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StartseiteKultur heuteTriumph für Goethes "Faust"11.09.2011

Triumph für Goethes "Faust"

Glücklicher Abschluss der Filmfestspiele von Venedig

Alexander Sokurov hat den Goldenen Löwen von Venedig gewonnen. Der russische Regisseur wurde für seine Adaption von Goethes "Faust" ausgezeichnet. Mit dem Film schließt er eine Serie von vier Filmen ab, mit der er den Mythen und Mechanismen der Macht nachspürt.

Von Josef Schnelle

Regisseur Alexander Sokurov präsentiert den Goldenen Löwen. (dpa / Ekaterina Chesnokova)
Regisseur Alexander Sokurov präsentiert den Goldenen Löwen. (dpa / Ekaterina Chesnokova)

Sie können es also doch: Ein Meisterwerk erkennen, wenn sie es vor sich sehen. Die Juroren des 68. Filmfestivals von Venedig sind zu preisen, denn "Faust" von Alexandr Sokurov ist weder ein süffiger Publikumsfilm, noch hat er Starpower in irgendeiner Form. Doch er hat eine künstlerische Wucht, die offenbar jeden umhaut: auch die Kritiker in der Pressevorführung, die längst nur noch selten miteinander übereinstimmen. Schüchtern wie ein sehr verkanntes Genie, das mit so einer Auszeichnung längst nicht mehr gerechnet hat, klammerte sich Sokurov minutenlang an den geflügelten Löwen, den er gerade bekommen hatte, irgendwie immer noch die größte Auszeichnung für einen Künstler des Films, auch wenn die Jurys in den letzten Jahren so oft daneben lagen, dass man für die wirklich guten Filme immer nur kleine Preise erwarten durfte.

Sokurov schließt mit "Faust" eine Serie von vier Filmen ab, mit der er den Mythen und Mechanismen der Macht nachspürt. "Moloch" zeigte, wie Hitler kichernd auf dem Obersalzberg die Sprachlosigkeit des Diktators im privaten Kreis zelebriert. "Taurus" erzählte von den letzten Tagen eines von Krankheit und Verzweiflung ausgezehrten Lenins. "Sonne" beschreibt den Augenblick, in dem Japans Kaiser Hirohito seinem Gottsein abschwören muss, um in einer Radioansprache sein Volk zur Aufgabe gegen die Amerikaner aufzufordern. Er spricht natürlich japanisch. Und so spricht "Faust", der überlebensgroße deutsche mythische Held des Strebens nach Allmacht und Allwissen im Film auch durchweg Deutsch. Er will die Liebe beherrschen, das Geld und auch den Krieg, schließlich all das erkunden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Dazu braucht er, das ist ja allseits bekannt, einen Pakt mit dem Teufel.

"Ich habe keine Tinte mehr." – "Was für ein Jammer." – Wie wäre es mit Blut? Sie waren doch bereit mit Blut zu schreiben."

Man hört es schon, dieser Mephisto ist kein eleganter intellektueller Verführer, so wie Gustav Gründgens ihn zu spielen pflegte und wie ihn auch Emil Jannings in Friedrich Wilhelm Murnaus legendärer Stummfilmadaption des Stoffes anlegte. Dieser Mephisto ist kreatürlich, erinnert mit seinem Ringelschwänzchen und mit den Fleischbergen, aus denen er zusammengeflickt ist an den Vampir "Nosferatu" oder an Frankensteins Monster. Um allen Irrtümern vorzubeugen. Man darf sich diesen Film nicht als texttreue Faustverfilmung vorstellen. Nur Fetzen der Goethe-Texte sind im Film untergebracht.

Sokurov, der kaum deutsch versteht, setzt auf Klang und Deklamation seines Hauptdarstellers Johannes Zeiler. Im Übrigen sind es vor allem die spätbarocke Anmutung der Bildsequenzen, die Ruhe- und Rastlosigkeit der Kameraführung, das heute im Kino ungebräuchliche 4:3-Format, die erdige Farbgebung und das konsequent expressionistische Spiel der Hauptdarsteller, die Sokurovs "Faust" zu einem grandios-betörenden Filmkunstwerk machen.

Über diesen glücklichen Schluss des Festivals auf der venezianischen Badeinsel Lido mag man fast vergessen, dass die diesjährige Auswahl des Festivals äußerst durchwachsen war und dass die meisten Zukunftsfragen der traditionsreichen Mostra del Cinema ungeklärt sind. Was wird mit dem Loch, aus dem einmal ein neues Festivalpalais werden sollte? Was wird aus dem Lido, der sichtbar seine ganze Eigentümlichkeit zu verlieren beginnt und nun mit seinen Spaghetti-Vongole-Restaurants, wie irgendein sonniges Urlaubsparadies zu wirken beginnt? Was wird aus der Biennale insgesamt und aus dem Filmfestival, das sich im Unterschied zu den klassischen Venedig-Jahren schon eine Weile sehr regierungsnah präsentiert. Der noch amtierende Festivaldirektor Marco Müller lieferte jedenfalls vor jedem Mikrofon eine andere Version der Frage ab, ob er denn nicht doch weitermachen wolle, nachdem er im Frühjahr erklärt hatte, dies sei nun wirklich seine letzte Filmbiennale. Wird er wieder Filmproduzent oder irgendeine Art von Kulturfunktionär? Etwas Besseres als der große positive Knall, den diese grandiose Preisentscheidung hinterließ, hätte ihm jedenfalls nicht passieren können.

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