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StartseiteCorsoDas Antikriegs-Computerspiel19.11.2014

"This War of Mine"Das Antikriegs-Computerspiel

Kriegs-Computerspiele gibt es viele, "This War of Mine" ist in seiner Form jedoch einzigartig: Es zeigt den Krieg aus Opferperspektive. Die Entwickler hoffen, damit bei den Spielern ein Bewusstsein für das Leid der Zivilisten zu wecken. Das Spiel steht für einen Trend in der Branche: Spiele mit ernstem Hintergrund.

Von Christoph Spittler

Ein junger Mann spielt einen klassischen Egoshooter. (dpa/picture alliance/Lehtikuva Sari Gustafsson)
Will kein Egoshooter sein: "This War of Mine" ist der Gegenentwurf zu den gängigen Kriegsspielen (dpa/picture alliance/Lehtikuva Sari Gustafsson)
Weiterführende Information

Netzkunst - Flüchtlingsdramen als Computerspiel
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 16.09.2014)

Nachrichtenhorror als Computerspiel
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 21.08.2013)

Katia ist tot. Eine Kugel hat sie erwischt. In der Innenstadt gibt es immer noch Scharfschützen. Sie kannte das Risiko, aber wo sonst sollte sie Antibiotika für Pawel suchen? Diese verlassene Apotheke liegt nun mal in der Sperrzone.

Im Computerspiel "This War of Mine" wird das erzählt, was im Geballer anderer Spiele untergeht: der Überlebenskampf der Zivilisten im Krieg.

"Wir haben zwei Jahre lang unterschiedliche Konflikte recherchiert: Jugoslawien, Kosovo, Syrien. Auch an der Belagerung von Monrovia vor zehn Jahren kann man gut ablesen, womit Zivilisten im Krieg zu kämpfen haben."

Pawel Miechowski, der Chefautor des Spiels, musste für Augenzeugenberichte aber gar nicht so weit reisen. Als Pole findet er sie in seiner Familie. Die Entwicklerfirma 11Bit Studios, bei der er arbeitet, sitzt in Warschau.

"Wir kennen ja die Geschichten von unseren eigenen Großeltern. Nach dem Aufstand war Warschau stark zerstört, und die Leute haben in Ruinen gelebt."

"Die emotionalen Herausforderungen sind schlimmer als die physischen"

"This War of Mine" spielt nicht im Warschau des Zweiten Weltkriegs, sondern in einer fiktiven Stadt der Gegenwart. Es könnte Bagdad sein, Aleppo oder Donezk. Erfahrungsberichte aus dem belagerten Sarajevo und Tagebücher aus dem Warschauer Getto flossen in das Konzept ebenso ein wie Interviews mit einem US-Soldaten, der nach seinem Einsatz in Falludscha am posttraumatischen Belastungssyndrom leidet.

"Wenn wir mit dem Spiel ein bisschen mehr Bewusstsein für das Leid der Zivilisten wecken könnten, wäre das schon gut."

Der Spieler begleitet eine zufällig zusammengesetzte Gruppe von Zivilisten bei ihrem Überlebenskampf. Sie wohnen in einem zerbombten Haus.

"Da blinkt irgendwas... ok, die Tür ist versperrt..."

Jakob ist 16 und kennt Krieg vor allem aus Spielen wie Counterstrike. Er klickt sich durch die düstere, graue Welt von "This War of Mine".

"Jetzt ist Nacht und mein Plünderer hier, der Marko, versucht in einem anderen Haus Sachen zu holen ... Lebensmittel, Werkzeuge, Materialien ..."

Denn nichts ist selbstverständlich im Krieg. Jede Kleinigkeit muss mühsam organisiert werden.

"Die anderen beiden aus unserer Gruppe sind jetzt gerade in unserem Unterschlupf. Der eine schläft, der ist irgendwie verletzt, der andere hält Wache, weil es können natürlich auch andere kommen, die da irgendwas plündern wollen."

"Die emotionalen Herausforderungen sind eigentlich schlimmer als die physischen. Man gerät oft in Situationen, in denen man jemanden opfern muss, um seine Angehörigen zu retten. Das passiert, ob man das nun will oder nicht."

Marco, die Spielfigur, wird vom schlechten Gewissen geplagt, seit er einem älteren Ehepaar die letzten Nahrungsvorräte gestohlen hat.

"Im Spiel gibt es viele solcher Situationen. Egal wie du entscheidest - jemand muss darunter leiden."

Jakob ist ein bisschen irritiert: Geballert wird hier kaum. Schüsse und Explosionen hört man meistens nur von fern.

"Das ist vielleicht auch ein Spiel, wo man mehr darüber nachdenken muss, worum's eigentlich geht - das ist jetzt in anderen Spielen vielleicht nicht so, wo es wirklich nur um den Spaß an der Sache geht."

Mehr Empathie beim Spieler erzeugen

"Ich hab ja gar nichts gegen Kriegsspiele. Aber ich glaube, dass Spiele eben auch mehr sein können als reine Unterhaltung. Und ich hoffe, das trifft auf dieses zu."

"This War of Mine" steht exemplarisch für einen kleinen neuen Trend: Spiele mit ernstem Hintergrund. Die den Ego-Shooter-Spieler vielleicht mal ins Grübeln bringen.

"Das Medium wird langsam erwachsen und geht über reines Entertainment auch mal hinaus. Wir sind ja keine Pioniere auf dem Gebiet - es gibt inzwischen eine Reihe von Spielen, die ernste Themen in ein gelungenes Gameplay umsetzen."

Vielleicht bietet das interaktive Medium auch die Chance, mehr Empathie beim Spieler zu erzeugen, als Film oder Buch das können. In "This War of Mine" muss man seinen Figuren schließlich Essen organisieren, Betten für sie bauen und ihnen Verbände anlegen.

"Spaß oder Unterhaltung trifft es glaube ich nicht richtig. Dieses Spiel beschäftigt einen."

"Das ist ja natürlich schon auch spannend. Es gibt ja auch eine Geschichte, das ist mehr wie so'n Film eigentlich. Das erinnert so'n bisschen an die Spielfilme, die sich damit beschäftigen, der Pianist zum Beispiel, wo es ja im Prinzip auch darum geht."

Katia ist tot, und sie wird nicht mehr lebendig. Im Computerspiel "This War of Mine" ist der Tod endgültig. Kein Reload, keine Rückkehr zu einer gespeicherten Fassung. Tot ist tot, Krieg ist Krieg und kein Spiel. Aber dieses Spiel kann einem das seltsamerweise vor Augen führen.

 

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