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StartseiteWirtschaft und GesellschaftArzneimittel-Studien als Mittel zur Korruption?18.05.2015

Transparency InternationalArzneimittel-Studien als Mittel zur Korruption?

In sogenannten Anwendungsbeobachtungen studieren Pharmakonzerne, wie ihre bereits auf den Markt gebrachten Medikamente verkauft werden können und welche Nebenwirkungen sich zeigen. Die Nichtregierungsorganisation Transparency International kritisiert die Studien nun als wissenschaftlich kaum belastbar und sieht darin ein Einfallstor für Korruption.

Von Johannes Kulms

Tabletten liegen in Tagesrationen und in Blistern auf einem Tisch. (dpa / Jens Kalaene)
Die Studien, die Pharmaunternehmen und Medizinprodukte-Hersteller in Auftrag geben, sind eher als "Scheinforschung" zu bewerten, so Transparency. (dpa / Jens Kalaene)
Weiterführende Information

Pharma-Unternehmen - Medikamenten-Tests in der DDR
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 01.07.2014)

Pharma-Branche - Ein menschenverachtendes Geschäft
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 27.12.2013)

Rund 7.000 Seiten lang ist das bisher nicht veröffentlichte Material, das Transparency International ausgewertet hat. Darin geht es um Studien zu bereits zugelassenen Medikamenten. Die Nichtregierungsorganisation kommt zu dem Schluss: Die Studien, die Pharmaunternehmen und Medizinprodukte-Hersteller in Auftrag geben, sind eher als "Scheinforschung" zu bewerten. Zudem sieht Transparency International in diesen sogenannten Anwendungsbeobachtungen auch ein Einfallstor für Korruption im Gesundheitswesen:

"Also, wir halten das für sehr schlimm und sehr gravierend. Weil der Anschein den das Arzneimittelgesetz ja gerade erweckt, dass man für die Arzneimittelsicherheit dieser Anwendungsbeobachtungen auch gesetzlich wünscht, dann muss man doch feststellen: Von diesem ganzen Anspruch ist nichts erfüllt. Und das muss alles dringend geändert werden."

Sagt Angela Spelsberg, selbst Medizinerin und Mitglied der Transparency-Arbeitsgruppe "Gesundheitswesen".

Auch ihr Mitstreiter Ulrich Keil, emeritierter Professor für Epidemiologie der Uni Münster, sieht keinen wissenschaftlichen Nutzen in den Anwendungsbeobachtungen.

"Die Pharmaindustrie hat offensichtlich das Interesse, Medikamente im Markt zu halten. Und vor allem, diese Daten geheim zu halten. Das ist, was wir am schlimmsten finden, dass hier eben Studien durchgeführt werden, deren Ergebnisse nicht publiziert werden, über Nebenwirkungen von Medikamenten nicht berichtet wird."

Verpflichtend seien die Anwendungsbeobachtungen nicht, sagt Keil. Doch entscheide sich ein Pharmaunternehmen dafür, Erkenntnisse über ein bereits zugelassenes Medikament sprichwörtlich in der Praxis zu sammeln, müsste diese gleich drei Einrichtungen vorgelegt werden: Der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Bereits 2011 hatte Transparency die drei Einrichtungen um Auskunft zu den Anwendungsbeobachtungen gebeten. Doch erst nach zwei erfolgreichen Klageverfahren zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Informationsfreiheit gelangte man an die Daten.

"Und das überraschende oder erschreckende bei den Behörden ist eben, dass sie die Meldungen, die sie per Gesetz bekommen, offensichtlich nicht hinterfragen, sondern eben abheften und die Daten nicht auswerten und damit zufrieden sind, was ihnen geliefert wird."

Zwischen 2008 und 2010 hätten mehr als eine Millionen Patienten und rund 127.000 Ärzte an den Arzneimittelstudien teilgenommen, so Transparency. Nach den vorliegenden Daten hätten die Mediziner über den dreijährigen Zeitraum insgesamt im Durchschnitt rund 19.000 Euro an Honoraren dafür erhalten.

Deshalb sieht Transparency in den Anwendungsbeobachtungen die Gefahr der Korruption - und fordert eine umgehende Änderung des Arzneimittelgesetzes. Zudem brauche es neue Finanzierungsmodelle für die Studien.

Wir überwachen Arzneimittel nach der Zulassung engmaschig auf neue Risiken, heißt es dagegen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte auf Nachfrage dieses Senders. In regelmäßig vorzulegenden Berichten würden die Pharmahersteller über weltweit gesammelte Verdachtsfallmeldungen von Nebenwirkungen informieren. Deswegen gehe keine Information verloren, sagte ein Sprecher.

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