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StartseiteUmwelt und VerbraucherTierhaltung im Fokus16.01.2013

Tierhaltung im Fokus

Themen der diesjährigen "Grünen Woche" in Berlin

Die "Grüne Woche" in Berlin begann einst als Leistungsschau deutscher Bauern. Längst ist sie ein internationales Forum für die Landwirtschaft und deren Stärken und Schwächen geworden. In diesem Jahr spielt die industrielle Tierhaltung eine große Rolle. Doch auch zum Thema Lebensmittelsicherheit gibt es Neues.

Jule Reimer im Gespräch mit Christian Bremkamp

Bauernpräsident Joachim Rukwied auf der "Grünen Woche" in Berlin. Die Landwirtschaftsmesse ist vom 18.-27.01.2013 für Publikum geöffent.  (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Bauernpräsident Joachim Rukwied auf der "Grünen Woche" in Berlin. Die Landwirtschaftsmesse ist vom 18.-27.01.2013 für Publikum geöffent. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
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Neuer Bauernpräsident verteidigt die Masttierhaltung

Christian Bremkamp: Am Freitag startet sie wieder: die "Grüne Woche" in Berlin. Bereits jetzt unter dem Funkturm steht meine Kollegin Jule Reimer – Frau Reimer: Ende letzter Woche erst haben wir gelernt: Wir Deutschen essen soviel Fleisch wie noch nie, welche Rolle spielen Dinge wie Massentierhaltung, Tierschutz oder industrielle Fleischproduktion auf der Grünen Woche 2013?

Jule Reimer: Die industrielle Tierhaltung spielt eine große Rolle auf der diesjährigen "Grünen Woche". Das vergangene Jahr brachte ja zutage, dass in deutschen Ställen viel zu viel Antibiotika eingesetzt werden. Auch wurden in den letzten Monaten Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht. Im Dezember wurde das neue Tierschutzgesetz verabschiedet, es verbietet die Zurschaustellung von deformierten Tieren aus Qualzucht, Sex mit Tieren war auch ein großes Thema, aber die Massentierhaltung von Hunderttausenden von Hühnern eben nicht.

Es erlaubt bis 2019 noch die betäubungslose Kastration von Ferkeln. Dann gab es ein neues Baugesetzbuch, nach dem Betriebe mit über 85.000 Hühnern nun nicht einfach ihren Stall an den Dorfrand bauen dürfen – dieses Privileg haben nämlich althergebracht die Bauern. Allerdings werden dann die Einheiten einfach etwas kleiner gebaut – es sind dann vielleicht 40.000 Tier in einem Stall, und deshalb fragen die Kritiker, ob das wirklich eine Verbesserung ist. Beide Gesetze müssen noch durch den Bundesrat und da haben SPD/Grün-geführte Länder schon Widerstand angekündigt.

Bremkamp: Nun sind Messen gemeinhin Orte, auf denen Neuheiten präsentiert werden: Stichwort Lebensmittelsicherheit, Lebensmittelklarheit – ist hier etwas "Neues" zu erwarten?

Reimer: Es gibt auf jeden Fall ein neues Siegel des Tierschutzbundes für Fleisch und Wurst. Es unterscheidet zwei Qualitätsstufen: Ein Stern steht für etwas mehr Platz für das Tier, außerdem müssen die Züchter und Mäster ihnen Beschäftigungsmöglichkeiten bieten, das ist zum Beispiel für Schweine sehr wichtig. Zwei Sterne gibt’s für richtig Platz und Auslauf an der frischen Luft. Und eine Auflage ist auch die Kastration von Ferkeln mit Betäubung.

Das Fleisch wird unter anderem bei Edeka, Kaisers zu finden sein, der Verkauf geht aber jetzt erst los. Neu ist, dass sich auch der Deutsche Bauernverband auf eine Diskussion um die Tierhaltung einlässt, allerdings noch verhalten. Der neue Bauernpräsident Joachim Rukwied:

"Wir sind in intensiven Gesprächen mit dem Lebensmitteleinzelhandel, da wollen wir den Tierschutz, den wir in Deutschland schon praktizieren, noch weiter entwickeln. Da sind wir offen. Aber eins sage ich ganz deutlich: Wenn unsere Bauern noch mehr Tierschutz machen, dann muss das finanziell honoriert werden, denn es kostet Geld, wenn wir noch mehr machen."

Und im Augenblick sagt der DBV außerdem noch, dass jeder Stallneubau ein Beitrag zum Tierschutz sei – das ist eine Haltung, die sich nicht wirklich mit der des Tierschutzbundes deckt.

Bremkamp: Bei den Bienen ging es eben auch um Gentechnik – ein großes Thema auch auf der Messe?

Reimer: Das kommt darauf an, mit wem man spricht. Der Deutsche Bauernver¬band hält das Thema eher klein, das liegt auch daran, weil die Bauernschaft bei Gentechnik im Saatgut gespalten ist. Im Fall der Futtermittel setzen aber fast alle konventionell und erst recht die industriell arbeitenden Tierhalter gentechnisch veränderte Soja aus Lateinamerika oder den USA ein, und kaum jemand möchte das kennzeichnen.

Aber die Kritiker, die Ökobauern, thematisieren den Einsatz der Gentechnik natürlich, hier sehen sie auch ihren Wettbewerbs¬vor¬teil – und natürlich auch die Umweltschutzverbände.

Bremkamp: Die "Grüne Woche" ist längst auch ein politischer Ort neben all den Ständen, Buden und Schlemmermeilen – welchen Raum bekommen denn – zum Beispiel – Themen wie die EU-Agrarreform mit ihren angedachten Umweltauflagen?

Reimer: Einen Großen, denn die EU-Agrarreform muss in den nächsten Monaten festgezurrt werden. Und da geht es darum, ob Subventionen für die Bauern und die industrielle Landwirtschaft stärker an Umweltauflagen gebunden werden sollen – und hier auf der "Grünen Woche" werden die PR-Gefechte ausgetragen.

So verdammt der Deutsche Bauernverband die – wie er sagt – Flächenstilllegungen, die die EU-Kommission vorgeschlagen hat. Tatsächlich sollen die Betriebe sieben Prozent ihrer Fläche ökologisch bewirtschaften beziehungsweise Flächen für Hecken etc. bereitstellen, um die Artenvielfalt zu bewahren.

Verteidigt wird dies von Felix Prinz zu Löwenstein, der dem Bund der ökologischen Lebensmittelwirtschaft BÖLW vorsteht. Er meint, wir müssten die Frage stellen, welche Landwirtschaft uns im Jahr 2050 bei neun Milliarden Erdbewohnern wirklich ernähren kann. Und er sagt, dass der Ressourcenverbraucher der Landwirtschaft in Sachen Energie, Dünger, Umweltbelastung so nicht weitergehen kann.

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