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Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteKultur heuteTrennung auf iranisch14.07.2011

Trennung auf iranisch

Asghar Farhadis Film "Nader und Simin"

Asghar Farhadis "Nader und Simin" ist nicht nur ein Film über den heutigen Zustand der heillos zerrissenen Gesellschaft des Iran. Es ist auch ein Film, der sich mit Menschheitsthemen wie Wahrheit, Gewissen, Schicksal und Schuld beschäftigt.

Von Josef Schnelle

Film "Nader und Simin" von Asghar Farhadi (picture alliance / dpa / Filmverleih Alamode)
Film "Nader und Simin" von Asghar Farhadi (picture alliance / dpa / Filmverleih Alamode)
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Iranisches Gesellschaftspanorama
Jury hatte keine Wahl

Der Richter ist nicht zu sehen in der allerersten Szene dieses Films. Man hört ihn nur. Vor ihm und damit auch für uns allein sichtbar sitzt das Ehepaar Nader und Simin. Simin will die Scheidung und ihre Tochter Termeh soll bei ihr bleiben. Nader weigert sich hartnäckig, sodass dem Richter fast der Kragen platzt. Ohnehin machen sich schon vor der Tür die Kontrahenten des nächsten Falls lautstark bemerkbar.

"Richter: "Was Sie hier anführen sind noch keine Gründe für eine Scheidung. Wenn Sie andere Gründe haben, dann tragen Sie die bitte vor."
Simin: "Was für andere Gründe?"
Richter: "Zum Beispiel, dass ihr Mann süchtig ist, Sie schlägt oder nicht für Ihren Unterhalt sorgt."
Simin: "Er ist weder süchtig noch hat er andere Probleme. Er ist ein guter, anständiger Mann."
Richter: "Warum wollen Sie sich dann scheiden lassen?"
Simin: "Weil er nicht mit mir mitkommen möchte. Wenn er jetzt sagen würde er käme mit, würde ich auf der Stelle den Antrag auf Scheidung zurückziehen."

Aber Nader kann nicht mitkommen. Er will seinen Demenzkranken Vater nicht einem ungewissen Schicksal überlassen. Überdies hat sich die halbwüchsige gemeinsame Tochter entschieden, bei ihrem Vater zu bleiben. Die 40 Tage des schon erteilten Visums laufen aber ab und so entschließt sich Simin, mit allen Mitteln um die Scheidung zu kämpfen. Sie zieht aus der weitläufigen gemeinsamen Wohnung vorläufig aus, um den Druck zu erhöhen. Nader sieht sich gezwungen eine Frau anzustellen, die sich um den Vater in seiner Abwesenheit kümmern soll. Razieh kommt ins Spiel, eine heftig verschleierte Frau aus der Unterschicht. Vor ihrem Mann verbirgt sie diesen Job bei dem wohlhabenden Intellektuellenpaar. Ihre kleine Tochter bringt sie mit zur Arbeit, die sie an ihre Grenzen geraten lässt. Da hilft nur ein Anruf bei einer Hotline für religiöse Zweifelsfragen.

"Razieh: "Guten Tag. Ich hätte gern eine Auskunft. Ich arbeite in einem Haushalt als Angestellte. Ich soll einen alten Mann betreuen, der sich selbst nicht mehr helfen kann. Ich wollte fragen weil er – wie soll ich sagen – sich "nass" gemacht hat, ob es nach dem Koran, ob es eine Sünde ist, wenn ich ihn als gläubige Muslimin sauber mache, verstehen Sie. - Nein sonst ist niemand da. Der Mann ist vielleicht 70, 80 Jahre alt und nicht mehr in der geistigen Verfassung, es selbst machen zu können.""

Ein Konflikt entsteht, der wieder alle vor Gericht bringt. Razieh ist schwanger. Davon hat sie nichts gesagt, um den Job nicht zu verlieren, mit dem sie ihre Familie mit arbeitslosem Mann durchbringen will. Nachdem sie den Alten allein und angebunden zurückgelassen hat, wird sie von Nader geschubst und verliert das Kind. Vielleicht gibt es dafür aber noch andere Gründe. Die Dialog-getriebene Geschichte strebt auf einen dramatischen Höhepunkt zu. In der deutschen Synchronisation geht der hektische, streitbare Ton des Films weitgehend verloren.

In Farsi klingen die Klagen und die wütenden Verteidigungsreden eben anders. Eine Gesellschaft unter Druck kommt zum Vorschein und das obwohl dieser Film kein einziges politisches Statement abgibt. Er erzählt die Geschichte einer Trennung und den Zustand einer Gesellschaft. Alle sind irgendwie schuld. Doch eigentlich handeln diese Menschen so und nicht anders, weil sie keine Alternativen haben. Asghar Farhadi schafft es, sämtliche Figuren in ihren Handlungsweisen verstehbar zu machen. Ausweglos sind die Konflikte und reich ist dieser Film an immer neuen Blicken auf das Leben.

"Razieh: "Herr Richter, Sie sind ein erfahrener Mann. Sieht man einer Frau nicht am Bauch und am Gesicht an, dass sie schwanger ist?" - "Eine Frau im fünften Monat."
Nader: "Wie oft hab ich sie denn gesehen. Wenn Sie gekommen sind, war ich entweder auf dem Weg zur Arbeit oder gerade dabei zu gehen. Und wenn ich wieder gekommen bin, hat sie immer so ausgesehen, wie sie jetzt aussieht, immer in den Schador gehüllt. Und da frage ich mich, wie man erkennen soll, dass eine Frau schwanger ist im fünften Monat."
Richter: Aufgrund ihres Äußeren kann er das für sich reklamieren." Nader: "Außerdem hätte ich doch nie gedacht, dass eine Frau in dem Zustand sich noch anbieten würde, so eine Arbeit zu tun.""

Farhadis Film ist nicht nur ein Film über den heutigen Zustand der heillos zerrissenen Gesellschaft des Iran. Es ist auch ein Film, der sich mit Menschheitsthemen wie Wahrheit, Gewissen, Schicksal und Schuld beschäftigt. Plötzlich kommen Szenen aus den Filmen von Akira Kurosawa in den Sinn, der nicht nur in seinem Meisterwerk "Rashomon" ähnliche Themen vergleichbar konzentriert und engagiert zur Sprache gebracht hat. Farhadi hat nach "Über Elly" mit "Nader und Simin" eine neue Stimme ins Weltkino gebracht, die nicht so schnell verstummen wird.

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