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StartseiteInformationen am MorgenNeue Hülle für den Sarkophag von Block 421.03.2015

TschernobylNeue Hülle für den Sarkophag von Block 4

Fast 29 Jahre ist das bislang schwerste Kernreaktor-Unglück her: In Tschernobyl explodierte Block 4. Trotz der Unruhen im Osten der Ukraine ist der Bau der neuen Hülle für den Sarkophag in wenigen Monaten abgeschlossen. Ab 2017 soll dann das berühmt-berüchtigte Bauwerk darunter verschwinden.

Von Dagmar Röhrlich

Construction of the "Shelter" - a new, environmentally-friendly sarcophagus (picture-alliance / dpa / Alexei Furman)
Für die Fertigstellung der neuen Schutzhülle der Atomruine in Tschernobyl fehlt das Geld (picture-alliance / dpa / Alexei Furman)
Weiterführende Information

Sicherer Einschluss - Tschernobyl und die neue Hülle für den Sarkophag
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 20.03.2015)

Tschernobyl - Langsam nach vorn
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 26.11.2014)

Tschernobyl - Sarkophag droht Baustopp
(Deutschlandfunk, Aktuell, 16.09.2014)

Tschernobyl - Wanderung durch eine Geisterwelt
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 14.07.2014)

Hommage an die Opfer von Tschernobyl
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 18.05.2012)

Tschernobyl, rund 100 Kilometer nördlich von Kiew. Auch hier ist zu spüren, was im Osten des Landes passiert: Am Kontrollpunkt zur Einfahrt in die innere, etwa 300 Quadratkilometer große Sperrzone, ist eine Stellung aus Sandsäcken aufgebaut. Die Eingänge zu den Baustellen werden von Bewaffneten in Tarnanzügen gesichert. Auch der Zugang zum New Safe Confinement, zum neuen sicheren Einschluss.

"Dieser Einschluss ist 262 Meter breit, 110 Meter hoch und 160 Meter lang."

Größer als Notre Dame

Gegen diesen riesigen Bogen wirkt das Kernkraftwerk klein. Jetzt, wo sich das tonnenförmige Gewölbe seiner Vollendung nähert, werden die Dimensionen wirklich fassbar: Die Pariser Kathedrale Notre Dame hätte darunter Platz. Die Arbeiter, die in luftiger Höhe die Außenhaut montieren, wirken wie Ameisen.

"Die Struktur wird, wenn sie fertig ist, mehr als 36.000 Tonnen wiegen. Um hier die in Italien gefertigten Einzelteile zusammenzusetzen, haben wir rund 685.000 Bolzen gebraucht. Es waren mehr als 50 Lastwagenladungen voll Bolzen."

Erzählt Nicolas Caille, geschäftsführender Direktor von Novarka. Dieses Konsortium der französischen Unternehmen Vinci und Bouygues baut den Riesenbogen, unter dem im kommenden Jahr der Sarkophag verschwinden soll. Der war 1986 nach der Explosion von Reaktorblock 4 eilig und unter Lebensgefahr für alle Beteiligten über den Trümmern errichtet worden. Nie für die Dauer gedacht, ist er instabil.

"Die graue Betonwand, die sie dort hinter dem Ende unseres Bogens sehen, die ist errichtet worden, damit wir auch in der Nähe des Sarkophags volle Arbeitstage haben. Dort ist die Strahlung immer noch so hoch, dass wir ohne die Schutzwand nach drei oder vier Stunden aufhören müssten zu arbeiten."

Internationales Hilfsprogramm zahlt

Erklärt Victor Zalizetskyi, der Chefingenieur des Kernkraftwerks von Tschernobyl. 30 Meter hoch ist die Wand, die die Strahlung abschirmt. Ohnehin wird der Einschluss für den alten Sarkophag aus Strahlenschutzgründen ein Stück entfernt montiert. Auch das Gelände auf dem wir stehen, musste 2010 erst dekontaminiert und mit Beton versiegelt werden. Dieses ganze Projekt ist Teil eines Hilfsprogramms zur Stabilisierung der Lage in Tschernobyl, das die Europäische Union, die USA und die Ukraine 1997 vereinbart hatten.

"Dieses Hilfsprogramm ist von zentraler Bedeutung für die Umweltsicherheit der Ukraine und Europas."

Sergey Kurykin, stellvertretender Minister für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Ukraine, am Tag zuvor auf einer Pressekonferenz in Kiew:

"Wir stehen in Tschernobyl vor einer Aufgabe von nie da gewesener Komplexität. Ich kenne kein anderes internationales Projekt dieser Größe, bei dem so viele Menschen und internationale Organisationen zusammenarbeiten.
Zu Hochzeiten sind allein am New Safe Confinement 1200 Menschen aus mehr als 27 Ländern beschäftigt. Mit 1,5 Milliarden Euro ist es das teuerste Vorhaben."

Es soll den Unfallort sicher machen, beschreibt Vince Novak, Direktor der Abteilung für Nukleare Sicherheit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBRD. Die Bank ist im Auftrag der EU engagiert. Weil mehr als 95 Prozent des Kernbrennstoffs noch im Sarkophag steckten, gehe von ihm immer noch Gefahr aus:

"Wenn wir nichts unternehmen würden, würden wir wohl eher früher als später mit seinem Zusammenbruch konfrontiert. Der würde Tonnen von radioaktivem Staub aus seinem Inneren freisetzen und den Kernbrennstoff ungeschützt allen äußeren Einflüssen aussetzen, sodass die Radionuklide in die Umwelt gelangen könnten. Es wäre ein Desaster."

Alter Sarkophag hält nur noch zehn bis 15 Jahre

Zwar wirkt der alte Sarkophag von außen massiv und ganz intakt - aber das täuscht: Trotz aller Stabilisierungsmaßnahmen geben ihm Experten noch eine Lebensdauer von zehn, 15 Jahren. Bis dahin müssen die unsichersten Strukturen abgebaut sein: Das soll unter dem Schutz des neuen Einschlusses geschehen:

"Sehen Sie diese Panele auf der linken Seite? Sie sind genau an die äußere Form des existierenden Sarkophags angepasst. Wenn wir die fertig ausgestattete Hülle auf Schienen über ihn schieben, klappen wir sie hoch. Danach kippen wir sie wieder herunter. Dann verbinden und versiegeln wir den alten Sarkophag und die neue Hülle mit einer elastischen Membran."

Es soll keine Radioaktivität mehr nach außen dringen können. Der Rückbau läuft ferngesteuert, aus einer Kabine heraus, deren Gerüst bereits unter dem Dach hängt. Ihre Bleiverkleidung fehlt noch. Installiert sind jedoch schon die sechs Schienen für die beiden Schwerlastkräne, die in den USA gebaut worden sind.

"Wir möchten der Ukraine alle Möglichkeit bieten, den havarierten Reaktor abzubauen."

Und zwar über 100 Jahre hinweg: Es braucht Zeit, die mehr als 150 Tonnen Kernbrennstoff herauszuholen.

Bau teurer als erwartet

Offen ist, wie die Ukraine die gewaltigen Summen aufbringen soll, um die es dann geht. Seit einer Neuberechnung der Kosten klafft auch in der Kasse der EBRD eine Lücke. Gerissen haben sie die vielen unerwarteten Herausforderungen, die beim Bau dieser Metall gewordenen Problemlösung aufgetaucht sind. Die Höhe des Fehlbetrags:

"615 million Euro."

Die hofft die EBRD bei einer neuerlichen Geberkonferenz am 29. April hereinzuholen - 29 Jahre und drei Tage nachdem Block 4 in dem ehemaligen "Tschernobyler Kernkraftwerk namens Wladimir Illjitsch Lenin" explodiert ist. Etliche Geberstaaten - darunter auch Deutschland - haben bereits Hilfe signalisiert. Und so wird wohl 2017 der riesige Hightech-Bogen betriebsbereit sein.

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