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StartseiteBüchermarktTochter der Newa. 300 Jahre Sankt Petersburg26.05.2003

Tochter der Newa. 300 Jahre Sankt Petersburg

Nikolai Anziferow: Die Seele Petersburgs

Sankt Petersburg ist eine Stadt, die aus dem Nichts entstand - im Mündungsdelta der Newa aus dem Sumpf geboren, vom Wasser umspielt, in Nebel gehüllt, stand sie nur wenige Jahre nach Baubeginn fertig da im steinernen Gewand: Peters Fenster zum Westen und Rußlands Tor zum Meer, die neue Hauptstadt fernab vom Zentrum des Reiches, vor der Moskau, seiner Macht beraubt, demütig das Haupt neigen mußte. Eine Stadt, die sich allein dem kühnen Willen des Herrschers verdankt, eine gebaute Utopie, den Naturgewalten abgetrotzt. Ein Hirngespinst, aus der Luft gegriffen und ohne Fundament, allein die Knochen der Tausenden, die beim Bau Petersburgs umgekommen sind, als Halt. Immer wieder vom Hochwasser überzogen, als wollten sich die Elemente zurückholen, was sie einst dem Zaren geben mußten. Eine Wasserstadt, wie Andrej Bitow sagt, der Petersburger Autor, der am gleichen Tag wie Petersburg Geburtstag hat:

Katharina Narbutovic

Wasser, Schnee, Eis, Reif ... Dunst, Nebel, Geniesel, Regen, Wolkenbruch ... Hat man alle Umstände des Wassers aufgezählt, bleibt noch einer übrig: Petersburg. Dort gibt es freien Raum, aber kein Volumen. Einzig Fassaden und Wasser. Sich den inneren oder hinteren Teil eines Hauses vorzustellen, ist bisweilen schwierig. Wohnt da jemand? Und wer? Petersburg ist von literarischen Helden bevölkert, nicht von Menschen.

Wie die Stadt und ihre literarischen Helden, wie der Genius loci und die Bilder Sankt Petersburgs in der Literatur sich zueinander verhalten, das hat der Historiker, Landeskundler und Publizist in seinem 1922 veröffentlichten Buch "Duscha Peterburga" / "Die Seele Petersburgs" untersucht, das jetzt zum ersten Mal auf deutsch erschienen ist. Karl Schlögel, der das Vorwort zu diesem Buch geschrieben und der selbst ein Buch über Petersburg vorgelegt hat, hat Nikolai Anziferow schon früh für sich entdeckt:

Auf Anziferow bin ich sehr früh gestoßen, und zwar im Antiquariat. Ich habe sein Duscha Peterburga gleich, ich glaube so 81 oder wann mal entdeckt und habe es auch gleich gekauft, in dieser schönen Originalausgabe. Und da war mir irgendwie klar, daß das etwas ist, weil er ein Gefühl und einen Horizont für Stadtanalyse gehabt hat, der mich wirklich erstaunt hat. Und was mich damals so gewundert hat ist, daß es eine Urban-study-Fraktion oder eine Diskussion über Stadtforschung in der frühen Sowjetunion oder Sowjetrußland gegeben hat, oder sogar schon vor der Revolution. Das hat mich wirklich gewundert. Und dieses Buch habe ich sehr hochgeschätzt.

Für Nikolai Anziferow ist eine Stadt ein "lebendiger Organismus", der eine Seele hat. Wie es gelingt, diesen Organismus zu erfassen und in seiner historisch-kulturellen Veränderung zu beschreiben, das führt er anhand seiner Untersuchung über die Petersburg-Bilder in der Literatur exemplarisch vor. Anziferows Ton ist leicht melancholisch, sein Stil ist sachlich, er bewegt sich nahe an den literarischen Quellen entlang, was das Buch mitunter etwas trocken macht, doch seine Führung durch die Galerie der Petersburg-Bilder ist ein Meisterstück, weil man als Leser endlich begreift, wo all die Petersburg-Motive herkommen, die jeder kennt, und erfährt, in welchen Zusammenhang von Ort und Zeit, Literatur und Geschichte sie gehören.

Petersburg erscheint in der Literatur nach seiner Gründung im Jahre 1703 zunächst als Stadt Peters des Großen und des heiligen Petrus, als neues Rom und nördliches Palmyra, als Nachfolgerin der großen antiken Reiche und als "Symbol des neuen Rußland", mächtig, reich, aufgeklärt. Als eigene literarische Welt aber erschafft erst einhundert Jahre später Alexander Puschkin Petersburg. Er bricht das harmonische Bild des Einklangs von Natur und Kunst auf, erfaßt das Wesen der Stadt, das in Falconets berühmtem Denkmal des "Ehernen Reiters" verkörpert ist, und gibt für Generationen von Autoren die Petersburg-Motive vor:

Ich lieb dich, Schöpfung Peters, deine - Gestrenge, einheitliche Pracht, - In dem granitenen Gesteine - Der Newa königliche Macht, - Und deine schmucken Eisengitter, - Und deiner nachdenklichen Nacht - Durchsichtig-weißes Lichtgezitter - Wenn ich im Zimmer, - traumerwacht, - Schreib, lese ohne Licht und Lampe, - Wenn klar vor meines Fensters Rampe Das hehre Bild der Stadt entsteht - Und von der Admiralität - Mich grüßt der Nadel - Goldgefunkel - Rag, Peters Stadt, in hehrer Pracht, - Wie Rußland stolz und unbezwungen! - Bezähm der Elemente Macht, - Der du dein Leben abgerungen: - Den Haß der Meer- und Newawellen, - Des Aufruhrs meuterisches Gellen - Stör nicht des Großen ew'gen Schlaf!

In Puschkins Poem vom "Ehernen Reiter" ist Petersburg beides: Die Gründung eines großen Bauherrn, der es gewagt hat, die Elemente herauszufordern, und eine "tragische Imperiale", über der immer auch die Katastrophe schwebt, eben weil der Bauherr weit über seine Kompetenz hinausgegangen ist. Nach der Niederschlagung des Dekabristenaufstands von 1825, mit dem Adlige eine Demokratisierung Rußlands erreichen wollten, wird das Bild düster. Petersburg ist nun das Inbild der ungeliebten Autokratie, die wie ein Bremsklotz unbeweglich dasteht, eine kalte Amts- und Kasernenstadt, ein "Haus auf Gebeinen", dem Untergang in den Fluten geweiht. Und es wird mit Nikolai Gogol zum Ort der aufkommenden Moderne, der Zerstückelung, des Traums und Trugs, des Grotesken und Absurden. Dostojewski schließlich führt Petersburg als Ort des vereinsamten, entwurzelten, zerrissenen Menschen in die Literatur ein, er zeigt die Schattenseiten des modernen Großstadtlebens, den Untergrund. Erst "in der Stunde der Stille vor dem Sturm erschien eine Dichterin", wie Anziferow schreibt, "die liebkosend auf das Antlitz der zum Untergang geweihten Stadt blickte, sie mit Zärtlichkeit beschrieb." Es ist Anna Achmatowa, die - wie Anziferow ja im Grunde auch - einen Abschiedsgesang auf Petersburg anstimmt, denn schon bald sollte die Stadt ihren Namen wechseln, mit dem Ersten Weltkrieg erst zu Petrograd werden und nach der Revolution dann zu Leningrad.

Und der Isak prangt, bekleidet - mit dem silbernen Ornat. - Und in Eisesstarre leidet Peters Roß, bereit zur Tat. - Winde fegen Ruß und Kohle - Von Schornen, stickig, streng ... - Ach, die neue Metropole - Wird dem Zaren gar zu eng.

An diesem Punkt setzt der Osteuropahistoriker Karl Schlögel mit seiner umfassenden und umfangreichen Untersuchung zu Petersburg als "Laboratorium der Moderne" in der Zeit zwischen 1909 und 1921 ein. Über die Jahrhundertwende, im Zug von industrieller Revolution und wirtschaftlichem Boom, war aus Petersburg eine Zweimillionenstadt geworden, die aus allen Nähten platzte. Und auch in anderer Hinsicht war Überdruck zu spüren: Nach der gescheiterten Revolution von 1905 lag Unzufriedenheit in der Luft. Der "Antagonismus zwischen aristokratisch-feudaler, kapitalistisch-ziviler" sowie "proletarischer und bäuerlicher Kultur" war mit den Händen zu greifen. Rußland war in der Zeit des Umbruchs angekommen, während die Zarenfamilie 1913 noch sich und das dreihundertjährige Bestehen der Romanov-Dynastie feierte.

Also, mich interessiert die Zeit von 1909 bis 21 als die Zeit der größten Erhitzungen, als die Zeit des größten Tumults, aus der am Ende alles wie verändert hervorgeht, ja, aber nicht sozusagen durch einen Schnitt namens 1917, sondern das ist ein Laboratoriums-Zeitraum, eine Reaktionszeit, ja, die viel länger ist. Und man kann natürlich sagen, die russische Umwälzung, das ist von 1861 bis 1930, ja, oder von 1905 bis 1937, solche Längsschnitte gibt es ja auch. Ich habe mich entschieden, einen Untersuchungszeitraum zu wählen, der also sehr mit dieser Hochaktivierungszeit zusammenfällt, aber doch davor und danach ist.

Um möglichst viele Facetten dieser hochproduktiven wie hochexplosiven Zeit einzufangen, arbeitet Karl Schlögel mit seiner bewährten Mosaiktechnik. Er beschreibt den Stadtraum im Umbruch auf dem Weg von der überschaubaren klassizistischen Residenzstadt hin zur ungestüm wachsenden Metropole und handelt auch gleich die architektonischen Probleme ab, die sich dabei ergeben, er stellt Ingenieure und die neue technische Intelligenz vor, die an den industriellen Großprojekten des Landes mitwirken und Träumen von der Revolution nachhängen, erkundet den Newski-Prospekt als Enzyklopädie urbanen Lebens, rekonstruiert Diskussionen, wie das Theater für Experimente und ein neues Publikum geöffnet werden kann, schreibt über die Intelligenz und die Krise ihres Selbstverständnisses und stellt dar, wie die Kunst als erste in den Raum des Neuen vordringt.

Wenn man die elf Essays des Buches nebeneinanderstellt, entsteht ein immer deutlicheres Bild von der Petersburger Moderne, dieses Aufeinandertreffens von 16. und 20. Jahrhundert, wie es der Philosoph Nikolai Berdjajew einmal ausgedrückt hat. Und man bekommt eine recht genaue Vorstellung von diesem Laboratorium, in dem so viele verschiedene Kräfte wirksam werden, parallel laufen, sich überschneiden, überlagern, einander zuwiderlaufen. Rußland ist dabei, Elemente einer zivilen bürgerlichen Gesellschaft auszubilden. Und es sind diese Anfänge einer zivilen Gesellschaft und Kultur, so die These von Karl Schlögel, die in der Revolution untergehen, jene Kräfte, "die Rußland auf den Weg der industriellen Revolution gestoßen und das Land vorübergehend zum dynamischen Zentrum einer Zivilisationsbewegung hatten werden lassen." Die russische Revolution war laut Schlögel auch eine Revolution gegen diese Revolution der Moderne. Die Elemente der Zivilgesellschaft waren in Rußland schon einmal da, und genau daran gilt es heute anzuknüpfen.

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