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StartseiteBüchermarktThomas Mann - Große kommentierte Frankfurter Ausgabe07.07.2002

Thomas Mann - Große kommentierte Frankfurter Ausgabe

Stockholm, 10. Dezember 1929. Thomas Mann erhält den Literatur-Nobelpreis - für "Buddenbrooks". Der Roman ist inzwischen bald 30 Jahre alt und in mehr als 100 Auflagen erschienen. Er hat seinen Autor wohlhabend und weltberühmt gemacht. Mit weiteren Erzählungen, vor allem "Tonio Kröger" und "Der Tod in Venedig", hatte Thomas Mann seinen jungen Ruhm gefestigt, seine politische Essayistik von 1914 bis 1922 zeigte die bemerkenswerte intellektuelle Wende eines deutschnationalen Dichters zum europäischen Demokraten, "Der Zauberberg" schließlich, 1924 publiziert, als literarisches Ergebnis jener geistigen Krise, etablierte den knapp 50-jährigen endgültig im Spitzenfeld internationaler Romankunst. Aber der schwedische Germanist Frederik Böök, eines der einflussreichsten Mitglieder des Nobelpreis-Komitees mochte ausgerechnet den "Zauberberg" nicht recht leiden, und so wurde in der Verleihungsurkunde ausdrücklich "Buddenbrooks" gewürdigt. Literaturhistoriker und Biographen haben den kuriosen Charakter dieser Entscheidung oft betont; Überblickt man jedoch Rezeption und Wirkung von Thomas Manns Erstlingsroman, so scheint der Kompromiss im nachhinein gerechtfertigt. "Der Zauberberg", die Josephs-Tetralogie, "Doktor Faustus" - so ehrfurchtgebietend diese epochalen Werke paradieren: Immer noch werden sie überstrahlt vom Glanz und Erfolg der "Buddenbrooks". Scheinbar aus dem Nichts entstanden, konzipiert und begonnen von einem 22-jährigen literarischen Niemand, ist dieser Roman nach wie vor "einfach ein Wunder", wie es der Kritiker Reinhard Baumgart einmal schlicht formuliert hat. Die wenigen Erzählungen jedenfalls, die zuvor im Band "Der kleine Herr Friedemann" im S. Fischer-Verlag erschienen waren, deuteten kaum auf diesen genialen, vollendeten Wurf, der sich im Sommer 1897 in Italien anbahnte. Dorthin waren Thomas und Heinrich Mann in die Ferien gefahren. Am 20. August schrieb Thomas an seinen Freund Otto Grautoff:

Joachim Scholl

Lieber Otto, Das Neueste ist, dass ich einen Roman vorbereite, einen großen Roman - was sagst du dazu? Fischer, der sich von meiner Produktion ein kleines Geschäft zu versprechen scheint, sprach mir in seinen Briefen wiederholt den Wunsch aus, ein größeres, zusammenhängendes Prosawerk von mir zu verlegen; auch könne er ein solches Buch weit besser honorieren als den Novellenband. Ich selbst hatte eigentlich bislang nicht geglaubt, dass ich jemals die Courage zu einem solchen Unternehmen finden würde. Nun aber habe ich, ziemlich plötzlich, einen Stoff entdeckt, einen Entschluß gefaßt und denke nächstens, nachdem ich noch ein bisschen kontempliert, mit dem Schreiben zu beginnen. Dazu Thomas Mann in der "Entstehung der Buddenbrooks":

In Rom also schichtete ich langsam Blatt auf Blatt die ersten Teile auf, und ein schon auffallend stattliches Manuskript begleitete mich nach München, wo ich zu schreiben fortfuhr. Die Arbeit schwoll mir unter den Händen auf; alles nahm ungeheuer viel mehr Raum und Zeit in Anspruch, als ich mir hatte träumen lassen; während ich mich eigentlich nur für die Geschichte des sensitiven Spätlings Hanno und allenfalls für die des Thomas Buddenbrook interessiert hatte, nahm all das, was ich nur als Vorgeschichte behandeln zu können geglaubt hatte, sehr selbständige, sehr eigenberechtigte Gestalt an, und ein wenig fühlte sich meine Sorge über dies Wachstum erinnert an das ‚Ring'-Erlebnis Wagners, dem aus der Konzeption von ‚Siegfrieds Tod' die leitmotiv-durchwobene Tetralogie geworden war.

Den Brief an Otto Grautoff, jene Passagen zur Entstehung von "Buddenbrooks", die Thomas Mann seinem Vortrag "Lübeck als geistige Lebensform" entnahm und im Rundfunk verlas - schon oft hat man diese Quellentexte lesen können: in den Brief- und Essay-Sammlungen, in wissenschaftlichen Kommentaren und unzähligen Monographien sowie in den großformatigen Werken der Biographen, von Peter de Mendelssohn, Klaus Harpprecht, Donald Prater und Hermann Kurzke. Thomas Mann hat sich gerne und oft an seine "Buddenbrooks" erinnert, und es war bislang recht mühevoll, die vielen Äußerungen und Dokumente zusammenzusuchen. Dass eine kommentierte Werkausgabe nun diese Text-Quellen versammelt und ordnet, ist zunächst eine erwartbare philologische Selbstverständlichkeit. Womit man jedoch nicht unbedingt rechnet, ist ein opulenter Kommentarband, der mit über 700 Seiten fast den Umfang von "Buddenbrooks" erreicht und selbst zum spannenden "Roman eines Romans" wird. Kein germanistischer Jargon, kaum Fachchinesisch: der Herausgeber Eckhard Heftrich gilt seit seiner berühmt gewordenen "Zauberberg"-Monographie aus den 70er Jahren nicht nur als einer der profiliertesten Thomas Mann-Forscher weltweit, er ist auch ein Stilist von Graden. In einem weitgespannten Essay zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte, der fast ein Drittel des Kommentars umfasst, zeigt Heftrich, wie elegant Literaturwissenschaft sein kann, wenn man die Kunst des Erzählens beherrscht und über der detailliertesten Kenntnis und Darstellung der Fakten auch jene Leser im Blick behält, die mit den strengen Ritualen akademischer Editionspraxis wenig anfangen können. Dabei ist von Vorteil, dass man auf das Konzept einer historisch-kritischen Ausgabe im Wortsinn verzichtet hat. Mit wenigen Ausnahmen sind Thomas Manns Schriften verlässlich überliefert. Es gibt keine verborgenen Ur-Fassungen, Bearbeitungen und Ergänzungen. Die Handschrift von "Buddenbrooks", jenes Manuskript, an dem sich der stolze Autor mit Siegellack die Pfoten verbrannte und das er bei einem mitleidig lächelnden Postbeamten für 1000 Mark versicherte, bevor es an den Fischer-Verlag geschickt wurde - diese Fassung ist in den Wirren des 20. Jahrhunderts verloren gegangen. Im Bemühen, trotzdem einen philologisch neu gesicherten Text zu bieten, haben Heftrich und seine Mitarbeiter Stephan Stachorski und Herbert Lehnert den Erstdruck von 1901 als Grundlage herangezogen - und dabei die interessante Entdeckung gemacht, dass sich der Text von Ausgabe zu Ausgabe immer wieder en detail verändert hat.

An zahlreichen Stellen haben spätere Herausgeber bei der Schreibweise und Zeichensetzung eingegriffen, vermeintliche Fehler nach Gutdünken und eigenem Sprachverständnis korrigiert. So ist es etwa schon ein Unterschied wenn bei der Formulierung "schönes aschblondes Haar" ein Komma eingefügt wird. Großzügig verfuhr man auch bei der Eindeutschung fremdsprachlicher Begriffe. Wenn nun das "Comptoir" zum "Kontor" wurde, mag das kein großer Schaden gewesen sein. Doch es gibt auch eklatante Fälle, die den literarischen Gehalt direkt betreffen. Das schönste Beispiel bietet die Orangenmarmelade! Im ersten Kapitel des achten Teils ist von ihr die Rede. Im Erstdruck ist das Wort in Fraktur gesetzt und als "orange marmelade" in seiner englischen Herkunft kenntlich gemacht. So wird es im Hause Buddenbrook auch ausgesprochen, und peinliche Stille legte sich über den Eßtisch, wenn der ungebildete Direktor Hugo Weinschenk - prospektiver Ehemann von Tony Buddenbrooks Töchterlein Erika - bei diesem fremden Wort eine Mehlspeise assoziiert! In späteren Ausgaben wurde aus der "orange marmelade" allerdings dann die deutsche Orangenmarmelade in einem Wort, und nun ist die lautliche Verwechslung im Text überhaupt nicht mehr nachvollziehbar: der arme Weinschenk steht somit als noch größerer Tölpel da, als den ihn Thomas Mann eigentlich im Sinn hatte. Ein akribischer Stellenkommentar macht diese Varianten deutlich, und mit fast sportlichem Ehrgeiz hat sich das Heftrich-Team über praktisch jede Zeile gebeugt und mit wahrhaft epischem Gedächtnis den Roman durchgearbeitet. Es ist nun selten, dass man sich in einem solchen wissenschaftlichen Anhang festliest, aber den Herausgebern gelingt auch hier die Mischung zwischen philologischer Akkuratesse und erzählender Erörterung. Es geht ja nicht nur um Schreibweisen. Die zahllosen historischen, ökonomischen und sozialen Bezüge und Anspielungen werden lokalisiert, Namen, Orte erklärt, die politischen Verhältnisse der Buddenbrook-Zeit anschaulich gemacht. Man ist verblüfft, wieviele versteckte und für uns schließlich versunkene Realien im Roman vorkommen, über die man glatt hinwegliest. Und dass die Kommentierung auch zukünftige Generationen bereits im Blick hat, merkt man an der unarroganten Erläuterung von Begriffen wie "Philister" oder dem "Backfisch". Wissen Teenager heute und erst in hundert Jahren noch, dass man sie einst so nannte? Hierbei darf man nicht vergessen, dass die "Buddenbrooks" für ihren Autor ebenfalls einen historischen Roman darstellten. Die Handlung setzt 1835 ein, und es bedurfte intensiver Recherchen, der Mitarbeit der kompletten Familie, um diese vergangene Welt in jeder Einzelheit zu entwerfen. Und entgegen der künstlerischen Souveränität, mit der Thomas Mann seine späteren Romane komponierte, stand das schwankende Bewußtsein des Anfängers, solch einen umfangreichen Stoff doch vielleicht nicht bewältigen zu können. Mann über "Die Entstehung der Buddenbrooks"

Ein erstes Werk! Welche Schule der Erfahrung für den jungen Künstler - der objektiven und subjektiven Erfahrung. Was das eigentlich sei, das Element des Epischen, ich erfuhr es erst, indem es mich auf seinen Wellen dahintrug. Was ich selber sei, was ich wolle und nicht wolle, nämlich nicht südliche Schönheitsruhmredigkeit, sondern den Norden, Ethik, Musik, Humor; wie ich mich zum Leben verhielte und zum Tode: ich erfuhr das alles, indem ich schrieb - und erfuhr zugleich, dass der Mensch auf keine andere Weise sich kennenlernt, als indem er handelt. So wuchs die Achtung vor dem Unternehmen, das so, wie es sich da machte, von mir gar nicht unternommen worden, eine Achtung freilich mit Einschaltungen tiefer Gleichgültigkeit, gelangweilten Unglaubens. Endlich dann, nach einer Arbeitszeit von drei Jahren, längere Unterbrechungen eingerechnet, war der Roman geschlossen: die erste und einzig vorhandene Niederschrift; das ungeschickteste Manuskript, auf liniertem Geschäftspapier doppelseitig geschrieben, und so schickte ich es an Fischer, ohne viel Hoffnung, ohne viel Verzweiflung: hier denn, ich hatte getan, was ich konnte.

Sehr geehrter Herr Mann! Ich habe mich mit der Lektüre des Werkes befasst und bin nun bis zur Hälfte gekommen. Glauben Sie, dass es Ihnen möglich ist, Ihr Werk um die Hälfte zu kürzen, so finden Sie mich im Prinzip geneigt, Ihr Buch zu verlegen. Ein Roman von 65 engbedruckten Bogen ist für unser heutiges Leben fast eine Unmöglichkeit. Ich glaube nicht, ob sich viele Menschen finden, die Zeit und Concentrationslust haben, um ein Romanwerk von diesem Umfange in sich aufzunehmen.

Auch dieser Brief von Samuel Fischer vom 26. Oktober 1900 ist längst in die Literaturgeschichte eingegangen. Die genaue Antwort Thomas Manns kennt man nicht, mit der er diese Attacke auf die Unversehrtheit seines Romans erfolgreich parierte, der Brief ist nicht erhalten. Das Schreiben muß "glänzend" gewesen sein, merkt Eckhard Heftrich an, denn Fischer willigte plötzlich ein, "Buddenbrooks" in voller Länge zu drucken. Die erste Ausgabe erschien im Oktober 1901 in zwei Bänden - ein erstaunliches verlegerisches Risiko, wenn man bedenkt, dass vom "Kleinen Herrn Friedemann" gerade mal 400 Exemplare verkauft worden waren. Ein Debütant also mit einem 1100-Seiten-Wälzer - wer sollte das lesen? Thomas Mann:

Die beiden Bände erschienen, und es sah recht danach aus, als sollte des Verlages und meine eigene geheime Skepsis recht behalten. Wie? Hieß es, sollen die dicken Wälzer wieder Mode werden? Ist es nicht die Zeit der Nervosität, der Ungeduld, die Zeit des Kurzen, der keck-künstlerischen Skizze. Vier Generationen Bürgertum, zum Auswachsen. Die Kritik verglich den Roman mit einem im Sande mahlenden Lastwagen. - Freilich, es gab sogleich auch andere Stimmen. Da war ein armer jüdischer Kritiker und Theoretiker, Samuel Lublinski mit Namen, er war krank und ist nun schon lange tot. Der schrieb im "Berliner Tageblatt" mit sonderbarer Bestimmtheit: "Dieses Buch wird wachsen mit der Zeit und noch von Generationen gelesen werden." Wenn es Leute gab, die ihm glaubten - der Autor von "Buddenbrooks" gehörte kaum zu ihnen. Es dauerte ein Jahr, bis die ersten 1000 Exemplare verkauft waren. Dann beschloss Fischer die wohlfeile einbändige Ausgabe auf Dünndruckpapier, und sie schlug durch. Das Buch wurde vom Erfolg ergriffen; Auflage folgte auf Auflage, und heute ist es wahrhaftig die zweite Generation, die sich mit ihm beschäftigt; sonderbar zu denken, dass junge Leute den Roman in Händen halten, die in der Wiege lagen, noch jüngere Seminaraufsätze darüber schreiben, die nicht auf der Welt waren, als ich ihn zu Papier brachte.

Diese, auch andernorts oftmals variierte Erinnerungen des Autors - so macht es Eckhard Heftrich deutlich - unterschlagen viel. In der heiteren Gewissheit des Welterfolgs hat Thomas Mann die frühe Rezeption des Romans dergestalt dramatisiert, als habe das Buch sich gegen eine wütende Kritik durchsetzen müssen, während der Autor die Angriffe in stummer und demütiger Pose ertrug. Mit solcher Mythisierung räumt der Kommentar energisch auf. "Buddenbrooks" wurde von Anfang wohlwollend besprochen, und zu einem nicht geringen Anteil war Thomas Mann aktiv daran beteiligt. Befreundete Rezensenten, etwa der getreue Otto Grautoff, bekamen deutliche Winke, in welche Richtung sich der Autor rezensiert sehen wollte. Kollegen wurden direkt zur Stellungnahme aufgefordert; blieb diese aus, war Thomas Mann tief beleidigt. Und schon in dieser frühen Phase zeichnete sich jenes Temperament ab, das Kritik nur ganz schwer ertrug. Wenn Thomas Mann also geradezu genüsslich den "im Sande mahlenden Lastwagen" rekapituliert - jene Besprechung hat sich übrigens nie verifizieren lassen - verdrängt er flott den ungebärdigen Zorn, mit dem er seinerzeit reagierte, wenn jemand an seinem großartigen Erstling etwas zu mäkeln hatte. Etwa der damalige Star-Kritiker Arthur Eloesser, der den ambitionierten Jung-Autor patriarchalisch bei den Ohren nahm und ihm, zudem wie nebenbei in einer Sammelrezension, seine "phlegmatische Kunst der Schilderung" vorhielt. Da war aber Schluß mit der Contenance, erbittert schrieb Thomas Mann sofort an seinen Verleger:

"Phlegmatische Kunst"! Nietzsche hat einmal gesagt, dass "das Werk" seinen Urheber in der Regel versteckt und entstellt wie eine Maske [...] Phlegmatisch! Welch ein menschliches Bild man sich also wohl, diesem Buche nach, von mir machen mag! Ahnt Herr Eloesser etwas von den aufreibenden Qualen rasender Ungeduld, unter denen dieses "Schicksals von Aufgabe" erfüllt und bewältigt wurde? Ich müsste jetzt nicht rudern und Freiübungen machen, ohne dieses phlegmatische Buch.

Sorgfältig trägt Eckhard Heftrich dieses Auf und Ab der frühen Wirkungsgeschichte zusammen, die im Spiegel der Rezensionen auch viel vom feuilletonistischen Klima der Jahrhundertwende, seinen literarischen Trends und Moden anschaulich macht. Nüchtern relativiert wird auch der Glanz heutiger großer Namen. Als Beleg für den brausenden Durchmarsch der "Buddenbrooks" zum Weltruhm findet sich oft die euphorische Besprechung von Rainer Maria Rilke zitiert, die am 16. Februar 1902 im "Bremer Tageblatt" erschien. Wahr ist, dass Rilke zu dieser Zeit noch unbekannter war als jener Samuel Lublinski, der nur durch Thomas Mann vor vollständiger Vergessenheit bewahrt blieb. Und von einer Stimme in einer Bremer Provinzzeitung nahmen die maßgeblichen literarischen Kreise gar nicht erst Notiz. Noch spannender und wenig bekannt sind die Anmerkungen zur Karriere des Romans in jener Zeit, die allgemein mit Thomas Manns größter Popularität verknüpft wird: die späteren 20er Jahre, wo sich nach dem Triumph des "Zauberbergs" der Nobelpreis immer vernehmlicher ankündigte. Mit der Verleihung und Vergabe war der Durchbruch zum Weltruhm zwar endgültig geschafft, doch im eigenen Land hatte sich der Wind längst ungut gedreht. Thomas Manns Bekenntnis zu Demokratie und Europäertum trug ihm die Feindschaft sämtlicher Deutschnationalen ein, die in der Öffentlichkeit, in Kultur und Wissenschaft immer stärkeres Gewicht erlangten. Der völkische Germanist Adolf Bartels, der später von Hitler für seine Verdienste um die deutsche Literatur ausgezeichnet wurde, witterte schon 1918 "deutschfeindliche Tendenzen" bei Thomas Mann und zählte ihn zu den "mit dem Judentum liierten Virtuosen". Die literarische Wertung fiel entsprechend aus:

In den "Buddenbrooks" läßt er eine alte deutsche Familie durch eine halbjüdische unterkriegen und regt sich darüber nicht auf. Solche Dinge vertrage ich nicht!

Diese abstrusen Töne wurden mit dem heraufziehenden Nationalsozialismus immer lauter, die rassistischen Attacken auf Person und Werk häuften sich. Eine besondere Infamie wurde am 28. August 1930, dem Geburtstag Goethes, gegen den Nobelpreisträger vom Kampforgan der NSDAP, dem "Völkischen Beobachter", inszeniert. Unter dem Titel...

Ein Literat der Demokratie. Was die Obersekundaner über Thomas Mann sagen - eine überwältigende Sammlung von Fremdwörtern und sprachlichen Unrichtigkeiten im ‚Meisterroman'

...veröffentlichte das Blatt eine Ansammlung von "undeutschen" Funden, die eine Obersekunda unter Anleitung ihres nationalsozialistisch gesinnten Klassenlehrers in "Buddenbrooks" aufgetan und brav auf 3712 einzelnen Zetteln notiert hatte. Der "Völkische Beobachter" sah darin den unwiderlegbaren Beweis, dass das deutsche Volk abgestoßen davon sei...

... wie maßlos gleichgültige, langweilige, meist minderwertige Menschen die abgeschmacktesten, breitgetretensten Reden halten.

Trotzdem: den Roman zu verbieten, trauten sich die Nazis auch nach 1933 nicht, obwohl Thomas Mann bald zum bestgehassten Repräsentanten der Exil-Literatur aufstieg. Minutiös verzeichnet Herausgeber Heftrich den weiteren Werdegang von "Buddenbrooks", leider nur bis zum Kriegsende, man hätte noch gerne mehr gelesen. Dafür schmökert man sich an anderer Stelle wieder fest, z.B. in den erstmals publizierten Familien-Papieren der Manns oder den ausgeschiedenen Blättern des Romans, den einzig erhaltenen Handschriften. - Auf 38 Bände ist die Große kommentierte Frankfurter Ausgabe angelegt, schon diese ersten beiden sind in der Präsentation von Material und Kommentierung eine editorische Meisterleistung und ein literarisches Ereignis ersten Ranges. Nach der jahrzehntelang als Standardwerk der Forschung geltenden "Stockholmer Ausgabe" und der verdienstvollen Arbeit von Peter de Mendelssohn an der "Frankfurter Ausgabe in Einzelbänden" setzt diese neue Edition die Maßstäbe nicht nur für das eigene Projekt, sondern für die gesamte moderne Philologie auf höchstes Niveau. Werden die Herausgeber es halten? Zweifel sind kaum angebracht. Noch diesen Sommer erscheint der kommentierte "Zauberberg". Man darf sich jetzt schon darauf freuen.

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