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StartseiteBüchermarkt"Tigerbucht"28.02.2002

Dies ist ein Buch über einfache Dinge: Die Ruhe der Angst und die Vitalität des Todes. Im Juni 1997 kam ich in der Absicht nach Luanda, Quelimane über Land zu erreichen. Der Grund für ein solches Vorhaben hätte nicht nobler sein können, mit anderen Worten, einen bestimmten Grund gab es nicht. Diese Seiten hier sind ein Atlas, auf dem man diese Reise nachlesen kann: die affektive Kartographie einer Route, deren Orte die Gesichter von Menschen tragen und wo Raum und Zeit Koordinaten sind, die am meisten lügen. Alle hatten mich gewarnt, es sei noch immer Krieg in diesen Breiten. Ich habe Weggefährten verloren. Und meine Rückkehr war ungewiss.

Mit diesem Prolog schickt uns der portugiesische Journalist und Autor Pedro Rosa Mendes auf die Reise durch sein Buch "Tigerbucht?. Es ist die außergewöhnliche Beschreibung einer aberwitzigen Tour quer durch das südliche Afrika, von der Atlantikküste Angolas zur Pazifikküste Mosambiks. Mit einem Rucksack auf dem Rücken bricht der 29-Jährige im Juni 1997 in der angolanischen Hauptstadt Luanda auf. Dreieinhalb Monate später hat er geschafft, was niemand für möglich hielt. Er hat das minenverseuchte Angola auf dem Landweg durchquert und erreicht tatsächlich Quelimane an der Ostküste Mosambiks. 10.000 Kilometer hat er hinter sich gebracht, auf klapprigen Lkws und Jeeps, in Booten, im Zug und zu Fuß. Er hat zahlreiche Kriegsschauplätze gesehen, unzählige Menschen interviewt und dabei sein Leben aufs Spiel gesetzt. Was interessiert ihn, der so schüchtern und schmächtig wirkt, an der Kriegsberichterstattung?

Seit 1994/95 habe ich als Reporter in vielen Krisen- und Kriegsgebieten gearbeitet. Und hätte ich je irgendeine romantische Vorstellung von Kriegen gehabt, so hätte mich das, was ich in dieser kurzen Zeit gesehen habe, davon kuriert. Was mich an diesen Gebieten interessiert, ist die Tatsache, dass die Normalität der Menschen völlig aufgehoben wird, dass ihr Leben einer anderen Logik folgt. Ich habe es fast immer als ein Privileg empfunden, an dieser neuen Logik teilzuhaben und zu beobachten, wie Menschen ganz individuell darauf reagieren. Das hat mich in "Tigerbucht? interessiert, und das interessiert mich auch als Kriegsreporter. Nicht die politischen Motive eines Krieges, die Menge der Munition oder der Luftschläge. Was mich interessiert, ist die Intimität des Krieges und nicht sein lärmender Ausdruck. Alle Geschichten in "Tigerbucht? sind in direkter oder indirekter Weise Antworten darauf, wie diese innere Logik funktioniert, in einem Gebiet, wo man im Krieg geboren wird, im Krieg lebt und im Krieg stirbt.

"Tigerbucht? ist weder ein Roman, noch eine journalistische Reportage, noch klassische Reiseliteratur. Es ist die literarische Bestandsaufnahme eines geschundenen Landes nach vier Jahrzehnten Krieg, ein Kaleidoskop aus Porträts und Gesprächsprotokollen, aus ethnographischen Beobachtungen und historischem Material, aus Gedichten, Briefen und fiktiven Szenen. Pedro Rosa Mendes ist nicht nur ein äußerst sensibler Beobachter und Zuhörer, er ist vor allem ein brillanter Erzähler. Seine Darstellung ist persönlich, aber nicht selbstgefällig. Er wahrt die Würde seines Gegenübers, obwohl er vor Härte in seinen Beschreibungen nicht zurückschreckt. Von Inés Koebel großartig übersetzt, findet er eine eindringliche und genaue Sprache für das Grauen, die physische und psychische Zerstörung, den Wahn und die Absurditäten des Alltags.

Ein ehemaliger Frontkämpfer, beide Beine amputiert, steht aufrecht auf zwei Wurzeln, die seine Hosenbeine füllen. Einer seiner Füße ist ein Stück Reifen, Marke Michelin, sichtbar noch auf dem "Spann?. Stolz zeigt er mir seine Prothesen, ich wollte nicht glauben, dass er Prothesen trägt. Ich hatte ihn auf dem Fahrrad kommen sehen.

Die zufälligen Begegnungen mit Opfern und Soldaten, Kindern und Alten, Männern und Frauen, finden sich über das ganze Buch verstreut und reihen sich zu einer Art Porträtgalerie. Mendes verzichtet auf eine Rahmenhandlung und folgt in seiner Darstellung auch nicht der Chronologie der Reise. Er verweigert dem Leser damit jegliche zeitliche oder geographische Orientierung.

Die Struktur des Buches war zunächst nicht beabsichtigt. Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich überhaupt anfangen konnte, zu schreiben. Als ich dann anfing, hatte ich kein Schema, ich begann einfach, jede Geschichte einzeln aufzuschreiben, jeden Moment, jeden Lebenslauf, ob real oder fiktiv. Und am Ende hatte ich ungefähr achtzig Teile, eine völlig fragmentarische Struktur, ohne dass ich das beabsichtigt hatte.

Er habe das Manuskript dann auf eine Reise nach Belgrad mitgenommen, erzählt Pedro Rosa Mendes. Und habe dort zusammen mit einem Webdesigner eine Webpage gebaut, um die Texte ins Internet zu stellen. Erst da sei ihm klar geworden, dass er in Wirklichkeit einen Hypertext geschrieben hatte. Einen fragmentarischen Text, in dem jede Geschichte für sich stehen kann, der aber auch zahlreiche Verknüpfungsmöglichkeiten zwischen den einzelnen Teilen bietet.

Als ich mit dem Webdesigner über die Internetseiten sprach, fiel mir diese Ästhetik des Fragmentarischen auf. Und mir wurde klar, dass ich im Internet und in der Buchform diese Ästhetik möchte, die Verbindung aus einzelnen Splittern. Ich wollte die Ästhetik des Krieges widerspiegeln, der Landschaft, der Brüche und Traumata. Ich denke, das Buch hängt sehr stark vom Leser ab, in welcher Weise er sich auf diese Reise mitnehmen lässt.

Pedro Rosa Mendes: Tigerbucht. Aus dem Portugiesischen von Inés Koebel. Ammann Verlag, Zürich 2001, 416 Seiten, 44 DM.

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