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StartseiteEuropa heuteDas Ende der Gastfreundschaft03.08.2015

Tourismus in BarcelonaDas Ende der Gastfreundschaft

Tourismus ist für Barcelona ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, aber vielen Einheimischen sind davon genervt: Steigende Mieten, Lärmbelästigung durch Party-Touristen und Schattenwirtschaft. Immer häufiger kommt es zu Protesten. Nun will die neue Regierung im Rathaus "Barcelona den Bewohnern zurückgeben".

Von Julia Macher

Viele Passanten: Auf den rund 1,5 Kilometer zwischen der Placa d·Catalunya im Norden und dem Placa Portal de la Pau im Süden, den "Les Rambles" oder "La Rambla" genannten Straßenabschnitten, finden sich Straßencafes, Bücher- und Zeitschriftenstände, ein Blumen-und Vogelmarkt, zahlreiche fliegende Händler und dutzende Kleinkünstler - aber auch Taschendiebe sind im dichten Gedränge aktiv. (picture alliance / dpa / Thorsten Lang)
Auf den rund 1,5 Kilometern zwischen der Placa d Catalunya im Norden und dem Placa Portal de la Pau im Süden, den "Les Rambles" tummeln sich die Touristen. (picture alliance / dpa / Thorsten Lang)
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Die Rambles in Barcelona. Touristen schieben sich die Flaniermeile entlang, fliegende Händler versuchen, billige Souvenirs loszuwerden, ein paar junge Briten in Feierlaune treffen sich vor einem Schnellrestaurant. Direkt daneben hat das Rathaus Lautsprecher und ein paar Dutzend Stühle aufstellen lassen: zum ersten Treffen mit der neue Stadträtin.

Seit Mai hat in der Mittelmeermetropole "Barcelona en comú" das Sagen, ein Bündnis aus linken Parteien und Sozialinitiativen. Gala Pin, die neue Stadträtin von Barcelonas Altstadt, hat im letzten Jahr noch selbst Transparente gegen illegale Touristenappartments gemalt; jetzt hat sie erboste Anwohner zu beruhigen.

"Auf der Straße wird man als erstes von einer Horde Touristen auf Fahrrädern überfahren; auf dem Markt kann man keinen Fisch mehr kaufen, weil Dutzende japanische Fotografen da gerade knipsen. Zu Hause weißt du nicht mehr, wer dir im Treppenhaus begegnet, weil ein paar ihre Appartments an Touristen vermieten. Man fühlt sich jedes Mal mehr als Fremder in seinem eigenen Viertel."

Schimpft Sol Ruiz de Vargas. Sie wohnt mit Tochter und Mann im Altstadtviertel Sant Pere; der Lärm aus den Bars lässt sie nicht mehr schlafen. Eine Buchhändlerin berichtet von Müllbergen, die sich frühmorgens vor ihrem Ladenlokal türmen, andere beschweren sich über den stechenden Uringeruch. Die Stimmung ist eindeutig: Die Touristen sind schuld, die knapp acht Millionen Besucher, die Barcelona jährlich beherbergt und die sich vor allem in der dicht besiedelten Altstadt drängen. Die Verwaltung hat die Lizenzvergabe für neue Hotels, Pensionen und Herbergen gestoppt.

Von 9000 an Touristen vermieteten Wohnungen lediglich 800 mit Lizenz

Kritik daran äußert beim Treffen auf den Rambles lediglich einer – und auch nur, als er danach gefragt wird: Javier Robert vom Verband Apartur, der 6000 Touristenappartments verwaltet, legale, wie er betont.

"Es wird immer gesagt, dass Touristen den Dreck machen, dass Touristen zu laut sind – dabei sind es doch auch Barcelonesen, die sich so verhalten. Das Moratorium macht keinen Sinn. Keiner wird sich daran halten, man wird versuchen, das zu umgehen und illegal arbeiten."

Geschätzte 9000 Wohnungen werden in der Altstadt an Touristen vermietet, lizenziert sind lediglich 800. Unter den Anbietern sind neben Privatiers viele Unternehmen, auch Hoteliers, die sich ein Nebengeschäft eröffnen möchten. Barcelonas Altstadt ist das, was Immobilienmakler "Filetstück" nennen: Die Preise sind orbitant, Spekulation Alltag. Auf dem Treffen mit Gala Pin berichten Anwohner von halb verfallenen Häusern, die innerhalb weniger Wochen drei Mal den Besitzer wechselten. Neben einer Plakette für legale Unterkünfte und härtere Sanktionen will die neue Stadtverwaltung daher kartographieren, wem welche Grundstücke und Gebäude in der Altstadt gehören, wer an wen verkauft, sagt Gala Pin.

"Nirgends wird so viel Geld über Immobilientransaktionen bewegt, wie in der Altstadt. Als Verwaltung müssen sie wissen, wohin sich diese Kapitalströme bewegen, auch um gemeinsam mit Besitzern, Mietern, Handel entscheiden zu können, was für eine Stadt wir wollen. Natürlich geht es auch um den Verdacht auf Geldwäsche und kriminelle Machenschaften: aber auch dafür brauchen wir konkrete Daten."

Was nach Verschwörungstheorie klingt, hat einen realen Hintergrund: Pins Amtsvorvorgängerin Itziar González hatte ebenfalls versucht, Eigentumsverhältnisse offen zu legen, die Lizenzvergabe stärker zu reglementieren und trat 2010 nach Todesdrohungen zurück.

"Itziar war allein, aber ich habe eine ganze Regierungsmannschaft hinter mir – das ist ein Riesenunterschied. Und außerdem sind die Leute die bisherigen Praktiken einfach leid, deswegen haben sie uns gewählt."

Sagt Gala Pin. Sie vertraue der Öffentlichkeit, auch oder gerade weil die sie jetzt besonders kritisch beäugt.

Sol Ruiz de Vargas, die lärmgeplagte Altstadtbewohnerin, hat sich mit Nachbarn zum Transparente malen und Protestsingen verabredet. Für den Besitzer der lauten Bar nebenan gibt es einen Stinkefinger, für Sols Liedchen Applaus. Außer Bekundungen guten Willens hätten die Neuen im Rathaus noch nichts unternommen, schimpft eine der Anwohnerinnen: Ein neuer Ton mache noch keine neue Politik. Der Sommer in Barcelona wird auch in diesem Jahr wieder heiß.

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