• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 10:10 Uhr Kontrovers
StartseiteHintergrundBis ins vierte Glied - Traumata prägen auch die Kinder 26.01.2016

Traumavererbung Bis ins vierte Glied - Traumata prägen auch die Kinder

Aus der Forschung zu Holocaust-Überlebenden weiß man, was das Schweigen über schlimme Erlebnisse auslösen kann: Bei ihren Kindern oder sogar noch bei späteren Generationen können psychisch bedingte Krankheiten auftreten. Dies betrifft auch Opfer politischer Verfolgung in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR.

Von Silke Hasselmann

Suchschilder im Lager Friedland, aufgenommen im November 1955: Die britische Armee hatte im September 1945 in dem kleinen Ort Friedland bei Göttingen ein Auffanglager für Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und Vertriebene eingerichtet. (picture-alliance/ dpa)
Suchschilder im Lager Friedland, aufgenommen im November 1955: Die britische Armee hatte im September 1945 in dem kleinen Ort Friedland bei Göttingen ein Auffanglager für Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und Vertriebene eingerichtet. (picture-alliance/ dpa)
Mehr zum Thema

Traumaweitergabe Spätfolgen von Diktaturerfahrungen

1976, also vor genau 40 Jahren, erschien "Kindheitsmuster" in erster Auflage. Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf beschrieb darin die Geschichte einer Frau, die in der Zeit von Nationalsozialismus und Weltkrieg aufgewachsen und 1947 aus ihrer Heimat im späteren Polen vertrieben worden war. In dem autobiografisch angehauchten Buch heißt es:

"Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd."

Kein einziges Mal hat die 2011 gestorbene Christa Wolf in ihrem Buch Begriffe wie "Trauma" oder "Traumatisierung" verwendet. Doch sie hat sie beschrieben - die tiefe Verletzung der Psyche durch schreckliche Kriegs- und Fluchterlebnisse, die oft unbewusste Wirkung solcher Traumata bis ins Erwachsenenalter hinein, und die mögliche Übertragung an die eigenen Kinder. Diese Weitergabe an die nächste Generation, sie geschieht vor allem dann, wenn die Erlebnisse beschwiegen wurden - aus Scham, aus Angst, oder weil sie von dem herrschenden politischen System für tabu erklärt worden waren, sagt die Soziologin Uta Rüchel.

"Also zum Beispiel ist in der alten Bundesrepublik in den frühen 50er Jahren einer der Gründungsmythen, wir haben die ganzen Flüchtlinge und Vertriebenen wunderbar integriert. Es gab die Vertriebenenverbände. Da mochte nicht jeder zugehören, aber wer es unbedingt wollte, konnte es. Es war einfach ein Thema, während auf der anderen Seite in der DDR Flucht und Vertreibung einfach kein Thema war. Die hießen auch nicht Flüchtlinge und Vertriebene. Die hießen Umsiedler, und ab Mitte der 50er Jahre wurde einfach gar nicht mehr darüber gesprochen. Also man hat versucht, sie über Neubauern-Stellen zu integrieren. Aber dann war es einfach gar kein Thema mehr."

Einzige Chance, sich einen Reim auf unerklärliche Macken zu machen

Weitere, noch größere Tabus in der DDR: Die Vergewaltigung von geschätzten zwei Millionen deutschen Frauen und Mädchen durch die alliierten Truppen, also auch durch "die Russen". Die seelischen Erschütterungen jener ca. 230.000 Jugendlichen und Frauen, die zwischen Herbst 1944 und Sommer 1945 zum Arbeitseinsatz in die Sowjetunion verschleppt worden waren. Oder jener mehr als 200.000 deutschen Frauen und Männer, die bis 1950 ohne Urteil in Speziallager in der sowjetischen Besatzungszone interniert und oft grausamen Behandlungen ausgesetzt waren. Auch hier haben viele Betroffene "vergessen" oder - wie Christa Wolf sagen würde - "abgetrennt", was ihnen einst widerfahren ist.

Doch 2016 sind solche Bereiche des Vergangenen weniger vergangen denn je. Das zeige sich vor allem in den Altersheimen, wo viele alte Menschen nicht zur Ruhe kämen, sagt Anne Drescher, Landesbeauftragte für die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit in Mecklenburg-Vorpommern. (*) Den Verdrängungsprozess, der ein Leben lang funktionierte, könnten sterbende Menschen nicht mehr aufrechterhalten.

"Die Haut wird durchlässig und die plagen sich fürchterlich, und die Altenpfleger sind zunehmend gefordert und damit konfrontiert - mit Reaktionen, die sie nicht einordnen können, mit Äußerungen, die sie nicht zuordnen können. Stellen Sie die Situation vor: Eine Frau muss im Bett gewickelt werden. Eine demente alte Dame, die nichts mehr darüber erzählen kann. Und sie schreit immer, wenn sich jemand nähert und die Bettdecke zurückschlägt, und wehrt sich fürchterlich. Da muss man natürlich den Hintergrund wissen und kann das zumindest einigermaßen erahnen, was da passiert sein könnte. Aber das sind zum Beispiel Reaktionen, mit denen die Altenpfleger konfrontiert sind bis dahin, dass die Betreffenden, die das noch können, sich das endlich von der Seele reden wollen."

Für die Kinder und Enkel ist das oft die erste und letzte Chance, sich einen Reim zu machen auf bis dahin unerklärliche Macken, Gefühlsdefizite, Beziehungsstörungen bei und zu Mutter, Vater, Großeltern. Das wiederum kann dabei helfen, eigene Verhaltensmuster zu ergründen. Die meisten Psychologen, Psychotherapeuten und Soziologen sind sich jedenfalls einig: Die nachfolgenden Generationen müssen oft unter den Erlebnissen und Erfahrungen ihrer Vorfahren mitleiden, sie werden davon heimgesucht, und zwar frei nach dem Alten Testament, 2. Buch Mose, "bis ins vierte Glied".

Die Familie erfuhr 55 Jahre lang nichts über den Verbleib des Großvaters

Das ist denn auch der Titel eines kürzlich erschienen Buches über die sogenannte transgenerationale Traumaweitergabe. Anne Drescher (*) hat es herausgegeben, gemeinsam mit dem Berliner Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und unterstützt von Uta Rüchel. Es ist eine Sammlung von Erlebnisberichten und Vorträgen einer Konferenz, die im Herbst 2014 im Rahmen einer Schweriner GULAG-Ausstellung stattgefunden hatte. Sie rückte zum ersten Mal die Opfer politischer Willkür in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR und deren Weitergabe traumatischer Erfahrungen an die Kinder und Enkel in den Mittelpunkt.

So erinnerte sich die in Hamburg lebende Journalistin Urte Manjowk daran, wie ihr irgendwann als Siebenjähriger auffiel, dass an der Geschichte ihres abwesenden Großvaters, Günther Böhmer, etwas nicht stimmen konnte.

"Es wurde über ihn gesprochen. Ich weiß nämlich, dass ich verschiedene Geschichten über ihn im Kopf hatte. Einmal, er ist an einer Lungenentzündung gestorben und einmal, er ist im Krieg gestorben. Und einmal ist er aber auch aus dem Krieg zurückgekommen. Das sind natürlich widersprüchliche Geschichten. Also habe ich mich irgendwann hingesetzt und habe gesagt: Mami, irgendwas stimmt hier nicht. Wie ist denn das nun? Warum ist er nicht mehr da? Was ist mit ihm passiert? Woraufhin sie komplett in Tränen ausbrach, und ich dann natürlich gleich - wie das eben immer ist mit Kindern: Oh Gott, was habe ich angerichtet?"

Wie sie später erfuhr, war der Großvater 1951 in Schwerin auf dem Weg zur Arbeit von dem erst kurz zuvor gegründeten Ministerium für Staatssicherheit abgefangen worden. 1952 wurde er wegen angeblicher Spionage zum Tode verurteilt und wenig später in Moskau hingerichtet. Die Familie erfuhr 55 Jahre lang nichts über den Verbleib von Günther Böhmer. Erst 2006, als eine Tochter zufällig den Namen des verschollenen Vaters in einer Schweriner Ausstellung namens "Erschossen in Moskau" entdeckte, stellten sie Nachforschungen an.

Nicht jeder traumatisierte Mensch wird auch psychisch krank

Rückblickend meint die heute 46-jährige Urte Manjowk, sie habe noch Glück gehabt. Die Großmutter habe ihrer Mutter und ihrer Tante immer gesagt: 'Redet nicht darüber, sagt bloß nichts gegen den Staat! Ich konnte das mit dem Großvater nicht verhindern, aber wenn ihr irgendetwas sagt, holen sie mich und ihr seid Waisen.' Auch die Enkel durften später nichts nach außen erzählen. Doch als sie elf oder zwölf Jahre alt war, habe ihre Mutter ihr doch erzählt, was sie wusste. Urte Manjowk musste als Kind also nicht allzu lange in dem Gefühl leben, die Mutter sei ihretwegen so traurig.

Das sei leider nicht die Regel, sagt Harald Freyberger, Universitätsprofessor für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin in Greifswald. Er erstellte 2003 mit einigen Kollegen ein Gutachten über die gesundheitlichen Folgen politisch motivierter Inhaftierung und anderer Repressalien in der DDR. Ergebnis: Mindestens 300.000 betroffene Personen litten oder leiden noch immer unter latenten oder manifesten psychischen Beeinträchtigungen.

"Die Traumata in der NS-Zeit sind, glaube ich, am besten bei den Holocaust-Überlebenden dokumentiert und untersucht. Und da muss man schon sagen, dass die Einwirkungen von der ersten auf die nächste Generation sehr massiv waren, weil die Traumatisierungen ja Konzentrationslagerhaft, den Verlust vieler Angehöriger, unbeschreibliche Folter, medizinische Experimente etc. betreffen. Demgegenüber sind die Erfahrungen während der DDR-Diktatur ja vor allem deshalb so pathogen, weil ja die Verfolgung nicht mit dem Ende der politischen Haft abgeschlossen war, sondern sich dann in Zersetzung und weiteren Repressalien fortführte."

Ein Gruppe Häftlinge bewegt sich nach der Selektion zum Krematorium im KZ Auschwitz. (picture-alliance / dpa)"Die Traumata in der NS-Zeit sind am besten bei den Holocaust-Überlebenden dokumentiert und untersucht" (picture-alliance / dpa)

Pathogen, also potenziell krankmachend, wirke auch das andauernde Schweigen über diese Erfahrungen - ob auferlegt durch die Staatssicherheit, ob aus Angst um Karriere und Familie, ob aus Scham, wenn ein Opfer irgendwann selbst zu einem Spitzel, Denunzianten oder Profiteur des Systems geworden war.

Zwar sind sich die Fachleute einig: Nicht jeder traumatisierte Mensch wird auch psychisch krank. Auch indirekt werden Traumata nicht automatisch und 1:1 auf alle ihre Kinder übertragen, auch wenn es Hinweise auf eine genetisch bedingte Anfälligkeit gibt. Aber, so Prof. Harald Freyberger:

Die meisten betroffenen Ex-Sportler schweigen noch immer

"Das Schlimmste, was einem Menschen in der zweiten Generation passieren kann, ist eben dieses Schweigen. Er erlebt dann bei seinen Eltern, die ja möglicherweise betroffen sind, oder bei seinen Großeltern Verhaltensmerkmale, die er sich nicht erklären kann, die unheimlich sind. Und das verändert natürlich die Beziehung zur Welt und zu den Menschen ganz grundsätzlich."

Etwa, wenn die Kinder glauben, es liege an ihnen, dass der lange fort gewesene Vater nun als Säufer oder schnell gewalttätig oder extrem unnahbar zurückgekehrt ist - nicht ahnend, dass er wegen politischer Äußerungen einsitzen musste und physischer wie psychischer Gewalt ausgesetzt war. Oder wenn die Mutter die Familie mit zwanghaften Macken terrorisiert oder depressiv bis zur Lebensmüdigkeit ist und die Kinder nicht ahnen, dass sie mit ihrem entsprechend angepassten Verhalten nichts ändern, ihr nicht helfen können. Solche Fälle wurden etwa aus Familien berichtet, deren Mutter im DDR-Spitzensportsystem schon als Minderjährige "Karriere" machen sollte und unwissentlich mit Sexualhormonen gedopt worden war.

Wie das politische System der DDR ist auch der Spitzensport samt staatlich gelenktem Dopingprogramm ein Bereich, der nach der Wende vor allem von den Medien und von der Politik ausgeleuchtet wurde. Doch die meisten betroffenen Ex-Sportler schweigen noch immer beharrlich über ihre persönlichen Erfahrungen - auch gegenüber den eigenen Kindern, falls sie welche bekommen konnten.

Das sagt Ines Geipel, einst Sprinterin in der DDR-Nationalmannschaft und Vorsitzende des Vereins Dopingopferhilfe. Immerhin - von den rund 10.000 DDR-Spitzensportlern, die nachweislich zwischen 1974 und 1989 in dem staatlich gelenkten Dopingsystem steckten, hätten sich bislang etwa 700 bei der Telefonhotline des Vereins gemeldet. Aber das laufe in der Regel so ab:

Die Schriftstellerin und Doping-Expertin Ines Geipel (2012) (AFP)Die Schriftstellerin und Doping-Expertin Ines Geipel (AFP)

"Die rufen inkognito ein, legen sofort wieder auf. In der zweiten Runde schaffen sie es vielleicht, ihren Namen zu sagen. Wir wissen, dass dieser ganze Bereich nach wie vor ungemein schambesetzt ist. Also die Athleten sprechen sich selbst die Schuld zu. Die Körper sind kaputt, sie sind aus dem Leben gefallen. Und die Geschichten, die wir da versammeln in der Beratungsstelle, die sind so drastisch. Also, was gerade Turnerinnen oder Eiskunstläuferinnen, oder diese 'Mädchensportarten', sage ich jetzt mal salopp, also was die uns erzählen, was da zu der Chemie noch an Gewalt in diesen Abhängigkeitsstrukturen mit Trainern, mit Sektionsleitung usw. geschehen ist, das ist - also, das kann einen nur still machen."

Auch die nächsten Generationen erfahren nichts

Thomas Götze war einige Jahre beim Sportclub Dresden. Heute lebt er in der Hansestadt Stralsund und kann sich kaum an schmerzfreie Zeiten erinnern. Das habe mit der Sportart zu tun, die er betrieben hatte, aber auch mit den Dopingmitteln, die er bereits in der Kinder- und Jugendsportschule verabreicht bekam. Dort hätten viele zunächst nicht gewusst, was sie da von Trainern und Sektionsärzten erhielten, schon gar nicht seien sie über mögliche Folgeschäden aufgeklärt worden. Der Vertrauensmissbrauch - im Nachhinein für viele eine traumatisierende Erkenntnis. Doch während Thomas Götze darüber redet, seien die meisten Ex-Sportler still. Warum?

"Also ich war in meiner Klasse der einzige Hammerwerfer. Die anderen waren in anderen Trainingsgruppen. Aber ich weiß es von den Sprintern, definitiv. Ich weiß es von der Weitspringerin, dass da Geschichten gegeben wurden. Und ich weiß auch, dass dann beim Übergang ins Erwachsenenalter eine Verpflichtungserklärung unterschrieben wurde. Die beinhaltete: 'Kein Wort zu den Eltern!', was ja schon tragisch genug ist. Wem soll man sich denn anvertrauen? Einige sind ohne Schäden davongekommen, und andere haben Schäden. Und zwar heftige. Und zwar unverschuldet."

Doch viele Betroffene wollen sich bis heute höchstens an die schönen, heiteren Aspekte ihrer Erfahrungen erinnern, nicht aber an die Schmerzen - selbst wenn sie damit der Ursache für körperliche und seelische Probleme näher kommen würden. Folglich erfahren auch die nächsten Generationen nichts oder nicht alles. Kein Wunder, meint Uta Rüchel, Soziologin und Mitherausgeberin des Buches "Bis ins vierte Glied - transgenerationale Traumaweitergabe".

"Das sind letztendlich ganz viele demütigende Situationen. Also wer erinnert gerne eine demütigende Situation? Man versucht sie ja auch für sich selbst irgendwie umzudefinieren, und wenn das nicht geht, dann versucht man sie zu vergessen."

Folgen dies für die jüngere Generation

Das gelte auch für Opfer politischer Verfolgung. Kamen sie in Haft, spürten sie die Demütigungen unmittelbar. Auch wenn die Staatssicherheit vorhatte, Kritiker eher unerkannt zu manipulieren oder aus der Ferne zu "zersetzen", hinterließ dies tiefe Verletzungen an Psyche und Seele - bei den Betroffenen wie auch bei ihren Familien.

Doch weil es in der DDR kaum psychotherapeutische Angebote gab und überhaupt so gut wie keine vor dem Staat geschützten Räume, wurden auch solche Traumata kaum besprochen.

Welche Folgen dies für die jüngere Generation hat, das rückt jetzt immer mehr in den Blick, stellt auch Dr. Jochen Buhrmann fest, Chef der Psychosomatischen Klinik der Schweriner Helios-Kliniken. In letzter Zeit kämen immer mehr Dopingopfer, aber auch Patienten wie dieser junge Mann, der gerade eine Familie gegründet habe und nach einer bis dahin glücklichen Entwicklung plötzlich psychisch auffällig geworden sei.

"Während der Therapie stellte sich heraus, dass er jetzt erkrankte, als seine kleinen Kinder - noch nicht schulpflichtig - in dem Alter waren oder in das Alter kamen, als er plötzlich mit drei, vier Jahren aus seiner Familie herausgerissen wurde und ohne Erklärung und ohne Ankündigung in ein Kinderheim gesteckt wurde von Staats wegen. Und es stellte sich dann in der Therapie heraus, dass die Eltern auf sehr stümperhafte Weise ihre Flucht vorbereitet haben, indem sie ihr Mobiliar zum Verkauf in einer Zeitung angeboten haben. Das hat die Stasi natürlich gemerkt. Die Mutter kam vorzeitig nach drei Jahren Haft zurück, war und blieb schwer depressiv, so dass die Kinder zwar zur Mutter zurückkamen, aber nicht mehr die kompetente Mutter vorfanden, die sie kannten. Der Vater kam dann zehn Jahre später aus der Haft und war psychotisch. Das war die Geschichte dieses Patienten, und daran konnte man eben gut nachvollziehen, dass seine Erkrankung mit dieser Geschichte in Zusammenhang steht und damit eine Folgeerkrankung der zweiten Generation bedeutet."

Jochen Buhrmann arbeitet eng mit der Stasi-Unterlagenbehörde in Mecklenburg-Vorpommern zusammen. Er vermutet, dass viele Betroffene aus der sogenannten Erlebnisgeneration auch deshalb schwer über ihre Erfahrungen mit Krieg, Vertreibung, politischer Verfolgung reden können, weil das Individuelle in der DDR eine so untergeordnete Rolle spielte. Man sprach und spricht nicht so viel über sich - auch nicht in der Familie. Doch da sei noch etwas, sagt der Schweriner Psychotherapeut.

Wessen Recht ist höher zu bewerten?

"Wir Menschen haben die kluge Eigenschaft, die uns tatsächlich genetisch mit in die Wiege gelegt worden ist, verdrängen zu können. Und wir müssen verdrängen können, um gesund durch das Leben kommen zu können, und je schwerwiegender Ereignisse sind, umso wichtiger ist es, sie zu verdrängen, um an dem Schrecklichen nicht zu verzagen und hoffnungsvoll bleiben zu können. Und das gilt natürlich für Traumatisierungen im besonderen Maße. Die Kehrseite dann nicht aus therapeutischer Sicht, sondern eher mit Blick auf das kollektive Erinnern, ist, dass das kollektive Gedächtnis deswegen auch relativ kurz ist, und viele Psychotherapeuten sind ja deswegen auch sehr gesellschaftlich engagiert, um aus ihrer beruflichen Perspektiver heraus Beiträge auch dazu zu leisten, dieses kollektive Gedächtnis lebendig zu halten."

Stellt sich die Frage, wessen Recht höher zu bewerten ist - das Recht auf Vergessen oder das Recht zumindest der Kinder und Enkel, wissen zu wollen, was denn nun wirklich geschah. Sei es aus familiengeschichtlichen Gründen, sei es, um sich selbst und eigenen Verhaltensmustern auf die Spur zu kommen.

"Es hat jemand das Recht zu schweigen, wenn er Schlimmes erlebt hat und es sich nicht zutraut, darüber zu sprechen. Die Kinder haben das Recht, die Gründe des Schweigens vom Vater, von der Mutter zu erfragen. Das ist konflikthaft, und vielleicht bewegt man sich dann aufeinander zu."

Wie das gehen könnte? Einen Rat hat der Chef der Psychosomatischen Klinik Schwerin. Auch er weiß, dass sich gerade die alten, sterbenden Menschen kaum noch gegen die Vergangenheit wehren können. Was sie einst im Krieg, auf der Flucht oder als politisch Verfolgter erlebt und "vergessen" haben, steigt mit aller Macht auf. Zu diesen Qualen müsse es nicht kommen, sagt Dr. Jochen Buhrmann.

Geschützte Räume - der Königsweg

"Derjenige, der sich schützt und schweigt nach der Traumatisierung, lebt ja weiter in der Vorstellung, dass das Traumatisierende traumatisierend bleibt, und kann so nicht die Erfahrung machen, dass in einem geschützten Rahmen darüber zu sprechen entlastend sein kann. Wenn es möglich ist, in so einem inter-generationalen Konflikt eine solche Atmosphäre herzustellen, dann wäre es natürlich wunderbar. Ist natürlich schwer, denn es prallen dann ja auch Konflikte der Generationen aufeinander."

Geschützte Räume - das ist auch für die Soziologin Uta Rüchel der Königsweg zum Verständnis. Im Übrigen nicht nur für Opfer, sondern auch für Täter und für all die Menschen, die das Eine und das Andere waren. Die Kinder oder Enkel müssten klar machen und sich im Zweifel auch daran halten, dass sie nicht mit Vorwürfen, Ablehnung, Abwendung reagieren werden, wenn die Vorfahren sich endlich öffnen und schmerzhafte Dinge von der Seele reden.

Es gebe jedenfalls ein wachsendes Interesse und Bewusstsein der Kinder- und Enkelgeneration, sagt Uta Rüchel. Es gebe auch schon entsprechende Vereine, aber: "Warum - außer in Ost-Berlin gibt es einen Verein - warum gibt es auf dem Gebiet der ehemaligen DDR diese Vereine nicht? Und auch in diesem Bereich wieder die Frage war: Inwiefern sind Ostdeutsche eigentlich an der Geschichtsschreibung aktiv beteiligt? Mir scheint das ein Beispiel für transgenerationale Übertragung in Bezug auf 'Was für Erinnerungskulturen hat es gegeben?' Wie haben sich diese politischen und gesellschaftlichen Erinnerungskulturen wiederum eingeschrieben auch in die familiäre Weitergabe von Geschichten und in den Umgang mit der eigenen Geschichte?"

(*) Der Name wurde nach der Sendung redaktionell berichtigt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk