Kultur heute / Archiv /

 

Traurige Existenzialisten-Fabel

Andreas Kriegenburg inszeniert Sartres "Fliegen" in Dresden

Von Hartmut Krug

Der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre, Aufnahme von 1969.
Der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre, Aufnahme von 1969. (AP Archiv)

In "Die Fliegen" funktionierte Jean-Paul Sartre die Orestie des Aischylos um: weg von der Tragödie des Schicksals, hin zu einer der Freiheit. Andreas Kriegenburg versucht den Text mit erprobten Mitteln aus seinem Regiezauber-Fundus zu beleben. Seine Inszenierung vermag jedoch nicht zu überzeugen.

Orest und der Pädagoge, der den von seiner Mutter im Wald ausgesetzten Sohn in Korinth erzog und ihn nun in dessen Heimatstadt Argos begleitet, stehen wie zwei clowneske Wandervögel als weiß geschminkte Kunstfiguren mit schwarz gerändert aufgerissenen Augen im hellen Licht da. Noch ist offen, ob Orest in Argos, wo seine Mutter Klytämnestra mit Ägisth nach ihrem Mord an ihrem Mann Agamemnon herrscht, zum Racheengel werden wird. Die beiden Reisenden beteiligen sich pantomimisch und lautmalerisch am kräftigen, über die Szene tönenden französischen Lied:

Ein schönes Bild, ein toller, hoffnungsfroher Einstieg in die traurige Existenzialismus-Fabel, mit der Jean-Paul Sartre die Orestie des Aischylos umfunktionierte , weg von der Tragödie des Schicksals, hin zu einer Tragödie der Freiheit. Als das Stück im unter deutscher Besatzung stehenden Paris 1943 uraufgeführt wurde, wollte Sartre die Franzosen aus der "Selbstgefälligkeit in der Reue und Scham" holen, die sie unfähig zum Widerstand mache. Trotz Geiselerschießungen durch die Nazis nach französischen Attentaten müsse man diese verüben und zu einer Freiheit der eigenen Verantwortlichkeit stehen. Und als das Stück 1948 in Düsseldorf erstmals in Deutschland aufgeführt wurde, hob Sartre das angeblich positive Gefühl der Verantwortlichkeit gegen das passive der Reue hervor. Heute wird das Stück kaum noch gespielt. Es wirkt in seiner
Redseligkeit und philosophischen Verblasenheit schon bei der Lektüre arg verstaubt.

Regisseur Andreas Kriegenburg versucht den Text mit erprobten Mitteln aus seinem Regiezauber-Fundus zu beleben. Seine hochkünstliche Inszenierung ist clownesk, unpsychologisch und körpersprachlich bestimmt und oft musikalisch unterlegt. Es treten Trauerfrauen in schwarz als grell aggressive Elendsgestalten auf, knickebeinig, knochengesichtig, schwarmhaft. Die Menschen, die sich zum befohlenen Ritual des Totenfestes der Reue versammeln, sind seelische und körperliche Krüppel. Sie bilden eine wirr wuselnde Menge aus Schauspielern, Maskenfiguren und schlecht geführten kleinen Puppen. Elektra stürmt im kurzen Unterrock mit blauen Mülltüten auf die Bühne und verschleudert als zu Küchenarbeit verbannte Königstochter heutigen Haushaltsmüll über die Bühne. Worauf eine Gruppe von Menschen, ihre Besen als Luftgitarren nutzend, zum Aufräumen auf die Bühne stürzt. Die überzeugende Sonja Beißwenger spielt die Elektra mit darstellerischer Energie und den Handlungszweifeln ihrer Figur ins Zentrum der Aufführung.

Doch Kriegenburgs anfangs ästhetisch beeindruckende Bild- und Bewegungsmittel wirken schnell monoton und plakativ. Sie besitzen keine choreographische Form und weder Rhythmus noch Tempo. Etliche Gruppenszenen wirken fast wie hingeschludert, - als habe Kriegenburg, der zur gleichen Zeit an der Dresdner Oper Händels "Orlando" probte, für Sartre nicht die volle Konzentration gefunden.

Sartres Freiheitsideal der selbstbestimmten und verantworteten Tat, mit dem sich Orest nach dem Mord an Ägist und seiner Mutter von Jupiters Herrschaft lossagt, ist in Zeiten von Terroristen und Selbstmordattentätern, gelinde gesagt, keineswegs unproblematisch:

"Aber plötzlich ist die Freiheit über mich gekommen (….). Die Natur hat von mir abgelassen und ich hatte kein bestimmtes Alter mehr und ich fühlte mich ganz allein in deiner kleinen glückseligen Welt. (…) Und nichts mehr war im Himmel, weder Gutes noch Böses, noch jemand, der mir Befehle geben konnte."

Vollkommen in die unfreiwillige Komik misslingt der Schlussakt: Auf Wasser nassen Plastikfolien rutschen die weiß bemäntelten Erinnyen, die sich mit Blut überschütten und Orest mit Blut bespucken, unmotiviert hin und her. An ihrer wilden Bodengymnastik beteiligt sich zunächst die verzweifelte Elektra, bis sie die Tat ihres Bruders bereut und sich in die Obhut von Jupiter begibt. Orest aber tritt selbstbewusst und identisch mit sich vor sein Volk, statt wie bei Sartre in die Fremde zu gehen, und wird, wie der Pädagoge berichtet, vom Volk gesteinigt.

Trotz dieses Schlusses aber macht uns Kriegenburgs eklektizistisch veräußerlichende Inszenierung nicht recht deutlich, was genau sie uns erzählen will. Und zumindest für den Zuschauer, der Kriegenburgs Arbeiten kennt, ist sie in ihrer ästhetischen Redundanz eine Enttäuschung.



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Kein Tod durch Nobelpreis

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

RuhrtriennaleDie Grenze zwischen Kunst und Alltag

Der Regisseur Boris Nikitin spricht am 06.08.2014 in der Gebläsehalle in Duisburg während der Auftaktpressekonferenz der Ruhrtriennale 2014.

Der Schweizer Dokumentartheater-Regisseur Boris Nikitin hat die Kunstform Oper seziert. Seine Arbeit heißt "Sänger ohne Schatten" - und hatte jetzt bei der Ruhrtriennale in Gladbeck Premiere. Nikitin thematisiert in seinem Werk die Grenze zwischen Kunst und Alltag.

Innsbrucker Festwochen für Alte MusikAntike in den Alpen

IT-Forscher zur Internetüberwachung"Das erste und einfachste Schutzverfahren: Ausschalten"

Zwei orangefarbene Netzwerkkabel hängen vor vor einem Computer-Bildschirm, der Zahlenkolonnen mit einem binären Code zeigt.

Den meisten Menschen sei bewusst, dass Internet- und Geheimdienste ihre Onlinenutzung sehr genau verfolgten, sagte der IT-Forscher Hannes Federrath von der Uni Hamburg im DLF. Viele zögen daraus aber nicht die Konsequenzen, weniger Daten im Netz zu hinterlassen.

 

Kultur

ZDFneo TVLab 2014Auf der Suche nach der besten Serie

Eine Fernbedienung wird am 09.01.2012 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) in Richtung eines Fernsehers gehalten.

Der Spartensender ZDFneo hat wieder sein TVLab ausgerufen und sucht nach neuen, frischen Ideen für das Fernsehen. Drei Serien stehen zur Wahl - und nur eine kann gewinnen. Dabei entscheiden weder ein Programmdirektor noch eine Jury von Experten, sondern die Zuschauer.

175 Jahre Fotografie Die Macht der Bilder

Ein Flugzeug steuert auf den zweiten Turm des World Trade Centers zu. Der erste Turm brennt bereits.

Seit der Geburtsstunde der Fotografie am 19. August 1839 hat das Medium gleich mehrere weitreichende Veränderungen durchgemacht; von Schwarz-Weiß auf Farbfilm, von analog zu digital. Heute überschwemmt uns eine regelrechte Bilderflut. Trotzdem repräsentieren Fotos eine der wirkmächtigsten Formen der Kommunikation.

Cold Specks neues Album Abkehr vom Gemütlichkeits-Wohlfühl-Folk

Eine Gitarre in Nahaufnahme.

Der Kanadierin Al Spx wird oft nachgesagt, unter ihrem Künstlernamen "Cold Specks" ein neues Musikgenre erfunden zu haben: eine Mischung aus Soul und dunklem Doom Metal. Mit "Neuroplasticity" ist nun das zweite Album der 26-Jährigen erschienen - ein Werk voller Spannungen und Mystik.