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StartseiteEuropa heuteDer Mann für den Feinschliff30.03.2018

Tschechische Traditionsunternehmen (5/5)Der Mann für den Feinschliff

Menschen wie Jaroslav Madle ist es zu verdanken, dass die vom Aussterben bedrohte tschechische Glasindustrie nochmal die Kurve gekriegt hat: Der Glasschleifer liebt seinen Beruf und führt den inzwischen wieder benötigten Nachwuchs gern in das uralte Handwerk ein.

Von Kilian Kirchgeßner

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Jaroslav Madle ist Glasschleifer in der traditionsreichen tschechischen Glashütte Rückl (Deutschlandradio/ Kilian Kirchgeßner)
Jaroslav Madle ist Glasschleifer in der traditionsreichen tschechischen Glashütte Rückl (Deutschlandradio/ Kilian Kirchgeßner)

Selbst draußen in der Kälte trägt Jaroslav Madle nur ein T-Shirt. Warm ist es an seinem Arbeitsplatz, zu dem er die Treppe hinaufgeht, die Wärme des Glasofens strahlt bis hier.

"Wir kommen direkt zur Sache, ich habe alles schon ein bisschen vorbereitet."

Es ist nicht häufig, dass Jaroslav Madle Besuch bekommt. Wenn sich Touristen nach Nizbor verirren, einen Ort 60 Kilometer entfernt von Prag, dann schauen sie den Glasbläsern über die Schulter, danach gehen sie meistens noch ins Fabrikgeschäft, aber bis zu Madle und seinen Kollegen kommen sie selten.

Dabei redet Jaroslav Madle gern über seine Arbeit. Jetzt stürmt er voran durch eine Glastür in die Halle, wo er mit seinen Kollegen sitzt. Das Brummen der Schleifgeräte liegt in der Luft, in zwei langen Gängen sind Rollwagen mit Gläsern und Vasen aufgebaut, die auf ihren Schliff warten. Dazwischen sind, ähnlich wie Inseln, die Schleifplätze aufgebaut: Wie Drechselmaschinen wirken die Geräte, an deren Ende eine scharfe Scheibe rotiert – in sie halten die Schleifer das Glas, um Muster hineinzufräsen.

Sterilen Entwürfen Leben einhauchen

Konzentriert sitzen sie hier bei der Arbeit, jeder auf seinem Platz, manche mit Hörschutz gegen den Lärm, andere mit laut aufgedrehtem Radio. Jaroslav Madle geht zu seinem Platz ganz hinten in der Halle und greift sich eine Vase aus einem Rollwagen. Die Rückseite ist noch blank, auf der Vorderseite sind schon die ersten Sterne eingeschliffen. Manche sehen aus wie Strohsterne, andere ähneln mit ihren 16 Zacken komplizierten Bildern.

"Das hier ist das Muster, so wird es aussehen, wenn es fertig ist: Sterne neben Sternen, ganz unterschiedliche Größen und Formen. Hier diese kleine Vase kostet mich ein paar Stunden Arbeit, aber schauen Sie hier: Mit dieser großen Vase bin ich anderthalb Tage beschäftigt. Nehmen Sie die mal in die Hand! Die wiegt 15 Kilo!"

Jaroslav Madle ist selbst ein Original, so etwas wie die gute Seele der Firma Rückl. Er arbeitet an der Kollektion, die der Designer Rony Plesl entworfen hat – hier in der Schleifhalle ist er es, der den sterilen Entwürfen Leben einhaucht. Madle ist in den 50ern, er trägt Dreitagebart, die grauen Haare schulterlang.

"Klar, wir stellen überflüssige Sachen her, kein Mensch braucht geschliffenes Glas zum Leben. Aber ich finde: Man sollte um sich herum schöne Dinge haben. Man erlebt so viel Negatives im Leben, nicht jeden Tag scheint die Sonne – da braucht der Mensch etwas, das ihn erfreut."

Iron-Maiden-Logo auf Glas

Ihn selbst erfreut vor allem das Glasschleifen. Selbst nach dem Dienst bleibt er gern hier und arbeitet an eigenen Projekten. Neulich, sagt er stolz, habe er sogar einen Preis für eine eigene Schöpfung gewonnen: Eine riesige Schüssel, auf der er wie ein Maler alles abgebildet hat, was ihm etwas bedeutet – nur eben nicht mit dem Pinsel, sondern ganz filigran mit der Schleifmaschine.

"Ich habe das hier mit dem Handy fotografiert, denn die Schüssel selbst steht bei mir zu Hause. Hier schauen Sie: Das ist ein Osterei, das steht für die Feiertage. Das hier ist ein weiblicher Akt – da muss ich nichts hinzufügen, oder? Und das hier, das ist ein Handy, das ans Kreuz geschlagen ist; eine Mahnung, nicht das Smartphone in den Mittelpunkt zu stellen. Und das hier, das ist das Logo der Gruppe Iron Maiden, die machen Rockmusik, Sie wissen schon."

Ab und zu, sagt Jaroslav Madle und greift wieder zur Vase, in die er das Sternenmuster schleift, müsse er sich eben selbst verwirklichen.

"Ich war auch schon einmal Verkäufer in einer Werbeagentur, ich habe als Assistent in einem Dentallabor gearbeitet – aber Glas spricht mich einfach am meisten an. Es ist so ein natürliches Material, eine Mischung aus Holz, Wasser und Stein. Ein Material, das aus allen anderen hervorsticht."

"Wir Tschechen sollten dieses Handwerk erhalten"

Und ein Material, das schon fast zum Aussterben verurteilt war, in Tschechien zumindest. Mit seinen Kollegen wähnte sich Madle schon mehrfach in der Arbeitslosigkeit – immer dann, wenn die Glashütte wieder einmal schlechte Zahlen vermeldete. Aber jetzt, mit neuem Eigentümer und der Designer-Kollektion, habe die Firma endlich wieder eine Perspektive.

"Wir Tschechen sollten dieses Handwerk erhalten. Und ehrlich gesagt: Wir sind noch nicht so alt, dass wir keine neue Generation mehr ausbilden könnten!"

Es ist das Dilemma einer Branche, die zum Aussterben verurteilt schien: Schon lange wollen junge Tschechen nicht mehr Glasschleifer werden – die Perspektiven schienen zu unsicher. Aber jetzt, wo mehrere Hütten so wie die Firma Rückl neue Kunden erschließen, brauchen sie wieder den Nachwuchs, der eines Tages die jahrhundertealte Tradition fortsetzt.

Jaroslav Madle stellt die Vase, an der er gerade schleift, in ein Regal. Langsam geht er durch die Halle an den Kollegen vorbei, schaut ihnen über die Schulter, und öffnet dann die Türe, die hinausführt aus der Halle.

"Die Köchin muss auch lange üben und viel Liebe reinstecken, wenn sie gute Knödel machen will. Bei uns ist das ähnlich: Wir müssen den Jungen vorsichtig die einzelnen Schritte zeigen, ganz geduldig. Wir müssen sie gemächlich in das Handwerk einführen, damit sie von sich aus die Faszination erkennen, die uns antreibt. Wir müssen sie dahin bringen, dass sie selbst den Wunsch haben, weiterzumachen."

Es sieht so aus, als hätte die uralte böhmische Glasindustrie noch gerade rechtzeitig die Kurve gekriegt.

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