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StartseiteBüchermarktTiefer Blick in den ökonomisch-kulturellen Komplex02.11.2012

Tiefer Blick in den ökonomisch-kulturellen Komplex

Christina von Braun: "Der Preis des Geldes. Eine Kulturgeschichte", Aufbau Verlag

Am Ende des Tages basiert die Geldwirtschaft auf einem Nichts aus vielen Nullen. Aber warum kann Geld dann Existenzen vernichten oder ganze Staatengemeinschaften in Krisen stürzen? Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun findet ein Antwort im Ursprung des Geldes als Opferritual.

Von Ralph Gerstenberg

Das antike Griechenland erfand eine Art der theologischen Gelddeckung.  (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Das antike Griechenland erfand eine Art der theologischen Gelddeckung. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)

Niemand wird angesichts der unvorstellbaren Summen, die auf den Märkten kursieren, noch glauben, dass das Geld, das heutzutage im Umlauf ist, durch materielle Werte gedeckt sei. Aber was ist dann der Gegenwert unserer Zahlungsmittel? Basiert die gesamte Geldwirtschaft auf einem Nichts aus vielen Nullen oder virtuellen Zeichen? Warum kann Geld ganze Staatengemeinschaften in Krisen stürzen, Existenzen vernichten? Und auf welche Weise hat das Geld unsere Kultur, unsere Kommunikation und unser Denken geprägt? Diesen Fragen geht Christina von Braun in ihrem neuen Buch "Der Preis des Geldes" nach - "eine Kulturgeschichte" - wie es im Untertitel heißt. Um 800 vor Christus, zirka 150 Jahre vor der Prägung der ersten Münzen wurde in Griechenland das Alphabet eingeführt. Kein Zufall, meint Christina von Braun.

"Sowohl das Alphabet mit seinen 24, 26 oder 28 Zeichen als auch das Geld haben einen sehr starken Faktor, der soziale Mobilität fördert. Also dieses alphabetische Schriftsystem können alle lernen und haben damit auch Zugang zu den Archiven, zum Wissen einer Gesellschaft, zu der Erinnerung, dem Gedächtnis einer Gesellschaft. Und ähnlich beim Geld. Das Geld hatte von Anfang an auch einen sehr stark demokratisierenden Effekt. Es hat Sklaven erlaubt, sich aus Leibeigenschaft zu befreien. Und es hat auch schon in der Antike dazu geführt, dass ganz neue soziale Schichten, die nicht der Aristokratie angehörten, aufsteigen konnten – wie eben die Sophisten."

Seitdem gibt es drei Deckungsarten des Geldes: materielle Werte wie Grund und Boden, die Deckung durch einen Souverän oder Herrscher sowie eine theologische Form der Gelddeckung, die auf den sakralen Opfertausch im alten Griechenland zurückgeht. Die Opferspieße, die Obolos hießen, galten als Zeichen der Teilnahme an den Riten und wurden später durch geprägte Münzen mit der Abbildung des Stierkopfes ersetzt. Relikte dieser Opferrituale sind der Stier an der Börse sowie die Striche im Dollar oder im Euro, die an die beiden Hörner des Opfertieres erinnern. Nachdem das Geld sich von materiellen Bindungen gelöst hat und auch das Vertrauen in einen Souverän durch Machtmissbrauch und häufige Regierungswechsel gewichen ist, wuchs die Bedeutung der sakralen Form der Gelddeckung, die auf den Opferkult zurückgeht.

"Hinter jedem Opferkult steht immer der Gebende, der Opfernde selbst, der sich symbolisch in der Opferung darbringt. Und das geschieht auf unterschiedliche Weise, wie wir das heute sehr genau im Finanzkapitalismus sehen können, dass einerseits, jedes Mal, wenn das Geld seine Glaubwürdigkeit verliert, wenn es prekär wird, wie etwa nach der Lehman-Pleite, dass dann plötzlich ganz viele Menschen den sozialen Tod erfahren am eigenen Leibe, also sie verlieren ihren Job, sie verlieren ihre Behausung und müssen sozusagen gerade stehen für das, was mit dem Geld geschehen ist. Und das ist das, was ich als die moderne Form der Beglaubigung des Geldes durch sakrale Opferriten bezeichnen."

Mit diesem Verweis auf den Ursprung des Geldes im Opferritual entwickelt Christina von Braun die zentrale These ihres Buches, nach der es nur einen Preis gibt, den das Geld heutzutage haben kann: den menschlichen Körper. Das heißt: Bei einem Wertverlust müssen wir alle mit Haut und Haar, mit Geist und Seele, mit unserer gesamten Existenz dafür geradestehen.

Was ich damit sagen möchte, ist sehr einfach: Unser Glaube ans Geld beruht auf der Tatsache, dass viele Menschen dran glauben müssen, wenn das Geld in eine Krise gerät. Je fragiler das Geld, desto mehr Menschen trifft es.

Der Glaube, vor allem die christliche Heilsbotschaft, war der ideale Nährboden für die Entwicklung der Geldwirtschaft. Nicht umsonst, meint Christina von Braun, nahm die Hostie im 13. Jahrhundert die Form einer Münze an, die dadurch sakralisiert wurde. Immerhin symbolisiert sie den Leib Christi. Und steckt in dem Wort "Schulden" nicht die "Schuld", die in keiner Religion so groß zu sein scheint wie in der christlichen?

"Hier ist eine Religion, wo Gott sich selbst in seinem Sohn geopfert hat, das heißt, aus dieser Schuld kommt der gläubige Christ gar nicht heraus, es sei denn, er versucht mit einer anderen Form von Schuld diese Abhängigkeit zu begleichen. Und das wiederum schafft auch eine der Voraussetzungen dafür, dass dann so was wie das Fegefeuer entsteht. Das Fegefeuer besagt, der Sünder hat noch mal eine Zwischenchance. Wenn er genügend tausend Jahre in der Zwischenhölle verbracht hat, dann gibt’s noch eine Tür zum Paradies, die er nehmen kann. Und damit diese Jahre im Fegefeuer etwas abgemildert werden, kann man der Kirche Geld spenden, und dann werden Gebete gelesen und kirchliche Liturgien abgehalten. Und damit kann man die Zeit im Fegefeuer verringern."

In ihrer umfangreichen Kulturgeschichte untersucht Christina von Braun auch die gemeinschaftsbildende und zugleich zerstörende Kraft des Geldes. Mit Marx sieht sie im Geld den "Motor einer sozialen Zerstörung" und zugleich das "wichtigste Band des Gemeinwesens". Und am Beispiel der Euro-Krise zeigt sie, wie sehr das Vertrauen in eine Währung mit dem Vertrauen zusammenhängt, die eine Gemeinschaft - in diesem Fall eine Staatengemeinschaft - genießt.

Bei der Euro-Krise geht es um das Aufgehen der alten Gemeinschaften in einer gemeinsamen neuen. Erst wenn dies gelingt, kann sich der Euro seiner Glaubwürdigkeit sicher sein.

Doch immer wieder kommt Christina von Braun auf den Hauptaspekt ihres Buches zurück – auf die Rückbindung des Geldes an den menschlichen Körper. Sie zeigt, wie versucht wurde, das Vertrauen in das Geld zu stärken, indem es mit Fruchtbarkeits- und Reproduktionsmetaphern versehen wurde. Geld kann "wachsen", sich "vermehren", "zirkulieren" und "blühen". Aristoteles sei zwar der Meinung gewesen, dass das Geld anorganisch sei und deshalb keine Sprösslinge haben dürfe. Euripides hingegen fand die Vorstellung, mit Geld in Tempeln sogar Kinder bestellen zu können, durchaus reizvoll. Was vor knapp 2500 Jahren noch eine belächelte Utopie war, ist im Zeitalter der Reproduktionstechnologien natürlich längst Realität geworden.

"Im 21. Jahrhundert finden Sie tatsächlich die In-vitro-Zeugung, Sie finden Samenbanken. Eier werden gehandelt für 10-, 50.000 Dollar Embryonen werden gehandelt, es gibt Leihmütter, die mindestens 10.000 Dollar bekommen. Es ist ein enormer wirtschaftlicher Sektor geworden, wo es tatsächlich um die Reproduktion geht, um die menschliche Reproduktion, hinter der wiederum ein großes ökonomisches Interesse steht. Das Geld vermehrt sich sozusagen im menschlichen Körper. Es verlangt das Opfer des menschlichen Körpers auf der einen Seite und es will sich aber auch reproduzieren im menschlichen Körper."

Tief hat sich die Kulturwissenschaftlerin in diesen ökonomisch-soziokulturellen Komplex hineingearbeitet. "Der Preis des Geldes" ist ein gut lesbares und strukturiertes Buch, das den Blick darauf richtet, wie ein Zahlungsmittel, das angeblich die Welt regiert, im Laufe der Jahrtausende unser Leben verändert hat. Ihre Grundthese, dass das Geld heutzutage nur noch durch den menschlichen Körper gedeckt sei, belegt sie klug und immer wieder überraschend. Angesichts der Verwerfungen, die in der gegenwärtigen Finanzkrise deutlich zutage treten, plädiert Christina von Braun für gesunde Skepsis und ein Regulativ, das uns "mehr von den Vorteilen und weniger von den Nachteilen des Geldes spüren lässt". Den Begriff der "Gier" als Krisenauslöser hält sie für falsch. Gier sei eine Todsünde, ein Charakterdefekt, der sich durch Disziplinierung beherrschen lasse. Beim gegenwärtigen Spekulantentum habe man es hingegen mit einem Realitätsverlust in einem abstrakten System zu tun, das Nullen aneinanderreihe und somit das Nichts vermehre.

"Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern an diesen jungen Broker, Banker der UBS, der 2,5 Milliarden verzockt hat. Ich hab das Foto vor Augen, wie er zwischen zwei Polizisten stand, nachdem er verhaftet worden war, und was für ein seliges Lächeln über seinem Gesicht war. Und dieses selige Lächeln war so was von einer Erleichterung, so als habe er endlich die Realität wieder gefunden. Und ich glaube, das ist ein Triebfaktor, zu glauben, dass man durch immer noch mehr Nullen an die Realität wieder herankommt. Der Weg ist natürlich aussichtslos, aber das ist eigentlich Triebmotor für die Vermehrung."


Christina von Braun:
"Der Preis des Geldes"

Aufbau Verlag
510 Seiten, 34 Euro

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