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StartseiteThemen der WocheTrauma einer langen Gefangenschaft15.10.2011

Trauma einer langen Gefangenschaft

Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hamas

Nach fünf Jahren in der Gefangenschaft der Hamas in Gaza soll Gilad Shalit in der nächsten Woche nach Hause zurückkehren. Ein verschleppter israelischer Soldat gegen 1.027 inhaftierte Palästinenser lautet der Deal.

Von Bettina Marx, Deutsche Welle Hörfunk

Stacheldraht-Zaun an der Grenze wischen Israel und Palästina (Thomas Bade)
Stacheldraht-Zaun an der Grenze wischen Israel und Palästina (Thomas Bade)

Das Martyrium von Gilad Shalit geht zu Ende. Nach fünf Jahren in der Gefangenschaft der Hamas in Gaza soll der israelische Soldat in der nächsten Woche nach Hause zurückkehren. Im Alter von 19 Jahren wurde Shalit am 25.6.2006 bei einem Angriff palästinensischer Freischärler auf eine israelische Patrouille an der Grenze zu Gaza verletzt und in den Gazastreifen verschleppt. Zwei seiner Kameraden wurden bei dem Zwischenfall getötet. Ein Fünftel seines jungen Lebens musste Shalit in Gefangenschaft zubringen, irgendwo im Gazastreifen, vielleicht in einem unterirdischen Verlies, in jedem Fall abgeschnitten von der Außenwelt und ohne Kontakt zu seiner Familie. Inzwischen ist er 25. Seine Jugend ist vorbei. Er ist zu einem jungen Mann gereift, der vermutlich ein Leben lang am Trauma der langen Gefangenschaft leiden wird.

Nun hat der Albtraum ein Ende, für ihn, für seine Eltern, die mit beeindruckender Würde, mit Mut und Entschlossenheit um ihn gekämpft haben. Für die israelische Gesellschaft, die sich mehrheitlich und mit beispielloser Beharrlichkeit diesem Kampf angeschlossen hat und für die ganze Welt, die das Schicksal des blassen jungen Mannes mit dem schüchternen Lächeln und der Harry Potter-Brille gerührt hat.

Gilad Shalit also kehrt nach Hause zurück. Aber nicht nur er. Im Austausch gegen ihn werden mehr als 1000 namenlose palästinensische Gefangene aus der Haft entlassen, die außer ihren Familien niemand kennt. Unter ihnen sind 450 sogenannte Sicherheitsgefangene, Männer und Frauen, die wegen terroristischer Aktivitäten zu teilweise hohen Haftstrafen verurteilt wurden. 279 Lebenslängliche, die unter normalen Umständen keine Aussichten auf frühzeitige Entlassung oder Begnadigung gehabt hätten und die zum Teil schon Jahrzehnte inhaftiert waren. Nicht alle dieser jetzt zur Entlassung vorgesehenen Häftlinge haben sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht und nicht alle wurden in rechtsstaatlichen fairen Verfahren verurteilt. Unter ihnen gibt es Zivilisten, die unter Bruch des Völkerrechts aus ihrer Heimat im Westjordanland oder dem Gazastreifen nach Israel verschleppt und vor Militärgerichte gestellt wurden. Es gibt solche, die als Minderjährige eingesperrt und wegen Nichtigkeiten verurteilt wurden und andere, die bei den Verhören misshandelt und gefoltert wurden.

Und im Gegensatz zu Shalit, der hoffentlich bald seine Freiheit uneingeschränkt genießen kann, werden ihnen strenge Auflagen gemacht. 280 der freigelassenen Palästinenser werden aus dem Westjordanland ausgewiesen, in den Gazastreifen oder sogar ins Ausland. Viele von ihnen dürfen niemals in ihre Heimat zurückkehren. Andere müssen sich in regelmäßigen Abständen bei den israelischen Sicherheitskräften melden, bei der Armee also, die seit 43 Jahren ihr Land besetzt hält. Sie dürfen ihren Wohnort nicht verlassen und werden auf Schritt und Tritt überwacht. Und selbst nach ihrer Entlassung bleiben noch immer mehr als 4000 politische Häftlinge in den israelischen Gefängnissen. Insgesamt hat Israel nach Schätzung von Menschenrechtsorganisationen seit 1967, seit der Eroberung und Besetzung des Westjordanlandes und des Gazastreifens, rund 750.000 Palästinenser inhaftiert.

Seit dieser Zeit übt Israel als Besatzungsmacht fast uneingeschränkte Gewalt über die Palästinenser in den besetzten Gebieten aus und ist augenscheinlich nicht bereit, darauf zu verzichten und den Palästinensern ihre Rechte und ihren Staat zuzugestehen. Gilad Shalit hat mit seinem Martyrium auch dafür bezahlt. "Mein Sohn kann nicht allein die Last des Konflikts mit den Palästinensern auf seinen schmalen Schultern tragen", sagte Gilads Vater Noam kurz nach dem Verschwinden seines Sohnes - und dies zu Recht. Trotzdem darf, bei aller Freude über die bevorstehende Freilassung, nicht vergessen werden, dass Shalit als Soldat einer Besatzungsarmee in seinem Panzer die völkerrechtswidrige und unmenschliche Blockade des Gazastreifens durchsetzte. Durchsetzen musste, weil seine Regierung dies von ihm verlangte.

Der spektakuläre Gefangenenaustausch in der kommenden Woche wird ihm seine ersehnte Freiheit bringen. Er wird den Gazastreifen verlassen und in sein Leben zurückkehren können. Die 1,5 Millionen Palästinenser dagegen, die in dem nur 365 Quadratkilometer großen Gebiet eingepfercht sind, haben keine Aussicht auf Freiheit. Sie sind verurteilt zu einem Leben ohne Selbstbestimmung und ohne Zukunft.

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