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StartseiteFirmenporträtTischwäsche für die Bundeskanzlerin17.02.2017

Traditionelle TextilindustrieTischwäsche für die Bundeskanzlerin

Tischdecken, Bettwäsche und Handtücher sind heutzutage Massenware. Nicht so beim Traditionsunternehmen Seegers und Sohn in Steinhude. Dort wird seit 250 Jahren auf klassischen Webstühlen gewebt. Kam seine Kundschaft früher vor allem aus dem gehobenen Bürgertum, kaufen heute Hotels und Restaurants die hochwertige Wäsche - und die Politprominenz.

Von Mirko Smiljanic

Platz an einem festlich gedeckten Tisch mit einem Platzkärtchen, auf dem steht "Die Bundeskanzlerin". (picture alliance/dpa/Wolfgang Kumm)
Unter anderem die Bundeskanzlerin lässt sich ihre Tischwäsche von Seegers und Sohn liefern. (picture alliance/dpa/Wolfgang Kumm)
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Handwerkskunst Weben als Passion

Groß ist der Präsentationsraum, sehr groß sogar, eine ehemalige Fabrikhalle der Weberei "Seegers & Sohn" aus Steinhude in Niedersachsen. An der hinteren Front ragen noch Vorrichtungen aus der Wand, an denen früher das gebleichte Leinen zum Trocknen hing, Kohleöfen sorgten für die notwendige Wärme. Heute stehen an den Wänden Regale mit Tisch-, Bett- und Frottierwäsche, in der Mitte festlich eingedeckte Esstische, natürlich mit eleganten Decken.

"Dies ist jetzt schwarz-bordeaux oder nur schwarz, in verschiedenen Größen, zum Beispiel hier, der ist auch sehr, sehr schön in Grau mit dem Rot, 1,50 mal zwei Meter zum Beispiel," beschreibt Birgit Treuthardt. Sie ist Mitarbeiterin von "Seegers & Sohn", kennt die Weberei seit ihrer Kindheit, und sie kennt die vielen Webmuster. Einige sind bei den Kunden ausgesprochen beliebt und werden seit Jahrzehnten nachgefragt; andere verschwinden und müssen durch neue ersetzt werden. "Was wunderschön dieses Jahr eingedeckt ist, ist das Reinleinen in Weiß, 'Gregor' nennt sich das", stellt Birgit Treuthard vor: "So werden zu jeder Ausstellung zum Frühling, zum Sommer, zum Herbst und zu Weihnachten, neue Muster gewebt und entwickelt."

Nur auf den ersten Blick unmodern

Und zwar nebenan in einer Produktionshalle, die zunächst einmal den Charme einer Weberei aus den Anfängen der Industrialisierung hat. 15 etwa drei Meter breite und bis zu sechs Meter hohe Webstühle stehen in Reih und Glied auf Betonfundamenten. Wer genau hinschaut, sieht über den Webstühlen Apparaturen, aus denen Hunderte von Fäden nach unten zum Webgut laufen, die sich abhängig vom zu webenden Muster heben oder senken. Joseph-Marie Jacquard, ein französischer Erfinder, hat Anfang des 19. Jahrhunderts diese Technik entwickelt und damit entscheidend zur industriellen Revolution beigetragen. "Alt" oder gar "unmodern" wirkt die Produktion der Weberei "Seegers & Sohn" aber nur auf den allerersten Blick. Adrian Seegers, Geschäftsführer von "Seegers & Sohn", schaltet per Knopfdruck einen der Jacquard-Webstühle ein und warnt schon einmal:" Jetzt wird es allerdings wirklich laut, bitte nicht erschrecken!"

Der Webstuhl rattert los - und stoppt abrupt.

Weben mit dem binären System

"So jetzt haben wir auch den ersten Schussfehler", erklärt Seegers.  Ein Faden ist gerissen, was aber nicht weiter schlimm ist, bietet die Pause doch Gelegenheit für einen Blick auf den Webstuhl. Das Besondere sind aufgerollte Lochkarten, die bestimmen, welches Muster produziert wird: Wo ein Loch ist, ist ein Faden, wo kein Loch ist, eben keiner. Joseph-Marie Jacquard hat vor mehr als 200 Jahren eine Maschine erfunden, die nach dem binären Prinzip arbeitet.

"Richtig, und das gibt es auch heute noch!", bestätigt der Geschäftsführer. "Bei uns sind es die Lochkarten, entweder Loch drin oder kein Loch drin, beim PC ist es die 0 oder die 1, es ist dasselbe System, nur eben mechanisch umgesetzt."

Mittlerweile ist der Fehler behoben, der Webstuhl arbeitet fehlerfrei am Wappen der Familie Seegers, deren Geschichte weit zurückreicht. Adrian Seegers führt den Betrieb mittlerweile in der 9. Generation: "Den Start hat ein Ludolf Seegers, so hieß er, 1765 gemacht, er wurde ausgebildet in Hannover, das war ein großes Webereizentrum, und ist dann der Liebe wegen oder der Heirat wegen nach Steinhude gezogen und hat sich dann mit zwei Gesellen selbstständig gemacht."

Die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident sind Kunden

Weberaufstände wie in Schlesien Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in der damals noch jungen Steinhuder Textilindustrie nicht. Fast alle Familien arbeiteten im Sommer als Fischer auf dem Steinhuder Meer, die Verarmung hielt sich in Grenzen. Außerdem hatte "Seegers & Sohn" schon damals viele Kunden im aufsteigenden Bürgertum. Sie kauften Tisch-, Bett- und Küchenwäsche - und so viel hat sich nicht geändert, meint Adrian Seegers: "Eigentlich ist das auch das, was wir heute nach wie vor produzieren. Damals ausschließlich für Aussteuerhäuser. Dass wir jetzt nur noch die Hotellerie oder Gastronomie beliefern, ist dann eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg so entstanden."

Heute liefert "Seegers & Sohn" seine Wäsche europaweit aus, wobei der Schwerpunkt auf Deutschland, Österreich und Schweiz liegt. Bei den Kunden, sagt Adrian Seegers stolz, gibt es durchaus wohlklingende Namen: "Die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident, viele, viele Botschaften, der Bayerische Hof in München, also, da gibt es dann doch sehr, sehr viele."

"Wir sind nicht die Günstigsten"

25 Mitarbeiter beschäftigt Adrian Seegers, der Umsatz liegt stabil bei 2,5 Millionen Euro pro Jahr: "Wir sind, ich sage es ganz ehrlich, nicht die Günstigsten, wir produzieren eben noch in Deutschland, kaufen unsere Garne in Europa ein, da kann man nicht der Günstigste sein, Import ist da natürlich etwas günstiger."

Die Weberei "Seegers & Sohn" aus Steinhude am Steinhuder Meer in Niedersachsen existiert mittlerweile seit 250 Jahren in neunter Generation. Da drängt sich natürlich die Frage auf: Hat Adrian Seegers schon einen Sohn für die zehnte Generation?

"Nein, habe ich noch nicht", räumt er ein. "Ich habe zwei Neffen und eine Nichte, nein, noch gibt es keine zehnte Generation, aber ich denke, das wird schon noch."

 

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