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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenPhantomgrenzen in Europa19.02.2015

TrennlinienPhantomgrenzen in Europa

Neben den politisch gezogenen Grenzen zwischen Nationalstaaten gibt es solche, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind, dafür aber in den Köpfen von Menschen bestehen. Geographen, Historiker und Soziologen nennen sie "Phantomgrenzen".

Von Christian Forberg

Eine grüne Europakarte (imago / INSADCO)
Alte Grenzen tauchen aus dem Nebel der Geschichte auf und leben über Generationen fort. (imago / INSADCO)
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Sie gehen zurück auf Grenzen, die manchmal Jahrhunderte bestanden, aber bereits seit Jahrzehnten verschoben oder getilgt sind. Grenzen nicht als räumliche sondern als soziologische Grenzlinien – damit beschäftigt sich das vom BMBF finanziertes Forschungsprojekt "Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa".

Als die Polen im Jahr 2010 einen neuen Präsidenten zu wählen hatten, hinterließen sie in der ersten Wahlrunde ein geteiltes Land. So spiegelt es eine Karte der Wahlergebnisse wider: Im Westen bekam Bronislaw Komorowski die meisten Stimmen, im Osten dagegen Jaroslaw Kaczynski. Das Erstaunliche an der Karte ist: Sie lässt ungefähr die einstige Teilung Polens erkennen, die erst nach 1918, nach dem Ersten Weltkrieg aufgehoben wurde: Der Westen war preußisch regiert, östliche und südliche Teile von Russland und Österreich-Ungarn. Alte Grenzen tauchen aus dem Nebel der Geschichte auf und leben über Generationen fort. Das hat etwas Phantomartiges, meint Béatrice von Hirschhausen; promovierte Geografin und stellvertretende Leiterin des Centre Marc Bloch, an dem das Projekt angesiedelt ist.

"Meine ursprüngliche Idee aus dem Französischen war "Géographie fantôme". Also Phantomgeografie, was auf Deutsch nicht richtig verstehbar war, nicht funktionierte.

Wissenschaftlerteam von in- und ausländischen Universitäten

Und so einigte man sich auf "Phantomgrenzen", um bei der Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung Erfolg zu haben. 2011 bekam man den Zuschlag, und seitdem sucht ein Wissenschaftlerteam von in- und ausländischen Universitäten nach Ursachen, wie und warum derartige Grenzen existieren. Eine erste Zwischenbilanz wurde im vorigen Jahr gezogen, wobei deutlich wurde, dass Phantomgrenzen vielerorts existieren. Der Theologie-Professor Christoph Markschies schilderte eine persönliche Erfahrung, als er 1995 nach Thüringen, an die Universität Jena berufen wurde. Einst war der Freistaat ein historischer Flickenteppich kleiner und kleinster Fürstentümer.

"Jedenfalls kaufte ich mir eine Landkarte Thüringens mit den politischen Grenzen vor 1918. Seitdem verstand ich besser, in welchen Landkreisen die CDU dominierte – Reuß, ältere und jüngere Linie; in welchen Landkreisen die heutige Linkspartei und in welchen die SPD – Sachsen-Coburg-Gotha, -Weimar und -Altenburg. Ich verstand besser, wo es eine intakte evangelische Kirchlichkeit gab, bestimmte Formen des Vereinswesens und bestimmte Formen der Sozialität im Dorf, und wo die De-Christianisierungswellen des 20. Jahrhunderts dieselbe hinweggefegt hatten. Grenzen zwischen Reuß und Weimar-Altenburg und Sachsen-Weimar sind überaus remanent, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich verstand, wieso bei Kreiszusammenlegungen Menschen für die eine oder andere Option so unendlich leidenschaftlich kämpften."

Menschen kämpfen leidenschaftlich um Grenzen

Drei grundsätzliche, aber eng miteinander verwobene Ebenen macht Béatrice von Hirschhausen aus. Die erste sind eben jene realen Strukturen.

"Das ist eine fast physische Wirklichkeit, die eine Fähigkeit hat fortzuwirken, zu bleiben, auch wenn die politische Ordnung sich total geändert hat. Und man sieht das ganz spektakulär auf den beiden Karten von Polen."

Neben der Karte mit den Wahlergebnissen in Polen liegt eine Infrastrukturkarte: Die Ausstattung Polens mit Eisenbahnlinien, die im Grunde auf das Jahr 1914 zurückgeht. Dr. Jan Musekamp, Kulturwissenschaftler und Historiker an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), stellte sie auf der Zwischenbilanz-Konferenz vor und leitete aus ihr ab:

"Erstens: Die Infrastruktur im preußischen Teilungsgebiet ist sehr viel dichter als beispielsweise im russischen oder im österreichisch-ungarischen. Zweitens: Wir sehen nur sehr, sehr wenige grenzüberschreitende Eisenbahnverbindungen, die die verschiedenen polnischen Teilungsgebiete miteinander verbunden hätten. Und drittens sehen wir, dass die Eisenbahnlinien auf die Zentren der Imperien ausgerichtet sind. Diese unterschiedliche Ausprägung der Infrastruktur lässt sich zum einen mit einer größeren Bevölkerungsdichte im östlichen Preußen erklären, zum anderen mit einem wirtschaftlichen Entwicklungsvorsprung, der insbesondere in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zum Ausbau eines umfangreichen Netzes an lokalen Regionalbahnen in Preußen geführt hatte."

Unterschiedliche Ausprägung der Infrastruktur

"Die zweite Ebene, die Erfahrungsebene, ist alles, was zu tun hat mit dem Alltag oder mit Praktiken, die teilweise die Fähigkeit haben, in der Gesellschaft fortzudauern. Und die dritte Ebene, die für uns oft die Erste ist, sind diese imaginierten Räume, diese symbolische Geographie, die mit diesen Phantomgrenzen immer wieder mobilisiert werden. Dabei denken wir an diese Ost-West-Polarisierung und die ganzen Werte, die mit bestimmten Orientierungen verbunden sind."

Einteilungen und Zusprechungen

Für Béatrice von Hirschhausen sind das vielfach einst von außen, von Wissenschaftlern oder Vertretern fremder Mächte getroffene Einteilungen und Zusprechungen. Derartige Urteile beruhen auch auf persönlichen Erfahrungen. Der Brite Rudyard Kipling hat sie in der Ballade von Ost und West beschrieben. Über seine Jahre in Indien resümierte er: „Oh, Ost ist Ost, und West ist West, und niemals werden sie zueinander finden."

"Was wir auch betonen wollen: Sie sind verinnerlicht worden von den Gesellschaften und wirken. Also sie bleiben nicht nur in der symbolischen Ebene, sondern wirken auf das Handeln der Akteure selbst."

Béatrice von Hirschhausen hat das während ihrer Forschungen in Rumänien, an der Phantomgrenze zwischen den alten Landschaften des Banats und Olteniens, der kleinen Walachei, kennengelernt. Zwei Dörfer liegen sich gegenüber. Auf der Seite des einstigen Banats sind die Häuser größer; man besaß bereits seit den 1980er Jahren eine moderne Wasserversorgung. Im oltenischen Dorf geschah das erst zum einiges später.

"Die Frage ist zu verstehen: Warum? Weil - die Menschen, die möchten alle einen besseren Komfort-Standard haben. Die Dörfer auf der oltenischen Seite sind genauso akribisch für die Sauberkeit ihrer Häuser - da ist kein Unterschied. Aber in der Strategie, ihre Ziele zu erreichen, da unterscheiden sie sich ganz deutlich. Selbst die Einwohner von Oltenien erinnern immer an diesen Unterschied und sagen: Da, die Leute im Banat, sind zivilisierter, weiter. Ob es stimmt oder nicht, ist nicht die Frage. Fakt ist, dass für die Leute eine Wirklichkeit erreicht ist, die danach auf ihre Handlungen wirkt. Und das muss man versuchen zu untersuchen, dieses Spannungsfeld zwischen dem, was sie selbst erfahren, ihre Lebensbedingungen, und was sie projizieren in ihre Zukunft und ihre Vorstellungen; was möglich ist in ihrer Region oder was nicht möglich ist."

Stabile Phantomgrenzen

Als besonders stabil erscheint die Phantomgrenze, die einst die Habsburger Monarchie vom Osmanischen Reich trennte, also da, wo Mittel-Ost-Europa an Südost-Europa stößt. Die Geschichte dieses Raumes erforscht Professor Wolfgang Höpken an der Universität Leipzig. In diesem Raum gab es viele Umbrüche, in jüngster Zeit vor allem der dramatische Zerfall Jugoslawiens. Aber:

"In einer langen Geschichte würde ich Südost-Europa nicht als eine Ausnahme bezeichnen.    Wir haben im 19. Jh. den Prozess der Nationalstaatsbildung, des Zerfalls der Imperien – das haben wir in Ost-Mittel-Europa auch gehabt mit Ungarn und dem russischen Zarenreich. Da sind Grenzen auch neu gezogen worden, und wie in Mitteleuropa haben diese Grenzziehungen tradierte regionale Räume, Lebenszusammenhänge getrennt, weil sie sich nicht im Sinne einer klaren ethnischen Arrondierung ziehen ließen."

Was heißt: Gemeinschaften und Lebenszusammenhänge wurden auseinandergerissen und durch politische Grenzen getrennt.

"Es ist sicherlich nicht so, dass die Zeit der Imperien die Zeit der Völkergefängnisse und des Verhinderns von Zusammenleben gewesen sind und erst der Nationalstaat hat die Menschen von diesem Völkergefängnis emanzipiert. Sondern das Imperium hat eigene Formen des Zusammenlebens entwickelt, die nicht immer konfliktfrei waren, die aber eine erstaunliche Fähigkeit gehabt haben, Menschen unterschiedlicher Kulturen, unterschiedlicher Konfessionen, unterschiedlicher Sprachen zusammenzubringen. Und diese Kompetenz hat der Nationalstaat durch die innewohnende Tendenz zur Homogenisierung letztlich untergraben oder auch verhindert.

Nehmen Sie so etwas wie Multilingualität. Das war für die Menschen in Südosteuropa in der Zeit der Imperien eine Alltagskompetenz vor allem in den Städten, dass sie mehrere Sprachen sprachen. Sie sprachen ihre Sprache; wenn sie Händler waren, mussten sie Griechisch können, weil das die Lingua franca des Handels war; sie sprachen vielleicht noch die Sprache der Verwalter, also Türkisch oder Deutsch. Und diese multilinguale Kompetenz, die ist durch die Homogenisierung des Nationalstaats verloren gegangen. Also der Nationalstaat ist auch ein Verlust gewesen."

Ethnien über die Staatsgrenzen hinweg

Und doch leben die Ethnien über die Staatsgrenzen hinweg weiter, nun innerhalb von Phantomgrenzen. Eine lässt sich mit dem Begriff Vertrauen umreißen: Vertraue ich eher Institutionen oder eher Personen? Auch hier tauchten die alten Grenzen auf, zum Beispiel in Rumänien: Im einst Habsburgischen Teil vertraute und vertraut man eher den Institutionen; im sogenannten rumänischen Altreich, das länger unter osmanischem Einfluss existierte, waren und sind es eher Personen.

"Mein Kollege Christian Giordano hat mal diese Gesellschaften als ‚Gesellschaften des öffentlichen Misstrauens' bezeichnet. Das heißt, man hat eine grundsätzliche Skepsis in Institutionen. Und das ist sicherlich etwas, was sich durch die Geschichte erhalten hat. Das war die Skepsis in die Institutionen des Imperiums, das war die Skepsis in die eigenen, nationalstaatlichen Institutionen, die man eher als Zumutung empfunden hat. Und deswegen setzt man eher auf personelle Beziehungen.

Menschen misstrauen aber nicht nur Institutionen, sondern auch denen, die nicht zu jener ethnisch oder familiär geprägten Vertrautheit gehören. Menschen können, wie anhand von Dörfern der Grenzregion Serbien-Bulgarien beobachtet wurde, eng nebeneinander wohnen. Sie können über Jahrzehnte zum gleichen Land gehört haben, und trotzdem den Gegenüberliegenden strikt ablehnen. Heiraten nach „drüben" scheinen ausgeschlossen; in der Kneipe treffen sich die Zöllner beider Seiten, aber nicht die Bewohner. Das ist kein Einzelphänomen - Vorurteile und Misstrauen existieren auch bei uns, teils mit steigender Tendenz, meint Wolfgang Höpken:

"Die Schengen-Grenzen sind aufgehoben; es gibt sie nicht mehr. Aber die mentalen Grenzen gegenüber Rumänen, Bulgaren, die von dieser Aufhebung der Grenzen Gebrauch machen, die sind wieder stärker geworden. Hier haben die Grenze und die Phantomgrenze die selbe Wirkung: Beide dienen dazu, diejenigen zu definieren, die zu uns gehören, und diejenigen zu den anderen."

Kämpfe auf Leben und Tod

Im schlimmsten Fall bekämpft man sich auf Leben und Tod. Ein Symbol dafür ist die zweigeteilte Stadt Mostar: Hier kämpften Bosniaken und Kroaten; Letztere zerstörten das Wahrzeichen, die Alte Brücke. Seit 2004 wieder aufgebaut, verbindet sie die zwei verschiedenen Stadtteile. Das jedoch eher formell:

"Eine wirkliche Integration dieser beiden Städte gibt es nicht. Es gibt ganz wenige Orte, in denen das bis jetzt gelungen ist. Etwa das Gymnasium Mostar, das bewusst als ein bi-kommunales Gymnasium aufgebaut worden ist. Aber selbst in diesem Gymnasium haben die Schüler häufig unterschiedliche Räume."

Auch der Kalte Krieg der Gesellschaftssysteme hat seine Spuren, hat Phantomgrenzen hinterlassen wie jene zwischen den deutschen Staaten. Er hat aber auch auf alte imperiale Grenzen zurückgegriffen. Eine hat Fjorde Tomic, Historiker an der Humboldt-Universität Berlin, erforscht: In seiner Heimat, der Vojvodina im Nordwesten Serbiens. Sie war einst Teil des Banats, das seinerseits zur Habsburgischen Monarchie gehörte. Ende der 1970er Jahre geriet Jugoslawien in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale. Daraus wurde eine politische Krise: Die Kommunisten verloren an Vertrauen und Einfluss, es gab Massenproteste. Und: Die Vojvodina wurde in den 1980er Jahren autonom.

"Man könnte vereinfacht sagen: Es gab politische Akteure; die haben immer wieder vom goldenen Zeitalter der Vojvodina geschwärmt. Was uns, die Vojvodina, auszeichne, sei Kultiviertheit, Fleiß, Offenheit, Toleranz - Multikulturalität war ein wichtiges Stichwort usw. Das heißt, die Region ist durch die historische Erfahrung, so die Argumentation der politischen Akteure, geradezu vorbestimmt für eine demokratische Gesellschaft. Was von anderen Teilen, Serbiens insbesondere, nicht unbedingt zu sagen ist. Was eigentlich - aber das ist das Interessante! - was die politischen Akteure aber wollten, war eine politische Autonomie in Anlehnung an die Autonomie, die die Vojvodina während des Sozialismus hatte."

Autonome Region soll heute wiederbelebt werden

Das klingt paradox: Eine autonome Region soll heute wiederbelebt werden, die sich kulturell über die herausgestellte Rolle des Banats im Habsburger Reich definierte, politisch aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg zustande kam. Warum? Djordje Tomic führt das auf die Sehnsucht nach sozialer Stabilität zurück, wie sie im intakten sozialistischen Jugoslawien geherrscht haben mochte:

"Um den Sozialismus nicht zurückzufordern, hat man das Ganze verpackt als goldenes Zeitalter im 19. Jh. oder früher. Und das ist, denke ich, das Paradoxon: Dass diese Phantomgrenzen, sozusagen die Vorstellung von kulturellen Unterschieden - das ist nicht das Habsburger Reich, was fortwirkte, sondern es sind bestimmte Gewohnheiten, Erwartungen und Erfahrungen der sozialistischen Zeit. Die werden aber interessanterweise anders benannt."

Da das Phantomgrenzen-Projekt bis ins Jahr 2017 verlängert worden ist, will Djordje Tomic nach den Verhältnissen im anderen, rumänischen Teil des Banats forschen. Vielleicht ergeben sich Schnittstellen zur Arbeit von Béatrice von Hirschhausen im östlichen Banat, wo die Menschen optimistischer als ihre Nachbarn scheinen.

"Das ist noch nur Hypothese, die ich noch richtig prüfen muss. Aber man sieht, wie diese Phantomgrenzen auf einer ganz feinen Ebene untersucht werden müssen und dass man nicht plakativ von oben von Zivilisation oder Kulturunterschieden sprechen kann."

Lebt das Banat wieder auf?

Insofern trifft die vor gut einem Jahrhundert getroffene Feststellung des deutschen Soziologen Georg Simmels völlig zu: "Die Grenze ist nicht eine räumliche Tatsache mit soziologischen Wirkungen, sondern eine soziologische Tatsache, die sich räumlich formt." Oder geformt wird, könnte man anfügen, denn die Europäische Union will ja historische Landschaften wieder sichtbar machen, ihnen das Phantomhafte nehmen, und zwar durch die Euroregionen. Eine von mehr als zwei Dutzend ist die Euroregion Donau-Kreisch-Marosch-Theiß. Die vier Flüsse umreißen, wenn man so will, das alte Banat, das ungefähr so groß ist wie Belgien. Lebt das Banat wieder auf? DjordjeTomic ist skeptisch, und forscht weiter.

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