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StartseiteKalenderblattTod in Venedig13.02.2008

Tod in Venedig

Vor 125 Jahren starb der Komponist Richard Wagner

Seine Fans verehren den Komponisten Richard Wagner mit fast parareligiöser Verklärung. Die pikanten Aspekte in seinem Leben bleiben dabei gerne ausgespart. Dabei dürfte Wagners Herzleiden, das am 13. Februar 1883 in Venedig zum Tode führte, nicht zuletzt mit seiner Lebensweise zu tun gehabt haben.

Von Frieder Reininghaus

Porträt Richard Wagner, Photogravure nach einer Fotografie von Franz Hanfstaengl München 1865 (Münchner Stadtmuseum)
Porträt Richard Wagner, Photogravure nach einer Fotografie von Franz Hanfstaengl München 1865 (Münchner Stadtmuseum)

Dem Tod in Venedig folgte Verklärung. Zuvorderst die Stilisierung, welche die Gattin Cosima, nunmehr Witwe des großen Theaterkomponisten Richard Wagner, der öffentlichen Darstellung des genialischen Lebens angedeihen ließ. Eine künstlerische Existenzform, die sich ohne Übertreibung als Inszenierung "des anstößigsten berühmten Lebens" bezeichnen ließ, "das seit Villon geführt worden ist". Die Getreuen von Bayreuth und in der weltweit anschwellenden Wagner-Gemeinde waren bei der parareligiösen Verklärung behilflich. Die "heidnisch-siegfriedhafte Libertinage" wurde wegretuschiert.

"Am Abend nach des Meisters Tode fand man den Gondoliere, der ihn gewöhnlich gefahren hatte", kolportierte beispielsweise Wahnfrieds Haustheoretiker Houston Stewart Chamberlain: er fand den Wasser-Taxler "bitterlich weinend auf den Stufen des Palazzo Vendramin ausgestreckt; die dargebotenen Trostesworte wies er von sich: 'Er war ein so guter Herr! Einen so guten finde ich nicht wieder!'" Sonst nichts zum Ableben am Canal Grande. Der ideologische Wegbereiter Adolf Hitlers folgerte: "Dieses große Herz kann nur das Herz voll erfassen".

Das dann doch überraschend eintretende Ende Wagners hatte mit dem Herzen zu tun. Mit Herzen. Denn Erotik, eine nie zu stillende sexuelle Begierde hielt ihn bis zuletzt munter. 1876, während der Festspiele mit der Uraufführung des Rings, hatte er sich in Judith Gautier verliebt, die bildhübsche Tochter des Dichters Theophil Gautier. Die junge Französin war - was sich in einer klatschsüchtigen Kleinstadt als erhebliches logistisches Problem darstellte - seine Geliebte geworden. Sie verwöhnte ihn während der fortschreitenden Arbeit am Parsifal. Mit der freilich stellte sich noch ein erotisches Dessert ein. Am 5. August 1880 sprach die reizende Carrie Pringle in Haus Wahnfried vor, um eine der 'Solo-Blumen' im II. Aufzug des Bühnenweihfestspiels zu werden.

Sie sang die Arie der Agathe aus Webers Freischütz, wie sogleich vermerkt wurde, nur "erträglich". Doch war sie, inzwischen an der Scala in Mailand engagiert, bei der Uraufführung dann dabei. Dem Blumenmädchen galt das aktuelle Interesse Wagners. Er klagte, auch in mehr oder weniger offenen Anspielungen gegenüber der Gattin, dass er ihr nicht mehr Aufmerksamkeit widmen konnte.

Als der Meister dann, nach getaner Arbeit der Erlösung des Erlösers, in Venedig residierte, besuchte ihn Anfang Februar 1883 der Dirigent Hermann Levi. Man besprach die künftige Besetzung des Parsifal. Zum höchsten Missbehagen der Gattin wurde erwogen, die gleichsam in Reichweite verfügbare junge Sopranistin nach Venedig kommen zu lassen. Zum Vorsingen. Unterdessen vertrieb sich Richard Wagner die Zeit mit der Niederschrift einer letzten theoretischen Abhandlung: Über das Weibliche im Menschlichen.

Am 12. Februar verabschiedete sich Levi. Am nächsten Morgen kam es, so behauptete jedenfalls die Tochter Isolde, zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Richard und Cosima - wegen der Einladung an die Pringle. Der Meister verzichtete auf die Teilnahme am gemeinsamen Mittagessen und schrieb über das Weibliche. Er kam bis zu dem Satz: "Gleichwohl geht der Prozess der Emanzipation des Weibes nur unter ekstatischen Zuckungen vor sich. Liebe - Tragik." Just hier soll er die Feder aus der Hand gelegt haben. Für immer.

Cosima ließ sich nicht nehmen, derweil ruhig weiter zu essen. Als sie zu ihm gerufen wurde und kurze Zeit später der Arzt eintraf, war der Puls nicht mehr zu spüren. Dr. Keppler diagnostizierte, "psychische Aufregungen" hätten den Tod beschleunigt. Er trat nach "ekstatischen Zuckungen" am 13. Februar 1883 ein. Während des Desserts in Venedig.

Literatur
- Erich Kuby, Richard Wagner & Co. - Zum 150. Geburtstag des Meisters, Hamburg 1963
- Houston Steward Chamberlain, Richard Wagner, München 1910

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