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StartseiteBüchermarktDie Zuneigung zu den Menschen führte ihm die Feder01.06.2017

Trankret Dorst mit 91 Jahren gestorbenDie Zuneigung zu den Menschen führte ihm die Feder

Tankred sei ein Autor gewesen, der sich mit seinen Theaterstücken weder thematisch noch formal auf eine Tendenz, geschweige denn auf eine Ideologie festlegen ließ, meint Martin Krumholz. Dorst sei dem Menschen an sich nah gewesen und habe dabei auch Verständnis für dessen Verführbarkeit gezeigt.

Von Martin Krumbholz

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Tankred Dorst galt als einer der produktivsten Autoren seiner Zunft. (dpa / picture alliance)
Tankred Dorst galt als einer der produktivsten Autoren seiner Zunft. (dpa / picture alliance)
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Er war einer der produktivsten Autoren fürs Theater der letzten 60 Jahre – und ja, das Wort Dramatiker trifft hier noch einmal zu. Tankred Dorst scheute weder die ganz große, ausufernde Form wie in "Merlin oder Das wüste Land", seinem Stück über die Artussage, – noch die intime, knappe Form wie, zehn Jahre später, in "Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben", der kühlen Diagnose eines Beziehungskonflikts zwischen drei Menschen.

Weder thematisch noch formal war dieser Autor auf eine Tendenz, ein Erkennungssignal festzulegen, geschweige denn auf eine Ideologie. Aber er war dem Menschen nah. Der Mensch – und nicht der Typus – in seinem Eigensinn stand in Dorsts Texten im Mittelpunkt. So kam es, dass die Theater überall auf der Welt und Regisseure aller Couleur bis hin zu Peymann, Dorn und Zadek sich um ihn rissen. Eine Dorst-Uraufführung machen zu dürfen – und es gab im Lauf der Jahrzehnte ungezählte von ihnen – war an sich schon eine Auszeichnung.

Ein Pessimist mit unerschöpflichem Humor

Geboren wurde Dorst am 19. Dezember 1925 in Sonneberg in Thüringen. Er war im Krieg und in Kriegsgefangenschaft, zog anschließend nach München und beschäftigte sich zunächst mit dem Marionettentheater. Er schrieb Einakter, arbeitete für Funk und Fernsehen, wurde weithin bekannt mit einem Stück über den Münchener Revolutionär Ernst Toller, einen Protagonisten der Räterepublik. Uraufgeführt 1968 durch Peter Palitzsch, der Stoff passte perfekt in die aufgewühlte Zeit. Aber Dorst zeigt keinen Helden, sondern eine gebrochene Figur, und die Revolution wird keineswegs romantisiert. In dem Stück "Eiszeit", vier Jahre später durch Zadek uraufgeführt, ist es der norwegische, mit dem Faschismus kollaborierende Dichter Knut Hamsun, dem Dorst ein prekäres Denkmal setzt. Das Stück spielt in einem Altersheim, der Protagonist heißt nicht Hamsun, sondern einfach "der Alte". Doch Hamsun bleibt erkennbar: Ohne Zweifel einer der bedeutendsten Autoren seiner Zeit, ist der Alte ohne Einsicht in seine politischen Fehler, hochmütig und selbstgerecht verweigert er sich der Korrektur eines fatalen Irrtums. Eben deshalb tendiert das Charakterdrama vorsichtig zur Charakterkomödie, einer herrlichen Vorlage für große Charakterspieler wie O.E. Hasse, der den Alten verkörperte.

Dorst, keine Frage, war ein Pessimist, jedoch ein Pessimist mit unerschöpflichem Humor. In dem Stück "Goncourt" schaffte er den Tod ab, jedenfalls wollte es der Untertitel so. "Merlin", 1981 aufsehenerregend uraufgeführt, war nicht zuletzt eine groß angelegte Klage, ein Abgesang auf die Utopie. Klarsichtig genug war dieser Autor in den Siebzigerjahren, der lähmenden Dekade der Postrevolte, um den noch einigermaßen revolutionsgläubigen Dramatikern der DDR wie Heiner Müller, Peter Hacks oder Volker Braun eigene Entwürfe entgegenzustellen, ohne im mindesten reaktionär zu sein. Er unterschied sich auch vom bräsigen, selbstgerechten Ultrapessimismus eines Thomas Bernhard. Nicht die Zuspitzung, die Übertreibung führte Dorst die Feder, sondern die Zuneigung zu den Menschen und auch das Verständnis für ihre Verführbarkeit. 

Das dezidierte Kammerspiel war immer eine Domäne dieses Autors

Schon seit den frühen Siebzigern ist Dorsts Frau Ursula Ehler mit von der Partie, zunächst firmiert sie als "Mitarbeiterin", später auch als gleichberechtigte Co-Autorin. Wie man sich die Zusammenarbeit genau vorzustellen hat, dürfte das Geheimnis der beiden bleiben, jedenfalls war dieses Team-working extrem produktiv. Ohne Unterlass folgte Stück auf Stück. "Die Villa", "Heinrich oder Die Schmerzen der Phantasie", "Der verbotene Garten", ein formal komplexes Werk über den italienischen Mussolini-Bewunderer Gabriele d’Annunzio. "Ich, Feuerbach", vielgespielt, ist eine herrlich komische Farce über einen verkannten Schauspieler, der um eine Rolle kämpft, aber schon am Regieassistenten scheitert. Das Leben als Rollenspiel – eine unerschöpfliche Metapher, die Dorst virtuos ausreizt.

Das dezidierte Kammerspiel war neben dem großen Drama mit vielen Figuren immer eine Domäne dieses Autors. Bis zuletzt, bis zu dem Zweipersonenstück "Das Blau in der Wand", das im vergangenen Sommer bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen uraufgeführt wurde. Noch kurz vor seinem Tod, hört man, schrieb Tankred Dorst an zwei Texten, einer davon soll fast fertig sein. Heute, am 1. Juni, ist der Schriftsteller nach kurzer Krankheit in seiner Wahlheimat Berlin gestorben.

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