Sonntag, 17.12.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheDer viel beschworene Weltenbrand wird nicht kommen06.12.2017

Trumps Jerusalem-EntscheidungDer viel beschworene Weltenbrand wird nicht kommen

Donald Trumps Entscheidung in der Jerusalem-Frage sei zwar eine politische Torheit, kommentierte Sebastian Engelbrecht im Dlf. Doch selbst wenn die Palästinenser nun Tage des Volkszorns ankündigten: Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt durch einen US-Präsidenten könne heute die Welt nicht mehr aus den Angeln heben.

Von Sebastian Engelbrecht

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Blick auf den Felsendom und die Al-Aksa-Moschee in der Altstadt von Jerusalem. (AFP / Thomas Coex)
Trotz aller Proteste gegen die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels werde der Rauch aus der vom Krieg gebeutelten Region abziehen, kommentierte Sebastian Engelbrecht im Dlf (AFP / Thomas Coex)
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Donald Trump bleibt sich treu. Der US-Präsident macht Außenpolitik, die so simpel ist, dass sie auf einen Bierdeckel passt. Mit seinem jüngsten Schritt tut Trump etwas, was er liebt: Er bricht ein Tabu etablierter Politik. Er handelt populistisch-pragmatisch und erkennt an, was ist: nämlich Jerusalem als Hauptstadt Israels.

Ein Tabubruch - aber keine Katastrophe

Nun werden einfache Lösungen einer komplexen Welt nicht gerecht. Das stimmt. Und es stimmt auch, dass Trumps Schritt eine weitere politische Torheit ist. Aber der Weltenbrand, den heute viele im Mittleren Osten heraufbeschworen haben, wird nicht kommen. Aus vier Gründen.

Erstens ist Jerusalem seit Jahrzehnten faktisch Israels Hauptstadt, spätestens seit dem "Jerusalem-Gesetz" von 1980, mit dem die Knesset feststellte, dass das vereinte und ganze Jerusalem diese Funktion hat. Tatsächlich erkennen die USA, die Europäer und viele andere West-Jerusalem als Kapitale Israels an: durch Staatsbesuche in den Jerusalemer Residenzen des Präsidenten und des Ministerpräsidenten und durch Reden in der Knesset, die sich ebenfalls in West-Jerusalem befindet.

Zweitens wird sich der angekündigte Umzug der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem voraussichtlich verzögern. US-Regierungsbeamte erklärten laut New York Times, der Umzug könne "Jahre dauern". Möglicherweise also wird Präsident Trump den Ortswechsel in seiner Amtszeit gar nicht mehr in die Tat umsetzen.

Drittens spielen die Vereinigten Staaten heute kaum noch eine Rolle in der Region. Als Vermittler im früheren Friedensprozess zwischen Israel und Palästinensern sind sie gescheitert. Als Ordnungsmacht haben sie sich zurückgezogen und überlassen zunehmend Russland diese Aufgabe im Mittleren Osten.

Viertens verlaufen die Konfliktlinien in dieser Region nicht mehr durch Jerusalem, wie das bis 2011 der Fall war. In Syrien und Jemen herrscht Krieg. Den Irak und Teile Ägyptens haben die USA praktisch sich selbst überlassen. Saudi-Arabien und Iran liefern sich einen Machtkampf. In diesem neuen Machtgefüge sitzen die Palästinensische Autonomiebehörde und Israel im selben Boot. Sie sind beide Teil eines losen anti-iranischen Zusammenschlusses.

Selbst wenn die Palästinenser nun Tage des Volkszorns ankündigen: Der Rauch wird aus der vom Krieg gebeutelten Region abziehen. Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt durch einen US-Präsidenten kann heute die Welt nicht mehr aus den Angeln heben.

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