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Tiefenrausch

Manuskript zur Sendung

Von Kristin Raabe

Der querschnittsgelähmte Höhlenforscher Jochen Hasenmayer läßt sich am 25.2.1996 mit seinem Mini-U-Boot "Speleonaut" in den Blautopf gleiten.
Der querschnittsgelähmte Höhlenforscher Jochen Hasenmayer läßt sich am 25.2.1996 mit seinem Mini-U-Boot "Speleonaut" in den Blautopf gleiten. (dpa Picture Alliance/René Paetow)

Unbekanntes Land – das gibt es tatsächlich noch in Deutschland. Die unterirdischen Landkarten sind voller weißer Flecken. Niemand weiß genau, wie viele Höhlen noch unentdeckt sind, wie viele kilometerlange Gänge in den bereits bekannten Höhlen noch erkundet werden müssen. Die Männer und Frauen, die die unterirdischen Hohlräume erforschen, machen das in aller Regel in ihrer Freizeit. Riesige Hallen haben sich ihnen eröffnet, ausgeschmückt mit Tropfsteinformationen, wie sie sonst noch nirgendwo in Deutschland beschrieben worden sind. In ihnen fanden die Forscher rätselhafte Tiere, die perfekt an die ewige Dunkelheit in der Höhle angepasst sind.

Im Schwabenlande, auf der Alb, bei dem Städtlein Blaubeuren, dicht hinter dem alten Mönchskloster, sieht man nächst einer jähen Felsenwand den großen runden Kessel einer wundersamen Quelle, der Blautopf genannt. Gen Morgen sendet er ein Flüsschen aus, die Blau, welche der Donau zufällt. Dieser Teich ist einwärts wie ein tiefer Trichter, sein Wasser von Farbe ganz blau, sehr herrlich, mit Worten nicht wohl zu beschreiben…

"Selbst am heutigen Tag mit diesem Nebel und dem blauen Farbton ist es ein wirklich mystischer Ort. Er hat schon seine Wirkung und dann natürlich dieses extreme Blau, wenn da mal richtig Sonnenlicht reinkommt, dann steht man schon fasziniert davor."

"Die Faszination am Blautopf ist einfach, schon mal diese absolute Idylle hier, mitten im Ort, du tauchst ab und bist plötzlich in einer völlig fremden Welt. Wir waren letztes Wochenende bei den allerbesten Bedingungen mit diesen Kreislaufgeräten mit dem Scooter vorne dran, als würde man mit einem Raumschiff durchs Weltall fliegen. Unbeschreiblich. Unbeschreiblich. Und für den Normalbürger nicht wirklich nachvollziehbar."

"Für mich ist das schon so eine Art Beziehung. Man arbeitet ja sehr viele Jahre an diesem System und dann entwickelt sich da eine Art Beziehung zu dieser Höhle und deswegen bin ich da sehr eng verbunden mit diesem Blauhöhlensystem."

Zu allen Zeiten hat der Blautopf die Menschen fasziniert. Eine geheimnisvolle Nixe – die schöne Lau – soll in ihm gelebt und an seinem Grund wundervolle Geheimnisse und Schätze gehütet haben. Inzwischen kann jeder Spaziergänger auf Schautafeln die wichtigsten Daten zum Blautopf nachlesen: 21 Meter sind es bis zu seinem Grund. Im Schnitt treten 2300 Liter Wasser pro Sekunde aus ihm hervor. Bei Hochwasser können es auch 32.000 sein. Damit ist der Blautopf die zweitgrößte Karstquelle Deutschlands. Und er verbirgt an seinem Grund immer noch ein großes Geheimnis: Den Eingang zu einem kilometerlangen Höhlensystem, das zu weiten Teilen noch unerforscht ist. Bis vor kurzem konnte nur eine kleine Gruppe hochspezialisierter Taucher es betreten. Jochen Hasenmeyer war der erste, dem das gelang.

"Dann habe ich den großen Vorstoß gemacht, den ersten in die Blauhöhle, bis auf die größte heute bekannte Wassertiefe. Auf 45 Meter Tiefenrauschzone hinunter und 140 Meter in die Höhle hinein."

Ab einer Wassertiefe von etwa 30 Metern sammelt sich im Blut eines Tauchers eine so große Menge an Stickstoff an, dass er in eine Art Rauschzustand geraten kann. Sein Urteilsvermögen ist dann stark eingeschränkt. Er wird euphorisch und kann nicht mehr klar denken. Das kann unter Wasser tödlich sein. Mehrere Taucher sind deswegen bereits im Blautopf umgekommen. Jochen Hasenmeyer war in den 60er-Jahren weltweit einer der ersten Höhlentaucher überhaupt. Der Tiefenrausch konnte ihm nie gefährlich werden. Berauscht hat ihn allerdings die unterirdische Schönheit, die sich ihm in der Blauhöhle eröffnete.

"Man ist ja in ewiger Finsternis da unten. Und jetzt taucht man auf und führt den ersten Lichtstrahl in ewige Finsternis da ein und wundert sich, dass das ein 30 Meter hoher Raum ist, allein über Wasser. Man ist halt überwältigt."

Unbekanntes Land, das noch nie zuvor ein Mensch betreten hat – das gibt es tatsächlich noch in Deutschland. Die unterirdischen Landkarten sind voller weißer Flecken. Niemand weiß genau, wie viele Höhlen noch unentdeckt sind, wie viele kilometerlange Gänge in den bereits bekannten Höhlen noch erkundet werden müssen. Der erste zu sein, der einen neu entdeckten Höhlengang betritt oder durchtaucht – das treibt Höhlenforscher wie Jochen Hasenmeyer an. 24 Jahre hat er gebraucht, bis er die erste Auftauchmöglichkeit in der Blautopfhöhle aufspürte. Das lag auch daran, dass es zu Beginn seiner Arbeit noch nicht die Ausrüstung gab, die solche langen Tauchgänge überhaupt ermöglichte. Als der Tauchpionier mit der Erkundung von Unterwasserhöhlen begann, trug er nicht mehr als eine Badehose.

"Damals hatte ich noch gar kein Atemgerät, konnte man auch damals noch nicht kaufen einfach im Sportgeschäft, das gab es noch nicht. Und dann habe ich einfach die Luft angehalten, also ich war ein guter Freitaucher, konnte also 20, 30 Meter im Schwimmbad, wie nichts tauchen und wieder zurück. Aber in der Höhle ist das was ganz anderes, da hat man ja Auftrieb, da musste ich einen Bleigürtel anlegen und so weiter. Da ging das also nicht so weit, da konnte ich vielleicht zehn Meter maximal tauchen, sonst wurde das zu gefährlich und dann habe ich mir eine kleine Pressluftflasche besorgt und die Luft in einen Sack hineingelassen und aus dem Sack habe ich geatmet. Also damals noch ohne Lungenautomat."

Für seinen ersten Tauchgang in die Blautopfhöhle baute sich der Höhlenforscher einen primitiven Trockenanzug aus Bettlacken, die er mit Fahrradflickzeug isolierte. Später entwickelt er so genannte Kreislaufgeräte. Sie bereiten die ausgeatmete Luft wieder auf. Sie erlauben somit stundenlange Tauchgänge. Nach und nach erkundet Jochen Hasenmeyer mit den anfänglich selbstgebauten Tauchgeräten die verschiedenen Unterwassergänge, die dem Eingang zur Blautopfhöhle folgen. Seine größte Entdeckung gelingt ihm aber erst 1984. Nach mehr als einem Kilometer Tauchstrecke findet Hasenmeyer die erste Auftauchmöglichkeit in der Blautopfhöhle.

"Soweit reichten meine Scheinwerfer gar nicht, wie diese Halle groß war. Heihoo, habe ich gerufen und Echos kamen zurück. Und heute weiß ich natürlich, dass die Echos aus den weiteren Hallen kamen, die ich später entdeckt habe."

Voller Staunen blickt der Höhlenforscher in eine Halle, deren Decke sich etwa 30 Meter über dem Wasserspiegel befindet. Gigantische Tropfsteine ragen von der Decke hinunter. Diese Halle ist ein Höhlendom.

"Diesen Dom habe ich dann nach Eduard Mörike genannt, dem großen schwäbischen Dichter. Und der hat nämlich damals schon geschrieben, dass tief unter dem Blautopf, erstens eine Nixe wohnt und dass die tief im Berg ihren Palast hätte. Da hatte ich den Palast entdeckt, Tropfsteinkaskaden kamen von oben herunter. Und die Tropfsteine zogen sich rauf bis auf 30 Meter Höhe. Ein Riesenraum, ein Riesenhöhlensee."

Ein frecher Hirtenjung belauschte sie einmal in dem Gebüsch und rief: Hei, Laubfrosch! git’s guat Wetter? Geschwinder als ein Blitz und giftiger als eine Otter fuhr sie heraus, ergriff den Knaben beim Schopf und riss ihn mit hinunter in eine ihrer nassen Kammern, wo sie den ohnmächtig gewordenen jämmerlich verschmachten und verfaulen lassen wollte. Bald aber kam er wieder zu sich, fand eine Thür und kam, über Stufen und Gänge, durch viele Gemächer in einen schönen Saal. Hier war es lieblich, glusam mitten im Winter.

Die schöne Lau war eine Prinzessin unter den Wassernixen und hatte nicht nur einen Raum im Blautopf, sondern einen ganzen Palast mit vielen Gängen, Gemächern und Sälen. Und natürlich brannte der Höhlenforscher Jochen Hasenmeyer darauf, noch weitere Räume in der Blautopfhöhle zu entdecken. Ein Unfall bremste ihn jedoch aus. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, tauchte der trainierte Sportler immer wieder für verschiedene Auftraggeber in tiefen Gewässern. So auch 1989 im Wolfgangsee für ein amerikanisches Filmteam. Dabei kam es zu einem Tauchunfall. Jochen Hasenmeyer tauchte zu schnell auf, weil ein defektes Messgerät eine falsche Tiefe anzeigt hatte. Seither ist der Höhlenforscher querschnittsgelähmt. Das Höhlentauchen wollte Hasenmeyer deswegen aber nicht aufgeben.

"Also habe ich an meinen Keller gedacht und da lagen seit zehn Jahren Plexiglaskuppeln für ein U-Boot, wie ich schon immer wusste, dass die sicherste Art in so eine Höhle einzudringen natürlich die wäre, nicht unter Druck zu geraten, nicht der Kälte ausgesetzt zu sein, beliebige Luftmengen zu haben, keine panische Flucht nach draußen und so weiter. Und da wusste ich, dass ein U-Boot, die ideale Forschungsbasis wäre für Höhlen und da habe ich dann die Konstruktionszeichnung schon im Kopf gehabt und mein Freund Konrad Gehringer hat dann das erste Höhlen-U-Boot der Erde gebaut."

Genau wie Jochen Hasenmeyer selbst war auch der befreundete U-Boot-Bauer ein Autodidakt, der nie ein Studium absolviert hatte. Mit seinem Unternehmen produzierte Gehringer elektronische Orgeln. Das von ihm geschaffene Höhlen-U-Boot funktionierte ganz hervorragend. Hasenmeyer:

"Das U-Boot ist reichlich drei Meter lang, aber nur einen Meter hoch, um durch die Flachstellen der Höhle hindurch zu kommen. Es ist nur 72 Zentimeter breit um durch die engen Klammen und Schluchten hindurch zu kommen, aber es hat Luft für vier bis sechs Tage an Bord und es hat zwölf Motoren, es hat acht Batteriesysteme und sechs Atemsysteme. Noch nie zuvor ist ein Mensch sicherer in eine Höhle eingefahren. Das ist der Speleonaut. "

Als Speleonaut, als Höhlen-Seefahrer, tauchte Jochen Hasenmeyer ab 1996 mit Hilfe seines Mini-U-Bootes in die verzweigten Hallen der Blautopfhöhle hinunter. Und er entdeckte dabei weitere Dome.

"2001 erreichte ich mit dem U-Boot dann den Mörikedom und habe dann bereits die Fortsetzung vom Mörikedom in die nächste Seenhalle bereits gefunden gehabt und habe dann aber endgültig den weitesten Vorstoß 2004 gemacht, da bin ich vom Mörikedom vorgestoßen bis auf 1800 Meter in den Berg. Das war natürlich zum ersten Mal, dass ein U-Boot, dass ein Querschnittsgelähmter tiefer in eine Höhle vorstoßen kann als ein normaler Taucher."

Jochen Hasenmeyer entdeckt schließlich 2004 das Mittelschiff und den Äonendom, weitere große Seenhallen in der Blautopfhöhle. 18 Jahre lang, war Jochen Hasenmeyer der einzige Taucher, der in das Reich der schönen Lau bis zum Mörikedom vorstoßen konnte. Es änderte sich 2002 mit Jochen Mahlmann von der Arbeitsgemeinschaft Blautopf, einer neuen Generation von Höhlentauchern. Mahlmann gelang es als zweitem Menschen überhaupt bis in den Mörikedom vorzudringen. Von jetzt an ging es in Riesenschritten voran mit der Erkundung des Blauhöhlensystems.

"So, jetzt kann ich im Wasser verweilen."

An Land wiegt die Ausrüstung der Höhlentaucher 50 bis 70 Kilo. Von der sicheren Funktion dieser Geräte hängt unter Wasser das Leben der Taucher ab. Bis zu 30 000 Euro muss jeder für seine Kreislaufgeräte, Scooter und den Trockenanzug bezahlen. Alles nur, um unterirdisches Neuland zu entdecken. Die größte bisherige Entdeckung gelang Jochen Mahlmann zusammen mit Andreas Kücha 2006, als sie für Filmaufnahmen in der Höhle unterwegs waren. Sie wollten bei dieser Expedition vor allem die trockenen Bereiche, Landwege der Höhle erkunden. Deswegen hatten sie am Ende des Äonendoms ein Biwak angelegt. Von da aus ging es dann zu Fuß weiter. Mahlmann:

"Wir konnten nur bis zu einer Engstelle vordringen mit dieser großen Kamera und dieser Beleuchtung und haben ewig lang nach diesem Weiterweg gesucht an diesem Versturz 2 und irgendwann dann nach einer Stunde, haben wir den Weiterweg dann gehabt, Kamera zurückgelassen und dann nach diesem Versturz ein Riesengang, tolle Sinterformationen, und dann sind wir immer weitergerannt und dann nach einer Stunde haben wir dann die Apokalypse - so hat sie der Andi genannt."

Kücha: "Es war wie ein Klettersteig bei Nacht."

Mahlmann: "Unglaublich!"

Kücha: "Und ich musste den Jochen zwicken, ob es Wirklichkeit ist oder nicht. Man hat ja schon mit Räumlichkeiten dahinter gerechnet. Aber dass die dann so gigantisch sind, damit hat niemand gerechnet."

Mahlmann: "Vielleicht als Größenvergleich: Die Apokalypse ist 150 Meter lang, 70 Meter breit, 50 bis 60 Meter hoch. Also man kriegt da locker zwei Fußballfelder rein und mit so großen Hohlräumen haben wir nicht gerechnet."

Die Apokalypse zählt zu den größten unterirdischen Hohlräumen Deutschlands. Aber es war nicht nur die schiere Größe der Halle, die die Höhlenforscher beeindruckte. Das Team um Jochen Mahlmann trifft dort auch auf ungewöhnlich reichhaltigen sogenannten Sinterschmuck. Mahlmann:

"Sinterschmuck, das sind eben verschiedene Tropfsteinformationen, Stalagmiten, Stalaktiten, Höhlenperlen auf dem Boden, ganz versinterte Flächen, ganze Wände. Gerade wenn es herunter tropft, muss es nicht unbedingt ein Tropfstein werden, gerade Lehm kann sich dann auch mit Sinter überziehen mit so einer ganz dünnen Schicht und wenn man dann drauf tritt, knistert es."

Kücha: "Gerade dieser Sinterschmuck in dieser Höhle ist für Deutschland außergewöhnlich. Also, wir haben Tropfsteine bis zu 15 Meter Höhe, so etwas trifft man eigentlich nur im Süden Europas an. Und wir haben hier Excentriques. Das sind Tropfsteine, die gegen die Schwerkraft wachsen also die gehen in die Horizontale. Also das ist für Deutschland schon einmalig."

Wieso findet sich ausgerechnet in der Blauhöhle ein so einmaliger Sinterschmuck? Wie konnten diese gigantischen Hohlräume im Blauhöhlensystem entstehen? Wie alt ist die Blauhöhle eigentlich? Das alles sind Fragen, die selbst Experten noch nicht vollständig beantworten können. Auch der Geologe Wolfgang Ufrecht ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Blautopf. Er hat schon als Jugendlicher Höhlen erkundet und später sein Hobby zum Beruf gemacht. Inzwischen ist er Professor für Hydrogeologie an der Universität Tübingen. Er hat viele Gesteinsproben untersucht, die die Höhlentaucher von ihren Tauchgängen mitgebracht hatten. Damit ein Kalkstein, wasserdurchlässig wird, muss er durch tektonische Verwerfungen zerrissen werden. Es entstehen im Gestein dann feine Haarrisse, durch die das Wasser fließen kann. Geologen wie Wolfgang Ufrecht nennen diese feinen Rinnen im Gestein "Klüfte".

"Wenn diese Klüfte nicht vorhanden sind, dann würde das Gestein eben nur an der Oberfläche gelöst werden und es könnten unterirdisch keine Höhlen entstehen. Das Wasser muss also durch die Klüfte in die Tiefe geführt werden und da kann dann durch die Kohlensäure der Kalk gelöst werden."

Auch die Art des Kalksteins entscheidet mit darüber wie gut er gelöst werden kann. Enthält er einen hohen Magnesiumanteil ist er nicht gut löslich. Sogenannte Riffkalke, die einen hohen Calciumcarbonatanteil haben, sind gut durch Kohlensäure löslich. Solche Kalksteine wurden in der Blauhöhle und ihrer Umgebung nachgewiesen und sie enthalten tatsächlich auch viele Klüfte. Utrecht:

"Wenn mal irgendwo eine Kluft erweitert ist, dann wirkt das quasi wie so ein großes Kanalisationsrohr in einer Stadt, das nimmt dann sozusagen das Wasser aus der Umgebung auf dann verstärkt es den Prozess der Kalklösung wieder und dann wird aus einer großen Kluft irgendwann mal so ein großer Gang entstehen."

Die Art des Gesteins – das Ausmaß der Klüfte, seine Zusammensetzung – zeigt dem Geologen, dass hier eine Höhlenbildung sehr wahrscheinlich ist. Aber die Dimension der Blautopfhöhle gibt auch dem Fachmann immer noch Rätsel auf. Utrecht:

"Letztendlich tun wir uns im Augenblick schwer, eine fachliche Erklärung zu finden, warum ausgerechnet hier eine so große Höhle vorhanden ist."

Zuunterst auf dem Grund saß ehmals eine Wasserfrau mit langen fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, dass sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zärter als ein Blatt vom Mohn. Ihr Angesicht sah weißlich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau. Die Schwiegermutter hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib etliche Kammerzofen und Mägde mitgegeben, so muntere und kluge Mädchen, als je auf Entenfüßen gingen, denn was von dem gemeinen Stamm der Wasserweiber ist, hat rechte Entenfüße.

"Man bildet sich ja ein, zum ersten Mal in ewiger Finsternis, das erste Lebewesen zu sein. Ist aber nicht so. Praktisch alle Höhlengänge in der Blauhöhle sind rostrot überzogen. Die Höhlenlebewesen, die oxidieren diesen Höhlenrost. Das ist nämlich Eisenoxid und von diesen Energiegewinn fristen sie ihr Dasein."

Eine Höhle ist ein extrem nährstoffarmer Lebensraum. Hier gibt es kein Sonnenlicht und deswegen auch keine Pflanzen, die als Nahrungsquelle dienen könnten. Wie das Ökosystem Höhle dennoch funktioniert und was dort lebt, weiss die Biologin Anke Oertel.

"In die Höhle werden natürlich nicht nur kleine Stückchen von Blättern und Pflanzenmaterial eingeschwemmt, sondern da sind auch unheimlich viele gelöste Nährstoffe im Wasser und die werden von Bakterienrasen, die also alle Oberflächen in der Höhle bedecken, herausgefiltert. Die Biofilme leben davon, die alle Oberflächen in den wassererfüllten Höhlenhohlräumen bedecken, und diese Biofilme bilden wieder die Nahrungsgrundlage für kleine Schnecken, für kleine Asseln, die hier weiden und letztendlich sind die dann wieder Nahrung für die Höhlenflohkrebse und auch in den Sedimenten sind viele Bakterien. Bakterien im Grundwasser, also diese Biofilme tragen wesentlich zur Reinhaltung unseres Trinkwassers bei, weil sie eben diese gelösten Nährstoffe aus dem Wasser eliminieren."

Anke Oertel arbeitet am Naturkunde-Museum in Salzburg. Sie hat schon in ganz Europa auf verschiedenen Exkursionen Höhlen und ihre tierischen Bewohner untersucht. Seit einigen Jahren ist sie Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Blautopf und taucht auch selbst in den vorderen Bereichen der Höhle. Außerdem untersucht sie die Proben, die ihr die anderen Höhlenforscher mitbringen. Dazu gehören auch Lebewesen. Echte Höhlentiere sind perfekt an die ewige Dunkelheit angepasst. Sie sind weiß, haben keine Augen, dafür aber Tastorgane, mit denen sie sich orientieren können. Das gilt für den Höhlenflohkrebs aber auch für die häufigste Tierart in der Blautopfhöhle: Die Brunnenschnecke. Oertel:

"Die ist ungefähr zwei Millimeter groß, manche ein bisschen größer, man sieht sie mit bloßem Auge ganz gut, sie ist nicht ganz weiß, man sieht die Eingeweide durch, man kann die sich so rosa, bräunlich vorstellen in der Farbe und sie hat keine Augen und ganz viele so kleine Wimpern auf der Oberfläche in ihrem Körper und weidet auf Bakterienrasen, die die Höhlenwände bedecken."

Im Moment beschäftig die Biologin die Frage ob die Brunnenschnecken in der Blautopfhöhle vielleicht zu einer neuen Art gehören. Oertel:

"Es gab schon erste Vergleiche mit Schnecken aus der nicht allzu weit entfernt liegenden Wulfbachquellhöhle. Da waren die genetischen Unterschieden, zumindest, was die Sequenzen betraf, die da untersucht wurden, nicht so wahnsinnig groß. Allerdings hat man festgestellt, dass die Tiere ein anderes Verhalten aufweisen und wahrscheinlich eine etwas andere Physiologie haben. Zum Beispiel die in der Wulfbachquelle weiden hauptsächlich im Sediment, während die Schnecken im Blautopf auch auf dem blanken Fels eher im strömungsexponierteren Stellen sich aufhalten und eben nicht weggespült werden und die haben offenbar einen festeren Schleim, mit dem sie besser auf der Oberfläche haften."

Wenn die Brunnenschnecken in beiden Höhlen zu einer Art gehören sollten, bleibt die Frage, wie sich solche ständigen Höhlenbewohner von einer Höhle in die andere ausbreiten konnten, wenn es keine Verbindung zwischen den Höhlen gibt und nie gegeben hat? Dieses Problem beschäftigt einige wenige Biologen wie Anke Oertel, die sich mit Höhlentieren befassen. In Deutschland interessieren sich allerdings kaum Biologen für das karge Leben in den unterirdischen Hohlräumen. Dabei lassen sich dort mit Sicherheit noch etliche interessante Entdeckungen machen. Oertel:

"Es werden immer wieder neue Arten in Höhlen entdeckt. Da ist noch viel Terra incognita. Man dringt in Hohlräume vor, in denen noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Das sind sehr abgeschlossene Systeme also weit von der Oberfläche entfernt, dort findet man immer wieder eben auch neue Tierarten oder Überraschungen anderer Art, zum Beispiel hat man dort ja auch Hinterlassenschaften unserer eigenen Art gefunden, die über Jahrtausende in Höhlenhohlräumen eingeschlossen waren. Das bietet jede Menge Möglichkeit für Wissenschaft und Forschung etwas wirklich neues zu entdecken."

Beim Volk hieß sie die arge Lau im Topf, auch wohl die schöne Lau. Gegen die Menschen erzeigte sie sich bald böse, bald gut. Zuzeiten, wenn sie im Unmut den Gumpen übergehen ließ, kam Stadt und Kloster in Gefahr, dann brachten ihr die Bürger in einem feierlichen Aufzug oft Geschenke, sie zu begütigen, als: Gold- und Silbergeschirr, Becher, Schalen, kleine Messer und andre Dinge.

Immer wieder finden die Taucher im Blautopf Überreste von Tontöpfen, Knochen oder sogar keltischen Schwertern. Diese Funde dokumentieren sie dann und geben sie an die Experten verschiedener Forschungsinstituten weiter. Die Höhlenforscher stellen sogenannte Datenlogger auf, die Temperatur, Wasserdruck und pH-Wert über einen längeren Zeitraum messen. Mit diesen Werten lässt sich dann beispielsweise ermessen, wie weit die Höhle bei Hochwasser überflutet ist und wie die Wasserqualität ist. Außerdem muss jeder neuendeckte Höhlengang genau vermessen werden. Als Andreas Kücha und andere Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Blautopf 2008 zu solchen Vermessungsarbeiten in der Höhle unterwegs waren, machten sie an dem Höhlengang "Stairway to heaven" eine weitere Entdeckung.

"Plötzlich haben wir ein Rauschen gehört. Weit weg vom Eingang hörten wir plötzlich Geräusche, da haben wir gedacht: 'Was ist denn das?' Und wir haben überlegt, was das Geräusch sein kann, dann war das Geräusch wieder weg und dann kam es wieder. Und dann haben wir irgendwann mal überlegt, dass das die Motorenbremsen sind von LKWs. Wir waren über zwei Kilometer in der Höhle drin, weit weg von der Heimat und plötzlich hört man da diese Geräusche und wir wussten, dass dieser Gang Richtung Süden geht und wussten auch, dass wir in der Nähe von diesem Tal da sein müssen. Das war dann ganz klar, dass da eine geringe Überdeckung ist, an diesem Versturz. Das war dann diese Geschichte, dass dann Überlegungen kamen, Ja geringe Überdeckung, da könnte man ja mal eine Peilung machen. Diese Peilung konnte man dann ganz genau feststellen. Das waren dann damals circa 20 Meter. Und somit war der Weg erstmals ermöglicht, dass man durch eine Bohrung trockenen Fusses in die Blauhöhle kommt."

Im April 2010 bohrte ein Spezialunternehmen direkt neben der Bundesstrasse 28 das Deckgebirge der Höhle an und setzte ein Rohr ein. Über eine Schleuse haben die Höhlenforscher jetzt einen direkten und trockenen Zugang in die Blautopfhöhle. Seitdem können auch Nichttaucher in die Blautopfhöhle einsteigen. Der Tübinger Geologe Wolfgang Ufrecht hat seitdem die Möglichkeit die Gesteine direkt vor Ort zu begutachten. Und auch die Biologin Anke Oertel beginnt nun damit die Landlebewesen in der Höhle zu untersuchen. Jochen Mahlmann:

"Für die Entdecker ist jetzt dieser Reiz, der früher mal da war. Vorbereitung, drei Tage tauchen, wissen, dass da nur zwei, drei, vier Leute hinkommen, dann Ausstieg aus dem Wasser, umziehen, Exploration, Forschung. Das ist natürlich weg. Dieses Gefühl, was man dabei hat, ist natürlich jetzt durch diesen offenen Zugang für die meisten von uns anders, für mich ist es jetzt weg. Wenn einer einigermaßen zwei gesunde Füße hat, kann er dahin laufen. Diese körperliche Vorraussetzung, diese mentale Vorraussetzung fürs Tauchen, das ist alles nicht mehr vorhanden."

Der trockene Zugang birgt auch eine Gefahr. Schon plant die Stadt Blaubeuren aus der Blautopfhöhle eine Schauhöhle zu machen. Mit der ewigen Dunkelheit wäre es dann vorbei. Das komplexe Ökosystem würde gestört und auch die schön anzusehenden Tropfsteinformationen wären gefährdet. Tröstlich, dass voraussichtlich nur ein kleiner Teil der Blautopfhöhle für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird. Denn die Blautopfhöhle ist viel zu groß und viele Bereiche sind zu unwegsam, um sie komplett offen für jedermann zu machen.
Inzwischen hat es eine Höhlenhochzeit gegeben. Die Blautopfhöhle ist mit der Vetternhöhle über das sogenannte "Wolkenschloss" verbunden. Bei fast jedem Tauchgang finden die Höhlentaucher einen neuen Gang und eine neue Ecke in der sie noch nie waren. Und auch die vorderen längst bekannten Bereiche werden auch nach dem hundertsten Tauchgang nicht langweilig. Werner Giesswein ist einer der erfahrensten Taucher in der Arbeitsgemeinschaft Blautopf und der erste, der nach dem Tauchgang aus dem Wasser kommt.

"Also ein paar mal habe ich gedacht, Hammer, wie geil ist das eigentlich, absolut traumhaft und wenn man daheim ist, dann kommen die Bilder. Das wird dann so regelrecht im Gehirn nachgeliefert und da kann man noch lange davon zehren. Also es war wirklich super heute. Tolle Geschichte."

Über mehr als zehn Kilometer ist das Blautopfhöhlensystem inzwischen vermessen. Aber wahrscheinlich ist es noch viel größer. Eine andere Gruppe von Höhlenforschern hat etwa 1,3 Kilometer nördlich der Apokalypse ebenfalls eine Höhle entdeckt. Andreas Kücha:

"Das Blauhöhleneinzugsystem ist 160 Quadratkilometer groß. Das heißt in diesen 160 Quadratkilometer versickert das Wasser, wenn es regnet, und kommt hier im Blauhöhlensystem raus. Wir sind jetzt gerade einmal am Anfang. Das Höhlensystem geht Richtung Norden, Richtung Westen weiter, wir wollen natürlich gerne in diese Bereiche kommen, wo noch kein Mensch war. Das Ganze ist spannend. Mein großes Ziel ist, ich möchte soweit wie möglich in dieses Einzugsgebiet vordringen. Es wäre schön, wenn man hier in Blaubeuren einsteigen könnte und dann irgendwann einmal in Zeiningen aussteigen könnte. Zeiningen ist Luftlinie 18 Kilometer entfernt."

Es war in der Mauer ein Loch mit eisernem Türlein versehen, von dem man nie gewusst, wohin es führe; das stand jetzt aufgeschlagen.

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