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StartseiteForschung aktuellTödliches Missverständnis01.07.2008

Tödliches Missverständnis

Warum Schnabelwale nach Sonarübungen massenhaft stranden

Technik. - Unterwasserlärm ist für viele Meeresbewohner ein Problem. Die Sonaranlagen der Kriegsmarinen dieser Welt gelten als gefährlich für Wale. Ein US-Meeresbiologe hat jetzt herausgefunden, dass Sonare Schnabelwale stranden lassen, weil ihre Geräusche denen von Killerwalen ähneln. Ertönen sie, machen sich die Meeressäuger schleunigst aus dem Staub und stranden dabei häufig. Auf der weltweit größten Akustik-Tagung, die gestern in Paris begann, präsentierte der Forscher seine Erklärung

Von Ralf Krauter

Mit dem Sonar schlägt das Militär Schnabelwale in die Flucht. (NOAA)
Mit dem Sonar schlägt das Militär Schnabelwale in die Flucht. (NOAA)

Wer noch nie einen Schnabelwal gesehen hat, ist in guter Gesellschaft. Vielen Meeresbiologen geht es genauso. Diese Meeressäuger können zwar bis zu 13 Meter lang werden, lassen sich aber nur selten an der Wasseroberfläche blicken. Die meiste Zeit verbringen sie in den Tiefen der Ozeane, wo sie auf der Jagd nach Beute bis zu 2000 Meter tief tauchen - wenn sie nicht dabei gestört werden. Zum Beispiel vom infernalischen Krach der Sonaranlagen, die Militärs zum Aufspüren feindlicher U-Boote verwenden, erklärt Peter Tyack vom US-Meeresforschungszentrum in Woods Hole, Massachusetts.

"”Es gibt Berichte von Massenstrandungen in Gegenden, wo kurz zuvor militärische Experimente mit niederfrequenten Sonaren gemacht wurden. Vor Griechenland, vor Madeira, den Kanaren und den Bahamas gab es solche Vorfälle, bei denen Gruppen von Schnabelwalen kurz nacheinander im Umkreis von zehn Kilometern auf Grund liefen und starben. Bis heute weiß niemand, wie genau es dazu kam.""

Dass die ohrenbetäubenden Echolot-Pulse, die an der Schallquelle deutlich lauter als ein Düsenjet sind, die Ursache sind, daran zweifelt heute kaum einer mehr. Der genaue Mechanismus blieb aber im Dunkeln. Direkte körperliche Schäden durch den enormen Schalldruck hatte nämlich keines der gestrandeten Tiere erlitten, dafür waren sie offenbar zu weit von der Lärmquelle entfernt. Um Antworten zu finden, klebte Peter Tyacks Team zunächst Dutzenden der Wale mit Saugnäpfen kleine Digital-Rekorder auf den Rücken, die das Schwimmverhalten der Tiere ebenso registrieren wie alle Töne, die sie Unterwasser hören und selbst von sich geben. Tyack:

"”Dadurch fanden wir heraus, dass Schnabelwale bei der Unterwasserjagd Klicklaute erzeugen, um ihre Beute aufzuspüren. Sie benutzen Echolot-Ortung, genau wie Fledermäuse das tun. Während eines normalen, rund einstündigen Tauchgangs machen sie Tausende solcher Klicklaute. Mit einer Frequenz von 40 Kilohertz sind sie gut doppelt so hoch wie der höchste Ton, den Menschen noch hören können. Das große Rätsel dabei: Die Sonare, die die Wale stranden ließen, operieren mit einer zehnmal tieferen Frequenz. Es gibt also praktisch keinen akustischen Überlapp zwischen diesen Signalen.""

Weil sich Peter Tyack seit über 20 Jahren mit Walen beschäftigt, hatte er einen Verdacht. Vielleicht war ja alles nur ein Missverständnis? Die Sonarpulse, die die akustischen Rekorder auf dem Rücken der Schnabelwale aufgezeichnet haben, ähneln entfernt nämlich jenen Geräuschen, die Beute suchende Killerwale von sich geben. Tyack:

"”Ich dachte mir: Vielleicht glauben die Schnabelwale, die Sonartöne kämen von ihren Fressfeinden, den Killerwalen. Dann würde ihr Schall einen Fluchtreflex auslösen, der zu den Massenstrandungen führen könnte. Um diese Hypothese zu testen, spielen wir Schnabelwalen mit Unterwasserlautsprechern die Geräusche eines Sonars und eines Killerwals vor und vergleichen ihre Reaktion auf beide Reize.""

Durchgeführt werden die Versuche in einem mit Unterwassermikrofonen gespickten Testgelände der US-Marine vor den Bahamas. Sobald sich ein Schnabelwal durch sein Klicken verrät, fahren die Forscher an die betreffende Stelle, hängen spezielle Lautsprecher ins Wasser und drehen langsam auf. Die gemessene Reaktion ist in beiden Fällen sehr ähnlich. Sobald die Wale das Geräusch hören, unterbrechen sie die Nahrungssuche. Sie stoppen ihr Echolot-Klicken, schwimmen ungewöhnlich langsam zur Oberfläche und entfernen sich von der Lärmquelle: Eine markante Verhaltensänderung. Um die vorläufigen Ergebnisse wasserdicht zu machen, will Peter Tyack den Tieren nun andere Tonfolgen im Frequenzbereich von Sonar und Killerwalen vorspielen. Wenn die keinen Fluchtreiz auslösen, wäre die Sache klar. Und möglicherweise ließe sich das Problem dann auch vergleichsweise simpel entschärfen. Tyack:

"Vor den heutigen Sonarpulsen flüchten die Wale bereits bei so geringen Lautstärken, dass das Militär kaum einwilligen dürfte, unterhalb dieser Lärmschwelle zu bleiben. Aber vielleicht lässt sich die Signalform leicht verändern – so, dass sich damit immer noch U-Boote jagen lassen, aber keine Schnabelwale mehr aufgeschreckt werden."

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