wirkung soll es schon häufig bei Verhören missbräuchlich eingesetzt worden sein, um Gefangene zum Reden zu bringen.

"Mal tief ein- und ausatmen. Jetzt wird Ihnen gleich ein bisschen komisch werden, ein bisschen kribbelig."

Die übliche Prozedur vor einer Operation: Der Patient erhält ein Narkosemittel.

"So, jetzt geht's los." - "Jetzt geht's los, mmh."

Lange war für Narkoseärzte Thiopental das Mittel der Wahl. Oder genauer: das Salz Natriumthiopental. Ein kleines Molekül mit einem Ring aus vier Kohlenstoff- und zwei Stickstoffatomen, erstmals synthetisiert vor rund 80 Jahren.

"Bis ins neue Jahrtausend war das das klassische Anästhetikum."

Auch Torsten Loop machte davon Gebrauch. Als Oberarzt und Professor für Anästhesie an der Universitätsklinik Freiburg.

Der Vorteil von Thiopental: Es wirkt

"innerhalb von Sekunden."

Sein Nachteil:

"Die Patienten schlafen viel zu lange und länger, als wir das wollen."

In unserem Körper gibt es Botenstoffe, die dafür sorgen, dass wir wach oder müde sind. Diese "Neurotransmitter" binden an bestimmte Zellrezeptoren im Gehirn. Die betäubenden Barbiturate machen das auch, nur:

"Unter Umständen natürlich viel, viel potenter, als das der körpereigene Botenstoff kann."

Thiopental übertreibt es hier ein bisschen, möchte man sagen. Ein Narkosemittel mit kürzerer Wirkungsdauer hat das Molekül deshalb verdrängt. Geblieben sind nur noch Nischenanwendungen. Auch die Hersteller zeigen kaum noch Interesse an Thiopental. Laut Torsten Loop

"haben die meisten Pharmafirmen das eingestellt. So 'ne Dosis, wir reden da über 80 Cent. Wo ist da die Gewinnmarge für eine Firma? Die ist da nicht da."

Genau deshalb machte Thiopental zu Jahresbeginn Schlagzeilen.

In den USA schob man Hinrichtungen auf, weil das Barbiturat ausgegangen war. Thiopental soll Todeskandidaten rasch betäuben, bevor die Giftspritze wirkt. Mitunter wird das Molekül aber auch als Tötungsmittel selbst eingesetzt.

"Unsere Atmung und unser Kreislauf wird ja über das zentrale und vegetative Nervensystem gesteuert. Geben Sie viel von einem Hypnotikum, hört diese Kreislaufregulation auf, und der Patient", "

beziehungsweise der Delinquent,

" "hört auf zu atmen. Die Dosis macht das Gift."

Pharmahersteller in Europa wollten da nicht mitmachen. Sie erklärten, grundsätzlich kein Thiopental an US-Strafanstalten zu liefern.

Und was hat es nun mit der vermeintlichen Wirkung als Wahrheitsserum auf sich?

"Ein Wahrheitsserum ist es insofern, weil man natürlich mit Hypnotika Menschen, ohne dass sie sich selbst daran erinnern können, zu Dingen befragen kann, die vom Bewusstsein ins Unterbewusstsein verdrängt werden."

Anästhesist Loop hat weitere Wirkungen von Thiopental entschlüsselt. In stärkeren Dosierungen schwächt es das Immunsystem. Andererseits schützt Thiopental Nervenzellen. Das ist äußerst positiv, wenn man bedenkt, dass chirurgische Eingriffe auch immer gesundes Körpergewebe verletzen können.

Vielleicht ist das ja ein Ansatz für das Design neuer Betäubungsmittel in der Tradition, aber ohne die Nachteile von Thiopental:

"Herr Berghoff! Einmal Augen aufmachen! Hallo!"

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