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StartseiteKommentare und Themen der WocheUnpolitisch und ohne Moral13.08.2017

Trump zu Charlottesville Unpolitisch und ohne Moral

Allzu spät habe der US-Präsident auf die Gewalt in Charlottesville während des Aufmarsches von Ultrarechten reagiert, kommentiert Thilo Kößler im Dlf. Und er habe kein Wort des Mitgefühls an die Hinterbliebenen des Todesopfers verloren. Trump spalte das Land - dahinter stehe nacktes Kalkül.

Von Thilo Kößler

Helfer versorgen verletzte Menschen nachdem ein Auto in Gegendemonstranten in Charlottesville gefahren ist. (dpa-Bildfunk / AP / /Steve Helber)
Helfer versorgen verletzte Menschen nachdem ein Auto in Gegendemonstranten in Charlottesville gefahren ist. (dpa-Bildfunk / AP / /Steve Helber)
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Die Eilmeldung aus dem Weißen Haus klang wie ein mühsamer Korrekturversuch. Der Präsident habe selbstverständlich alle extremistischen Gruppen im Visier gehabt, als er gestern nach den blutigen Ausschreitungen in Charlottesville alle Formen der Gewalt, des Fanatismus und des Hasses verurteilte, teilte das Weiße Haus mit – das schließe selbstverständlich die Verfechter einer weißen Vorherrschaft, den Ku-Klux-Clan und Neonazis mit ein.

"Als ob es keine Rechtsextremisten gewesen wären"

Das war eine späte, allzu späte Reaktion auf die harsche Kritik, die Donald Trump mit seiner Stellungnahme zu den Auseinandersetzungen in Charlottesville provoziert hatte. Zwar hatte Trump den Gewaltausbruch während des Aufmarsches der amerikanischen Ultrarechten verurteilt. Allerdings nannte der Präsident nicht die Schuldigen beim Namen, sondern machte "viele Seiten", so wörtlich, für die Gewaltexzesse verantwortlich. Als ob es keine Rechtsextremisten gewesen wären, die in Charlottesville die Randale suchten.

Und als ob es kein Todesopfer und keine Verletzten unter den Gegendemonstranten gegeben hätte, die Stunden zuvor von einem Amokfahrer über den Haufen gefahren worden waren. Vor diesem Hintergrund von der Schuld "vieler Seiten" zu sprechen, war nicht nur Unfug, sondern geradezu zynisch. In Charlottesville gab es zum späten Zeitpunkt der Erklärung Donald Trumps nur noch zwei Seiten: Die Seite der Opfer. Und die Seite der Täter. Das aber verschwieg der Präsident. Ja, er verlor noch nicht einmal ein Wort des Mitgefühls an die Hinterbliebenen des Todesopfers.

"Wahlsieg auch dank dieser rechten Klientel"

Wieder einmal scheint es dem Präsidenten um nacktes Kalkül gegangen zu sein. Donald Trump weiß, dass er seinen Wahlsieg auch dieser rechten Klientel zu verdanken hat, deren radikale Exponenten in Charlottesville versammelt waren. Und er wird dieses politische Spektrum wieder brauchen, wenn er zur Wiederwahl antritt. Es war ausgerechnet David Duke, der ehemalige Anführer des rassistischen Geheimbunds Ku-Klux-Klan, der Donald Trump an die Wahlhilfe aus diesem politischen Sumpf des Landes erinnerte – und in Charlottesville davon sprach, dass sich die rechtsextremen Demonstranten das Land zurückholen wollten, wie das Donald Trump im Wahlkampf versprochen habe.

"Kein Lapsus - es war ein politisches Statement"

Insofern war die Stellungnahme des Präsidenten kein Lapsus, wie die Korrektur aus dem Weißen Haus suggeriert. Es war ein politisches Statement. Es geht um das Phänomen einer erstarkenden nationalistischen Strömung, die sich im Land breit macht und die in Charlottesville nur erstmals öffentlich in dieser Form in Erscheinung getreten ist – unter dem Motto: "Vereinigt die Rechte". Das alles wäre noch besorgniserregender, wenn nicht auch viele Republikaner am Tag danach ihre Stimme kritisch erhoben hätten. Doch das reicht nicht.

Vorwurf der Verharmlosung von Gewalt

Schließlich hält Donald Trump nicht nur seine schützende Hand über die politische Rechte. Er hat sie längst hoffähig gemacht. Steven Bannon ist dafür nur ein Beispiel: Trumps Chefstratege ist ein Exponent der nationalistischen Alt-Right-Bewegung, der bis zu seiner Berufung in Trumps Wahlkampfteam Chef der rechtsextremen Internet-Plattform Breitbart war.

Nicht ohne Grund also lesen die Afroamerikaner und andere Minderheiten Trumps Parole "Make America great again" als: "Make America white again". Die Verfechter der "white supremacy", der Überlegenheit der Weißen, reklamieren das Land für sich. Nicht ohne Grund wird Donald Trump auch immer wieder vorgeworfen, die Anwendung von Gewalt – zumindest – zu verharmlosen. Und nicht ohne Grund ist unter Donald Trump von einem neuen Nationalismus im Zeichen von "America first" die Rede.

Für dieses politische Klima steht Charlottesville. Mehr noch: Charlottesville steht für einen Präsidenten, der unhistorisch ist, weil er den Rassismus und dessen Ursachen und Hintergründe nicht benennt. Es steht für einen Präsidenten, der unpolitisch ist, weil er zwar die Spaltung seines Landes beklagt, aber nichts dagegen tut. Und es steht für einen Präsidenten, der die moralische Dimension seines Amtes nicht wahrzunehmen scheint. Weil er sich selbst stets wichtiger nimmt als sein Land. 

Thilo Kößler, Korrespondent in Washington (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Thilo Kößler (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Thilo Kößler begann nach einem Geschichtsstudium seine Rundfunk-Laufbahn 1978 als Reporter im Studio Nürnberg des Bayerischen Rundfunks. 1987 wechselte er als Zeitfunk-Redakteur zum SDR nach Stuttgart und war von 1990 bis 1996 ARD-Hörfunk-Korrespondent für den Nahen Osten am Standort Kairo. Seit 1998 arbeitete er als Redakteur im Deutschlandfunk, zunächst im Zeitfunk, dann als Leiter der Europaredaktion. Ab 2007 war er Leiter der Abteilung "Hintergrund". Seit Juni 2016 ist er USA-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Washington.

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