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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenTotaler Schutz durch totale Kontrolle?04.02.2010

Totaler Schutz durch totale Kontrolle?

Tübinger Wissenschaftler untersuchen die Ethik von Sicherheitstechnologien

Die Körper entblättert, die Köpfe durchleuchtet: Geht die höhere Sicherheit, der bessere Schutz vor Anschlägen, den wir alle wollen, auf Kosten von Freiheit und Privatsphäre?

Von Peter Leusch

Eine Sicherheitsbeamtin schaut am auf das Bild eines Röntgenscanners  (AP)
Eine Sicherheitsbeamtin schaut am auf das Bild eines Röntgenscanners (AP)

"Die Körperscanner arbeiten im Grunde ähnlich wie Röntgenstrahlen, nur dass sie eine andere Frequenz haben, das führt dazu, dass diese Strahlen, die entweder mit Terahertzstrahlen oder mit Milimeterhertzstrahlen arbeiten, von Metall, von Plastik, aber auch von Wasser reflektiert werden, was bedeutet: Sie können einerseits durch Stoffe, durch Kleidung hindurch kommen, werden aber vom Körper, der einen hohen Wassergehalt hat, zurückgeworfen. Dadurch hat man die Möglichkeit, ein Bild des nackten Körpers zu erstellen, auch von Gegenständen, von Messern, die am Körper getragen werden. Man kann aber auch Flüssigkeiten, Sprengstoffe, all diese Dinge entdecken, die ein Metalldetektor nicht erkennen kann."

Benjamin Rampp, Soziologe und Politikwissenschaftler, erläutert wie die neuartigen Ganzkörperscanner funktionieren. Rampp koordiniert ein Forschungsprojekt am Tübinger Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, das solche Terahertzdetektionssysteme in ethischer Hinsicht reflektiert und bewertet.

Gerade bei den Ganzkörperscannern zeigt sich einmal mehr der Januskopf der wissenschaftlich-technischen Entwicklung: 2008 frohlockten die Sicherheitsbehörden, weil man mit den neuen Geräten endlich am Körper verborgene waffenartige Gegenstände effektiver aufspüren könnte. Aber gleichzeitig war klar, dass damit ein weiteres Stück Intimsphäre verloren geht, weil der Körperscanner die Kontrollierten bis auf die Haut auszieht und ihre nackten Bilder auf den Monitor bringt.

"Nacktheit war das große Thema im Herbst 2008, als die erste Skandalisierung der Terahertzscanner erfolgte, Nacktheit scheint in der jetzigen Diskussion nicht mehr das große Thema zu sein vor allem deshalb, weil die Politik uns Scanner verspricht, die keine nackten Bilder mehr liefern. Inwiefern das tatsächlich ein gehaltvolles Versprechen ist, das müssen die Physiker beantworten, es gibt auch Physiker, die das bezweifeln, - aber es gibt eine Menge anderer Probleme, die damit verbunden sind: Ganz basal müssen Gesundheitsfragen gelöst werden, nach all dem, was wir wissen, sind Terahertzstrahlen nicht gesundheitsgefährlich, aber das Bundesamt für Strahlenschutz ist noch dabei zu testen und das sind Ergebnisse, die man auf jeden Fall abwarten muss."

Die Theologin Regina Ammicht Quinn, die den Forschungsschwerpunkt Ethik der Sicherheit leitet, unternimmt mit ihrem Team eine umfassende Reflexion der neuen Ganzkörperscanner, die nicht bei dem brisanten Thema Nacktheit stehen bleibt.

Denn ein weiterer Aspekt ist das Problem der Datenspeicherung und Datenschutz. Auch wenn es technisch gelingen sollte, anonymisierte Bilder zu erzeugen, in denen nur noch Umrisse oder abstrakte Piktogramme statt konkreter Körper erscheinen, so könnten die ursprünglichen Daten immer wieder auf das ursprüngliche Nacktbild zurückgerechnet werden. Deshalb fordert das Ethikzentrum, dass die Daten sofort und automatisch gelöscht werden, falls man die Scanner einsetzt.

Außerdem, so wendet der Philosoph Michael Nagenborg ein, hat bis jetzt kaum jemand über die Zumutungen nachgedacht, die Menschen mit verdeckten Behinderungen treffen.

"Das Problem, was wir momentan sehen, ist, dass in der politischen Diskussion sehr viel Wert darauf gelegt wird, dass diese Körperbilder nicht mehr so intim, so detailreich sein werden, unter Umständen, dass nur noch Strichmännchen da sind. Genau da fängt aber das Problem an von Sicherheitstechnologien und Menschen mit abweichenden Körpern. Die Maschine wird auch dann eine Abweichung vom normalen erwarteten Körper feststellen und damit haben Menschen, die krankheitsbedingt, unfallbedingt oder weil sie von Natur aus anders geformt sind, im wahrsten Sinne des Wortes, das Problem, dass sie einen Alarm auslösen werden."

Die Scanner sind so programmiert, dass sie zwischen Menschlichem und Nichtmenschlichem unterscheiden: das Nicht-Menschliche kann ein Keramikmesser oder Plastiksprengstoff sein, es kann sich aber auch um eine Brustprothese, einen Urinbeutel oder künstlichen Darmausgang handeln. Hier erwarten Menschen mit Behinderungen peinliche und entwürdigende Situationen, als potenziell Terrorverdächtige müssen sie sich erklären und schambesetzte körperliche Handicaps oder chronische Krankheiten öffentlich machen.

Geht die erhöhte Sicherheit auf Flughäfen, die viele wünschen und die allen zugutekäme, zulasten weniger, insbesondere zulasten von Menschen mit Behinderungen: Hier wird ein Gerechtigkeitsproblem sichtbar. Und damit zugleich ein Konflikt, den eine ethische Reflexion aufzeigt: Sicherheit, hier im Sinne der körperlichen Unversehrtheit, ist ein hoher Wert, aber es gibt andere Grundwerte wie Freiheit, Privatheit und Gerechtigkeit, mit denen er austariert werden muss.

Welche Auswirkungen haben Körperscanner, wenn sie denn in der jetzt entwickelten Form eingeführt würden, auf das Verhalten von Menschen mit Behinderungen? Werden sie aus Scham weniger reisen?

Technische Neuerungen wirken in die Gesellschaft hinein, so Regina Ammicht Quinn:

"Jede Technik nimmt Einfluss auf die Gesellschaft und es gibt mit Sicherheit Techniken mit größerer und mit geringerer Einflusstiefe, der elektrische Bleistiftspitzer spielt in einer anderen Liga als das Automobil, aber Sicherheitstechniken haben die Tendenz eine große Eindruckstiefe zu haben, für Personen und für die Frage nach gesellschaftlichem Leben und das muss auch nicht nur durch Trial und Error ausprobiert werden, was denn nun so geht, was akzeptiert wird und was nicht, sondern grundlegend reflektiert werden."

Wann und wo ist es vertretbar, eine neue Sicherheitstechnologie wie den Körperscanner einzusetzen? Nur am Flughafen? Gibt es alternative Kontrollmöglichkeiten, zum Beispiel für Menschen mit Behinderung?
Wer bedient die Geräte, wer darf sie erwerben? Kann sich demnächst der Nachbar auch so einen Scanner in den Vorgarten stellen?

Das alles sind Fragen, die nicht erst, wie früher üblich, diskutiert werden dürfen, wenn eine bestimmte Technologie schon fertig existiert oder bereits eingesetzt wird, sondern im Prozess ihrer Entwicklung, erläutert Eve-Marie Engels. Die Philosophin gehört dem wissenschaftlichen Vorstand an und ist Sprecherin des Tübinger Ethikzentrums.

"Wir möchten nicht von der Kanzel sozusagen die Ethik predigen. Die Ethik in den Wissenschaften ist die Bezeichnung für ein Programm. Das bedeutet, dass ethische Fragen, die aus der wissenschaftlichen Theorie und Praxis entspringen, gemeinsam identifiziert werden, analysiert werden, bewertet werden mit Kolleginnen und Kollegen aus den Geisteswissenschaften und den Kollegen aus den Naturwissenschaften, Medizin und so weiter."

Die Tübinger Einrichtung, die jetzt 20 Jahre besteht, nennt sich bewusst Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften. Ethik darf kein abseitsstehender moralischer Bedenkenträger sein, der stets dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt räsonnierend hinterher hinkt, Ethik soll in die Fachbereiche selber integriert sein.

Eine solche kritische und zugleich konstruktive Rolle als Partner von Wissenschaft und technischer Gestaltung bezieht auch der junge Forschungsschwerpunkt Sicherheitsethik.

Regina Ammicht Quinn und ihr Team haben in Szenarien durchgespielt, wie sich Sicherheitstechnologien auswirken, sie haben Fragen, Bedenken und Forderungen nach alternativen Lösungen in die gemeinsamen Arbeitskreise mit den Fachwissenschaftlern und Technikern hineingetragen. Konkret erklärten die Ethiker schon früh die technische Verfremdung der Nacktbilder zu einer vordringlichen Aufgabe, ebenso alternative Kontrollverfahren für Menschen mit Behinderungen.

Die Ganzkörperscanner sind dabei das brisanteste Beispiel einer Reihe von neuen Sicherheitstechnologien am Horizont.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung erwägt, in naher Zukunft ein Forschungsprojekt zur Bewegungsmustererkennung aufzulegen. Die Tübinger Ethiker haben sich mit der Technik bereits auseinandergesetzt. Andreas Traut, einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter, bereitet eine Dissertation zu diesem Komplex vor.

"Bei der Bewegungsmustererkennung befinden wir uns in einem Bereich von Techniken, die herkömmliche Videoüberwachungssysteme verbessern sollen, denn diese Videoüberwachungssysteme kranken an dem Problem, dass sie sehr viele Bilder produzieren, die kein genuines Wissen mehr erzeugen, man weiß auch, dass die Aufmerksamkeit von Sicherheitspersonal zur Auswertung dieser Bilder ziemlich bald sinkt."

Hier soll die Bewegungsmusterkennung abhelfen, indem sie für einen spezifischen Ort bestimmte Bewegungen als normal klassifiziert und ausblendet, andere dagegen als ungewöhnlich einstuft und besonders fokussiert. So könnten bestimmte Personen oder Objekte als auffällig bewertet und über mehrere Videokameras hinweg observiert werden. Andreas Kraut:

"An einer U-Bahn-Station beispielsweise sind Bewegungsströme von Bahnsteig A zu Bahnsteig B normal, und auch eine gewisse Geschwindigkeit, mit der ich mich bewege, von A nach B. Bewegungsmustererkennung setzt also insofern Normalität voraus, sie perpetuiert aber auch eine gewisse Normalitätsvorstellung, denn es sollte sich in Zukunft auch jeder daran halten, genauso von A nach B gehen, wie es die Normalität verlangt, - weil er sonst Alarm auslöst, weswegen möglicherweise Handlungsspielräume, von Menschen, die sich an diesen Orten aufhalten, eingeschränkt werden. Es möchte ja niemand Alarm auslösen und die Blicke der Polizei oder der Sicherheitsbehörden auf sich ziehen."

Quinn: "Ein unbewegtes Objekt in einem Bewegungsstrom mag ein liegengebliebener verdächtiger Koffer sein, zum Beispiel den man kontrollieren muss, oder es mag ganz einfach ein Bettler sein, der sich dahin gesetzt hat, und auf den jetzt ganz schnell die Aufmerksamkeit gelenkt wird."

Systeme der Bewegungsmustererkennung werden bereits erfolgreich eingesetzt, zum Beispiel um Wasserströme zu kontrollieren. Im Gegensatz zur Natur unterlegen Menschen ihrem Handeln jedoch Absichten, die zu recht unterschiedlichen Bewegungen führen. Elektronische Bewegungsmustersysteme können genau dies nicht erfassen und berücksichtigen. Aber sie erzwingen auf subtile Weise eine Disziplinierung unseres Verhaltens, eine Selbsteinschränkung von Spontaneität und Freiheit. Das ist jener Effekt, den wir aus dem Museum kennen: Wir müssen uns stärker kontrollieren, weil schon die harmlose Berührung eines Bildes ein Warnsignal auslöst und eine peinliche Ermahnung durch das Aufsichtspersonal nach sich zieht.

Anfang Januar löste ein chinesischer Student auf dem US-Flughafen Newark Großalarm aus. Er war unter dem Absperrseil hindurchgeschlüpft, um seine Freundin zum Abschied noch einmal zu küssen. Tage später wurde er in seiner Wohnung verhaftet. Nun droht ihm eine Anklage wegen unerlaubten Betretens der Sicherheitszone.

Aufgrund der Anschläge und Pannen ist die Nachfrage nach weiteren besseren, Sicherheitskonzeptionen und –technologien hoch. In Israel wurden neue Lügendetektoren entwickelt, die man zur Gedankenkontrolle beim Einchecken benutzen will. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat die Tübinger Ethikgruppe beauftragt, diese neue Technologie in ethischer Hinsicht zu analysieren und zu bewerten.
Benjamin Rampp:

"Diese Technik basiert darauf, dass Menschen ein bestimmter Reiz gegeben wird, das kann ein Bild sein, ein Satz sein, den man auch hört, und gleichzeitig werden verschiedene Variablen gemessen, der Herzschlag, die Körpertemperatur und so weiter. Und nun sagt diese Firma, dass sie in der Lage seien zu erkennen, ob jemand auf diesen bestimmten Reiz auffällig reagiert, das heißt am Flughafen könnte man sich überlegen, dass beim Einchecken - inzwischen oft am Automaten - kurz wenn man seinen Namen eingibt ein Feld aufleuchtet, wo drauf steht: "wahrer Name" - Und in diesem Fall würden Personen, die eigentlich vorhaben einen falschen Namen einzugeben, anders reagieren, sie geben nach wie vor ihren falschen Namen ein, aber es fällt auf, - das sagt diese Firma, und dazu haben wir ein ethisches Gutachten erstellt."

Der Lügendetektor wäre gleichsam Gegenstück und Ergänzung zum Nacktscanner, der eine entblößt den Körper, der andere enthüllt die Gedanken.

Aber der Lügendetektor, wenn er denn funktioniert, würde noch tiefer in die Intimsphäre eingreifen als der Nacktscanner, weil er nicht nur überprüft, was jemand am Leib mit sich führt, sondern die Einstellungen und damit die Persönlichkeit.

Die Tübinger haben denn auch die Lügendetektoren in ihrem Gutachten als eine Waffe klassifiziert, und dem Bundesministerium eine entsprechend strenge Reglementierung empfohlen. Wenn überhaupt, dürften solche Geräte nur zur Aufdeckung spezifischer krimineller Delikte, aber nicht für allgemeine Kontrollen oder zur Ermittlung politischer Einstellungen eingesetzt werden.

Das Ethikzentrum versteht seine Rolle als Expertengremium aber nicht so, dass es Fragen von Sicherheit und Sicherheitstechnologien abschließend beantworten kann und dann zur Entscheidung an die Politik verweist. Es sieht seine Aufgabe vielmehr darin, die Analysen und Reflexionen in die Öffentlichkeit zu tragen und dort eine weiterführende Diskussion zu unterstützen. Eve-Marie Engels:

"Es ist auf jeden Fall auch der Bereich der öffentlichen Diskussion mit angesprochen. Wir haben hier am Ethikzentrum drei große Schwerpunkte, den Schwerpunkt der Forschung, dann Transfer und Dokumentation.
Das, was jetzt hier in verschiedenen Projekten oder auch an den einzelnen Lehrstühlen erforscht wird, das muss auch transferiert werden, ... da geht es natürlich auch um die Ausbildung von Referendaren, um die Aktualisierung des Wissens von Lehrern, wir arbeiten also im Bereich des Transfers auf ganz verschiedenen Ebenen."

Der Tübinger Forschungsschwerpunkt zur Sicherheitsethik demonstriert ein verändertes Selbstverständnis des Fachs. Ethik begreift sich nicht mehr als hehres Gewissen, das über allem thront, sondern als kritischer Partner der wissenschaftlich-technischen Entwicklung und als moralischer Kompass auf dem Weg in eine menschenwürdige Zukunft.

"Ullrich Beck hat einmal gesagt, dass die Ethik eine Fahrradbremse am Space-Shuttle sei, ich glaube, dass er nicht recht hat, und zwar nicht deshalb, weil die Ethik manchmal so vergeblich ist, wie eine Fahrradbremse am Space-Shuttle. Er hat nicht recht damit, dass Ethik immer eine Bremse sein muss, Ethik kann man auch als eine Form von Navigationssystem verstehen sonst entsteht eine doppelte Gefahr: die erste Gefahr, dass es Sicherheitsversprechen gibt, die nie gehalten werden können, und die zweite Gefahr, dass die Gesellschaft sich durch Sicherheitsanstrengungen so verändert, dass sie nicht mehr die Gesellschaft ist, die wir sichern wollten."

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