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StartseiteUS-WahlblogTod des amerikanischen Traumes?06.11.2012

Tod des amerikanischen Traumes?

Marcus Pindur macht sich Gedanken über das Ideal einer wohlhabenden demokratischen Gesellschaft

Ich hatte den amerikanischen Traum mit 16 Jahren begraben. Nach der Schullektüre des Arthur-Miller-Dramas "Tod eines Handlungsreisenden" war mir klar, dass der American Dream eine Schimäre ist, eine Welt des Scheines, über die des Seins erhebt, das "Haben" über das "Sein" stellt. Erich Fromm las ich natürlich auch.

Von Marcus Pindur

Der amerikanische Traum ist eigentlich ein globaler Traum. (Stock.XCHNG / Robert Linder)
Der amerikanische Traum ist eigentlich ein globaler Traum. (Stock.XCHNG / Robert Linder)

In diesem Drama scheitert bekanntlich der Handlungsreisende Willy Loman am ständigen Versuch, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden, genauso wie daran, ein guter Vater zu sein und nimmt sich am Ende das Leben. Den Selbstmord kaschiert er als Autounfall, damit die Familie wenigstens die Versicherung kassieren kann. Das Streben nach Reichtum, nach konventioneller gesellschaftlicher Anerkennung führt in den Abgrund.
Also war doch auch der amerikanische Traum tot, oder?

Dass es so einfach nicht ist, wurde mir ein paar Jahre später klar, als ich als junger Fulbrightstipendiat in den USA amerikanische Geschichte studierte. Da las ich begleitend zu meinem Seminar über die Große Depression John Steinbeck, "Die Früchte des Zorns", ein Roman darüber, wie Menschlichkeit und Überlebenswillen auch die widrigsten Umstände überkommen können – aber nicht unbedingt müssen. Der amerikanische Traum will erkämpft sein.

Und ich begriff, da ich ja unter vielen Amerikanern lebte, dass der amerikanische Traum sich nicht im Anhäufen von Reichtümern erschöpft. Ich begegnete vielen Menschen, die darunter lediglich ein anständiges, erfülltes und selbstbestimmtes Leben mit einer relativen wirtschaftlichen und sozialen Sicherheit verstehen. Und mit einer guten Zukunft für ihre Kinder. Eigentlich ist das ein globaler Traum, der Traum vom Aufstieg in die Mittelschicht. Er wird in Indien genauso geträumt wie in Ägypten oder Deutschland. Die Amerikaner können nur mit einigem Recht behaupten, dass sie ihn als erste verwirklicht haben - was auch etwas mit der langen demokratischen Tradition in diesem Land zu tun hat.

Diese Version des amerikanischen Traumes empfinden derzeit viele Menschen der Mittelschicht (die hier nach Selbstdefinition ungefähr 80 Prozent der Bevölkerung umfasst) als gefährdet. Sie sind nicht mehr sicher, ob es ihren Kindern besser gehen wird als ihnen. Das ist eine weitere andere Geschichte, und meine Kollegin Nana Brink hat darüber eine großartige Reportage gemacht
.
Als Korrespondent war mir der amerikanische Traum natürlich auch im Wahlkampf in vielen Reden begegnet, einige von ihnen klangen sehr schal in meinen Ohren. Und ich hatte den amerikanischen Traum schon fast wieder als Mythos und Folklore abgelegt.

Da begegnete mir auf einer Reportagereise in Colorado eine junge Latina, die gerade ihr Lehramtsstudium abgeschlossen hatte und freiwillig ein paar Wochen als Wahlhelferin in einer Kampagne arbeitete. Sie fragte nicht nach Reichtümern, sie forderte Chancen. Chancen durch Bildung. Und sie forderte mit großer Unbefangenheit den amerikanischen Traum ein:

"Ich bin in der ersten Generation Amerikanerin und das Großartige an Amerika ist, dass wir alle aus unterschiedlichen Ecken der Welt kommen, um hier unseren amerikanischen Traum zu verwirklichen."

Ohne jedes falsche Pathos. Da wusste ich, dass der amerikanische Traum lebt.



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