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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Sehnsucht der Menschen nach Autorität21.11.2016

Trump, Putin, ErdoganDie Sehnsucht der Menschen nach Autorität

Der Erfolg von Donald Trump, Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan lässt sich wohl auch mit einer Sehnsucht vieler Menschen nach Autorität erklären: In vielen Ländern rufen die Wähler nach einem starken Staat und harter Führung. Woran das liegt und warum wir eine neue Form von Autorität brauchen, das schildert der belgische Psychoanalytiker Paul Verhaeghe in seinem neuen Buch.

Von Matthias Becker

Symbolbild: Führungsfigur vor einer Gruppe, dargestellt mit Spielfiguren (picture-alliance / dpa / Robert B.Fishman ecomedia)
Führungsfigur vor einer Gruppe (picture-alliance / dpa / Robert B.Fishman ecomedia)

Wenn Paul Verhaeghe den Alltag in heutigen Klassenzimmern beschreibt, dann klingt er fast zynisch: "Das Zauberwort lautet 'Motivation'. Manche Kinder sind offenbar nicht motiviert, um zu lernen. Motivation ist etwas Geheimnisvolles, etwas, das bei der jüngsten Generation deutlich abnimmt. Es ist für einen Lehrer eine vernichtende Kritik, wenn 'er es nicht schafft, seine Schüler zu motivieren'. Die Klasse wird zur Arena, in der ein kritisches Kinderpublikum laut den studierten Stand-up-Comedian kommentiert, der mit seiner Multimedia-Show krampfhaft versucht, ein wenig Interesse zu wecken. Das Problem bleibt bestehen. Dann zieht man den Psychologen zurate."

Der sarkastische Ton mag aus eigener Erfahrung rühren. Der belgische Psychoanalytiker hat viele Jahre lang Schüler behandelt. Dass deren Unlust zu lernen immer häufiger zu einer Störung erklärt wird, hält er für eine pädagogische Bankrotterklärung.

Disziplin und Unterdrückung

Das eigentliche Problem sei ein anderes: Eltern und Lehrer haben, seiner Ansicht nach, keine Autorität mehr. Nur, was bedeutet das eigentlich? Verhaeghes Buch kreist um die Fragen, was Autorität überhaupt ist, wie sie entsteht oder vielmehr: Warum sie in vielen Bereichen offenbar nicht mehr entsteht. "Heutzutage stellen Professoren ihre Mikrophone immer lauter, um die schwätzenden Studenten zu übertönen. Angeklagte gehen unmittelbar nach der Urteilsverkündung in Berufung. Der Patient holt sich eine zweite oder sogar eine dritte Meinung zu seiner Diagnose."

Die antiautoritäre Bewegung kämpfte noch gegen den "Überschuss an Unterdrückung", wie Herbert Marcuse es ausdrückte, gegen zu viel Disziplin und Disziplinierung. Als sogenannter 68er hatte Paul Verhaeghe daran teil. Heute beklagt er Disziplinlosigkeit und Autoritätsverlust. Natürlich, das klingt nur zu bekannt: Aus Revolutionären werden mit der Zeit Konservative, dann Reaktionäre, die sich in eine vermeintlich gute alte Zeit zurückwünschen. Aber dieses Muster passt hier nicht, weder auf den Autor, noch auf sein Buch.

Autorität ist ein gesellschaftliches Verhältnis

"In den späten 60er und in den 70er-Jahren haben wir uns von der patriarchalen und hierarchischen Autorität verabschiedet. Und das war gut so, weil diese Autorität eine Katastrophe war, nicht nur für die weibliche Hälfte der Bevölkerung. Das schlechte Erbe dieser Zeit ist aber, dass wir das alte System für die einzig mögliche Form von Autorität hielten und uns daher beispielsweise davor fürchten, unseren Kindern gegenüber klare Regeln durchzusetzen. Eben das müssen wir wieder lernen – ohne in das patriarchale System des vorigen Jahrhunderts zurückzufallen."

Die öffentliche Debatte über Erziehung verläuft im Zickzack – hin und her zwischen der Forderung nach einer harten Hand und der nach mehr Selbstbestimmung. Das vorliegende Buch "Autorität und Verantwortung" gehört nicht in dieses Genre, und Verhaeghe suggeriert auch nicht, es käme nur auf die richtigen Erziehungsmethoden an. Autorität ist für ihn ein gesellschaftliches Verhältnis. "Die Autorität, die Eltern über ihre Kinder haben, wird ihnen von der Gesellschaft gegeben. Wenn das nicht der Fall ist, dann sprechen wir von Macht, bis hin zu Gewalt und Misshandlung. Autorität bedeutet freiwilliger Gehorsam. Menschen halten sich an Regeln, ohne dazu gezwungen zu werden."

Religion, Tradition und Männerherrschaft

Verhaeghe erklärt den Unterschied mit einem Bild aus der Geometrie: Macht wirkt pfeilförmig, von oben nach unten. Autorität hat die Form eines Dreiecks. Sie wird einem Menschen von anderen Menschen zugeschrieben, weil er eine gesellschaftliche Norm verkörpert. "Autorität besitzt man niemals als Einzelner, als Individuum. Sie beruht immer auf Moral, ein Zwang gegossen in Normen und Werte. Verschwindet der Glaube an die Quelle der Autorität, will sich eine Mehrheit nicht länger unterwerfen, dann stürzt Autorität in sich zusammen." Einst wurde die Entscheidungsgewalt der Autoritäten im Regelfall hingenommen, nicht hinterfragt. Gerade deshalb mussten sie nicht zu den Machtmitteln greifen, die ihnen zur Verfügung standen. Vergaeghe zufolge wurde daher in der autoritären Schule weniger bestraft, dann allerdings drakonisch.

Autorität ruhte Jahrhunderte lang auf einer Trias aus Religion, Tradition und Männerherrschaft. Verschiedene Vaterfiguren standen für dasselbe Prinzip; sie stützten sich gegenseitig: Vater unser im Himmel, der Landesvater, der Pastor und sein naher Verwandter, der Onkel Doktor, schließlich der Familienvater. Die strikte Gegenüberstellung von Macht und Autorität, die Verhaeghe Hannah Arendt entlehnt, ist etwas schematisch, aber sie ermöglicht es ihm, die gemeinsame Ursache zu erfassen, warum die Menschen sich eben häufig nicht mehr freiwillig den Entscheidungen von Politik, Verwaltung, Justiz, Schule oder Medizin unterordnen. Den gesellschaftlichen Schlüsselfunktionen kommt ihre normative Grundlage abhanden. Als Beispiele führt der Autor unter anderem das veränderte Verhältnis zwischen Arzt und Patient und zwischen Bürgern und staatlicher Verwaltung an.

Netzwerk statt Befehlskette

"Die traditionelle patriarchale Macht ist so gut wie verschwunden und damit auch die freiwillige Unterwerfung unter bestimmte Konventionen. Die Gretchenfrage lautet, welche neue Form der Autorität wir entwickeln werden."

Paul Verhaeghe plädiert für eine neue, "horizontale Autorität". Sie ist weniger an eine bestimmte Position gebunden und schon gar nicht an ein bestimmtes Geschlecht. Sie wandelt sich je nach Situation und muss immer wieder ausgehandelt werden. Statt entlang einer Befehlskette wirkt sie über ein Netzwerk. Umrisse dieser neuen Autorität entdeckt er zum Beispiel in Form flacher Hierarchien in Unternehmen. Auch wenn dieses Konzept vage bleibt – "Autorität und Verantwortung" ist eine lesenswerte, differenzierte Analyse, die der Autor mit einer eindringlichen Warnung beschließt:

"Viele Menschen sehen die Lösung in der Rückkehr einer strengen Figur, die Groß und Klein in die Schranken weist, eine Kreuzung aus Dirty Harry, Robocop und Gandalf. Doch diese Lösung würde nicht funktionieren, denn die Medizin wäre schlimmer als die Krankheit. Es gibt keinen Führer mehr, er ist tot, und seine Rückkehr ist reine Einbildung. Wir müssen selbst aktiv werden."

Paul Verhaeghe: "Autorität und Verantwortung".
Verlag Antje Kunstmann, München 2016. 260 Seiten, 24 Euro.

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