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StartseiteBüchermarktTräume von weißer Weite und kaltem Indigoblau01.03.2012

Träume von weißer Weite und kaltem Indigoblau

Amy Sackville: "Ruhepol", Luchterhand

Amy Sackville heißt eine vielversprechende Nachwuchsautorin aus England. Sie wurde 1981 geboren und lebt in London. Für ihren ersten Roman "Ruhepol" wurde sie 2010 mit dem John Llewellyn Rhys Prize ausgezeichnet, dem ältesten englischen Literaturpreis für den besten Roman des Jahres für junge Autoren.

Von Annette Brüggemann

Der Raffles See vor der grönländischen Ostküste ist ein Süßwasserreservoir. (AWI)
Der Raffles See vor der grönländischen Ostküste ist ein Süßwasserreservoir. (AWI)

Ereignislose Stunden vergehen. Sie verschieben sich kaum merklich. Der Tag keimt auf und wird gleich beginnen, haben Sie Geduld. Wir beobachten sie zu einer Zeit, die uns meistens entgeht: wenn die Nacht schon weit vorangeschritten, der Morgen aber noch fern ist - jener Zeitraum, in dem wir, falls wir aufwachen, nicht genau wissen, ob vor uns weitere Stunden des Schlafs liegen oder ob wir in wenigen Sekunden aufgerüttelt werden von dem, was uns normalerweise den Tag ankündigt: Musik, das schrille Piepen eines Weckers, ein hartnäckiger Vogel am Fenster, ein geliebter Mensch, unsere Angst.

Julia und Simon sind es, die wir im Schlaf beobachten. Eine Nacht und einen Tag lang werden wir sie begleiten.

Seit Kurzem wohnen sie in einem alten viktorianischen Haus in der Nähe von London. Ein Haus voller alter Tagebücher, ausgestopfter Tiere und Geheimnisse. In diesem Labyrinth drohen Julia und Simon einander Stück für Stück zu verlieren.

Ein allwissender Erzähler führt uns durch den Roman - kein leichtes Unterfangen, aber es gelingt: Amy Sackvilles Erzählstimme hat eine zurückhaltende Präsenz. Mir ihr reisen wir durch Raum und Zeit und sind zugleich dicht an Julias und Simons Fersen.

Einst lebte in ihrem Haus die Familie Mackley. John, der Bruder des Polarforschers Edward Mackley mit seiner Frau Arabella - gemeinsam mit Edward Mackleys Frau Emily. Um Emily und Edward rankt eine monumentale Familienlegende: ewige Liebe. Ewig wie das Eis, aus dem Edward Mackley - trotz heldenhafter Ambitionen - nie zurückgekehrt ist. Erst 1959, da war Emily bereits 81 Jahre alt, wird Edwards toter Körper im Eis geborgen, in seinen Händen ein Foto von Emily.

Julia ist Edward Mackleys Urgroßnichte. Während Simon in seinem Londoner Architekturbüro Baupläne zeichnet, ordnet Julia Edwards Nachlass und liest dessen Tagebuchnotizen vom anderen Ende der Welt:

Eine Karte der Arktis ist eine Karte von Konzepten. Konturlos, immer in Bewegung; zwar gibt es keine fest stehende Mitte, aber ich hätte sie erfühlt, hätte ich darüber laufen und die Drehung der Welt unter mir spüren können. Nun wandere ich in Gedanken über das Eis, um mich ihr zu nähern, und meine Gedanken sind so ausgedehnt und klar wie die weiße Ebene vor mir. Grenzenlos, randlos. Der Ruhepol kommt mir entgegen. Ringsum nichts als Anmut. Ich komme näher.

Die Einsamkeit des Eises wird nicht nur zur Metapher der Liebe zwischen Emily und Edward, sondern auch zwischen Julia und Simon. Auch wenn der Vergleich paradox erscheint zwischen einem Paar, dessen geografische Distanz unüberwindbar war und einem Paar, das einander täglich sieht. Beide haben mit denselben Emotionen zu kämpfen. Die Liebe von Julia und Simon steuert auf einen unwiederbringlichen Nullpunkt zu, an dem die Welt stillzustehen scheint, Altes endet, Neues beginnt - und das Eis sich im Untergrund unmerklich verschiebt.

Julias entfernter Cousin Jonathan kommt sie in ihrer einsamen Recherche besuchen. Als er sich abends auf den Heimweg macht, ist Julia klar, dass Emily keine ewig treue Heilige war. Das Familiengeheimnis ist gelüftet. Die Legende ist auf menschliche Größe geschrumpft.

Simon wird an diesem Tag bewusst, dass er die Unschuld ihres Ehelebens für immer riskiert hat. Liebe und Enttäuschung, Verlassensängste und mutige Zugeständnisse, Enge und Freiheit.

Die Psychologie zweier Paare formt die dramaturgische Doppelhelix dieses beachtlichen Debüts: Wie nah können Liebende sich sein? Wie viel Fremdheit bleibt?

An einem heißen Augusttag begleiten wir Julia und Simon - 24 intensive Stunden, die uns bis ins Indigoblau der Arktis entführen. Leise entblättert der Roman "Ruhepol" von Amy Sackville seine erzählerische Kraft.

Einzig und allein sprachliche Sentimentalitäten stören bisweilen, die in Klischees abzurutschen drohen. Auch bleibt der Roman durchgängig in einer melancholischen Tonlage - ein wenig mehr erfrischender und frecher Realismus hätte ihm sehr gut getan. Am Ende des Romans hält die Welt noch einmal den Atem an:

Und weiter nördlich, hinter den Bergen und Städten und Tälern und Mooren, hinter der Silberstadt; hinter Inseln und dem halbgefrorenen schwarzen Ozean, draußen auf dem Eis im Norden, hoch im Norden, wo die Nacht plötzlich hinter uns liegt und der Tag kein Ende nimmt, liegt Edward Mackley, schläft immer noch unter dem Schnee, unter der strahlenden, arktischen Sonne; und wenn wir weiterziehen, sehen wir endlich den Nordpol, und unter unseren Füßen dreht sich die ganze Welt.

Emily Mackleys Urenkelin wendet sich ihrem schlafenden Ehemann zu: Simon, rein wie der Schnee ... Sie kehrt ihm den Rücken zu und gibt sich dem Schlaf hin. Wenige Minuten später tut er das Gleiche. Ihre Atemzüge finden zu einem Rhythmus, einer eigenen Harmonie, einem synkopierten Seufzen, das sich nicht transkribieren lässt. Aber hören Sie, wie friedlich es klingt. Die Symmetrie der nackten Körper auf dem Laken, die Form einer Urne. Er hat die Knie stärker angezogen, sodass sie sollten sich ihre Füße ... aber sehen Sie nur: die Fußsohlen berühren sich, schon schmiegen sich ihre warmen Zehen unter die seinen.


Amy Sackville:
Ruhepol. Roman. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Luchterhand Verlag 2012. Hardcover, 352 Seiten. ISBN: 978-3-630-87335-0

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