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StartseiteBüchermarkt'Transit': Themenheft 'Gewalt und Vertreibung'31.01.2003

'Transit': Themenheft 'Gewalt und Vertreibung'

Verlag Neue Kritik, 206 S., EUR 14,-

"Die Deutschen als Opfer" : Dieser <em>Spiegel</em>-Titel signalisierte vor einigen Monaten einen Paradigmenwechsel in der geschichtlichen Reflexion und eine radikal veränderte Wahrnehmung der unabgegoltenen Vergangenheit. Die erhitzte Debatte über den Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht wurde als Tagesthema abgesetzt, stattdessen mit der <em>Krebsgang</em>-Novelle von Günter Grass ein neuer Schauplatz für den öffentlichen Diskurs eröffnet. Lange ängstlich als kollektives Schweigetabu gehütet, hatte das Thema der gewaltsamen Vertreibung der Deutschen binnen kürzester Zeit die nationalistischen Emotionen mobilisiert. Nach unglücklichen Äußerungen des bayerischen Ministerpräsidenten hatte im Sommer 2002 der damals amtierende tschechische Ministerpräsident Milos Zeman die Initiative ergriffen und die Sudetendeutschen als "fünfte Kolonne" Hitlers bezeichnet. Mit solchen Statements schien die Rückkehr zu einem nationalen Populismus vollzogen und die vom tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel betriebene Politik der Aussöhnung zunichte gemacht.

Michael Braun

Um das Gespenst des Populismus zu vertreiben, legt nun die europäische Revue TRANSIT ein umfangreiches Dossier zu "Gewalt und Vertreibung" vor, das eine präzise Chronik aller Zwangsmigrationen im 20. Jahrhundert enthält. 1990 als dezidiert mitteleuropäisches Magazin gegründet, und in Wien herausgegeben am "Institut für die Wissenschaften vom Menschen", stand "Transit" seit seiner Gründung im Schatten der ungleich berühmteren Kulturzeitschrift Lettre international, obwohl hier ähnliche Themen auf gleichem Niveau debattiert werden. In "Transit" schreiben prominente Historiker, Sozialwissenschaftler und Schriftsteller aus Warschau, London, Paris, Budapest und Berlin, wobei das zentrale Interesse den jüngsten politischen und kulturellen Metamorphosen Osteuropas gilt.

Dem von gefährlichen Chauvinismen umstellten Thema "Vertreibung" werden im aktuellen Heft 23 von "Transit" sehr lehrreiche Analysen gewidmet. Kein Zweifel wird daran gelassen, dass es der barbarische Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht im Osten war, der nach 1945 die gewaltsamen Vertreibungen der deutschen Bevölkerung aus Polen und der Tschechoslowakei provozierte. In einem äußerst instruktiven Dossier von Rainer Münz zum "Jahrhundert der Vertreibungen" werden die gewaltsamen Umsiedlungen und ethnischen Säuberungen der Nachkriegszeit auf ihre europäische Vorgeschichte zurückgeführt. Die öffentlichen Erregungen um die sogenannten "Benes-Dekrete", die ab 1946 die Vertreibung der Sudetendeutschen legitimierten, werden von dem Politologen Jacques Rupnik und dem Literaturwissenschaftler Peter Demetz ohne die üblichen nationalistischen Verblendungen analysiert. Demetz verweist z.B. darauf, dass Eduard Benes keinesfalls dem Klischee des tschechischen Chauvinisten entsprach, sondern noch 1940 im Londoner Exil beteuerte, "dass man die inhumane Institution der ;Massenaussiedlungen nicht von Hitler übernehmen" wolle. Erst nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion begann Benes eine neue Position einzunehmen, die schließlich zu jenen 143 Dekreten führte, die der tschechische Exil-Präsident bis zum Mai 1945 ausarbeitete. In der jüngsten Autorengeneration Tschechiens, so Demetz, wächst nun aber die Einsicht, dass die tschechische Gesellschaft für den Tod von bis zu dreißigtausend vertriebenen Sudetendeutschen verantwortlich war.

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