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StartseiteMarkt und MedienHass, mit Unterhaltung gemischt05.03.2016

Trumps mediales ErfolgsrezeptHass, mit Unterhaltung gemischt

Drohungen, Lügen, Widersprüche – da hätte man doch nachhaken müssen: Die Einsicht kommt spät. Inzwischen geben US-Journalisten zu, dass sie Präsidentschaftsanwärter Donald Trump zu lange nicht hinterfragt haben.

Von Kerstin Zilm

Der US-Milliardär und Präsidentschaftsbewerber Donald Trump. (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)
Er ist dafür, aber auch dagegen, lässt es krachen, legt sich nicht fest: der US-Milliardär und Präsidentschaftsbewerber Donald Trump (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)
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Als Donald Trump am 16. Juni 2015 die Rolltreppe der vergoldeten Lobby im New Yorker Trump Tower herab glitt, um seine Kandidatur für das US-Präsidentschaftsamt zu verkünden und Amerika wieder groß zu machen, war das ein Spektakel:

"Ladies and Gentlemen. I am officially running for president of the United States and we are going to make our country great again."

Von der New York Times bis zu politischen Bloggern waren sich so ziemlich alle US-Medien einig: Trumps Kandidatur ist lediglich der neuste Marketing-Gag des Immobilien-Moguls. In Diskussionen um Trumps Chancen, für das höchste Amt im Staat nominiert zu werden, feixten sie über diese scheinbar so lächerliche Vorstellung.

Der mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete "New York Times"-Redakteur David Remnick nannte Trump im Fernsehen einen "grotesken Clown".

Pulitzer-Preis-Träger irrte sich

Charles Krauthammer, ebenfalls ein Pulitzer-Preis-Träger, dessen konservative wöchentliche Kolumnen von mehr als 400 Zeitungen gedruckt werden, urteilte: Niemand wird Donald Trump ernst nehmen.

"Kann man denn einen Kandidaten ernst nehmen, der sagt Mexiko ist nicht unser Partner und Mexiko schickt uns Kriminelle, Drogenhändler und Vergewaltiger? Diese Kampagne basiert auf ignorantem Fremdenhass. Damit wird er, wenn er Glück hat, eine Weile in den Top Ten bleiben."

Für Mara Liasson, Politikredakteurin des öffentlichen Radios NPR, ging selbst diese Vorstellung zu weit:

"Ich glaube, dass dies Donald Trumps größter Tag war und dass er von nun an ignoriert werden wird."

Wie inzwischen alle wissen, geschah genau das Gegenteil. Trump musste in den ersten Monaten seiner Kampagne nicht einmal Geld für Werbespots ausgeben, weil seine Kundgebungen, Sprüche und Drohungen jeden Tag auf allen Kanälen verbreitet wurden.

US-Medien beschäftigten vor allem das Phänomen Trump und die Psyche seiner Anhänger: Was macht IHN so populär? Was macht SIE so wütend? Sie kritisierten Trump zwar generell als Hochstapler, politisches Leichtgewicht und Bully, doch erst jetzt gehen sie ernsthaft und geballt an die Substanz seiner Wahlkampfparolen.

John Oliver, Moderator der HBO-Show "Last Week Tonight":

"Bis jetzt haben wir Trump mehr oder weniger ignoriert, aber jetzt ist er zu Amerikas Muttermal auf dem Rücken geworden: vor einem Jahr noch harmlos aber inzwischen beängstigend gewachsen. Es ist nicht mehr weise, ihn zu ignorieren."

Die meisten seiner Behauptungen sind fragwürdig oder gelogen

Medien schreiben jetzt über gescheiterte Trump-Spekulationen von Wodka bis zum Golfplatz. Sie decken auf, dass drei Viertel seiner Behauptungen entweder fragwürdig oder gelogen sind - wie zum Beispiel die, dass er seinen Wahlkampf selbst finanziert und deshalb unabhängig sei, während offizielle Zahlen zeigen, dass er mehr als siebeneinhalb Millionen Dollar an privaten Spenden bekommen hat. Das sei nicht das Schlimmste, so Oliver:

"Trumps Meinungen sind unglaublich widersprüchlich. Er war für das Recht auf Abtreibung und dagegen. Für und gegen das Verbot von Maschinengewehren. Dafür, syrische Flüchtlinge in die USA zu bringen und dafür, sie abzuschieben. Wir haben keine Ahnung, welche dieser widersprüchlichen Ansichten er als Präsident vertreten wird."

Das Aufdecken von Widersprüchen und Lügen scheint Trump bis jetzt nicht zu schaden. "New York Times"-Redakteur David Remnick, der Trump vor acht Monaten lachend einen Clown nannte ist nun entsetzt:

"Es ist furchterregend! In den 60er-Jahren schrieb der Schriftsteller Philip Roth, Amerika sei so verrückt geworden, dass es unmöglich sei, Romane zu schreiben. Er hatte ja keine Ahnung, was passieren würde. So lange Trump Hass mit Unterhaltung mischt, ist er nicht aufzuhalten!"

Und solange Redaktionen nicht ihre investigativen Reporter zu Trump schicken, sondern das Team von Entertainment Tonight!

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