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StartseiteBüchermarktPrivate Einblicke in das Leben der Manns14.12.2015

Tilmann LahmePrivate Einblicke in das Leben der Manns

Eigentlich könnte man meinen, dass man über die Manns schon alles gelesen hat. Tilmann Lahme gelingt es in seinem neuen Buch jedoch, mit nüchterner Genauigkeit die außergewöhnlichen Lebensgeschichten von acht Familienmitgliedern der Schriftsteller-Familie mitreißend zu erzählen. Allerdings fehlt es hier und da an Hintergründigkeit.

Von Helmut Mörchen

Der Schriftsteller Thomas Mann mit seiner Ehefrau Katia am Lübecker Hauptbahnhof 1955. Anlass des Besuchs seiner Geburtsstadt war die Verleihung der Ehrenbürgerwürde.  (picture alliance / dpa / Hans Kripgans)
Der Schriftsteller Thomas Mann mit seiner Ehefrau Katia am Lübecker Hauptbahnhof 1955. Anlass des Besuchs seiner Geburtsstadt war die Verleihung der Ehrenbürgerwürde. (picture alliance / dpa / Hans Kripgans)
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Tilmann Lahme konnte einen großen Schatz neuen Quellenmaterials nutzen, ein reichhaltiges Konvolut noch nicht veröffentlichter Briefe fast aller Familienmitglieder. Aus den Briefen und Tagebüchern komponiert Tilmann Lahme ein Oktett oft auch dissonant tönender, aber stets gleichberechtigter Stimmen. So entsteht ein in knappen, präzis formulierten Sätzen gefasstes, durchaus auch voyeuristische Bedürfnisse der Leser kitzelndes Familienpsychogramm.

Die Fülle des Materials hat Lahme für die Jahre 1922 bis 2002 in Short Cuts gegossen, kurze im Präsens verfasste Episoden aus dem Leben der acht Manns, die er, so unterschiedlich ihr Sujet und Gewicht ist, ohne Überleitungen nebeneinander stellt.

So folgt dem Streit Katias mit ihrem Sohn Michael über das Verplempern des für einen Wintermantel gedachten Geldes einen Blick auf die Liebesnöte Erikas und Elisabeths mit dem Verleger Fritz Landshoff. Elisabeth hatte sich schon als 15-Jährige in den 16 Jahre älteren Landshoff verliebt. Von Landshoff nicht erhört, sucht sie nun einen anderen Mann. Landshoff wiederum warb hartnäckig und wiederholt vergeblich um Erika. Als sie ihn 1939 erhören wollte, um ihm in seiner Drogensucht und Suizidgefährdung nicht als Liebende, sondern als Freundin zur Seite stehen, lehnte er das zu ihrer Erleichterung ab.

Gleich anschließend ist dann von Klaus' Bestürzung über Ernst Tollers Selbstmord und Joseph Roths Alkoholtod die Rede. Direkt danach resümiert Lahme den Ausgang eines Streitgesprächs über die Rolle der Emigranten im zukünftigen Deutschland: "Eine wichtige meint Klaus Mann; keine große, argumentieren sein Bruder Golo und Martin Gumpert. Als sein Freund Curtiss in dieser Nacht auch noch keinen Sex mit ihm will, bricht Klaus Mann weinend zusammen." Und dies alles auf elfeinhalb Druckseiten!

Mit einer solchen Montage meist sehr kurzer Schnipsel zieht Lahme seine Leser zwar in einen mitreißenden Flow, bleibt aber zu sehr an der Oberfläche. Wir werden über Privates, Krankheiten, Liebesnöte und Geldsorgen erschöpfend informiert, erfahren aber zu wenig über die Hintergründe und Inhalte der vielen politisch-publizistischen Aktionen der Manns.

Die antifaschistische Exilzeitschrift "Die Sammlung" würdigt Lahme als "Klaus Manns wohl größte Lebensleistung", stellt sie aber nicht vor. Thomas Manns öffentliche Distanzierung von diesem Projekt seines Sohns, dem weiteren Erscheinen seiner Bücher in Deutschland geschuldet, führte zu nur knapp skizzierten innerfamiliären Spannungen, die sich erst 1936 mit einem offenen Brief Thomas Manns gegen das Hitler-Regime an den Feuilletonchef der "Neuen Zürcher Zeitung" Eduard Korrodi lösten.

Sparsame Charakterisierung

Auch in der Charakterisierung der acht Familienmitglieder bleibt Lahme sparsam. In den Briefen von und an Katia wird deutlich, dass sie die immer wieder vom Auseinanderbrechen bedrohte Familie zusammenhält. Für alle Kinder ist sie Beichtmutter, Beraterin und Mahnende zugleich. Sie hält die immer wieder in prekäre Lagen geratenden Kinder auch am finanziellen Gängelband, kurz, wie Lahme ihre Rolle zuspitzend beschreibt: "Katia Mann blickt auf die Leben ihrer Kinder, hilft, rät, mischt sich ein". Und das gilt auch für Thomas, sie "begleitet ihren Mann, assistiert, berät, dolmetscht". Zu Golo Mann gibt's anlässlich der Erwähnung eines Studentenjobs eine der wenigen auktorialen Einmischungen des Chronisten Lahme: "Die wenigen Arbeitswochen Golo Manns im Bergwerk in der Lausitz: Das einzige Mal, jemals, dass ein Mitglied der Familie Mann eine bezahlte körperliche Arbeit übernimmt."

Reizvolle ironische Brechungen

Reizvoll sind in Lahmes Chronik Briefpassagen, die die überspannte Selbsteinschätzung der Familie Mann ironisch brechen. Wenn etwa Klaus Mann kurz vor seinem Selbstmord am 21. Mai 1949 in einem Brief an seine Mutter flachst, im Blick auf die Verleihung des Frankfurter Goethepreises an den Vater läge es nun doch nahe, ihn auch zum ersten Präsidenten der gerade gegründeten Bundesrepublik zu küren.

Klaus spinnt sich eine "schöne Familienpolitik" aus: "Ich würde dafür sorgen, dass nur Schwule gute Stellungen kriegen; der Verkauf des heilsamen Morphium wird frei gegeben; Erika amtiert als graue Eminenz in Godesberg, während der Vater mit dem russischen Gesandten Rheinwein schlürft".

Das briefliche Stimmengewirr der acht Familienmitglieder, das während des Exils seinen Höhepunkt erreicht, ebbt danach ab. Zuerst stirbt Klaus, zu dessen Selbstmord der Vater keine Worte finden will. Es folgt sechs Jahre später Thomas Mann. Erika stirbt 1969. Den Tod des Lieblingssohns Michael 1977 nimmt die 94jährige Katia in ihrer Demenz nicht mehr wahr. Drei Jahre später stirbt sie hochbetagt, ihren Mann und drei Kinder hat sie überlebt.

Tilmann Lahmes Buch schließt mit einem Blick auf die Gräber. Sechs der acht Familienmitglieder sind nun wieder in einem Grab in Zürich vereint. Klaus dagegen, als Erster gestorben, liegt in Cannes. Und Golo, auf demselben Friedhof wie die Eltern und Geschwister, liegt auf eigenen Wunsch in einem Einzelgrab soweit wie möglich vom Familiengrab entfernt.

Wem an außergewöhnlichen Lebensgeschichten mehr liegt als an ins Detail gehenden Interpretationen, der mag Tilmann Lahmes süffig geschriebene Geschichte der Familie Mann gern verschlingen.

 

Tilman Lahme: "Die Manns. Geschichte einer Familie",
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 479 Seiten, 24,99 Euro.

 

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