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StartseiteCorso"Comiczeichner ist ein einsamer Job"12.04.2017

Tiergeschichten von Anna Haifisch"Comiczeichner ist ein einsamer Job"

Die Zeichnerin Anna Haifisch erzählt Geschichten über Tiere, die sich benehmen wie Menschen. In "The Artist" durchlebt ein gefiedertes, vogelähnliches Wesen die Mühsal des Künstlerdaseins. Die Comicreihe erscheint wöchentlich auf vice.com - und jetzt als zweiter Band auch gedruckt.

Anna Haifisch im Corsogespräch mit Sigrid Fischer

Die Comic-Zeichnerin Anna Haifisch. (picture alliance / dpa / Katrin Mädler)
Die Comic-Zeichnerin Anna Haifisch. (picture alliance / dpa / Katrin Mädler)
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Sigrid Fischer: Anna Haifisch heißt sie oder nennt sie sich, was gut passt, denn in ihrem Universum leben lauter Tiere. Die sich aber benehmen wie Menschen. zum Beispiel "The Artist", ein gefiedertes, vogelähnliches Wesen, das all die Mühsal des Künstlerdaseins durchlebt – und die Kunst der Prokrastination perfekt beherrscht. In der Comicreihe, die wöchentlich auf vice.com erscheint und jetzt als zweiter Band auch gedruckt. Anna Haifisch. Guten Tag bei Corso.

Haifisch: Hallo, Frau Fischer.

Fischer: Wenn ich nach Ansicht und Lektüre dieses zweiten Bandes mal kurz und knapp zusammenfassen sollte, was mich da für ein Gefühl beschleicht, dann würde ich sagen: Kunst ist anstrengend, Kunst ist Qual. Ist es so? Frage ich die Künstlerin, "The Artist"?

Haifisch: Naja. Also ich führe eigentlich ein ganz schönes Leben im Atelier. Also, man könnte es fast ein Bohème-Leben nennen. Aber ja, das frage ich mich immer, was bei dem Buch dann bei rumkommt und ich hoffe, ich deprimiere damit keinen.

Pinsel und Stifte statt Beauty-Produkte

Fischer: Nein. Ich glaube nicht, dass es deprimiert, weil es ist ja ganz schön selbstironisch und lustig. Zum Beispiel, habe ich verstanden in dem Buch, es ist schwierig, als Künstler ein YouTube-Star zu werden, wenn man nur schöne Pinsel und Stifte vorzuzeigen hat im Video statt Beauty-Produkte. Sowas. Ist lustig.

Haifisch: Ja genau. Ich hoffe, das ist lustig.

Wir haben noch länger mit Anna Haifisch gesprochen - Hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Fischer: Ja. So eine Idee, die ist ja super. Also das heißt, gucken Sie sich dann mal so Youtuberinnen an?

Haifisch: Ehrlich gesagt, nicht so richtig. Also ich dilettiere natürlich manchmal auch mit den Themen. Also davon habe ich zum Beispiel wirklich ziemlich wenig Ahnung. Also da gibt es andere Kapitel im Buch, wo ich mich ein bisschen mehr auskenne. Aber das ist natürlich so ein kleiner Take auf diese Selbstvermarktung und das spielt ja so im Künstlerleben auch eine Rolle.

Fischer: Richtig. Also ich kenne viele Leute, die unglaublich gute Kunst machen, aber da die Schwachstelle haben, in dieser Selbstvermarktung. Kann man das lernen? Lernt man das an der Uni, zum Beispiel?

Haifisch: Nein, ich glaube nicht. Und ich denke auch per se, also Comiczeichner, das ist ja auch eher ein bisschen einsamer Job. Man sitzt lange allein oder mit mehreren Leuten im Atelier und zeichnet vor sich hin. Und ich kenne recht wenig, die eine Rampensau sind oder so. Und ich weiß nicht, ob man das lernen kann, ehrlich gesagt. Weil ich glaube auch nicht, dass das hilft, wenn man immer wieder vor Kameras oder Mikrophone gezogen wird oder auf Bühnen. Das wird eine Typ-Frage sein, eher als dass man das lernt.

"Man muss geduldig sein"

Fischer: Aber ich greife nochmal ein paar Aspekte aus Ihrem Buch heraus und frage Sie natürlich: Sie kennen das - und wie halten Sie das aus? Also diese Seite des Künstler-seins, keiner nimmt einen so richtig ernst. Man muss sich mit wenig zufrieden geben, dankbar, ein bisschen unterwürfig sein manchmal, wenn die Kuratoren kommen. Man wird nicht als wertvolles Mitglied der Gesellschaft gesehen. Und dann immer wieder dieser Angang, immer wieder dieses weiße Blatt Papier. Das ist ja schon etwas, was Kreativarbeiter kennen.

Haifisch: Jaja. Ich meine jetzt, diese Angst davor, das ist vielleicht auch eine Übertreibung oder so ein Satz, der oft gesagt wird. Aber klar, wenn man anfängt, an entweder einem neuen Kapitel oder einem neuen Buch oder einen neuen Serie, muss man sich natürlich vorher viel überlegt haben, bevor man eigentlich überhaupt erst die Feder auf das Papier setzt. Klar, man muss das auch ein bisschen trainieren einfach, dass man sich ein bisschen so Zeit nimmt.

Ich lege mich manchmal,- also das klingt jetzt natürlich ein bisschen seltsam -, aber ich lege mich oft auf das Sofa im Atelier und starre dann die Decke an. Und irgendwann kommt dann auch mal was angefahren, was man dann ein bisschen ausbreiten kann. Oder manchmal ist das auch ganz simpel, auf dem Fahrrad oder so, da hat man dann so ein Stichwort. Oder ich war in der Ausstellung und habe irgendeinen Gesprächsfetzen mitgehört oder so. Also, irgendwas kommt schon. Aber man muss da geduldig sein, glaube ich.

Fischer: Aber dabei entsteht dann das Klischee der anderen Leute: "Ach guck mal, die Künstler, liegen auf dem Sofa und starren in die Luft. Ach, fahren Fahrrad und gehen in die Ausstellung, haben die ein tolles Leben!" Das ist ja das, was man nicht sieht, dass in der Zeit in ihrem Kopf vielleicht etwas entsteht.

Haifisch: Jaja. Also, ich meine, ich scheue mich davor, das als Arbeit zu bezeichnen, was für ein hässliches Wort. In Band Eins von "The Artist" sagt das jemand. Wir nennen es hier lieber Herumtollen oder so.

"Man muss den Lesern entgegenkommen"

Fischer: Aber sagen wir mal, diese viel beschworene Freiheit als Künstler - haben Sie ja eben auch gesagt, ich führe eigentlich ein tolles Leben -, dann ist die ein bisschen schon Legende. Man muss sich auch andienen, man muss gucken, dass man verkauft. Dass man sich mit Verlagen irgendwie einigt oder so. Es ist nicht nur Freiheit.

Haifisch: Nein, in keinem Fall, schön wäre es. Nein, aber klar. Ich meine, man will ja auch gelesen und verstanden werden. Und also, so ganz obskure Sachen, das ist natürlich schwierig. Also diese absolute Freiheit, dann auch Inhalt und Form, das stößt natürlich an. Wenn man zumindest halbwegs verstanden werden will, muss man auch den Lesern entgegen kommen, würde ich sagen.

Fischer: Aber wo Ihre Figur "The Artist" - über die wir ja gerade sprechen - dann doch die Freiheit lebt, ist dieses wunderbare Chaos in diesem Künstlerzimmer, was da immer herrscht. Alles auf dem Boden verteilt, die Farbtöpfe, die Pinsel und so weiter: Das ist dann schon Freiheit, oder?

Haifisch: Ja, ich meine, der zieht es ja durch. Der zeichnet ja seit Band Eins Schlangen. Also relativ schlecht und das wird natürlich nichts. Und auch diese Wiederholung auch und diese Tragik da drin, dass der 500 Schlangen gezeichnet hat und dass es trotzdem nichts wird und er das aber auch nicht begreift. Das ist halt die Freiheit, die er sich rausnimmt. Aber es führt zu nichts.

"Man überzeichnet das, was man kennt"

Fischer: Es führt zu nichts. Sie, Anna Haifisch, müssen jede Woche für das Internetmagazin vice.com abliefern, das auch noch international ist. Also im Grunde, theoretisch schaut da die ganze Welt auch noch drauf. Das muss schon Druck erzeugen, oder?

Haifisch: Ja, also ich habe mich dann irgendwann so arrangiert. Weil ich sitze ja 6000 Kilometer weit weg. Ich meine, das Hauptbüro ist da in New York. Und das schafft schon einen ganz guten Abstand und ich sitze ja ganz geschützt im Atelier. Und das, was dann rausgeht, da habe ich dann keinen Einfluss mehr drauf. Ich hoffe natürlich, dass das gelesen wird und dass auch die Figur verstanden wird und vielleicht so einen zärtlichen Blick erzeugt. Aber das liegt ja alles nicht mehr in meiner Hand. Und das beruhigt mich eigentlich auch.

Fischer: Wir bewegen uns ja bei Ihnen, Anna Haifisch, in einem satirischen Kosmos - Tier und Mensch sind auch vielleicht eins, könnte man sagen. Aber warum zeichnen Sie da gar keine ausgesprochenen Menschen - oder sagen wir mal Menschenkörper?

Haifisch: Ich sehe selber ein bisschen aus wie ein Vogel. Das überzeichnet ja ein bisschen das, was man kennt. Und ich finde also die Tradition von Funny-Animal-Comics oder auch von Tiercomics, und gerade mit Vögeln, die ist ja recht groß. Und es könnte fast jetzt ein bisschen dumm daher kommen, dass man jetzt noch ein Vogel hinzufügt. Aber das bietet sich einfach so an, weil das ist so ein zartes, verletzliches Wesen.

"Das Endprodukt spielt schon am Anfang eine Rolle"

Fischer: Ja, den unheimlich schönen, mit diesen filigranen, dünnen, langen Beinen…

Haifisch: …und so Federn, die herumliegen.

Fischer: Ja. Das ist natürlich schön irgendwie. Aber ich denke, aber Menschen kommen gar nicht vor. "Ich denke immer an das Endprodukt", das ist ein Zitat, was ich von Ihnen gefunden habe. Was heißt das? Bevor Sie anfangen, denken Sie an das Endprodukt. Und das heißt? Oder was hilft Ihnen das?

Haifisch: Naja, das Königsding ist ja immer noch ein Buch eigentlich. Also ich denke oft daran, wofür ist das? Also da richte ich das natürlich - also inhaltlich vielleicht weniger - aber formal nach aus. Wenn das für eine Zeitung ist, dann denke ich auch an das Papier und an das Format. Ja, es spielt am Anfang schon eine Rolle, also bevor ich anfange zu zeichnen.

Fischer: Wer sind meine Leser? Das fragt sich ja der Schriftsteller in diesem Band "The Artist" Band Zwei ganz am Ende. Fragen Sie sich das auch? Denken Sie auch an die Leser, an die Konsumenten?

Haifisch: Jaja. Ich denke da relativ oft dran. Also es ist gar nicht so, dass es mich so sehr tangiert. Die meinen aber auch einfach, wo liegt das Buch auch rum und was passiert damit. Also in der Episode ist es ganz extrem, dass so ein Strolch damit seine Freundin schlägt oder so. Also, ich meine, das ist jetzt extrem gedacht, aber ich frage mich manchmal, was Bücher auch so mit ansehen müssen. Hätten sie Augen und ein Gehirn, wär das wahrscheinlich auch nicht immer erfreulich.

Fischer: Ach so. Also wenn sie zurück gucken könnten, wer liest mich da? Vielleicht will man das gar nicht, ah!

Haifisch: Ja, vielleicht will man das nicht. Aber ich denke da öfters dran.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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