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StartseiteForschung aktuellKopftraining gegen Hyperaktivität18.07.2017

Tolle Idee! Was wurde daraus?Kopftraining gegen Hyperaktivität

Was tun gegen Philipps Zappeln? Ritalin, sagen manche. Forscher kommen zu dem Schluss, dass mentales Training ähnlich wirksam sein könnte wie das Psychopharmakon. Ihre Alternative heißt Neurofeedback.

Von Anneke Meyer

Ritalin wird zur Behandlung von ADHS eingesetzt (picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Ritalin hilft einigen, ist aber ein Psychopharmakon. Kann man auch ohne ruhiger und konzentrierter werden? Forscher erproben Neurofeedback als Alternative. (picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
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"Wir beginnen mit einer Ruhemessung des Gehirns: Bitte nicht schlucken und ganz ruhig sitzen. Ab jetzt bitte."

Ruhig Sitzen ist normalerweise nicht so Daniels Stärke. Seit seiner frühen Kindheit hat er eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS. Über viele Jahre hat er Medikamente bekommen, die ihm halfen, ruhig und konzentriert zu sein: Methylphenidat, besser bekannt als Ritalin. Inzwischen ist Daniel erwachsen. Die Störung ist geblieben. Die Pillen aber hat der gebürtige Amerikaner abgesetzt:

"Ich hatte irgendwie das Gefühl, das Medikament hat ein bisschen meine Persönlichkeit geändert. Ich hasse das Gefühl mit Medikament. Das war für mich ein ganz flaches Gefühl, das ich immer gehabt hatte."

Forscherin: Viele Patienten suchen eine Alternative zu Medikamenten

Kein Einzelfall. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen zeigen die Medikamente nicht die gewünschte Wirkung. Andere klagen über Nebenwirkungen oder fühlen sich einfach nicht wohl, erklärt Ann-Christine Ehlis, die an der Uni-Klinik Tübingen die neuronalen Grundlagen von ADHS untersucht:

"Es gibt schon viele Patienten, die zu uns kommen, die eine Alternative suchen, um eine medikamentöse Behandlung langfristig zu ersetzen."

Und zwar durch Neurofeedback. Schon lange ist bekannt, dass die Hirnaktivität von ADHS-Patienten sich von der gesunder Probanden unterscheidet. Einige Aktivitätsmuster sind zu stark, andere zu schwach ausgeprägt. Beim Neurofeedback lernen die Patienten ihre Hirnaktivität bewusst zu steuern. Dadurch können sie das Ungleichgewicht ausbalancieren – im Hirn und im Verhalten.

Krankenkassen: Die Wirksamkeit noch nicht erwiesen

Mentales Training statt Tabletten also. Eine tolle Idee, die in den letzten Jahren viel wissenschaftlichen Rückhalt gewonnen hat. Zahlreiche Studien zeigen, dass das Training die Aufmerksamkeit verbessert und impulsives Verhalten reduziert. Anders als bei Medikamenten sind die Veränderungen dauerhaft. Ein klarer Vorteil. Von den Krankenkassen wird Neurofeedback-Training trotzdem nicht standardmäßig übernommen, denn, so Ehlis:

"Das ist eine Frage, die aktuell noch nicht geklärt ist: Woher vom Neurofeedback-Training tatsächlich die Effekte kommen."

Egal ob Medikament oder psychologische Intervention – bevor etwas offiziell zugelassen wird, muss klar sein, was genau eine Behandlung wirksam macht. Beim Neurofeedback gegen ADHS hat sich das als nicht ganz einfach herausgestellt.

Das Training: Eine Feder steuern mit Gedankenkraft

"Okay, dass sieht alles gut aus... Bereit? Gut, dann gehen wir in die erste Runde..."

Die Doktorandin Beatrix Barth tippt ein paar kurze Befehle. Auf dem himmelblauen Monitor, vor dem Daniel sitzt, erscheint eine Linie mit einem nach oben zeigenden Dreieck. Eine Feder weht von links in den Monitorhimmel und wackelt langsam entlang der Linie. Daniel kann ihre Höhe beeinflussen, indem er seine Hirnaktivität verändert. Genauer: einen einzelnen Aspekt – die Aktivität seines Stirnhirns. Eine Kappe mit Sensoren greift die Signale von seiner Schädeloberfläche ab. Barth erklärt:

"Wenn die Dreieckspitze nach oben zeigt, sollen die Patienten versuchen, die Hirnaktivität nach oben zu regulieren. Und das sieht man eben anhand des Objekts. Beispielsweise bewegt sich jetzt die Feder nach unten, das heißt, dass eben auch die Hirnaktivierung nach unten reguliert wird."

Alle starren gespannt auf den Monitor. Wie genau man es schafft, die Hirnaktivität zu steuern, muss jeder selber herausfinden. Daniel überlegt, wie er eine schwierige Kletterroute meistern könnte. Die Feder hört auf zu sinken und schwebt nach oben. Es piept. "Sehr gut", sagt Barth.

20 Trainingseinheiten hat er gebraucht, um die Technik zu verinnerlichen.

"Es hat mich so ein bisschen ruhiger gemacht"

"Ich habe das Gefühl, es hat mich so ein bisschen ruhiger gemacht in meinem Leben. Vorher war ich ein bisschen mehr aggressiv und impulsiv", sagt Daniel.

Eine Folge der erlernten Hirnaktivitäts-Regulation? Oder hilft es einfach, wenn man immer wieder übt sich zu konzentrieren? Um solche Fragen zu klären, brauchen Wirksamkeitsstudien eine Placebo-Behandlung, die ähnlich funktioniert, aber keinen Effekt hat. Zu welcher Gruppe er gehört, sollte ein Patient nicht mitbekommen, sonst könnte seine Erwartung das Ergebnis beeinflussen. Anforderungen die für Medikamentenstudien einfach umzusetzen sind, für Neurofeedback aber nur sehr schwierig, erklärt Ehlis:

"In der Regel wissen unsere Patienten, ob sie jetzt beispielsweise Muskelaktivität trainieren oder tatsächlich einen Aspekt der Hirnaktivität. Also dieser Verblindungsaspekt ist schon mal weg. Trotzdem haben wir teilweise auch sehr gute Verbesserungen in der Muskel-Biofeedback-Trainingsgruppe, die jetzt so nichts mit dem Training von Hirnaktivität zu tun hat."

Allein die Rahmenbedingungen des Trainings haben also eine Art "Placebo-Effekt". Wie viel der Wirksamkeit von Neurofeedback tatsächlich auf die erlernte Hirnregulation zurückgeht, ist noch nicht ganz klar. Die aktuellen Behandlungsleitlinien für ADHS beurteilen Neurofeedback deshalb als vielversprechend, aber nicht als Alternative zu Medikamenten.

Neurofeedback funktioniert nicht bei jedem Patienten

Hinzu kommt, dass Neurofeedback genau wie Ritalin nicht für jeden funktioniert. Möglicherweise eine Folge davon, dass die etablierten Trainingsprotokolle ADHS-typische Abweichungen in der Hirnaktivität zugrunde legen, die im Gruppenmittel sichtbar werden. Im Einzelfall muss sich so eine typische Veränderung nicht wiederfinden, erklärt Ann-Christine Ehlis:

"Wenn ich bei Ihnen einen Parameter trainiere im Gehirn, der möglicherweise jetzt bei Ihnen gar nicht verändert ist, dann wundert es auch nicht, dass ein Training dieses Hirnfunktionsmaßes keinen Effekt auf die Symptomatik hat."

Individualisierte Trainingsansätze könnten in Zukunft dabei helfen, den Erfolg durch Neurofeedback weiter zu verbessern. Aber auch beim heutigen Forschungsstand: Sinnvoll ist ein Versuch mit Neurofeedback allemal.

Der Patient wird selbst gegen die Störung aktiv

Daniel hat das Training geholfen. Warum er es Tabletten immer vorziehen würde, hat aber noch einen ganz anderen Grund:

"Ich mag die Idee, dass man selbst etwas dafür tun kann und nicht einfach nur Pille rein und es wird besser."

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