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StartseiteBüchermarktTristan da Cunha31.08.2003

Tristan da Cunha

Hanser, 720 S., EUR 24,90

<em> Das Auftauchen der Insel aus dem Ozean hat in dem Maße, als man sich dem Ufer nähert, etwas ebenso Sublimes wie Schauderhaftes; die Wogen brechen sich gewaltsam auf Felsen, welche kaum über den Wasserspiegel herausragen, und sind daher längs der Küste mit einem weißen Schaum bedeckt, als stiege sie immer weiter aus den Wellen. Vor dem Gürtel der Brandung jedoch ist das Wasser vollkommen ruhig, befriedet von einem unterseeischen Wald, dessen breite, bräunliche Blätter aufschwimmen, daß es Mühe bereitet, die Ruder einzutauchen; nur die Boote der Walfänger können mit Sicherheit hier eine Landung versuchen. (...) Der Gipfel selbst ist so, wie das Paradies immer beschrieben wurde, es ist, als wäre er das höchste Land auf der Erde, so hoch, daß Noahs Flut es nicht ganz erreichen konnte, und umgeben ist es von einem immensen, dicht mit Moos und Büschen bestandenen, kreisrunden Wall. Darin haben sich überall tiefe Wasserrinnen gegraben, als wäre die Sintflut darin wieder abgeflossen. </em>

Florian Felix Weyh

So erhebt sich das gelobte Land aus der Wasserwüste des Atlantiks. Etwa auf der Hälfte zwischen den Südspitzen Afrikas und Südamerikas liegt abseits aller Schifffahrtsrouten jenes kleine Eiland, das über Jahrtausende jeder Besiedlung widerstand. Walfänger nahmen nur in Notfällen Kurs aufs raue und öde Atoll, das allenfalls in höchster Seenot zu dem werden konnte, zu dem es der Historiograph hier etwas überschwänglich verklärt: ein Paradies. Ein Paradies aus Pinguineiern und Seelöwentran, mit Süßwasser gesegnet, gewiss, aber sonst bar jeglicher Annehmlichkeiten; auch das Klima nichts für schwache Naturen. Ergo beginnt die Menschheitsgeschichte auf Tristan da Cunha erst 1810, als drei amerikanische Abenteurer die Vulkaninsel in Besitz nehmen und darauf ein Reich für sich gründen. Jung an Jahren lässt es sich dessen Universalgeschichte auch heute noch als Individualgeschichte erzählen. Denn:

Auf Tristan da Cunha gibt es bis zum heutigen Tag nur sieben Familien: Glass, Swain, Rogers, Hagan, Green, Repetto und Lavarello. Ihre Stammväter, sie alle kamen und blieben, heirateten und zeugten Kinder, lebten und starben auf dieser Insel. Sie alle lebten in ihren Namen fort, bis auf einen – als würde durch ihn diese Zahl Sieben zum Unendlichen der Acht ergänzt werden: den unglückseligen Cotton. Mit jedem dieser Urväter aber kam eine Sünde auf die Insel; und nachdem sie einmal in die Welt gesetzt war, wurde sie eine Sache des Blutes und damit erblich.

Inzucht ist ein Problem dieses Eilands; erstaunlicherweise weniger die biologische Inzucht mit ihren genetischen Gefahren, als die erkenntnistheoretische Variante davon. Geboren und aufgewachsen auf Tristan da Cunha, haben die Insulaner zwar einen unendlichen äußeren Horizont vor Augen, ihr innerer Wahrnehmungskreis scheint aber eher klein. Sie leben in einer Welt aus Ritualen und Traditionen, die sich immer nur und immer wieder um sich selbst dreht. Langustenfischerei und Briefmarkenexport machen die beiden einzigen Erwerbszweige aus, so nimmt es auch nicht Wunder, dass ein irischer Philatelist, der nie die Insel betritt, zu ihrem Geschichtsschreiber wird:

Wir suchen immer das Unbedingte und finden immer nur Dinge. Damit uns aber beim Blick auf sie nicht der Schwindel überkommt, stellen wir sie in einen Rahmen, und je breiter der Rand ist, desto wertvoller wird, was er einrahmt. Das gilt auch für Briefmarken, die man um so höher schätzt, je mehr Rand sie haben. (...) Vielleicht ist auch meine Geschichte nichts als ein Rand um die Sammlung, und meine Sammlung nichts als ein Rahmen um die Geschichte.

Verlassen wir damit die Welt der geographischen Tatsachen und betreten die heiligen Hallen der Literatur. Bild, Sprache, Mythos und Allegorie sind die Hauptmotive im Schreiben Raoul Schrotts. Schichtungen und Schachtelungen bestimmen die Tektonik seiner Prosa. Dieses einsame, unwirtliche Eiland Tristan da Cunha gilt ihm als literaturfähig, weil es von allen abgelegenen Orten der Welt der abgelegenste ist – tatsächlich braucht man von hier aus am längsten zur nächsten Zivilisationsoase. Nirgendwo anders ist der Weg vom Ich zum Du weiter und gefährlicher. Ein Schauplatz für menschliche Tragödien, mag man denken, doch ungleich wichtiger als psychologische Tiefenlotungen sind Raoul Schrott die Fundstücke, die ein archaischer Ort an Sprachbrocken bereithält:

Es gibt vier Kategorien von Namen auf der Insel. Der weitaus größte Teil ist rein beschreibender Natur, wie The Archways, Berry Gutter, Cave Point, Deep Gulch, East Beach, Flat Gulch, Green Hill, The Hill-With-A-Hole-In-It... Viele davon sind Begriffe, aus denen noch keine Namen im eigentlichen Sinn geworden, die noch in der Geste des Zeigens befangen sind, des bloßen Orientierens: Below-The-Hill, Farmost Point, The Ponds-Up-The-East'ard, Under-The-Water; sie zählen auf – First Lagoon Gulch – oder geben reine Größen an: Big Beach, Long Bluff, Little Sandy Gulch. (...) In den übrigen hat der Alltag sich bewahrt. (...) Im Miah's Orchard Gulch setzte Jeremiah Swain Apfelbäume, weil sie dort vom Wind geschützt waren; Joey's Garden jedoch rührt daher, daß ein gewisser Joseph Beetham die verwilderten Katzen – deren Felle ein beliebter Tauschartikel auf den Schiffen war – mit seinen Hunden dort in die Enge trieb und sie keulte; zum Neidwesen der übrigen Siedler war er jedes Jahr so erfolgreich damit, daß man den Ort als Down-Where-Joey-Has-His-Cat-Garden bezeichnete. Down-Where-The-Minister-Landed-His-Things ist dabei einer der wenigen Bezeichnungen, die nicht verkürzt wurden; sie singen es fast wie eine Gedichtzeile – so heißt der schmale Streifen Sand, wo man Dodgsons Hab und Gut an Land schaffte, als sein Schiff erst nicht, der Dünung wegen, vor dem Dorf ankern konnte. Als es dann schließlich anlegte, sank es vor den Kartoffelfeldern auf den Hardies, wie die Siedler jeden aus dem Meer stehenden Felsen nennen.

Reverend Edwin Dodgson ist einer der vier Protagonisten des Buches; ein anglikanischer Priester – Bruder des berühmten Mathematikers und Verfassers von »Alice in Wonderland«, Lewis Carroll –, der im 19. Jahrhundert den Einsiedlern Kultur und Christentum nahe bringen will. Ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, das von einer unglücklichen Liebesgeschichte unterminiert wird. Auch Mark Thomson, der Briefmarkensammler aus Irland, sieht seine Ehe neben oder wegen der Leidenschaft zu den gezackten Papierstückchen scheitern, während es bei Christan Reval, einem ursprünglich von der Insel stammenden Kartographen, niemals zur Vermählung mit der einzig Geliebten kommt; wohl aber zur Verschmelzung, woraus ein unehelicher Sohn entsteht. Diese drei Männerbiographien werden mit einem Kunstgriff, den wir aus Hunderten von Romanen kennen, von einer Frau zusammengeführt: Noomi Morholt, südafrikanische Antarktisforscherin, findet in ihrem Gepäck eine Bücherkiste, die eigentlich fürs Museum auf Tristan bestimmt ist. Sie enthält Briefe von Edward Dodgson an seinen Bruder Lewis Carroll im späten 19. Jahrhundert, das Tagebuch des Ende der 60er Jahre im 20. Jahrhundert verunglückten Christian Reval und die nicht näher datierten inselgeschichtlichen Aufzeichnungen Mark Thomsons.

An Originalität war mir noch nie gelegen; Literatur liegt für mich im Versuch, für archetypische Situationen und Emotionen die eine passende und allumfassende Formulierung zu finden, die rechten Worte und die richtigen Sätze – darin besteht ihre Formelhaftigkeit, schon seit Homers epischen Zeiten. Ich halte mir eher auf die Konstruktion etwas zugute.

... erklärt der Autor in Gestalt eines Autors, denn natürlich endet das Schichtmodell des 700-Seiten-Romans nicht bei der Leserin der zusammengetragenen Inselfragmente. In der Einsamkeit der antarktischen Nacht korrespondiert Noomi Morholt per E-Mail mit einem brasilianischen Schriftsteller, der alle Fäden spinnt und zusammenhält. Legt man seine Aussagen neben Interviewpassagen von Raoul Schrott, ergibt sich mehr als einmal eine passgenaue Deckung. Etwa bei folgender Anekdote:

Du fragst, warum ich über Tristan da Cunha schreibe. Mein Vater hatte in seinen wechselnden Büros stets eine Weltkarte hängen, und ich mit meinen zwölf Jahren reichte kaum über den Äquator, auf Augenhöhe lag allein die Insel Tristan da Cunha; vielleicht ist das der Grund.

Nicht unbillig, die Selbstaussagen des fiktiven brasilianischen Schriftstellers als programmatische Schrott-Äußerungen zu deuten. Richten wir unser Augenmerk also auf die Konstruktion, auf die sich der Werkschöpfer »etwas zugute hält«. Sie ist komplex, um nicht zu sagen kompliziert. Die ineinander verschobenen und verkeilten Grundplatten bieten kein einheitliches Gerüst, sondern treiben den Roman auseinander. Christian Revals Tagebuch etwa ist rückwärts notiert, was seinen angestrebten Zweck nur dann erfüllte, läse man es kontinuierlich hintereinander weg. Harold Pinter hat einstmals vorgeführt, wie ein rückwärts erzähltes Liebesdrama an Bitterkeit und Melancholie gewinnt. Sein Dreiakter Betrogen zeigt im ersten Akt das aggressive Scheitern einer Ehe, im zweiten deren gelangweilte Normalität, im dritten erst das zärtliche und süße Kennenlernen der Jungverliebten, das – im kontinuierlichen Zeitablauf des Theaterabends an den Schluss gerutscht – besonders wehmütig stimmt. Einschübe von mehr als zweihundert Seiten zwischen den einzelnen Blöcken machen einen ähnlich anrührenden Effekt bei Raoul Schritt zunichte. Übrig bleibt eine willkürliche Leserirritation. Sinnfälliger, wenngleich für den Rezipienten ebenfalls unkomfortabel, ist die Verdichtung aller Liebesgeschichten des Buches zu einer. Edwin Dodgsons schwülstig-pastorale Besessenheit gilt der Inselbewohnerin Marah, Christian Reval liebt eine Marah, und Mark Thomson wird von seiner Ehefrau Marah betrogen und verlassen. Im historischen Sinne nicht identisch, verkörpern Marah eins, zwei und drei den Idealtyp erotischer Verführung. Eine inzestuöse Kette von Beinahe-Klonierungen innerhalb der genetisch minimierten Kleinstpopulation der Insel, mag man schlussfolgern, doch so biologisch will das Raoul Schrott gewiss nicht gelesen haben; ihm schwebt die Allegorie des Ewigweiblichen vor. Dazu passt, dass Thomsons kleine Tochter eine Ableitung ihrer Mutter darstellt, sie heißt Martha. Wo so viel Systematik waltet, fehlt das Fleisch.

Ein Sonnenstrahl fällt auf Marah. Ich nehme mein Heft und den Bleistift und zeichne Dich, Dein Gesicht zur Seite gedreht, die Lippen leicht geöffnet, auf dem Schlafsack ein kleiner Speichelfleck. Vom Ohr zieht sich ein Schatten über das Hohl der Wange zur Nase, ich schraffiere ihn und ziehe ihn weiter wieder auf das Rund des Lides und die Stirn. Nur die Backenknochen sind hell, Unterkiefer und Hals; das Schlüsselbein, wie es sich durch mein Militärhemd abzeichnet. Eine fingerlange Strähne fällt über die Schläfe, das Haar weit hinter das Ohr gestrichen. Nur der Bogen der Braue gelingt mir nicht, ich sehe mich fest daran.

Kann aus Reißbrettskizzen wie dieser das konkrete Bild einer verlockenden, erotischen Wahnsinn provozierenden Sirene entstehen? Als Menschenschilderer empfiehlt sich Raoul Schrott nicht. Sein Genre ist die Landschaftsmalerei, sein Pinsel die Sprachgewalt des Lyrikers und gelahrten Komparatisten, der lieber »primordial« sagt als »ursprünglich«, dem die »Bussole« besser klingt als der »Kompaß«. Falsch eingebürgerte Wendungen wie der Gebrauch von »frugal« als positiv konnotiertes Adjektiv korrigiert er unnachgiebig; in Wahrheit ist ein frugales Mahl ärmlich, Schrott-Leser wissen das. Selbst die Kalauer dieses Autors sind von so erlesener Abgehobenheit, dass sie kaum jemand aufzuspüren vermag. Etwa im folgenden Satz:

Meistens ist Chief Willi Repetto am anderen Ende, den die Jungs als »Pressesprecher der Regierung der Insel da Cunha und ihrer Königin«, kurz: Prick betiteln, wobei sie sich über seinen Dialekt lustig machen, aber das nur halb zum Spaß, und das nicht nur, weil er eine scharfe Zunge hat.

Umgangssprachlich bezeichnet Prick einen Scheißkerl, einen Deppen und zugleich das männliche Geschlechtsorgan. Belustigungsmaterial for the chosen few, die im Englischen so zu Hause sind wie der in Irland lebende Österreicher Schrott. Seine eigentliche Liebe indes gilt nicht dem Doppelsinn, sondern dem Klang, der funkelnden Schönheit schwingender und schwebender Silben, der Jazzmusik ohne Instrumente, dem literarischen Chat-Gesang. Egal ob sich diese Sprachfragmente auf Technisches beziehen wie auf die Abkürzungen im Funkverkehr, ob sie Gewürze des einstmaligen Kolonialhandels aneinander reihen oder lustvoll das Antarktis-Pidgin der Polarforscher nachbuchstabieren:

Wenn das Wetter hooley ist (stürmisch und schlecht), richtig manky (fürchterlich stürmisch und schlecht), kann man nur einen smoko machen (eine Teepause) und vom Banana Belt (der antarktischen Halbinsel) träumen, wir beakers (nach den »Wissenschaftlern« der Muppetshow) – ebenso wie die gashmen (die Männer, die gerade zum Putzen eingeteilt wurden). Gibt's abends keinen manch (dehydriertes Fleisch), dann hooch (suppigen Eintopf, den man früher aus Pemmikan und Haferkeksen zubereitete, jetzt mit Curry), um dazu ein Glas homer (selbstgebrautes Bier) zu trinken.

Da schließt sich der Kreis vom Wort- und Sprachsammler Schrott zum Philatelisten Thomson. Mögen die Bruchstücke auch noch so klein sein, nichts darf verloren gehen. Mehr als ein Drittel des Buches füllen die akribischen Aufzeichnungen zur Inselhistorie, wo ihr – den eigenen Konstruktionsprinzipien gemäß – doch höchstens ein Viertel zustünde. Denn wie der Briefmarkensammler erläutert:

Was Sie hier vor sich liegen haben, ist ein Quadriptych, eine Serie von vier, wie es in unsrer Zunft heißt, »sich haltenden Motiven«.

Auch der Roman fungiert als Viererblock, dessen an der Perforation herausgetrennte Einzelteile zwar alleine stehen könnten, sich dann aber im Universum der Beliebigkeit verlören. Welche Klammer sie jenseits des Bücherkistenfundes zusammenhalten soll, macht ein poetisches Manifest klar:

Eine Insel ist eben von vornherein allegorisch – letztlich für alles, für die Glückseligkeit und den Tod: ein Symbol für das Wasser, das sie umgibt, die Luft, indem sie den Winden ausgesetzt ist, dem Feuer der Sonne, die ihre Zeit bestimmt, der Erde, die sie ist. Unerreichbar mitten im Ozean. Ein Emblem des Unbewußten und das mythische Bild der Frau, der Jungfrau und Mutter – oder was immer wir Männer in sie projizieren; warum sonst bin ich Schriftsteller geworden, wenn nicht dieses Eros wegen?

Ja, es geht um Erotik, und damit offenbart sich eine verletzliche Flanke des ambitionierten Welterschaffungsunternehmens »Tristan da Cunha«. Der Lyriker Raoul Schrott ist kein Erotiker, nicht mal im fernen Sinne eines nichtsexuellen, flirrend-poetischen Eros mit seinen raffinierten Verhüllungen. Seine Schilderungswut taugt für die stürmische Wirklichkeit der rauen, einsamen Insel und die kalte, unnahbare Schönheit antarktischer Lichtphänomene. Dass Schrott nach 500 Seiten hingegen seinen Protagonisten Christan Reval mit Marah eins, zwei oder drei zur Sache kommen lässt, passt nicht ins selbst gewählte Genre der Landschafts- und Historienmalerei. Schlimmer, es lässt das Projekt insgesamt als gescheitert erscheinen, denn der Kontrast der konventionell-trivialen Sexszenen zum hohen Ton des restlichen Textes wirft die drängende Frage auf, ob zu einem Roman nicht mehr gehört als ein unbeirrbarer Konstruktionswille, die Fülle lexikalischen Wissens und das durchsichtige Hantieren mit mythologischen Bezügen, wobei Tristan und Isolde nur am Rande erwähnt seien. Handlung zum Beispiel, die aus personalen Konflikten erwächst, oder lebensgeschichtliche Linien, die nicht im Stile einer Kirchenchronik abgehakt werden. Das bekannte Verdikt, dass Lyriker keine großen Romane hervorzubringen vermögen, wird jedenfalls von Raoul Schrott nicht widerlegt, selbst wenn man seinem erzählerischen Schichtmodell zubilligt, genauso in der Poetik der Moderne zu passen wie dessen krasses Gegenteil, der simple Handelsmarkenrealismus der Popliteratur. Längst ist das Etikett »Roman« zum Synonym hoher Seitenzahlen verkommen; eine Forderung, die der vorliegende Text mühelos erfüllt, wobei er sich freilich von Seite zu Seite immer mehr in Widerspruch zu sich selbst setzt. Denn die »allumfassende Formulierung«, die »rechten Worte und richtigen Sätze« der Schrottschen Poetik können wohl kaum als Freibrief für emanierendes Schreiben gewertet werden. Im Gegenteil, »allumfassend« bedeutet in der Literatur stets »verdichtend«, und wo die Konzentration fehlt, sollte doch wenigstens die Verblüffung an ihre Stelle treten. Dies hat lyrisches Schreiben dem Realismus erzählender Prosa voraus: Unangeahnte Sichtweise zu eröffnen, die die Welt in einem anderen Lichte erscheinen lassen. Dafür braucht man gar nicht viele Worte:

Nur einmal war dieses Zimmer wirklich mit Leben erfüllt; ich ließ das Fenster versehentlich offen, und bis zum Abend hatte der Raum sich mit Bienen gefüllt. Die Luft war wie magnetisiert, die Bienen waren überall, an der Lampe, über dem Türstock und auf dem Glas der beiden gerahmtem Portraits neben dem Schreibtisch.

Präziser lässt sich die staubtrockene Lebensweise des Briefmarkenverrückten Mark Thomson kaum charakterisieren, doch leider nutzt Raoul Schrott solch exakte Bilder viel zu selten. Er wird stattdessen zum Opfer seines Materials, ja seiner Hybris, in der Fiktion noch einmal zu wiederholen, was in der Wirklichkeit längst gescheitert ist: das Projekt der Universalgeschichtsschreibung. Dabei hätte er es weitaus einfacher haben können, wäre er nur der selbstgelegten Fährte gefolgt:

Bei den großen Entdeckungsfahrten haben jene, deren Aufgabe es war, Karten neuer Archipele anzufertigen, statt ihren Namenszug einzugravieren, oft eine imaginäre Insel eingezeichnet, die sie auf den Namen ihrer Geliebten tauften. Das war bekannt, niemand stieß sich daran, wenn man auf den nachfolgenden Fahrten keine Spur von ihr fand. Es war, wie jeder wußte, wenn er unbeirrlich darauf zuhielt, der Horizont jedoch leer blieb und nur Wolken sich auftürmten über dem Spiegel der See, die Insel der Frau des Kartographen.

Was für eine Novelle von hundert bis hundertzwanzig Seiten, welche Chance, Sehnsucht und Leidenschaft im poetischen Raum zu vermessen! Stattdessen stapft der Autor über die erstarrten Lavafelder des realen Archipels Tristan da Cunha und blickt auf erloschene Glut. »Die Insel der Frau des Kartographen« muss wohl noch geschrieben werden.

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