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StartseiteDeutschland heuteWo Männer ihre Identität an der Türe abgeben31.05.2017

TranssexualitätWo Männer ihre Identität an der Türe abgeben

Wer das Gefühl hat, im falschen Körper geboren zu sein, kann sich mit seinem biologischen Geschlecht nicht identifizieren. Transsexuelle Männer fangen oft im stillen Kämmerchen an, sich weiblich zu kleiden. Die Frankfurterin Manuela Mock hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Männer in ihrer Boutique zu unterstützen.

Von Alicia Lindhoff

Drag Queen "Jessica Walker" alias Jens schminkt sich am Donnerstagabend (19.08.2010) am Rande der Bahnhofsviertelnacht in Frankfurt am Main in der Damenboutique für den Herrn "Transnormal". (dpa/Arne Dedert)
In der Frankfurter Boutique "Transnormal" kann man für einige Stunden das Geschlecht wechseln. (dpa/Arne Dedert)
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Eine kleine Boutique in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs. "Transnormal" steht über der Tür. Draußen brausen die Autos vorbei. Ein paar Passanten bleiben am Schaufenster stehen. Sie haben drinnen Perücken, Dessous und High Heels entdeckt. Im hinteren Teil des Ladens sitzt, geschützt vor den Blicken, eine Frau auf einem roten Sofa. Simone nippt an einem Gläschen Sekt. Die Haare fallen ihr in rotbraunen Wellen um das geschminkte Gesicht.

Doch der erste Eindruck täuscht. Simone ist keine gewöhnliche Frau und das "Transnormal" ist keine gewöhnliche Boutique: Hierher kommen Männer, um für eine Weile ihre weibliche Seite auszuleben. Simone ist im Juli vergangenen Jahres zum ersten Mal hier gewesen. Nachdem sie sich ein Leben lang versteckt hatte. "Ich konnte praktisch so als Mann nicht aus mir rausgehen. Und weil ich auch ein bisschen immer Angst hatte, dass entdeckt wird, dass eben doch was anders ist. Und da hab ich mich dann auch vor anderen Menschen versteckt, hab mich da nicht rangetraut."

"Verstecken wollte ich mich nicht mehr"

Dass etwas anders ist, hat Simone schon als Kind in der DDR bemerkt. Trotzdem fing sie nach der Wende in der Nähe von Stuttgart in einem echten Männerjob an: bei Mercedes, in der Montage. Stahlkappenschuhe, Latzhosen. Nur zu Hause hat sie Kleider getragen, immer heimlich, sich vorgestellt, eine Frau zu sein. Bis sie den Mut fasst, ihr Leben zu ändern, dauert es: "Ich bin 50 geworden, und da hab ich überlegt: Ist das jetzt alles? Und verstecken wollte ich mich dann nicht mehr. Und da hab ich gesagt, nee, ich will endlich mal raus, ich will das ausleben ..."

Zum Glück hat sich die Welt seit ihrer Jugend verändert: Im Internet trifft Simone auf viele, viele Gleichgesinnte. Sie fährt von da an fast jedes Wochenende zu Treffen und Stammtischen in ganz Deutschland. Und sie stößt auf die Internetseite des "Transnormal". Bis heute saugt Simone, wenn sie hier ist, alle Styling-Tipps auf wie ein Schwamm: "Kleine Mädchen lernen das ja von Grund auf, da zeigt das dann die Mutter oder die Freundin. Das haben wir ja alles nicht. Wo sollen wir das lernen?"

In Sachen Frau-Sein noch Anfängerin

Es klingelt an der Tür. Simone öffnet einem lässig aussehenden Typ mit Jeansjacke. Ein neuer Kunde. Oder besser gesagt: eine neue Kundin. Die männliche Identität wird im "Transnormal" an der Tür abgegeben. Manuela Mock, die Inhaberin, rauscht aus einem Hinterzimmer nach vorne. Manuela: "Daniela, willkommen!" Eine echte Diva, mit schwarzem Kleid, roten Lippen und wasserstoffblondem Haar. Manuela: "Dann können wir loslegen, alright!"

Daniela ist extra aus Köln angereist. Abends will sie ausgehen - als Frau. Manuela führt sie in den Nebenraum: ein langer Spiegel und davor aufgereiht unzählige Döschen, Tuben, Pinsel und Lippenstifte. Bevor es losgeht, gibt es von der Chefin noch eine Rüge: Daniela sitzt zu breitbeinig. Sie ist in Sachen Frau-Sein noch Anfängerin. Daniela: "Das zweite Mal, dass ich komplett aufgebrezelt bin, also ich hab schon den Hang dazu, aber nicht so ausgeprägt. Also sonst bleibt es dann eher dabei, dass ich mich zu Hause mal femininer kleide, sag ich mal."

Ein Transvestit möchte gern wie eine "normale Lady" aussehen

Während Manuela arbeitet, erklärt sie, wie aus einem Männergesicht ein Frauengesicht wird. "Bei der Daniela hab ich jetzt ein Make-up aufgetragen, also Camouflage. Weil Männer haben ja auch eine gröbere Haut, gröbere Poren. Und wenn da jemand einen schweren Bartschatten, dann gibt’s da eben verschiedene Möglichkeiten, den zu kaschieren. Ja und dann mach ich Augen-Make-up. Aber nicht wie ne Dragqueen. Ein Transvestit ist eigentlich eher einer, der sagt: 'Wow, ich möchte gern normal ausgehen. Und ich will vor allen Dingen nicht angesehen werden wie einer, der sich überzeichnet hat.' Als normale Lady, transnormale Lady sozusagen."

Manuela kennt sich aus. Sie ist in der Szene ein alter Hase. Als sie 15 war, nahm ein Freund sie mit in eine Travestie-Show im Frankfurter Bahnhofsviertel - sie war fasziniert. Später arbeitete sie dort lange in der Garderobe. Vor 17 Jahren hat sie das "Transnormal" eröffnet. Reich wird sie davon nicht: An manchen Tagen, sagt sie, kommt eine Kundin nach der anderen, manchmal gar keine. Trotzdem ist es ihr absoluter Traumjob: Sie kann ihre Erfahrungen weitergeben und bietet den Kundinnen einen sicheren Ort, an dem sie ihre Wünsche ausleben können. Viele haben große Angst davor, lächerlich gemacht oder zurückgewiesen zu werden. 

"Ein Glücksgefühl, das von oben bis unten durchströmt"

Deswegen geht Manuelas Service oft auch über das Styling hinaus: Wenn eine Kundin in die Öffentlichkeit will, sich aber alleine noch unwohl fühlt, dann steht die resolute Chefin ihr zur Seite und führt sie aus, ins Restaurant oder ins Cabaret: "Ich bin so eine Lebensbegleiterin. Mir sagt man die Wünsche - und ich erfüll sie. Ich kann alles möglich machen." 

Simone sitzt noch immer draußen auf dem Sofa. Ab und zu wirft sie einen Blick hinüber in den Stylingraum. Als es dort ans Thema Perücke geht, lächelt sie. Manuela (leiser im anderen Raum:) "Mach mal die Augen zu." Simone: "Das ist immer das Schönste, wenn sie sagt: 'Mach die Augen zu.' Und dann muss man sie aber auch zu lassen. Dann probiert sie einige Sachen aus. Und wenn ich dann die Augen aufmache, das ist dann so ein Glücksgefühl, das so richtig von oben bis unten durchströmt."

Heute lebt Simone jeden Tag als Frau - zumindest, wenn sie nicht arbeitet. Doch selbst in der Fabrik erlaubt sich Simone seit Neuestem einen kleinen Ausreißer: Im Nagelstudio hat sie sich die Fingernägel machen lassen - ganz ladylike im French-Manicure-Stil. Und die Kollegen? Haben geguckt, aber nichts gesagt. Wie die meisten Menschen. Für Simone zählt vor allem eins: "Jetzt darf ich endlich leben, wie ich will."

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