Montag, 20.11.2017
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Truppenaufstockung in AfghanistanKorrektur einer Lüge

Die Pläne der NATO und der USA zur Wiederaufstockung der Truppen in Afghanistan zeigten, dass das bisherige Konzept krachend gescheitert sei, kommentiert Thomas Wiegold. Dabei gehe es aber weniger um den Schutz der Bevölkerung, sondern vor allem um die Korrektur einer Lüge.

Von Thomas Wiegold, Journalist für Verteidigungs- und Sicherheitspolitik

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Ein afghanischer Polizeiausbilder mit Funkgerät steht vor einer Gruppe Polizisten in Reih und Glied. (Maurizio Gambarin i/ dpa)
Polizisten der Afghanischen Nationalpolizei (ANP) werden am 20.12.2012 in Masar-i-Scharif an der Regionalen ANP-Polizeischule im RC-North ausgebildet. (Maurizio Gambarin i/ dpa)
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Es ist noch gar nicht so lange her, da schien es, der Westen habe einen überlegten Plan für Afghanistan. Nach mehr als einem Jahrzehnt von Kampfeinsätzen der USA und dann der Nato sollten die Afghanen in die Lage versetzt werden, für die Sicherheit ihres Landes selbst zu sorgen und die Aufständischen, vor allem die Taliban, zurückzudrängen. In einer Provinz nach der anderen übernahmen die afghanischen Streitkräfte und die Polizei die Verantwortung für die Sicherheit.

Die internationalen Truppen zogen sich schrittweise zurück, und es blieben nur Ausbilder und Berater. Die sollten die einheimischen Soldaten dabei unterstützen, ihr eigenes Land wieder in den Griff zu bekommen.

Das Konzept ist erst einmal krachend gescheitert. 16 Jahre nach dem Beginn der Militärintervention am Hindukusch deutet wenig darauf hin, dass die internationalen Truppen mit ihrem Plan Erfolg haben. Im Gegenteil: Immer mehr Afghanen leben unter Kontrolle der Taliban, die afghanischen Soldaten und Polizisten zahlen einen immer höheren Blutzoll, ebenso die afghanischen Zivilisten. Fast täglich gibt es neue Anschläge und Angriffe mit zahlreichen Toten. Wahrgenommen werden sie im Westen nur dann, wenn es wieder mal die Hauptstadt Kabul trifft oder besonders viele Opfer zu beklagen sind.

Kehrtwende des Westens

Und da sollen jetzt mehr Soldaten aus den USA, aber auch aus anderen Nato-Ländern eine Wende bringen? Nachdem US-Präsident Donald Trump grünes Licht für eine amerikanische Truppenaufstockung gegeben hatte, folgte jetzt die Nato. Dreitausend Soldaten mehr, das ist der Plan, etwa die Hälfte davon sind Amerikaner, der Rest überwiegend aus europäischen Ländern der Allianz. Damit rückt nicht nur ein Ende des Afghanistan-Einsatzes in weite Ferne, es scheint, als würde der Westen eine Kehrtwende vollziehen.

Tatsächlich wird erst einmal nur folgende Lüge korrigiert, mit der die westlichen Länder die Afghanen, aber auch sich selbst belogen haben: Die Truppenreduzierungen der vergangenen Jahre seien an den Bedingungen im Land orientiert, nicht am Blick auf den Kalender: So hatten die USA wie auch die Europäer immer wieder argumentiert.

In der Realität war es genau andersherum

Doch in der Realität war es genau anders herum. Der Kalender spielte die entscheidende Rolle, genauer: Die Wahltermine, in den USA genau so wie in jedem europäischen Land. Der eigenen Bevölkerung daheim musste ein Abzug der eigenen Soldaten als Erfolg verkauft werden. Ob das zur Situation in Afghanistan passte, war dabei Nebensache.

Die Deutschen waren da nicht besser als andere. 980 Soldaten, so legt das gültige Mandat des Bundestages fest, ist die Obergrenze für den Einsatz der Bundeswehr. Bei dieser krummen Zahl ging es nur um eines: Die psychologisch wichtige Schwelle von 1.000 Soldaten zu unterbieten.

Ein verzweifelteter Versuch

Was jetzt passiert, ist der verzweifelte Versuch, die Fehlentscheidungen zu korrigieren. Zu spät bekommen die afghanischen Streitkräfte neues Gerät, zu spät sollen mehr Ausbilder doch noch dafür sorgen, dass die Soldaten und Polizisten die Kontrolle über das Land zurückgewinnen.

Das folgt einem Muster, das schon einmal gescheitert ist. Unter US-Präsident Barack Obama folgte eine massive Truppenaufstockung, der "Surge", nachdem die USA Afghanistan jahrelang im Wortsinne als Nebenkriegsschauplatz praktisch vergessen hatten.

Allein in den vergangenen drei Monaten hat die afghanische Armee 4.000 Soldaten verloren, die afghanische Polizei 5.000 Polizisten – viele von ihnen gefallen, viele schlicht desertiert. Den Trend umzukehren, das ist der verzweifelte Versuch, dem sich die Nato jetzt stellt. Wenn sie viel Glück hat, ist es dafür noch nicht zu spät.

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