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StartseiteSport am WochenendeTour der Leiden23.06.2013

Tour der Leiden

Sportgespräch zur 100. Auflage der Tour de France

Am 1. Juli 1903 startete zum ersten Mal die Tour de France. In der kommenden Woche wird die "Große Schleife" zum 100. Mal mit dem Prolog beginnen, als ´Tour der Leiden`. Schlagzeilen macht das Kult-Rennen jährlich. Die legendären Bergankünfte, die Duelle der Stars, die Dopingskandale. Und alles wiederholt sich in regelmäßigen Abständen.

Von Hans Woller und Heinz-Peter Kreuzer

Einer der legendären Tour-Anstiege, der Col du Tourmalet (picture alliance / Thomas Muncke)
Einer der legendären Tour-Anstiege, der Col du Tourmalet (picture alliance / Thomas Muncke)

Das sieht man seit Jahrzehnten als erstes, wenn die Tour de France im Juli durchs Land rollt: die grelle, chaotische Werbekarawane, die wenige Stunden vor dem Peloton an den Zuschauern am Strassenrand vorbeizieht. Es ist der Augenblick der Sponsoren, die vor der Sport-Show ihre eigene Show veranstalten. Und auch die eigentlichen Hauptakteure, die Radprofis, sind radelnde Litfaßsäulen.

Werbung und Kommunikation spielten seit Beginn der Tour de France im Jahr 1903 eine zentrale Rolle. Der Chef der Sportzeitung "L‘ Auto" , Henri Desgranges, musste damals die Auflage seines Blattes steigern, um gegen die Konkurrenz, die Sportzeitung "Le Velo" bestehen zu können. Diese veranstaltete damals bereits mehrere Radrennen und hatte großen Erfolg damit.

Es war Géo Lefèvre, ein junger Mitarbeiter von "L'Auto", der Henri Desgrange in einem Café die Idee einhauchte, ein mehrere Wochen dauerndes Etappenrennen durch Frankreich zu veranstalten. Die erste Tour de France 1903 führte über 2428 Kilometer, verteilt auf nur sechs Etappen. Der Sieger, Maurice Garin, erhielt damals 20 000 Francs und der Plan von Desgrange war aufgegangen, "L‘Auto" verdreifachte während dieser ersten Frankreichrundfahrt seine Auflage und der Konkurrent, "Le Velo" musste im Jahr darauf sein Erscheinen einstellen. Desgrange-Nachfolger Jacques Goddet erzählt:

"Die Hauptmotivation für Desgrange war, seine Zeitung "L’Auto" sollte sich gegen die seines Konkurrenten durchsetzen. Das war ganz klar. Ansonsten passte die Tour auch zu seiner Mentalität, zu seiner Neigung für das Epos, für das Heroische, den Sport in seinen Exzessen. Dazu passte die Art, wie die Tour von der Bevölkerung aufgenommen wurde. Die Menschen auf dem Land wehrten sich gegen die Verletzung ihres Territoriums durch diese Maschinen, durch diese merkwürdigen Menschen mit ihren nackten behaarten Beinen, die ihnen Angst machten und das Geflügel und die Hunde aufscheuchten. Das war schwierig. Am Anfang ist die Tour de France von Bauern empfangen worden, die sich mit Heugabeln bewaffnet hatten. Man dachte damals, man könne sie nicht ein zweites Mal veranstalten. Eigentlich hat die Tour de France neu und wirklich dann 1905 begonnen."

Doch die Tour mit dem damals neuen und zukunftsträchtigen Fortbewegungsmittel, dem Velo , entwickelte sich sehr schnell weiter, bekam schon bald den Beinamen "Tour der Leiden" und war spätestens nach dem 1. Weltkrieg in Frankreich eine nationale Institution geworden. Nach und nach versuchten die Organisatoren, das Rennen attraktiver zu machen, etwa indem man verschiedene Wertungen einführte . Das Gelbe Trikot - entsprechend der Farbe der Zeitung "L'Auto" - für den Führenden der Gesamtwertung, damit das Publikum ihn besser erkennt, kam 1919.

1930 gab es erstmals eine Mannschaftswertung, 1953 kam das grüne Trikot für den besten Sprinter hinzu , 1975 das mit den roten Punkten für den besten Bergfahrer und das weiße Trikot für das beste Nachwuchstalent unter 25.

Die Zeitung "L’Auto", die das spektakuläre Etappenrennen ins Leben gerufen hatte, wurde nach der Befreiung Frankreichs 1944 wegen Kollaboration mit den deutschen Besatzern verboten. Zwei Jahre später gründete Jacques Goddet, ein früherer Mitarbeiter von Desgranges, die Sportzeitung L’Equipe, die dann 1947 die Organisation der ersten Nachkriegs-Tour übernahm. Die Zeitung gehört zur Verlagsgruppe Amaury , welche zur Ausrichtung des Etappenrennens die Firma "Amaury Sport Organisation", kurz ASO, gegründet hat, ein florierendes Unternehmen, das inzwischen auch die Katar-Rundfahrt oder die Rallye Paris- Dakar ausrichtet und einem streng geheim gehaltenen, auf 150 Millionen Euro geschätzten Jahresumsatz macht . 80% davon kommen von der Tour de France, die mittlerweile in 190 Länder übertragen wird und circa 3,5 Milliarden Zuschauer erreicht.

Bei der Herausbildung des Mythos "Tour de France" haben die Bergetappen eine ganz wesentliche Rolle gespielt. 1906 wurde erstmals der Ballon d'Alsace, damals im von Deutschland annektierten Elsass überquert. 1910 standen dann die Pyrenäen auf dem Programm, wo der spätere Toursieger, Octave Lapize, nach dem Col d'Aubisque die Organisatoren als Mörder beschimpfte, noch bevor er den Col du Tourmalet in Angriff nehmen musste. An diesen 2114 Meter hohen Pass in den Pyrenäen hat Ex- Radprofi Klaus Peter Thaler ganz besondere Erinnerungen:

"Sie müssen sich vorstellen, da kommt so ein kleiner Siegerländer Radfahrer in die Tour de France rein und hat auf einmal Berge vor sich, die er noch nie in seinem Leben gesehen hat. Von denen er nur gehört hat, nur gelesen hat. Und ich weiß, wie ich zum ersten Mal den Tourmalet gefahren habe, da habe ich gedacht, das kann nicht wahr sein, das nimmt überhaupt kein Ende. Unten war es regnerisch, dann fuhr man in die Wolken hinein, oben hat man Sonnenschein. Auf der anderen Seite ging es genauso wieder herunter. Und dann da oben noch so viele tausend Zuschauer, ich habe gedacht, die sind verrückt, was machen die hier oben."

1911 ließ Desgrange das Peloton dann in den Alpen über den 2645 Meter hohen Col du Galibier klettern. 1952 schließlich gab es die erste Bergankunft der Tour-Geschichte, in der Skistation L´Alpe d`Huez. Durch 21 Kehren müssen die Fahrer hinauf auf 1850 Meter Höhe.
Reportage Alpe d‘ Huez

Eine anderer, legendärer Berg der Tour de France hat dagegen traurige Berühmtheit erlangt: der Mont Ventoux, der schon von Petrarca besungene so genannte Riese der Provence. 1951 stand er das erste Mal auf dem Programm, 16 Jahre später starb dort in der weißen Geröllhalde des 1900 Meter hohen Bergs der Brite Tom Simpson. Der Schriftsteller und Sportjournalist Hans Blickensdörfer hat das damals in der Gluthitze hautnah miterlebt:

"Ich hatte das makabre Reporterglück hinter Simpson zu fahren als er ungefähr unterhalb drei Kilometer des Gipfels vom Rad fiel. Er hat gezickzackt, plötzlich hat er sich zur Seite geneigt. Er wollte dann noch einmal aufstehen und hat nach seinem Rad verlangt und dann hab ich nur noch gesehen wie der Tourarzt Dr. Dumas sich kniete und diese Mund zu Mund-Beatmung machte und er hat dann noch gelebt und ist gestorben auf dem Weg runter."

Ein anderer Grund dafür, dass die Tour de France zu einem Mythos geworden ist, sind die Duelle zwischen den Helden der Landstraße. Die Rivalität zwischen Gino Bartali und Fausto Coppi zum Beispiel spaltete das Nach¬kriegs¬italien in zwei Lager, in Bartalisten und Coppisten. Die Kletterduelle der beiden Kontrahenten sind Legende geworden. Gino Bartali verkörperte das traditionelle Italien, war der Fromme, Papst Pius XII einer seiner größten Fans. Coppi dagegen sollte mit seiner Geliebten, der berühmten " Weißen Dame", im Italien der 50er-Jahre für Skandal sorgen. Seinem fünf Jahre älteren Widersacher Bartoli gelang das einmalige Kunststück, die Tour in einem Abstand von zehn Jahren zwei Mal zu gewinnen, nämlich 1938 und 48. Wie erst nach seinem Tod im Jahr 2000 bekannt wurde, war Bartali in der Zwischenzeit während des Zweiten Weltkriegs Fahrradkurier einer italienischen Widerstandsbewegung gewesen und an der Rettung von 800 Juden beteiligt.

1949 beherrschte dann der jüngere Coppi die Tour, konnte sich in diesem Jahr aber erst nach einem harten Duell mit dem bereits 35-jährigen Bartali durchsetzen und wurde der erste Rennfahrer, der Tour de France und Giro d‘Italia in einem Jahr gewann.

Fast eben so legendär waren in den 60er-Jahren die Duelle zwischen den beiden Franzosen Jacques Anquetil und Raymond Poulidor. Der erste stand für Eleganz, Leichtigkeit und das eher urbane Frankreich, der andere mit dem Spitznamen "Poupou" war der bodenständige Rackerer aus der armen , ländlichen Region des Limousin.

"Poupou" forderte den vierfachen Tour-Sieger Anquetil heraus, hatte nach den Pyrenäen nur 56 Sekunden Rückstand auf den blonden Normannen. Beim Anstieg zum Puy de Dome fuhren beide lange Zeit Schulter an Schulter, auf dem Schlusskilometer zum Gipfel gelang es Poulidor, dem Maitre 42 Sekunden abzunehmen. Anschließend sagte Anquetil: "Hätte er mir das Gelbe Trikot abgenommen, wäre ich nach Hause gefahren." Anquetil entschied die Tour am Ende zum fünften Mal für sich. Für Poulidour war es der erste von drei zweiten Plätzen, ein Gesamtsieg sollte ihm nie gelingen. Raymond Poulidor:

"Ich habe praktisch drei Fahrergenerationen gekannt. Ich bin die Tour mit Anquetil gefahren und mit Eddy Merckx. Beide haben zusammen zehn Mal die Tour gewonnen, da blieb für mich nichts übrig. Und das war der Ausgangspunkt für die Legende. Poulidor, der ewige Zweite. Ich bin 1976 meine letzte Tour gefahren, und Jahre später ist es mir noch passiert. Da kam eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn und stellte mich vor, Siehst Du. Dieser Mann war ein großer Radfahrer. Er ist immer Zweiter geworden. Das verfolgt mich bis heute. Dass die Tour de france bis heute alles dominiert."

Und selbst Jacques Anquetil ließ es ihn bis zum letzten Atemzug spüren. Beide waren nie gute Freunde gewesen, doch Poulidour besuchte 1987 den auf dem Sterbebett liegenden Anquetil. Der sagte nur: "Poupou, auch da wirst Du wieder Zweiter werden."

Die knappste Entscheidung in der 110-jährigen Geschichte der Tour war das Duell 1989 zwischen dem US-Amerikaner Greg LeMond und dem französischen Helden mit der Nickelbrille, Laurent Fignon. Beim abschließenden Zeitfahren von Versailles nach Paris verwandelte LeMond einen 50-Sekunden-Rückstand in eine Acht-Sekunden-Führung. Praktisch auf den Champs-Elysées entriss der Amerikaner dem Franzosen das gelbe Trikot.

Ein ähnliches Duell wie die beiden Franzosen Anquetil und Poulidor lieferten sich später der US-Amerikaner Lance Armstrong und der Deutsche Jan Ullrich. Hier fiel Ullrich die Rolle des Zweiten zu, auch wenn er 1997 wenigstens einmal die Tour gewinnen konnte. Beim ersten Sieg des Amerikaners im Jahr 99 war Ullrich nicht am Start, in den darauf folgenden Jahren war er gegen den "Tourminator" ohne Chance.

Der Mythos "Tour de France" hat bislang auch die zahlreichen Dopingskandale überstanden, wobei Fairplay bei diesem Etappenrennen schon von Anfang an nicht sonderlich gross geschrieben wurde. 1904 kürzten einige Teilnehmer die Strecke mit der Eisenbahn ab, andere hängten sich mit Stricken an Autos. Fahrer wurden verprügelt und schütteten einander Juckpulver in die Hosen. Im Jahr 1911 wurde dem Führenden, dem schmalen Normannen Pierre Duboc, nach der Überquerung des Tourmalet eine vergiftete Trinkflasche gereicht - er brach zusammen, lag eine Stunde im Straßengraben, setzte seine Fahrt aber trotzdem fort.

Über Doping im engeren Sinn wurde bereits bei der Tour de France 1924 ein erstes Mal berichtet. Der Autor Albert Londres veröffentlichte damals im "Petit Parisien" unter dem Titel "Die Sträflinge der Landstraße" eine Geschichte über den Vorjahressieger Henri Pélissier, dessen Bruder Francis und Maurice Ville. Das Trio war ausgestiegen, weil ein Rennkommissar am Morgen kontrolliert hatte, ob Henri ein zweites Trikot gegen die Morgenkälte trug. Das war verboten.

"Die Gebrüder Pellissier haben nicht nur Beine, sondern auch einen Kopf. Und in diesem Kopf ihre Meinung. Sie haben keine Vorstellung was das ist. Die Tour de France. Ein Kreuzweg. Wobei der kreuzweg nur 14 Stationen hat, unserer hat 15. Wir leiden auf der Straße. Wollen Sie sehen, wie wir vorankommen. Da. Aus einer Tasche zieht er ein Fläschchen heraus. Das da, das ist Kokain für die Augen und Chloroform für das Zahnfleisch. Und Pillen. Jeder von ihnen zieht drei Schachteln heraus. Kurzum, sagt Francis, wir laufen mit Dynamit. Warten wir ab, bis sie in den Pyrenäen sind. Das ist dann "hard labour". All das stecken wir weg. Was wir unseren Lasteseln nicht zumuten würden, machen wir selbst. Wir sind keine Faulpelze, aber man soll uns verdammt noch mal nicht ärgern. Wir akzeptieren die Qual, aber nicht die Schikane."

Im Laufe der späteren Geschichte der Tour sollten unzählige Stars des Pelotons die Einnahme von Dopingpräparaten gestehen, unter ihnen auch der fünffache Tour-Sieger Jacques Anquetil . Der Schriftsteller und Sportjournalist Hans Blickensdörfer erinnert sich:

"Es gibt Rennfahrer, und man kann Anquetil hier erwähnen, weil er es immer selbst zugegeben nhat, ich hab immer etwas genommen, aber ich habe es unter Aufsicht meines leibarztes, der meinen Körper ganz genau kannte, genommen. Man kann sich nicht wie ein Buchhalter ernähren, wenn man die Tour fährt. Da ist sicher etwas dran. Nur sind die Rennfahrer mit Sicherheit nicht aufgeklärt genug über die Gefahren und die Sonneneinstrahlung. Und das Schlimme ist, dass eben viele dubiose Masseure mit Köfferchen rumrennen, die vollgestopft sind mit Tabletten. Und die Fahrer einfach glauben, man muss etwas nehmen, weil der es ja sagt. Das ist zu meinem Besten. Also da ist noch nicht genug Aufklärung da, auch heute nicht."

Erst 1966 legte der Radsport-Weltverband UCI Anti-Doping-Regeln fest, bei der Tour wurden erste Kontrollen gemacht. Die Kontrolleure kamen nachts, was prompt zu einem Streik der Fahrer führte. Im darauf folgenden Jahr gab es dann bereits den ersten Dopingtoten, den Briten Tom Simson.
Trotz aller Kontrollen wurde aber weiter gedopt. Der Fünffach-Sieger Eddy Merckx war des Dopings überführt und einmal kurz gesperrt worden. Und auch Bernard Thevenet, zwei Mal Gesamtsieger, gestand später, seine Erfolge mit Hilfe von Cortison errungen zu haben, was ihn nicht daran hinderte, nach Ende seiner Karriere Jahre lang als Co- Kommentator der Tour im französischen Fernsehen zu fungieren.

Der größte Skandal erschütterte die Tour aber im Jahr 1998, als dem Team Festina systematisches und organisiertes Doping nachgewiesen werden konnte. Am 8. Juli waren an der französisch-belgischen Grenze im Auto des Festina- Betreuers Willi Voet große Mengen verbotener Substanzen gefunden worden : 234 Fläschchen EPO, 80 Ampullen Wachstumshormon, 160 Einheiten Testosteron und 60 Kapseln des Blutverdünnungsmittels Asaflow. Voet packte bei der Staatsanwaltschaft aus und veröffentlichte 1999 sein Enthüllungsbuch "Massaker am Fliessband". Darin werden 30 Jahre Dopingpraxis beschrieben:

"Bruno Roussel hat verlangt, das zu tun. Ich hatte Angst, meine Stelle zu verlieren, wenn ich das nicht tue. Die beiden Ärzte kümmerten sich um die Lieferung der Mittel. Es lief immer über einen Arzt. Und wenn er nicht da war, rief er mich abends im Hotel an und sagte, was zu tun war. Ich brachte das Zeug dann in die Zimmer, die Fahrer kümmerten sich darum."

Als Folge der Aussage Voets führte die Staatsanwaltschaft damals Razzien in den Mannschaftshotels durch. Das Team Festina um die Stars Richard Virenque und den Schweizer Alex Zülle wurde nach der siebten Etappe ausgeschlossen. Ex-Profi Christoph Basson, der in seiner kurzen Karriere stets gegen Doping gekämpft hat, erzählt, wie es damals hinter den Kulissen bei Festina zuging:

"Als ich zu Festina kam, war sofort klar, es gibt einen Arzt, und es gibt Doping. Ich habe klargestellt, dass das für mich nicht in Frage kommt. Und Teamchef Roussel hat das akzeptiert. Ich bekam immerhin einen Drei-Jahres-Vertrag. Natürlich gab es gewisse Versuchungen, etwa als es darum ging, einen neuen Vertrag auszuhandeln. Ich habe Doping abgelehnt. Andere haben es akzeptiert. Und ich kritisiere sie nicht, ich kenne das Milieu und weiß, wie man dazu verleitet wird. Doping gehörte zum Millieu. Jeder machte es. In allen Teams wurde es so gemacht, das gehörte zum Alltag. 1999 und 2000 war es dann etwas diskreter, ich wusste aber, dass es das nach wie vor gab. Auch wenn angesichts meiner Haltung mir gegenüber niemand mehr offen sprach. Im Rennen war ich meistens allein, auch im Team. Und sogar im Zimmer. Warum? Weil ich einfach störte."

Basson war auf Grund seiner Haltung sehr schnell "persona non grata" im Peloton, Lance Armstrong empfing ihn auf der Tour damals sogar mit den Worten "Fuck you". Neben Festina musste 1998 auch die niederländische TVM – Mannschaft die Tour verlassen, die spanischen Teams , darunter ONCE mit dem anrüchigen Teamchef Manolo Saiz , suchten von sich aus das Weite, angeblich aus Protest gegen die Ermittlungsmethoden der französischen Behörden. Bei der Ankunft in Paris bestand das Peloton nur noch aus 96 Fahrern.

Doch das damals prognostizierte Ende der Tour fand nicht statt, auch wenn sich die Dopingfälle in den folgenden Jahren weiter häuften. 2006 berührte der Dopingskandal um den spanischen Mediziner Eufemiano Fuentes die Tour. Den 200 mit Decknamen versehenen Blutbeuteln in Fuentes Labor konnten die Ermittler nach und nach Namen zuordnen. Die Tour-Organisatoren schlossen alle Fahrer aus, die im Zusammenhang mit dem Fall Fuentes genannt wurden, darunter auch die Deutschen Jan Ullrich und Jörg Jaksche.

Die nächste Eskalation folgte im Jahr 2007. Der Höhepunkt war der Abend der 16. Etappe, die der Däne Michael Rasmussen gewonnen hatte. Mitten in der Nacht verlies der Träger des gelben Trikots das Teamhotel und die Tour de France. Sein Arbeitgeber, Rabobank, hatte ihn wegen Dopings entlassen. Die Medien in Frankreich waren empört. Die Boulevard-Zeitung "France Soir" machte aus der Titelseite eine Todesanzeige, "Liberation" titelte "Die Tour ist tot" und forderte ein Ende des Zirkus. Der schmähliche Abschied von Rasmussen passte zu einer Doping-Tour 2007 mit weiteren Skandalen. Am 18. Juli wurde bekannt, dass eine Trainingskontrolle des T-Mobile-Fahrers Patrik Sinkewitz positiv war. Der 26-Jährige wurde des Testosteron-Dopings überführt. Sein Arbeitgeber suspendierte ihn, die beiden öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF stellten die Übertragungen von der Tour de France ein. Am 24. Juli schliesslich wurde der Kapitän des Teams Astana, Alexander Winokurow, des Blutdopings überführt. Daraufhin stieg Astana aus der Tour de France aus. Teamchef Marc Biver:

"Das ist nicht sehr angenehm, aber im Leben gibt es Hochzeiten und Beerdigungen. Diese Nachricht von Winokurows positiver Dopingprobe ist wie eine Beerdigung."

Die Skandale reißen aber auch danach nicht ab. Am 25. Juli wird dem Italiener Christian Moreni vom Cofidis-Team ebenfalls Testosteron-Doping nachgewiesen. Er wird noch im Zielraum verhaftet. Daraufhin zieht Cofidis die komplette Mannschaft zurück. Nach Rasmussens Flucht hatte der spätere Sieger Alberto Contador das Gelbe Trikot übernommen. Doch auch der Spanier war des Dopings verdächtigt. Im Rahmen der Operacion Puerto war sein Name auf einer Liste des Doping-Arztes Fuentes aufgetaucht.

Aus Angst vor weiteren Image-Schäden haben die Tour-Organisatoren im darauf folgenden Jahr 2008 dann vorgesorgt: Höchst verdächtige Athleten und Teams wurden bei der 95. Auflage der Frankreich-Rundfahrt erst gar nicht zugelassen. Titelverteidiger Alberto Contador war zum Zuschauen verurteilt, weil sein Team Astana auf der schwarzen Liste stand. ASO-Direktor Christian Prudhomme:

"Wir haben nichts persönlich gegen Alberto Contador, er ist der Titelverteidiger. Nein, wir begründen unsere Entscheidung mit dem Verhalten der Mannschaft 2007 und 2006. Das hat der Tour de France und dem Radsport allgemein großen Schaden zugefügt."

Der letztendlich größte Dopingskandal in der Geschichte der Tour war jedoch der Aufstieg und der Fall des Lance Armstrong. Der US-Amerikaner gewann zwischen 1999 und 2005 sieben Mal das schwerste Etappenrennen der Welt, was bis dahin noch keinem Fahrer gelungen war. Doch statt als Rekordsieger geht Armstrong als Betrüger in die Annalen ein. Der Texaner hatte das bislang größte und bestfunktionierende private Dopingnetzwerk aufgebaut. Vom Weltverband UCI wurden ihm alle sieben Titel aberkannt. Der Platz in den Siegerlisten bleibt aber leer, denn auch die Nächstplatzierten waren in der Vergangenheit in Dopingfälle verwickelt. Ja die Tour de France befindet sich heute in der grotesken Situation, dass keiner der Gesamtsieger in den letzten zwei Jahrzehnten über jeden Dopingverdacht erhaben wäre, die meisten von ihnen sogar eindeutig des Dopings überführt wurden.

In der deutschen Öffentlichkeit hat diese Dopingwelle deutliche Spuren hinterlassen. Zunächst hatte 1997 nach dem bisher einzigen deutschen Sieg bei den 99 Ausgaben der Tour de France grosse Begeisterung geherrscht.

Dieser Sieg hatte in Deutschland einen wahren Radsport-Boom ausgelöst. Nach der ARD stieg auch das ZDF in die Tour-Berichterstattung ein, die Quoten zeigten nach oben und alle sonnten sich im Ruhm von Jan Ullrich. Zum Team Telekom kam noch das Team Gerolsteiner ins Peloton, heute gibt es keine einzige deutsche Mannschaft mehr. 2007 legten dann Politik, Wirtschaft und Medien unter dem Druck der zahlreichen Sportskandale moralische Maßstäbe an. Das Fass zum Überlaufen brachte in diesem Jahr der Dopingskandal um Patrick Sinkewitz. Noch bevor dieser Fall endgültig abgeschlossen war, war er Auslöser für eine historische medienpolitische Entscheidung. ARD und ZDF stiegen aus der Live-Berichtberichterstattung der Tour de France aus Der damalige ARD-Programmdirektor Günter Struve zum TV-Boykott.

"Es gibt die Entscheidung, die Übertragung der Tour auszusetzen, bis die Vorwürfe geklärt sind. Die Vorwürfe sind ja deshalb so ernst zu nehmen von uns, weil wir mit den deutschen Rennställen vorher so intensiv gesprochen haben. Da wurde beschworen, dass alles sauber ist."

Der endgültige Ausstieg von ARD und ZDF aus der Live-Berichterstattung bleibt aber ein rein deutsches Phänomen. Die Sender der anderen führenden Radsport-Nationen in Europa tun weitgehend so, als gäbe es kein Doping. In Spanien nahmen die Medien fast keine Notiz vom Ausstieg der deutschen Fernsehanstalten und eine kritische Diskussion über das Thema Sportbetrug findet dort bis heute nicht statt. In Italien geht die Justiz zwar relativ hart gegen Doping vor, doch die Medien schweigen überwiegend zu diesem Thema. Und auch im Mutterland der Tour de France selbst zeigten Presse und Organisatoren wenig Verständnis für die Entscheidungen in Deutschland. Daniel Bilalian, Sportchef von France Television.

"Wir sind seit sehr langer Zeit Partner einer Organisation, die alles tut, was sie kann, um diesem Sport seine Würde wiederzugeben. Und im Übrigen ist die Tour de France nicht nur Sport, die Tour ist für viele Menschen ein großes Glück. Sie gibt ihnen Lebensfreude und sie ist kostenlos. Sie ist der letzte Sport, bei dem man sich nur an den Straßenrand zu stellen braucht, um einen Spitzensportler zu sehen. Das ist ein Gemeinschaftserlebnis, bei dem jedermann auf einfache Weise Freude haben kann."

In Frankreich bleibt die Tour ein Ereignis, auch wenn 2012 nur noch 3,1 und nicht mehr, wie vor den Dopingskandalen Anfang der 90er-Jahre, fünf Millionen Zuschauer die Rundfahrt am Nachmittag im Fernsehen verfolgten . Nach wie vor finden sich aber während der drei Wochen der Tour rund zwölf Millionen Menschen entlang der Straßen ein. Es ist , als wäre angesichts der Leiden der Fahrer bei diesem einmaligen Etappenrennen unter den Fans ein gewisses Verständnis für Doping vorhanden. Und trotz allem scheint die Tour nach wie vor in der Lage zu sein, in immer neuen Ländern für Begeisterung zu sorgen, wie jüngst in Grossbritannien mit dem letzten Tour-Sieger, Bradley Wiggins und dem diesjährigen Favoriten, Christopher Froome. Von Sponsoringexperten wird der Radsport nach wie vor als Boom-Sport eingestuft, mit großem Potenzial in Sachen Fernsehverbreitung und starker Kundenbindung. Und die Tour de France braucht sich trotz aller Dopingfälle der letzten Jahrzehnte keinerlei Sorgen um Sponsoren machen. Als Werbeträger ist sie von den Firmen weiterhin extrem begehrt und auch Frankreichs Städte sind nach wie vor bereit, Millionen zu investieren und reissen sich regelrecht darum, einmal Start- oder Zielort der großen Schleife zu sein.

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