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StartseiteWirtschaft am MittagThyssenKrupp nach Milliardenverlusten unter Druck10.12.2012

ThyssenKrupp nach Milliardenverlusten unter Druck

Milliardenverluste, Korruption und Kartellabsprachen: Bei ThyssenKrupp geht es an die Substanz. Drei Vorstände sollen abdanken – ein Vorgang, der heute Abend noch vom Aufsichtsrat bestätigt werden muss. Zudem drohen neue Milliardenabschreibungen.

Von Andreas Kolbe

Das Firmenlogo des Stahlkonzerns ThyssenKrupp in Essen (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Das Firmenlogo des Stahlkonzerns ThyssenKrupp in Essen (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)

"Wir entwickeln die Zukunft für Sie", heißt es selbstbewusst im Werbespruch von ThyssenKrupp. Doch statt den Ruhrkonzern mit seinen Aufzügen und Rolltreppen, mit seinen Stahlwerken und Autoteilen, selbst fit für die Zukunft zu machen, ist der 2011 von Siemens gekommene Vorstandschef Heinrich Hiesinger vielmehr damit beschäftigt, die Scherben der Vergangenheit zusammenzufegen.

Die liegen vor allem in Amerika. Dort hatte sich Hiesingers Vorgänger Ekkehard Schulz mit seiner Mannschaft beim Bau zweier Stahlwerke verhoben. Auf zwölf Milliarden Euro summieren sich Baukosten und Anlaufverluste inzwischen. Die Folge sind horrende Schulden.

Statt in neue Technologien zu investieren, muss Hiesinger Tafelsilber verkaufen – etwa die Edelstahlsparte, die gerade für eine Milliarde Euro an den finnischen Konkurrenten Outokumpu losgeschlagen wurde.

Medienberichten zufolge stellt Hiesinger nun sogar die Keimzelle des Unternehmens, das deutsche Stahlgeschäft, zur Disposition. Auch die zu ThyssenKrupp gehörenden Autozulieferer Bilstein und Presta stünden zum Verkauf, heißt es, um Geld in die klammen Konzernkassen zu bekommen.

Vor allem aber will Hiesinger die Verlustbringer in Amerika loswerden. Doch ein Verkauf der beiden Stahlwerke dürfte nicht ansatzweise einbringen, was ThyssenKrupp dort investiert hat. Die Folge wären erneute Milliardenabschreibungen, die bei der Bilanzvorlage morgen erwartet werden.

Über die Zahlen entscheidet heute der Aufsichtsrat. Spannender dürfte allerdings die Frage sein, wer für das Schlamassel in Amerika verantwortlich ist. Chefaufseher Gerhard Cromme lässt dazu von Juristen prüfen, ob der frühere Konzernchef Schulz und weitere Ex-Manager das Kontrollgremium bewusst falsch informiert haben. Auch Cromme selbst sieht sich inzwischen Rücktrittsforderungen ausgesetzt. Köpfe rollen werden vorerst aber nur im Vorstand, wo gleich drei der sechs heutigen Vorstandsmitglieder nach der Aufsichtsratssitzung ihren Hut werden nehmen müssen.

Stahlvorstand Edwin Eichler ebenso wie der für das Technologiegeschäft zuständige Olaf Berlien und nicht zuletzt Jürgen Classen, der durch Luxusreisen ins Visier der Staatsanwaltschaft geratene Kommunikationschef. Der Personalvorstand wechselt sowieso. Bleiben werden dann nur der 2011 von der Telekom gekommene Finanzchef Guido Kerkhoff und Hiesinger selbst.

Ein personeller Neuanfang also, der dringend nötig ist. Denn ThyssenKrupp hat an vielen Fronten zu kämpfen. Hierzulande vor allem mit Korruptionsfällen und Kartellverstößen. So war ThyssenKrupp maßgeblich an Preisabsprachen der selbst ernannten "Schienenfreunde" beteiligt. Das Bundeskartellamt verurteilte den Konzern im Sommer zu einer Strafe von 103 Millionen Euro. Und auch die Bahn als geschädigter Kunde verlangt Schadensersatz in Millionenhöhe, wie Bahnvorstand Gerd Becht betont.

"Mit den Bußgeldbescheiden des Bundeskartellamts steht zweifelsfrei für uns fest, dass mehrere Schienenlieferanten über Jahre mit ihren kriminellen Machenschaften die Deutsche Bahn, und vor allem auch den Steuerzahler, massiv geschädigt haben. Der Steuerzahler ist deshalb auch betroffen, da die Schieneninfrastruktur in Deutschland großenteils vom Bund mitfinanziert wird."

Von einem früheren Spartenvorstand will sich ThyssenKrupp das Bußgeld nun zurückholen, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt. Mit einer Klage wolle Hiesinger den Beschäftigten des Ruhrkonzerns zudem demonstrieren, dass dunkle Geschäfte und Misswirtschaft bei ThyssenKrupp geahndet würden.

Vom Entwickeln der Zukunft ist ThyssenKrupp selbst also noch weit entfernt.

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