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Trennung auf geologisch

Indo-Australische Erdkrustenplatte zerfällt

Von Dagmar Röhrlich

Die furchtbaren Erdbeben und Tsunami von Weihnachten 2004 in Banda Aceh könnten zum Zerreißen einer Erdkrustenplatte beigetragen haben.
Die furchtbaren Erdbeben und Tsunami von Weihnachten 2004 in Banda Aceh könnten zum Zerreißen einer Erdkrustenplatte beigetragen haben. (AP)

Geologie. - Aufgefallen ist es eigentlich nur den Experten - zum Glück sind Menschen nicht zu Schaden gekommen. Für Geophysiker waren die beiden Beben vom 11. April diesen Jahres vor der Südküste Sumatras etwas ganz Besonderes: Es sieht so aus, als ob diese Beben das Entstehen einer neuen tektonischen Platte markieren. Die riesige Indo-Australische Platte scheint in zwei Teile gerissen zu werden.

An den Landmassen lässt sich die Arbeit der Plattentektonik am leichtesten ablesen: Wie ein Mosaik bestehen sie aus den unterschiedlichsten Bruchstücken längst vergangener Kontinente. Im Lauf der Jahrmilliarden schließen sich tektonische Platten zusammen, um später zu zerfallen und sich neu zu formieren:

"Wir konnten aber noch nie beobachten, wie dieser Prozess einsetzt, also wie eine Erdkrustenplatte zu zerbrechen beginnt. Wahrscheinlich zeigten uns diese beiden Beben vom 11. April im Indischen Ozean vor Sumatra einen winzigen Zwischenschritt in diesem Prozess, mit dem durch zahllose Erdbeben und über zehner Millionen Jahre hinweg eine neue Plattengrenze entsteht","

beschreibt Thorne Lay von der University of Santa Cruz in Kalifornien. Die Beben vom 11. April ereigneten sich mitten in der Indo-Australischen Platte. Schon das ist ungewöhnlich: Solche "Intraplattenbeben" sind seltener als die an den Grenzen, wo zwei tektonische Einheiten aneinanderstoßen. Aber das ist nicht die einzige Besonderheit. Lay:

""Das größere Beben war mit einer Magnitude von 8,7 sehr stark. Solche Magnituden erreichen normalerweise nur Beben an Subduktionszonen, wo also eine tektonische Platte unter eine andere ins Erdinnere sinkt. Die April-Beben waren die stärksten je gemessenen Intraplattenbeben. Die Analyse der Seismogramme verrät außerdem, dass sie die Erdkruste horizontal gegeneinander versetzt haben - so wie an der kalifornischen San Andreas Verwerfung. Auch in Bezug auf diesen Bebentyp sind sie die stärksten, die je verzeichnet wurden."

Ungewöhnlich war auch, dass erstens nicht nur eine Verwerfung brach, sondern mindestens vier, dass sich diese Verwerfungen zweitens kreuzen und eine Art Rechteck bilden - und dass drittens das Ganze binnen anderthalb Minuten ablief, sehr viel schneller als sonst bei Beben dieser Stärke, erläutert Fred Pollitz vom Amerikanischen Geologischen Dienst USGS in Menlo Park, Kalifornien:

"Außerdem entstanden durch die Beben in den Tagen danach weitere starke Beben - und zwar rund um die Erde. Normalerweise triggern schwere Ereignisse 'lediglich' in einem Umkreis von rund 1000 Kilometern Nachbeben, die selbst stark genug sind, um Schäden anzurichten. Aber diesmal verfünffachte sich in den Tagen danach die Rate dieser Beben. Es gab sechs starke Nachbeben vor der Küste Oregons, der Baja California, dem Mexikanischen Graben, vor Japan, Indonesien und Griechenland."

Die Zahl der Rekorde ist beeindruckend, und erklären lassen sie sich mit der geologischen Gesamtsituation in der Region. So ereigneten sich die Beben zunächst einmal nahe der Plattengrenze, die 2004 durch das Weihnachtsbeben und seinen verheerenden Tsunami bekannt geworden ist:

"Dort sinkt die Indo-Australische Platte unter die Sunda-Platte, wird also subduziert. Derzeit drängt diese Indo-Australische Platte als Einheit nach Norden. Allerdings bewegt sich der Teil mit Australien durch diese Subduktion der Indo-Australischen Platte relativ schnell; der Teil hingegen, auf dem Indien sitzt, wird durch die Kollision mit Eurasien gebremst. Dieser Geschwindigkeitsunterschied sorgt für Spannungen, und die könnten zu einer neuen Plattengrenze führen. Die April-Beben entstanden genau dort, wo so die neue Grenze entstehen könnte. Derzeit ist sie diffus, mit vielen Störungen. Läuft der Prozess weiter, wird sich eine klare Plattengrenze mit einer einzigen Störung herausbilden","

erklärt Matthias Delescluse von der französischen Wissenschaftsorganisation CNRS in Paris. Und er erläutert, dass die April-Beben selbst die Folge einer Serie sehr starker Beben seien, die sich zwischen 2004 und 2007 an der Subduktionszone unter die Sunda-Platte ereigneten. Dadurch veränderten sich die Spannungsverhältnisse im Inneren der Indo-Australischen Platte so stark, dass die - wenn man so will - gerade entstehende Plattengrenze reagierte. In anderer Hinsicht seien die April-Beben aber auch ein Weckruf an die Seismologen, warnt Thorne Lay:

""Es gibt auch innerhalb von Kontinenten Zonen, an denen Platten auseinander brechen könnten. Wir sind bislang davon ausgegangen, dass diese Beben nicht so stark werden können wie das Weihnachtsbeben 2004. Nun müssen wir diese Regionen sehr sorgfältig untersuchen, um ihr seismisches Risiko besser einzuschätzen."

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