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StartseiteHintergrundFluch oder Segen? 13.08.2017

Tourismusboom in PortugalFluch oder Segen?

Die jahrelange Finanz- und Wirtschaftskrise scheint in Portugal endlich überwunden: Das Haushaltsdefizit ist unter Kontrolle, die Wirtschaft wächst, die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Ein wichtiger Motor des Aufschwungs ist der Tourismus. Doch mit den vielen Urlaubern kommen auch neue Probleme.

Von Tilo Wagner

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Blick auf den Strand Praia de Carvoeiro an der Algave in Portugal. Im Hintergrund sind zahlreiche nah am Strand liegenden Hotels zu sehen. (imago / CHROMORANGE)
Die Algarve ist ein besonders beliebtes Reiseziel in Portugal. (imago / CHROMORANGE)
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In der Bucht von Cascais, rund 20 Kilometer westlich von Lissabon, herrscht Ferienstimmung. An den feinen Sandstränden liegen Urlauber unter bunten Sonnenschirmen, Badegäste paddeln auf ihren Surfbrettern über den ruhigen Atlantik.

Oberhalb der Strandpromenade hält ein Kleintransporter am Straßenrand. Die Schiebetür geht auf und eine Gruppe kanadischer Touristen tritt auf den Bürgersteig. Christine Zalzal aus Toronto ist mit ihrer Familie für zwei Wochen in Portugal unterwegs.

"Die Portugiesen sind extrem freundlich, das ist ihre Stärke"

"Wir sind jetzt ein paar Tage in Lissabon und dann fahren wir runter an die Algarve-Küste. Wir picken uns das Beste raus: Strand, super Wetter, ein bisschen Geschichte und die Stadt. Die Portugiesen sind extrem freundlich, das ist ihre Stärke. Wir waren letztes Jahr in Italien und es hat uns gut gefallen, aber die Portugiesen hier machen alles noch ein Stück besser. Die geben ihr Bestes."

Der Reiseleiter Nuno Leitão erklärt der Gruppe, wo man das beste Eis essen kann, und vereinbart dann einen Treffpunkt für die Rückfahrt nach Lissabon. Der 39-jährige studierte Stadtplaner hat 2012, mitten in der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise, sein Reiseunternehmen gegründet.

"Zu dem Zeitpunkt sind unheimlich viele meiner Freunde ausgewandert. Das war etwas ganz Neues für mich. Wir haben alle studiert und von einer besseren Zukunft geträumt, doch dann musste über die Hälfte meiner Kumpels im Ausland nach einem Job suchen. Ich habe mich mit ein paar Freunden zusammengetan: Wir wollten nicht aus Portugal weg, und jetzt machen wir das, was uns am meisten Spaß macht, und es läuft alles sehr gut."

Zu Beginn hatte Leitão seine Gäste noch mit einem Jeep durch Lissabon kutschiert. Mittlerweile besitzt seine Firma vier Kleintransporter und beschäftigt fünf weitere Mitarbeiter. Seine Stadtrundfahrten sind bis Oktober praktisch ausgebucht.

Nicht nur Sonne und Strand

Für viele Experten hängt der Tourismusboom in Portugal mit Faktoren zusammen, auf die das Land keinen Einfluss hat, etwa das Wegbrechen anderer Strandurlaubsorte durch die schwierige sicherheitspolitische Lage in den nordafrikanischen Staaten oder in der Türkei. Der Wirtschaftswissenschaftler José Poças Esteves glaubt jedoch nicht, dass nur deshalb mehr Urlauber nach Portugal kommen.

"Der Tourismus in Portugal hat sich gewandelt. Früher waren Sonne und Strand ganz wichtig für den Sektor, aber wir haben uns seitdem vielseitiger aufgestellt. Auch der Tourismus im Landesinneren, der Gourmetbereich, die Urlaube in der Natur und natürlich die Städtereisen sind stark am Wachsen, und das ist ganz wichtig für unsere Wirtschaft. Damit wächst der Sektor nicht nur allgemein, sondern wir sind auch viel weniger saisonabhängig."

Das sieht die Politik ganz ähnlich. Der Vize-Fraktionsvorsitzende der regierenden Sozialisten, João Galamba, ist der Überzeugung, dass die Zahl der Touristen in Portugal noch steigen und sich lange auf einem hohen Niveau halten werde.

"Es stimmt einfach nicht, dass Portugal jetzt nur deshalb beliebt ist, weil es hier keinen Terrorismus gibt und gleichzeitig in Syrien, Tunesien und Algerien schwere Krise herrschen. Die Regionen, in denen der Tourismus am stärksten gewachsen ist, sind nicht für Sonne und Strand bekannt: Zum einen Nordportugal und die Stadt Porto, zum anderen die Azoren-Inseln. Die Algarve-Küste und Madeira, die in direkter Konkurrenz zu anderen Strandurlaubzielen stehen, sind dagegen am geringsten gewachsen. Wenn also irgendwann deutsche oder englische Touristen zurück an die türkischen Strände gehen, dann heißt das nicht, dass sie nicht auch nach Porto wollen."

Portugal wird insbesondere für europäische Touristen immer attraktiver. Aus England, Deutschland, Frankreich und Spanien kommen über die Hälfte der Urlauber, die Portugal besuchen, mit Zuwachsraten zwischen 10 und 20 Prozent. Insgesamt konnte Portugal im Jahr 2016 knapp 60 Millionen Übernachtungen verzeichnen, 11,6 Prozent mehr als noch im Vorjahr

"Die größte Herausforderung ist, dass das Leben hier authentisch bleibt"

Trotz der großen Nachfrage hat der Reiseunternehmer Nuno Leitão nicht vor, sein Unternehmen weiter zu expandieren. Zum einen aus persönlichen Gründen, zum anderen macht er sich Sorgen, dass zu viel Tourismus seiner Heimaststadt Lissabon nicht gut tun könnte.

"Ich hoffe, dass geht jetzt nicht den Bach runter. Die größte Herausforderung für Portugal und insbesondere für Lissabon ist, dass das Leben hier authentisch bleibt. Wir Portugiesen haben noch einen natürlichen Umgang mit den Touristen. Wir suchen das Gespräch, möchten den Urlaubern helfen und ihnen einen schönen Aufenthalt ermöglichen. Und die Touristen mögen das, und deshalb fühlen sie sich hier wohl."

Altstadt von Lissabon (picture alliance / ZB / Jens Büttner)Die Altstadt von Lissabon mit ihren Altbauten, steilen Straßenhängen und der Nähe zum Meer zieht besonders viele Touristen an. (picture alliance / ZB / Jens Büttner)

Im Maurenviertel "Mouraria", in der Lissabonner Altstadt, ist die portugiesische Herzlichkeit noch greifbar. José Barbosa steht am Straßenrand vor einem Holzkohlegrill und wendet Sardinen. Seit vielen Jahren betreibt er hier ein kleines Restaurant.

Viel mehr Touristen seien hier unterwegs, sagt er, und viele Häuser seien renoviert worden. Barbosa erinnert an Drogenprobleme und Kriminalität, die jahrelang das Leben in seinem Viertel beeinflusst hätten. Doch das sei jetzt besser geworden.

Die Sanierung alter Gebäude beschränkt sich nicht nur auf das Maurenviertel. In der ganzen Innenstadt stehen Gerüste und Baukräne vor den Altbauten, die renoviert oder ganz entkernt werden, um moderne, teilweise luxuriöse Apartments, Hotels oder Hostels zu schaffen. Nach Angaben einer Immobilienberatungsfirma werden allein in einem rund fünf Quadratkilometer umfassenden Altstadtbereich in Lissabon zurzeit rund 80 Häuser renoviert.

Umstrittenes "Goldenes Visum" durch Immobilienkauf

Jahrzehntelang waren die vielen zerbröckelnden Fassaden der Lissabonner Altstadt ein Symbol des Niedergangs gewesen. Die Wende kam mit einem neunen, umstrittenen Mietgesetz, das zurzeit der Staatsschuldenkrise von der Troika aus IWF, Europäischer Zentralbank und EU gefordert und von der damaligen konservativen Regierung umgesetzt wurde: Immobilieneigentümer können nun alte Mietverträge aufkündigen, wenn sie den Wunsch äußern, die Gebäude grundlegend zu sanieren. Mit der boomenden Nachfrage nach Touristenapartments in den Innenstädten - insbesondere in Porto und Lissabon - sattelten viele Hausbesitzer auf den Markt der Ferienwohnungen um.

Die Häuser sind jedoch längst nicht mehr nur in der Hand von Portugiesen. Mit einer Reihe von Sonderbedingungen lockt der portugiesische Staat gut betuchte ausländische Investoren nach Portugal: Das so genannte "Goldene Visum" vergibt eine fünfjährige Aufenthaltsgenehmigung an Nicht-EU-Bürger, die eine Immobilie im Wert von mindestens 500.000 Euro kaufen; und Rentner aus anderen EU-Staaten zahlen 10 Jahre lang keine Steuern auf ihre Bezüge, wenn sie in Portugal ihren Hauptwohnsitz haben. Leonor Duarte vom Lissabonner Bürgerverein "Academia Cidadã" kritisiert diese Politik.

"Wir beobachten auf der ganze Welt eine Entwicklung, die von den Regierenden in Portugal sogar gefördert wird: Eine Wohnung zu haben, ist nicht mehr einfach nur ein Grundrecht, sondern vor allem eine Investitionsmöglichkeit. Die Bürger, die nur über ein geringes oder mittleres Einkommen verfügen, werden aus den Innenstädten ausgegrenzt. Und die Städte bevorzugen diejenigen, die hier gar nicht gewohnt haben. Mit Programmen wie dem 'Goldenen Visum' bemüht sich Portugal um gut betuchte Immobilienbesitzer, die hier gar nicht wohnen. Und dadurch steigen die Preise so hoch, dass die Familien die Mieten gar nicht mehr bezahlen können."

Die Zahlen geben der Bürgeraktivistin Recht: Im vergangenen Jahr stiegen die Mietpreise in Lissabon um 23 Prozent an. Gleichzeitig nahmen die Einnahmen aus der Vermietung von Touristenapartments in ganz Portugal um 18 Prozent zu.

Der Tourismus als Zugpferd der portugiesischen Wirtschaft

Bisher haben weder die Regierung noch die Bürgermeister in Lissabon oder Porto ernst zu nehmende Schritte unternommen, um die sozial schwächeren Anwohner vor den negativen Folgen des Touristenbooms zu schützen. Die Gründe liegen auf der Hand: Der Tourismus ist zum Zugpferd der portugiesischen Wirtschaft geworden. 2016 legten die gesamten Einnahmen aus dem Tourismus um über 10 Prozent zu und machen jetzt schon 7 Prozent der portugiesischen Wirtschaftsleistung aus. Der Sektor hat zudem einen entscheidenden Impuls gegeben, dass die Arbeitslosigkeit innerhalb von drei Jahren von 13,9 Prozent im zweiten Quartal 2014 auf jetzt 8,8 Prozent zurückgegangen ist.

Für die sozialistische Minderheitsregierung war der Tourismusboom im vergangenen Jahr auch ein Rettungsanker. Die Sozialisten setzten kurz nach ihrer Amtsübernahme im Herbst 2015 auf eine zügige Rücknahme der Gehalts- und Rentenkürzungen, die in den Krisenjahren vereinbart worden waren, und erhöhten zudem den Mindestlohn. Mehr Geld in den Taschen der Portugiesen sollte zu einem stärkeren Wirtschaftswachstum führen. Doch zunächst sah es nicht so aus, als ob die Regierung mit diesem Wandel in der Finanzpolitik die Defizitvorgaben aus Brüssel einhalten würde. Die konservativen Oppositionsparteien haben deshalb immer wieder behauptet, die Regierung hätte schließlich nur die Sparvorgaben erfüllen können, weil der Tourismus genügend Geld ins Land gespült hätte. Premierminister António Costa ist sich dieser Entwicklung natürlich bewusst:

"Der Tourismus ist ein ganz wichtiger Sektor unserer Wirtschaft und wir wollen das Wachstum im Tourismusbereich weiter fördern. Für die Regierung bedeutet das Investitionen in die Infrastrukturen, zum Beispiel in die neuen Kreuzfahrtschiffterminals in Porto oder Lissabon oder die neuen Verbindungen unserer Fluggesellschaft TAP, um neue Märkte zu erschließen. Der Tourismus hat einen entscheidenden Anteil am Wirtschaftswachstum und an der Schaffung neuer Arbeitsplätze."

Der portugiesische Ministerpräsident Antonio Costa bei einer Ansprache anlässlich der Parlamentsdebatte des portugiesischen Finanzausschusses in Lissabon am 22.02.2016 (picture alliance / dpa / LUSA / Tiago Petinga)Der portugiesische Ministerpräsident Antonio Costa will das Wachstum im Tourismusbereich weiter fördern. (picture alliance / dpa / LUSA / Tiago Petinga)

Costa weist aber darauf hin, dass seine Regierung den Tourismus auf lokaler Ebene nicht regulieren wird.

"Wir überlassen den Gemeinden die Aufgabe, wie sie mit dem Tourismusboom auf lokaler Ebene umgehen. Wir setzen uns insgesamt dafür ein, dass in Zukunft mehr Entscheidungen auf der lokalen und nicht auf nationaler Ebene getroffen werden. Und dazu gehört unser Ansicht auch, das Mikromanagement des Tourismus."

"Wir wollen nicht, dass Lissabon zu einer Seifenblase wird, die irgendwann platzt"

Für Regierungskritiker klingen diese Worte fast wie eine billige Ausrede, um nicht auf Konfrontationskurs mit den Städten Lissabon und Porto zu gehen. In Lissabon regiert Costas Parteifreund Fernando Medina, der vor zwei Jahren das Bürgermeisteramt vom jetzigen Premierminister übernommen hatte. In Porto steht der Unabhängige Rui Moreira an der Spitze, mit dem sich Costa persönlich gut versteht. Beide Städte wollen direkt vom Touristenboom profitieren. In Lissabon zahlt jeder Gast bereits seit 2016 eine Touristensteuer von einem Euro pro Nacht. In Porto sollen die Touristen ab dem kommenden Jahr einen Beitrag von zwei Euro pro Nacht begleichen. Beide Städte zusammen kommen auf rund ein Drittel der knapp 60 Millionen Übernachtungen, die in Portugal im vergangenen Jahr gezählt wurden.

Die Bürgeraktivistin Duarte fürchtet, dass durch die derzeitige Lokalpolitik die Städte bald an ihre Grenzen stoßen könnten.

"Die Investitionen, die Sanierungen und der Tourismus sind natürlich wichtig für die Städte. Und es wäre natürlich absurd, diese Entwicklung zu verteufeln. Wir wollen nur, dass die Städte den Markt besser regulieren, damit dieser Prozess nachhaltig weiter gehen kann. Wir wollen auch in 30 Jahren noch Touristen hier haben; aber wir wollen nicht, dass Lissabon zu einer Seifenblase wird, die irgendwann platzt, und die Stadt dann in die nächste Krise schlittert."

Auch im portugiesischen Parlament zeigt sich ein fehlender politischer Wille sensible Fragen zu lösen, die mit dem Tourismusboom zusammenhängen. Über ein neues Gesetz, das den Markt der Ferienwohnungen regulieren soll, wird in der Volksvertretung seit Monaten diskutiert, und es gilt als unwahrscheinlich, dass vor den Kommunalwahlen Anfang Oktober eine Lösung gefunden wird.

Angst, dass sich Lissabon oder Porto in Themenparks für Touristen verwandeln

In der Zwischenzeit verändert sich das Gesicht der Lissabonner Altstadt. In den vielen aufwendig sanierten Altbauten sind überwiegend Luxus-Apartments, Hostels oder Boutiquehotels eingezogen. An der bekannten Einkaufsmeile Rua Garrett sitzen die Filialen internationaler Modeketten, doch die kleinen Tante-Emma-Läden, Hutgeschäfte oder Buchhandlungen, die bis vor ein paar Jahren das Gesicht der Altstadt mitbestimmten, sind mittlerweile größtenteils verschwunden, weil die Betreiber die rasant gestiegenen Mieten nicht mehr bezahlen konnten.

Im Ausgehviertelengagiert sich Luis Paisana in einem Anwohnerverein. Paisana hat mit seinen Kollegen eine Idee entwickelt, wie die Stadt die Interessen der Bürger besser schützen könnte.

Lissabons Einkaufsstrasse Rua Auguasta (imago / Travel-Stock-Image)In Lissabons Einkaufsstrassen lassen sich vor allem die Filialen internationaler Modeketten finden. (imago / Travel-Stock-Image)

"Das Thema muss man mit Samthandschuhen anpacken. Denn die Stadt sagt immer: Der Tourismus hat uns Jobs geschaffen und mitgeholfen, die zerfallenen Gebäude wieder aufzubauen. Wir haben aber trotzdem eine Forderung: Die Stadt besitzt sehr viele Immobilien, die nicht genutzt und jetzt verkauft werden, um die Schulden der Stadt zu tilgen. Bisher gingen sie vor allem an Chinesen, Brasilianer und andere Investoren, die dann daraus Hotels oder Ferienwohnungen gemacht haben. Wir fordern, dass in diesen Gebäuden 20 bis 40 Prozent des Wohnraums zu einem fairen Preis an Familien und sozial Schwächere vermietet werden."

Die Angst davor, dass Lissabon oder Porto sich in Themenparks für Touristen verwandeln könnten, spüren nicht nur die Anwohner, sondern auch Reiseveranstalter wie Nuno Leitão.

"Das alles klingt für uns Portugiesen sehr vertraut: Die Regierenden lassen erstmal alle das machen, was sie wollen, und erst wenn es lichterloh brennt, holen sie einen Eimer Wasser und versuchen damit die Flammen zu löschen. So geht das nicht. Wir brauchen jetzt eine öffentliche Hand, die eingreift. Denn wenn wir alles dem freien Spiel der Wirtschaftskräfte überlassen, dann wohnt vielleicht irgendwann kein gebürtiger Lissabonner mehr in Lissabon. Und genau das wollen die Touristen auch nicht sehen."

Land nicht richtig auf den Touristenboom vorbereitet

Auch in anderen Bereichen zeigt sich, dass sich Portugal auf den Touristenansturm hätte besser vorbereiten können. Vor der Finanz- und Wirtschaftskrise hatte das Land in den massiven Ausbau seines Autobahnnetzes investiert. Doch andere Infrastrukturprojekte, wie ein neuer Großflughafen oder schnellere Zugverbindungen nach Spanien, wurden nicht umgesetzt.

Der Wirtschaftswissenschaftler José Esteves hat mit seinem Beratungsunternehmen eine wichtige strategische Studie zum Tourismus vorgelegt. Er glaubt, dass die portugiesischen Entscheidungsträger Fehler gemacht und das Land nicht richtig auf den Touristenboom vorbereitet haben. Als Beispiel nennt er den Flugverkehr, über den 41 Prozent aller Touristen nach Portugal kommen.

"Vor 15 Jahren besuchten bereits 12 Millionen Touristen Portugal und der Lissabonner Flughafen platzte aus allen Nähten. Ein neuer Flughafen war notwendig, wurde aber nicht gebaut. Jetzt erwarten wir 20 Millionen Besucher im Jahr und müssen uns schnell eine Notlösung ausdenken. Deshalb will die Regierung nun einen Militärflughafen in Montijo zu einem zweiten zivilen Flughafen für Lissabon umwandeln. Doch damit stoßen wir in 10 Jahren wieder an unsere Grenze."

Für José Esteves wäre der Bau eines Großflughafens in Lissabon nicht nur ein wichtiges Infrastrukturprojekt für den Tourismus, sondern auch eine selbstbewusste Neudefinition der geopolitischen Rolle Portugals.

"Portugal könnte das Drehkreuz sein zwischen Afrika, Süd- und Nordamerika. Wir haben sehr gute kulturelle Beziehungen zu Brasilien und Angola, die auf dem südamerikanischen beziehungsweise afrikanischen Kontinent eine immer dominantere Rolle spielen. Portugal kann also ein Vermittler zwischen Europa und der atlantischen Welt sein, im kulturellen, aber auch im wirtschaftlichen Bereich. Ein neuer Großflughafen wäre das passende verkehrspolitische Instrument, damit Portugal diese Vermittlerrolle in Zukunft spielen kann."

Gesamtwirtschaftliches Potential des Tourismus

Hinter diesen großspurigen Projekten steht jedoch ein dickes Fragezeichen. Im vergangenen Jahr ließ das Finanzministerium einen Großteil der öffentlichen Ausgaben einfrieren; das staatliche Investitionsniveau fiel auf einen absoluten Tiefpunkt.

Der Wirtschaftsberater José Esteves drängt trotzdem darauf, dass die Entscheidungsträger in Portugal eine langfristige Strategie für den Tourismus entwickeln, damit ein Mehrwert für die gesamte Wirtschaft generiert werden kann. Anstatt auf Kurzurlauber zu setzen, die über die Billigfluglinie ins Land geschwemmt werden, sollte Portugal ein nachhaltigeres Modell wählen, zum Beispiel durch die Verknüpfung von Tourismus und dem Gesundheitswesen.

"Die Bevölkerung in Europa wird allgemein immer älter. Es wird immer mehr Rentner geben. Sie suchen nach ruhigen, entspannten Orten, aber sie wollen auf ein erstklassiges Gesundheitssystem zurückgreifen können. Wenn wir also in das Gesundheitswesen investieren, dann locken wir so immer mehr ältere Menschen aus anderen europäischen Staaten an. Portugal könnte so zum Gesundheitsdienstleister für Europa werden. Diese Idee ist ein Beispiel, das zeigt, welches gesamtwirtschaftliches Potential im Tourismus steckt."

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