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StartseiteCampus & Karriere"Das war wie eine Bombe"02.06.2017

Tod von Benno Ohnesorg"Das war wie eine Bombe"

Knut Nevermann war vor 50 Jahren AStA-Vorsitzender der FU Berlin. Zur selben Zeit wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten auf einer Demonstration getötet. Im Dlf erzählte Nevermann, welchen Einfluss der Tod Ohnesorgs auf die damalige Studentenbewegung hatte - und wie die sich vom politischen Engagement heutiger Studenten unterscheidet.

Knut Nevermann im Gespräch mit Jörg Biesler

Am 09.06.1967 bekundeten 10.000 Studenten in Hannover in einem Schweigemarsch ihre Trauer um den am 02.06.1967 bei einer Anti-Schah-Demonstration in Berlin erschossenen Benno Ohnesorg. Es war die größte Kundgebung dieser Art die bis dato von Studenten in der niedersächsischen Landeshauptstadt veranstaltet wurde. (dpa/Wolfgang Weihs)
Trauermarsch mit 10.000 Studenten für Benno Ohnesorg durch Hannover (dpa/Wolfgang Weihs)
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Jörg Biesler: Benno Ohnesorg ist heute vor 50 Jahren erschossen worden. Das war ein schockierendes Ereignis in jenen Tagen, das Einfluss genommen hat auf die Studentenbewegung, die wir heute unter dem Titel "68" zusammenfassen. Einer der Hauptakteure damals war der ehemalige AStA-Vorsitzende der FU Berlin und spätere Berliner Wissenschaftsstaatssekretär Knut Nevermann. Guten Tag, Herr Nevermann!

"Das war völlig außerhalb unserer Vorstellungswelt"

Knut Nevermann: Hallo, guten Tag!

Biesler: An der Freien Universität läuft gerade eine von Ihnen organisierte Ringvorlesung: "Studentenbewegung: 50 Jahre danach" heißt sie. Wie ist Ihr persönlicher Rückblick auf die Zeit? Was ist da passiert?

Nevermann Na ja, es hat in unserem Bewusstsein als Studenten eine ziemliche Veränderung stattgefunden. Wir sind in einem Maße politisiert und engagiert worden, was wir, als wir dann im Mai 1965, '66 anfingen, überhaupt nicht ahnten, und natürlich war einer der Tiefpunkte oder Höhepunkte, wie Sie wollen, der Tod von Benno Ohnesorg. Weil das haben wir ja bis dahin nicht gekannt, also auch nicht erwartet, dass es sein könnte, dass die Berliner Polizei auf einer Demonstration, die im Wesentlichen friedlich war, tatsächlich von der Pistole Gebrauch macht und einen Menschen erschießt. Also das war völlig außerhalb unserer Vorstellungswelt und entsprechend heftig war natürlich die bewusstseinsmäßige Veränderung in uns. Das war wie eine Bombe. Also das war eine Veränderung, die kann man sich gar nicht vorstellen.

"Eine Veränderung der Wahrnehmung und des Bewusstseins erreicht"

Biesler: Sie haben sich mutmaßlich noch stärker als Opposition gefühlt als vorher überhaupt schon diesem Staat gegenüber. Wie haben sich durch diese 68er-Bewegung, durch die Politisierung dann die Hochschulen zunächst mal und nachher auch die Gesellschaft verändert?

Nevermann Ich glaube, dass der Hauptpunkt tatsächlich der ist, dass wir bei den Beteiligten und auch darüber hinaus eine Veränderung der Wahrnehmung und des Bewusstseins erreicht haben. Das muss man einfach sagen. Es gab eine Reihe von Themen: Nehmen Sie mal Vietnamkrieg, wir hatten das Thema Notstandsgesetze, wir hatten das Thema autoritärer Staat, Adenauerstaat, dagegen protestierten wir, wir hatten das Thema Belastung der Universitäten und auch der Gesellschaft insgesamt durch Altnazis und durch nichtaufgearbeitete Vergangenheit, wir hatten die Kritik an der Ordinaluniversität, und das Interessante ist ja, wenn man das von heute aus, 50 Jahre später betrachtet, kann man einfach sagen: Wir hatten damals in diesen Punkten recht. Wir waren auch die Einzigen, die gesagt haben, wir müssen die autoritären Strukturen in der Universität, die Ordinarienuniversität, wo einer alles zu bestimmen hatte und alle anderen nicht mitmachen durften, endlich aufbrechen, und diese ganzen Themen waren ja auch aus heutiger Sicht berechtigte Themen, mit denen wir auch Krawall gemacht haben, auch Regelverletzungen gemacht haben und dadurch alle miteinander gemerkt haben, jawohl, wir müssen uns politisch engagieren.

"Überhaupt Bürgerinitiativen waren ja vorher gar nicht bekannt"

Biesler: Ja, und erstaunlicherweise haben Sie es sogar geschafft, was Sie angestrebt haben, nämlich die Hochschulen zu verändern zunächst mal und anschließend auch die Gesellschaft. Die Hochschulen haben sich ganz stark verändert in den 60er-, 70er-Jahren hin zu einer demokratisch organisierten Institution, aber auch die Gesellschaft haben Sie verändert und nicht zuletzt dadurch, dass Menschen wie Sie Karriere gemacht haben –

Nevermann Ja.

Biesler: – in der Republik und verantwortliche Posten übernommen haben. Bei Ihnen immerhin dann am Ende Wissenschaftsstaatssekretär in Berlin, das heißt, Sie haben das System dann auch mitbestimmt. Das war das Ziel damals, das erklärte?

Nevermann Das war dieser berühmte Marsch durch die Institutionen mit einem veränderten politischen, wenn Sie so wollen: antiautoritären Bewusstsein in die Verbände, in die Kirchen, in die Parteien, in die Gerichte, in die Schulen hineinzugehen und dort Veränderung zu betreiben. Die wirklich große Masse der damals Engagierten war hinterher mit einem anderen politischen Bewusstsein unterwegs, diese Gesellschaft und diese Institution zu verändern, und ich finde, da haben wir einige Erfolge erreicht, natürlich auch negative Sachen, wie eben die kleine Gruppe der Terroristen und wie die merkwürdigen K-Gruppen, die sich da gebildet haben, aber dort der große, große Zug derjenigen, die engagiert waren, die haben Positives bewirkt – bis hin zu den Grünen, bis hin zu der Frauenbewegung, bis hin zur Anti-AKW-Bewegung, alles. Überhaupt Bürgerinitiativen waren ja vorher gar nicht bekannt. Die wurden ja erst in Folge und als Kinder, wenn Sie wollen, der Studentenbewegung dann auch von großer, politischer Bedeutung.

"Das Bewusstsein, dass Politik notwendig ist, nimmt wieder zu"

Biesler: Sie gucken zurück jetzt auf 50 Jahre Studentenbewegung sozusagen und haben den Blick auch gerichtet auf die Gegenwart, denn wir leben ja wieder in Zeiten, in denen die politischen Extreme auseinanderstreben, es stärkeren Streit gibt, intensiveren Streit, auch Populismus, wo es überhaupt nicht mehr um Inhalte geht, sondern nur darum, zu behaupten, dass das nicht stimmt, was der andere sagt. Können die Hochschulen da heute wieder drauf reagieren? Sind sie in der Lage, noch mal möglicherweise Einfluss zu nehmen auf das, was in der Gesellschaft passiert?

Nevermann Ich glaube, dass heute in den Universitäten überall doch auch tatsächlich Möglichkeiten bestehen, und zwar sowohl von Veranstaltungen, die Professoren machen, als aber auch von politischen Veranstaltungen, sehr intensiv nachzudenken, was sind die Gegenstrategien gegen das, was jetzt als neuer Populismus in der Welt ist. Das, glaube ich, ist möglich, und ich glaube auch, dass man da auf das eine oder andere zurückgreifen kann, aber es waren total andere Bedingungen '68. Wenn Sie mal heute - auch der Kampf gegen Populismus heute wird ja von einer großen, breiten, wenn Sie so wollen: Mehrheit der Gesellschaft getragen. Es gibt ja heute eine viel breitere, eine viel tolerantere, eine viel offenere Gesellschaft, und da ist es verdammt schwer, die Leute zu motivieren, etwas zu tun. Es findet ja was statt, und es wird auch weiterhin was stattfinden, denn das merke ich schon bei den jungen Leuten, dass tatsächlich das Bewusstsein, dass Politik notwendig ist und man sich engagieren muss, dieses Bewusstsein nimmt wieder zu.

Biesler: Sagt Knut Nevermann, 1967 einer der Hauptakteure der Studentenbewegung, später Berliner Wissenschaftsstaatssekretär, und heute im Ruhestand organisiert eine Ringvorlesung an der Freien Universität Berlin, "Studentenbewegung: 50 Jahre danach" heißt sie. Danke, Herr Nevermann!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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