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StartseiteBüchermarktTreue und Verrat28.02.1999

Treue und Verrat

Aleksandar Tisma ist bei uns erst spät bekanntgeworden. 1991 erschien bei Hanser "Der Gebrauch des Menschen", ein Leser und Kritik stark aufwühlender Roman über Jugoslawien unter deutscher Besatzung. In den folgenden Jahren ließ der Verlag nach und nach weitere Werke Tismas übersetzen. Jetzt kommt der Roman "Treue und Verrat" in die Buchhandlungen. Verfaßt und in Jugoslawien veröffentlicht wurde er vor mehr als anderthalb Jahrzehnten. Tisma selbst hat mit seinem Romanwerk seit langem abgeschlossen: "Ich habe aufgehört, Romane zu schreiben. Ich habe das Gefühl, alles gesagt zu haben."

Martin Ebel

Daß Tismas Werke sich so lange mit jugoslawischen Lesern begnügen mußten, lag an der restriktiven und isolationistischen Kulturpolitik seines Landes. Dem Autor wurden viele Jahre Paß und Reiseerlaubnis verweigert. Als er sich darüber bei den Behörden beschwerte, sagte ihm der Chef des Sicherheitsdienstes: "Wissen Sie, Tisma, Sie werden nie in ihrem Leben ins Ausland fahren können."

Er sollte unrecht behalten. Ganz so dicht war der eiserne Vorhang ja auch für Literatur nicht. Ein Freund des Autors gründete in Lausanne den Verlag "L'age d'homme" und sorgte dafür, daß Tismas Bücher ins Französische übersetzt wurden; so fanden sie den Weg in andere Sprachen, schließlich auch ins Deutsche. Tisma selbst sieht die verspätete Auslandskarriere seines Werkes mit stoischer Gelassenheit: "Um einen Autor zu entdecken, der in Jugoslawien lebt und schreibt, in Novi Sad, nicht einmal in Belgrad, braucht es den Zufall. Es hätte gut sein können, daß nie ein Buch von mir auf deutsch erscheint."

Einmal übersetzt, wurde Tisma auch in Deutschland gelobt und preisgekrönt. Gelesen wurde er unter politischem Blickwinkel. Als seine ersten Romane auf deutsch herauskamen, tobte in Jugoslawien ein Krieg von nicht mehr für möglich gehaltener Grausamkeit. Die Nachrichten von KZs und systematischen Vergewaltigungen, die Bilder von Massengräbern und verstümmelten Leichen mitten in Europa sorgten für Entsetzen. Wie war so etwas möglich? Woher so viel Haß? Die Antworten suchte so mancher in den Romanen dieses jugoslawischen Autors. Lag der Schlüssel zu den Massakern von 1993 vielleicht in denen von 1941 bis 44? Nun sind das die falschen Fragen an einen Mann, für den Geschichte keinen Zivilisationsprozeß darstellt, sondern eine sinnlose Abfolge von Gewalttaten und Gewalt überhaupt etwas Normales: "Ich sehe im Menschen nur die Manifestation der lebenden Materie. Und beim Lebendigwerden oder Lebenzeugen, bei der Nahrungsbeschaffung und bei der Fortpflanzung ist die Gewalt offensichtlich stark anwesend. Vielleicht ist sie sogar der wichtigste Faktor der Reproduktion des Lebens."

Tismas Menschenbild legt es also nicht gerade nahe, seine Romane als Hilfsmittel für politische Analysen zu gebrauchen. Aber wie immer hilft die Kenntnis der Vergangenheit, die Gegenwart genauer zu sehen und besser zu verstehen, gibt die Geschichte ihr Relief und Tiefe. Dies gilt auch für den jetzt vorliegenden Roman "Treue und Verrat". Der spielt weder im Zweiten Weltkrieg noch im Bosnienkrieg, sondern dazwischen, im Jahre 1962, einer vermeintlich ereignislosen Zeit. Und, Tisma-Leser wird das nicht wundern, er spielt in Novi Sad, einer 100.000-Einwohner-Stadt in der halbautonomen serbischen Teilrepublik Vojvodina. Hier lebten jahrhundertelang die verschiedensten Volksgruppen nebeneinander - Serben und Kroaten, Deutsche und Ungarn, Moslems und Juden. Ein balkanspezifisches Multikulti, das erst von deutschen Panzern niedergewalzt wurde. Der von den Besatzern entfachte Haß köchelte unter dem Deckel von Titos Nationalkommunismus unbemerkt vor sich hin, bis er in unseren Tagen erneut ausbrach.

Hier ist Aleksandar Tisma aufgewachsen; hierhin ist er wieder zurückgekehrt, nach Kriegsjahren, die er in Ungarn, in einem Zwangsarbeiterlager und bei den Partisanen verbrachte. Hier läßt er seine Romane spielen, in dieser Stadt "mit ihren von Feuchtigkeit und Salpeter angefressenen, altmodisch gekalkten Häusern, staubigen Hoftoren und verstopften Ablußrohren."

Hier treffen sich, aus Anlaß eines Wohnungsverkaufs, die handelnden Personen, teils deutsch-österreichischer, teils serbischer, teils jüdischer Herkunft. Sie sind miteinander verwandt oder verschwägert oder zumindest auf die gleiche Schule gegangen. Im Mittelpunkt steht der 38jährige Sergije Rudic, der in Belgrad für einen Verlag westliche Kitsch- und Schundromane nach sozialistischen Bedürfnissen umschreibt. Seine Eltern wohnen zur Miete in einer Wohnung, die der Staat jetzt an den ursprünglichen Besitzer zurückerstattet hat. Dieser Besitzer ist eine Frau: die Wienerin Inge Schultheiß, die in Novi Sad aufgewachsen ist und mit ihrem Mann, dem erfolgreichen Transportunternehmer Balthasar, in ihre Heimatstadt zurückgekehrt ist, um die Wohnung zu verkaufen, womöglich an die derzeitigen Mieter.

Man trifft zusammen, um über den Preis und das Verfahren zu reden, zieht auch einen befreundeten Anwalt hinzu. Aber über die ersten Schritte kommt der Handel nie hinaus; er rückt bei diversen Besuchen und gemeinsamen Ausflügen, bei Essen und Trinken, Gesprächen und allerlei Ablenkungen immer mehr in den Hintergrund.

Vor allem den tatkräftigen Balthasar bringt das in Rage. Er betrachtet mit einer Mischung von Verwunderung und Abscheu die "balkanesische Wirtschaft". Vollends zur Verzweiflung bringt ihn der Besuch beim Anwalt Nikolic. Zu ihm überhaupt vorzudringen ist so schwer wie zu Kafkas Schloßbesitzer. Nach mehreren vergeblichen Vorstößen "folgen Telefonanrufe, auf die sich entweder niemand meldet, oder die, wenn ein Gespräch zustande kommt, vor Balthasar, der ungeduldig im dämmrigen Eßzimmer auf und ab geht, ins Private verfließen, in Erkundigungen nach dem Wohlergehen, nach den Geschäften, nach den Plänen für die Maifeiertage, um, nachdem der Hörer aufgelegt ist, in der von zerstreutem Lächeln des Schwagers begleiteten Erklärung zu gipfeln, daß sein Freund, mit dem er eben so nett geplaudert hat, wegen dringender Termine, familiärer Verpflichtungen und ähmlichem wieder keine Zeit findet, um herzukommen oder sie zu empfangen."

Das schließlich doch noch zustandekommende Treffen ist eine absurde Szene: Der Anwalt bearbeitet gleichzeitig und im Beisein aller Beteiligten zwei verschiedene Fälle und tut alles, um sie - nicht voranzubringen. "Die Schubladen knarren und quietschen, die hohe Schreibmaschine rattert, Papier und Kohlebögen rascheln, Streichhölzer werden entzündet" - und die k. u. k. Bürokratie feiert fröhliche Urständ. Sergijes Eltern, miteinander verklammert in einem Dauerclinch aus Haßritualen, sind schon mit der Entscheidung, ob sie die Wohnung überhaupt wollen, völlig überfordert, ganz zu schweigen von Schritten zur Abwicklung des Handels. Sergije geht es ähnlich. Er soll für die Eltern verhandeln und nimmt zur Verstärkung - oder Ablenkung - seinen alten Schulfreund Eugen mit, einen jüdischen Intellektuellen, der Krieg und Lager überlebt hat und sich seither hinter Büchern verschanzt. Eugen darf ihm außerdem als "postillion d'amour" dienen und ihm sein Zimmer für ein Stelldichein zur Verfügung stellen. Sergije hat sich nämlich Hals über Kopf in Inge verliebt, die Haus-Erbin und Frau des tüchtigen Balthasar. Es ist wie ein Blitzschlag der Hoffnung in seinem grauen Leben, das in der Wiederkehr des Immergleichen dahinkriecht.

Und da deprimiert ihn alles: die Arbeit in seinem Verlag, wo er "gestammelte Dreigroschensentimentalitäten" herstellt. Die Wochenendbesuche bei den Eltern. Die Gespräche mit Eugen. Sein ungeklärtes Verhältnis zu Ljiljiana, mit der er verheiratet ist und eine Tochter hat, die sich aber weigert, mit ihm zusammenzuleben. "Eine schöne Bilanz! Sie verheißt nur ein Dahinvegetieren. Noch zehn und vielleicht weitere zehn Jahre, und dann Schluß. Der Weg ist klar. Nur dieses öde Zimmer, diese Einsamkeit, diese erstarrte Haltung auf einer Wippe, von deren anderem Ende das Gewicht abgefallen ist. Er kann sich nur krampfhaft und gekrümmt auf ihr behaupten. Oder - Abstieg. In völlige Willenlosigkeit, vielleicht in Alkoholismus, in erstickende Misanthropie."

So wie ihm fehlt es allen Personen an Energie, ihrem Leben eine Wendung zu geben. Ebenso ergeht es aber auch den anderen Personen. All ihre Tätigkeiten verlaufen ins Leere, alle Handlungsansätze heben sich gegenseitig auf. Nun liegt es Tisma fern, dieses Verhalten völkerpsychologisch zu begründen, etwa mit besonderer balkanesischer Trägheit. Zur Motivierung bringt er vielmehr die Vergangenheit der Personen ins Spiel, von der wir in diversen Rückwärts- und Schleifenbewegungen immer mehr erfahren. Und da erweisen sich Antriebslosigkeit, Depression und Apathie als Ergebnis einer tiefen Traumatisierung, die auf die deutsche Besatzung zurückgeht. Damals wurde Novi Sad den Ungarn zugeschlagen, die vorher dominierenden Serben waren auf einmal die Underdogs. Es gab Pogrome, willkürliche Exekutionen und Massaker. Keine Familie, die nicht ein oder mehrere Mitglieder verlor: im Krieg selbst, im Lager oder durch Racheaktionen bei Kriegsende.

"Zurück blieben Glut und Asche." Mit diesem Satz läßt Tisma seinen Roman "Der Gebrauch des Menschen" enden. "Treue und Verrat" zeigt, wie Menschen, die nur noch Glut und Asche sind, weiterleben. Etwa Ljiljiana, Sergijes Frau, die seine Frau nicht sein will: Sie hat ihren Bruder und ihren Vater im Krieg verloren, innerhalb eines Monats und auf entgegengesetzten Seiten kämpfend. Seither dämmert sie dahin," ins Unglück vergraben", wie es heißt, und in Erwartung neuen Unglücks und dadurch jede Entwicklung, jede Hoffnung unmöglich machend. Sie sabotiert die verzweifelten Versuche Sergijes, doch eine Art Familienleben aufzubauen, und schädigt sogar ihre Tochter, indem sie deren Hüftleiden nicht behandeln läßt.

Auch Sergijes Lebensekel und Selbsthaß haben ihre Wurzel in der Vergangenheit. Als Student schloß er sich eher zufällig den Kommunisten an und bekam von der Untergrundbewegung den Auftrag, ein Getreidefeld in Brand zu stecken. Der unerfahrene Jungpartisan wird sofort gefaßt und in ein Lager eingeliefert. Dort organisiert er, beflügelt von der Leidenschaft zu einer Mitgefangenen, einen Ausbruchsversuch. Der ist dilettantisch angelegt und scheitert blutig; nur durch seine Jugend entgeht Sergije der Hinrichtung; viele seiner Kameraden und auch seine Geliebte dagegen kommen um. "Sergije starrte die Leiche an, seine Zähne klapperten vor Kälte und Entsetzen, er starrte sie noch immer an, während sie ihn schlugen, ihm Kleider und Schuhe vom Leib rissen, ihn wieder schlugen, beschimpften und ein Geständnis verlangten, und als sie ihn und die anderen im Morgengrauen mit Gewehrkolben in das Gebäude trieben, sah er im Dunkel seiner Einzelzelle noch immer Maras Leiche vor sich, mit verrenktem Kopf und gespreizten Gliedern wie eine umgestürzte Vogelscheuche. Er fühlte, daß mit Mara nicht nur der Fluchtplan vernichtet war, sondern auch seine ganze bisherige Auffassung vom Leben als Kampf für den Sieg des Guten. Mara hatte mit dem Sieg ebensowenig zu tun wie der schmutzige Schnee, in den man sie geworfen und mit dem sie sich vereinigt hatte, um vom Erdboden getilgt zu weden, und weil das für die Ewigkeit geschehen war, hatte sie auch früher mit dem Sieg nichts zu tun gehabt, denn sie hatte nichts von früher, sie hatte nichts, sie war zum Nichts geworden. Jetzt wartete er darauf, selbst zum Nichts zu werden."

Er ist ein Davongekommener, auf dessen Schultern Schuld und Scheitern lähmend lasten. Immer wieder käut Sergije den entscheidenden Moment seiner Jugend wieder, sieht er die brennenden Getreidegarben vor sich: "Auf einmal scheint ihm, daß nur das in seinem Leben Wert hatte, diese Flamme, diese Geste, an sich kaum bedeutend für den Ausgang eines Krieges mit den paar Dutzend Kilo Getreide, die den feindlichen Soldaten entzogen wurden - aber dennoch ein Zeichen, spurlos wie ein Schrei, aber ewig, weil im Raum des Lebens verwirklicht."

Wäre es nicht besser gewesen, in diesem Moment, mit dieser Geste zu sterben - anstatt dahinzuvegetieren wie eine lebendige Leiche? Ein Trauma drückt auch Inge nieder. Sie mußte gegen Kriegsende, auf der Flucht nach Norden, erleben, wie ihre Mutter nach Massenvergewaltigungen durch russische Soldaten ermordet wurde. Balthasar, der sie begleitete, nutzte die Situation und ihre Hilflosigkeit aus. Dennoch heiratet sie ihn - es ist ja eh alles gleich. "Er beschlief sie regelmäßig" heißt der Satz, mit dem Tisma dieses Eheleben charakterisiert. Die Begegnung mit Sergije erscheint ihr wie ein Blitz in ewiger Dunkelheit. Sergije ergeht es nicht anders: "In den trägen, monotonen, scheinbar irreparablen Prozeß seines Lebens schnitt die Begegnung mit Inge ein wie ein strahlend weißer Springbrunnen."

Und beide ergreifen, was sie für eine Chance halten: Sie brennen miteinander durch. "Sie lassen Häuser, Straßen hinter sich, überqueren eine Flußbrücke und sind zwischen Feldern auf einer geraden Chaussee. Sergije beobachtet ungeduldig diese Zeichen, die ihre Fahrt begleiten, und betrachtet hin und wieder Inges Profil mit der gebogenen Nase und den geschürzten Lippen, ihre Hand auf dem Schaltknüppel, ihren Schoß, die vollen Schenkel und die runden Knie. Er kann es noch immer nicht glauben. Sie beide in einem Auto, das ihnen gehört und das Inge geschickt lenkt und das wie ein abgeschossener Pfeil des Luxus ist, der Inge stets umweht hat; allein, ohne Vermittler, ohne Störung, auf einem Weg ohne Ziel, ohne alle Zwänge und Bindungen.

Traumatisiert ist schließlich auch die dritte zentrale Figur des Romans, der Jude Eugen Patak. Er hat seine ganze Familie durch den Holocaust verloren und um ein Haar auch sein eigenes Leben. Dem Lageraufstand, den sein Freund Sergije anzettelte, entzog er sich, weil er das Unternehmen für aussichtslos hielt; dafür wurde er von Sergije als Verräter bloßgestellt, ausgestoßen und zu den Kriminellen gesteckt, was ihm wahrscheinlich das Leben rettete. Seitdem lebt er zurückgezogen in einer Junggesellenkammer. "Er hat nichts. Keine Sprache, keine Gedanken, keine Entschlüsse, keine Erkenntnis, weder Liebe noch Haß. Er hat Hunger, wenn er lange nichts ißt, er friert, wenn er zu dünn angezogen ist oder im Winter nicht geheizt wird, er ist müde, wenn er zu lange sitzt, zu lange geht, er ist schläfrig, wenn es abends spät wird, sein Glied wird steif, wenn er sich ins Bett kuschelt."

Es ist die Apathie des Traumatisierten, der sich am Nullpunkt der Existenz einrichtet: "Um ihn ist Leere, wie auch in seinem Kopf. Alles kann ungehindert herein und hinaus. Ein Nachbar kann kommen, um ihn abzuschlachten, ein Milizionär, um ihn ins Gefängnis abzuführen."

Was einmal geschehen kann, kann immer wieder geschehen. Eugen macht allerdings Untätigkeit zur Devise, er propagiert, worunter Sergije leidet. Allerdings hat er auch eine Gegenwelt, ein Universum des Geistes, ein Reich der Ideale, wo Aufklärung und Toleranz herrschen. Seine Bücher. In ihnen sucht er. "Wonach? Nach der rettenden Formel, die den Menschen Gleichberechtigung bringt und sie von ihrer Habgier befreit?"

In Eugen dürfen wir Züge des Autors erblicken, der mütterlicherseits jüdischer Abstammung ist und von sich sagt, er sei ein Mann des Wortes, nicht der Tat. Eugen wird schließlich in einer dostojewskischen Szene von Sergije erpreßt. Mit deutlichem Hinweis auf seinen angeblichen Verrat im Lager verlangt er von ihm, einen Mord zu begehen. Er soll Inges Mann Balthasar ertränken, damit der Weg frei wird für eine neue Verbindung mit Sergije. Eugen stimmt zum Schein zu, geht aber statt dessen mit der Mordwaffe, einem Ruderboot, theatralisch unter. Er weigert sich, vom Opfer zum Täter zu werden. Und seine letzten Worte sind: Literatur. "Du bist angekommen, Hagen! Willst Du ins Hunnenland zu Kriemhild? Aber Siegfried ist nicht tot, dort steht er, und dieser Fährmann setzt für kein Armband aus reinem Gold über."

Und dann wird der Leser so unvermittelt aus dem Roman hinausgeworfen, wie er hineingewinkt wurde. Er kann sich allenfalls vorstellen, wie es weitergeht: als immerwährende, im Kriechgang voranschreitende Katastrophe. Inge ist zwar von Sergije schwanger, wird aber unter der Fuchtel ihres Mannes bleiben und mit ihm nach Wien zurückkehren. Sergije hat sie verloren, den Freund auf dem Gewissen und die Langeweile seines Büros und der sonntäglichen Familienbesuche vor sich. Deprimierend das alles, Grautöne, wohin man schaut. Und was ist mit dem Liebesblitz, der Sergije und Inge getroffen hat? War da nicht eine Hoffnung, eine Chance, ein Ausweg? Kann aus Asche, die noch glüht, nicht neues Feuer schlagen? Nein, diese Liebe hat keine Chance. Sie ist eine wunderbare Auszeit, mehr nicht. Fünf Tage gönnt Tisma seinen Liebenden, die sich in eine Pension in einer Kleinstadt verkrochen haben, fünf Tage, in denen sie am Fluß spazieren gehen, baden, reden, essen, sich lieben. Fünf Tage ohne Vergangenheit und Zukunft. "Sie waren in dieser Stimmung des Sich-Überlassens, der vom Zufall gelenkten Fahrt, zu der sie auch aufgebrochen waren. Diese Stimmung beherrscht sie ständig, wie eine Melodie, welche, einmal gehört, sich im Hirn festsetzt, sich unaufhörlich wiederholt, in sich selbst übergeht und durch ihren Klang alle anderen verdrängt.

Tisma geht eben nicht in die Falle, das Liebeserlebnis verbal ausstaffieren zu wollen. Keine große Oper, ganz im Gegenteil. Erschien seine Sprache bis dahin selbst wie traumatisiert, abgemagert auf das Nötigste, sparsam mit Bildern und Metaphern, fast immer in protokollarisch sachlichem Ton, so beläßt er es jetzt dabei, zu benennen, was die beiden Personen tun: essen, schlafen, reden, baden.

Titel, die Kleinstadt, ist für die Liebenden ein exterritorialer Raum, keine Utopie. Nach fünf Tagen wissen sie beide: Ihre Zeit ist vorbei. Die Liebe bleibt wie zwischen zwei Klammern eingeschlossen. Immerhin: Es gibt diese Klammer, wenn sie auch, verglichen mit der Ewigkeit der pannonischen Depression, nur von der Dauer eines Blitzschlags ist. Noch einen zweiten Riß in der grauen Wand der Depression hat Tisma aufgemacht. Er ist nicht gleich zu erkennen, und man braucht auch den richtigen Blick. Der zeigt dann die Familie von Inges Cousine Magda: In dieser Familie geht es lärmend und unordentlich zu, herzlich und chaotisch; es ist genau jene balkanesische Verlottertheit, die dem Besucher Balthasar so besonders mißfällt. Mit den Augen Inges sieht sie der Leser indes so: "Dieses Leben lief auf einer niedrigeren Ebene ab, als sie es aus Wien gewöhnt war, aber es war dicht und prall von heimischen Gerüchen, von dem Staub der Ebene, der wie ein dünner Schleier hinter den Wagenrädern aufschwebte und sich wieder legte und einen süßlichen Geschmack im Mund hinterließ, von dem vielsprachigen Stimmengewirr, von einem endlosen Hinundherwogen, dessen warme Trunkenheit die geschäftlichen und nachbarlichen Beziehungen unter den Menschen gleichermaßen bestimmte."

Diese Familie scheint von der allgemeinen Depression verschont zu sein. Die Erklärung liegt, natürlich, in der Vergangenheit: Magda, die Deutsche, hatte sich im Krieg von ihrer Familie losgesagt und zu ihrem Geliebten gehalten, der als Serbe verfolgt wurde; der wiederum schützte sie, nach Abzug der Besatzer, vor der Rache der Partisanen. Beide stellten sich also, aus Treue zueinander, gegen die zufälligen politischen Forderungen des Tages und riskierten, als Verräter behandelt zu werden. Die Beziehung der beiden ist also auf Mut zum Risiko gegründet. Und es ist beileibe keine kleinbürgerliche Idylle, die Tisma hier ausmalt. Es ist ein mühsames, den widrigen Umständen immer wieder abgerungenes kleines Alltagsglück. Aber wieviel Lebendigkeit liegt darin!

Ein heimlicher Held des Buches schließlich ist Milan, Magdas Mann. Er bleibt meist am Rande, nötigt zum Trinken, zum Bleiben, zum Reden - und schwadroniert selbst. Es ist oft liebenswerter Unsinn, was er zum besten gibt, aber manchmal entpuppt sich dieser Schwadroneur als reiche, empfindsame und phantasievolle Seele. Hören wir seinen Versuch, das Gemüt der Menschen seiner Region zu erklären: "Wir alle hier sind schwerblütig, enttäuscht, mit uns selbst zerstritten, oft verzweifelt meditativ, fern vom Adlerblick des Gebirglers, der alles wie auf der flachen Hand vor sich hat. Wir hingegen blicken zum Himmel auf, und wenn wir die Augen senken, treffen wir auf eine unendliche Weite wie die des Himmels, die uns mit Trauer und Mutlosigkeit erfüllt. (...) Wenn es dunkel wird und der Ostwind weht, greifen hier die Leute scharenweise zum Strick und hängen sich auf, wie andere gute Nacht sagen. Und warum? Weil sie hungern? Weil sie frieren? Nein, dieses Land gibt ihnen allen Überfluß, wie er Israel in der Bibel verheißen wurde, es gibt ihnen nur keine Ruhe, kein Gefühl der Sicherheit. Denn wenn sie in die Höhe blicken, zeigt sich ihnen der Himmel, und in diesen weiten Himmel stürzt alle Ruhe und Sicherheit wie in einen umgekehrten Abgrund."

Ein kühnes, ein großartiges Bild, das den Betrachter schwindeln läßt. Und so geht es dem Leser auch immer wieder mit Aleksandar Tismas Buch. Die Mühen der Ebene verwandeln sich, wenn die Dimension der Vergangenheit ins Spiel kommt, in die Schrecken der Abgründe. Und das Immergleiche wird bei näherer Betrachtung bedrohlicher, aber auch vieldeutiger und reicher als gedacht. Die Vergangenheit mag die Gegenwart prägen, lähmen, traumatisieren; ganz von der Zukunft abschließen kann es sie nicht. "Und neues Leben blüht aus den Ruinen", hat der pathetische Schiller das einst ausgedrückt. Tisma ist jedes Pathos vergangen.

Aber auf seine Weise bringt er zum Ausdruck: Es wird schon irgendwie weitergehen. Die Hoffnung zahlt mit kleiner Münze. Um so reicher ist die Literatur, die von ihr spricht.

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