Montag, 20.11.2017

TürkeiDer neue Sultan

Putschversuch, Verhaftungswelle, Verfassungsreferendum: Viele Beobachter sehen die Türkei auf dem Weg in einen autoritären Staat. Wie aber konnte das passieren? Dieser Frage geht der türkische Historiker Soner Cagaptay nach, der in den USA lebt und arbeitet. Sein aktuelles Buch ist eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Heimat.

Von Susanne Güsten

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan spricht auf einer Kundgebung in Istanbul zu Unterstützern. (dpa-Bildfunk / Presidential Press Service / Kayhan Ozer)
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan spricht auf einer Kundgebung in Istanbul zu Unterstützern. (dpa-Bildfunk / Presidential Press Service / Kayhan Ozer)
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Recep Tayyip Erdogan – der türkische Staatspräsident gehört derzeit wohl zu den rätselhaftesten Politikern auf der Weltbühne. Vor einem Jahrzehnt noch in Europa und Amerika als Reformer und islamischer Demokrat gefeiert, ist er heute international als Despot verschrien.

Die Frage steht im Raum, wie das geschehen konnte - wie sich die internationale Gemeinschaft so täuschen konnte. Da ist es ein schwacher Trost, dass die Türken selbst von dieser Wandlung überrumpelt wurden.

Der liberalen Demokratie nie verpflichtet

Bis heute ist sich die türkische Opposition nicht einmal einig, wann sich die Metamorphose vollzog, wie Soner Cagaptay in seiner politischen Biographie herausarbeitet:

"Wann hat sich Erdogan von einem demokratischen Staatsmann in einen Autokraten verwandelt und sein Land in die Krise katapultiert? Wenn man diese Frage in der Türkei stellt, bekommt man bemerkenswert unterschiedliche Antworten. Säkular eingestellte Türken nennen die Ergenekon-Prozesse im Jahr 2008; Liberale verweisen auf die Gezi-Proteste vom Sommer 2013; Gülen-Anhänger lenken das Augenmerk auf Dezember 2013, als Erdogan eine Vergeltungskampagne wegen Korruptionsvorwürfen gegen seine Regierung startete; die Kurden ziehen das Ende des Waffenstillstandes mit der PKK im Sommer 2015 heran; und der frühere Ministerpräsident Davutoglu würde als Wendepunkt den Mai 2016 nennen, als Erdogan ihn entmachtete. Die Wahrheit ist, dass Erdogan sich niemals der liberalen Demokratie verpflichtet gefühlt hat. In Wirklichkeit ging es ihm immer darum, sich selbst zum allmächtigen Führer des Landes zu krönen."

Aufstieg aus dem Armeleuteviertel

Um diese These zu untermauern, geht Cagaptay zunächst zurück nach Kasimpasa, in das Istanbuler Scherbenviertel am Goldenen Horn, in dem Erdogan aufgewachsen ist. Detailliert schildert er die Zustände im Kasimpasa der fünfziger und sechziger Jahre: den Schlamm in den oft überfluteten Straßen, den Gestank der offenen Sickergruben und die industriellen Abfälle des sterbenden Werftenviertels, aber auch die intakten Familien, die engen sozialen Netze und den tiefen Glauben, der die Bewohner dort verband – und sie von den modernen Türken in den glamouröseren Stadtteilen trennte.

"Das alte Kasimpasa trägt viel zum Verständnis von Erdogan bei. Seine Jugend in diesem grobschlächtigen, konservativen Stadtviertel, der 'schlechten Adresse' von Istanbul, prägte dauerhaft seine Sicht auf die 'anderen' Türken, die wohlhabenden und westlichen Eliten mit ihrer säkularen Ideologie. In mancher Hinsicht ist Erdogan noch heute der Mann aus dem Armeleuteviertel. Er hat inzwischen so viel politische Macht angehäuft, dass er der mächtigste Führer der Türkei seit Atatürk ist, aber er hat noch immer diesen Komplex, diesen Groll gegen die säkularen Türken, die ihn als armen und frommen Jungen aus Kasimpasa schlecht behandelt haben. Erdogans Misstrauen gegen seine säkularen Kritiker ist das Ergebnis seiner ständigen Angst, dass sie ihn nach Kasimpasa zurückschicken könnten."

Autokrat aus Angst

Erdogan ist also Autokrat aus Angst? Genau, sagt Soner Cagaptay: "Er hat immer Angst. Das ist die Geschichte, die ich in meinem Buch erzählen will, und außerdem will ich noch etwas sagen: Demokratien sterben nicht mit einem Knall. Wenn autoritäre Regime zu Demokratien werden, dann geschieht das mit einem Knall, dann gibt es eine Revolution – so wie bei Ceausescu in Rumänien, beim Fall des Eisernen Vorhangs oder der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei. Aber beim Gegenteil, bei der Verwandlung einer Demokratie in ein autoritäres Regime, da gibt es keinen Knall, keinen historischen Moment. Das ist in der Türkei geschehen, und das ist das Thema meines Buchs."

Zersplitterte Opposition

Von den Anfängen in Kasimpasa ausgehend zeichnet Cagaptay den Aufstieg Erdogans nach: vom Jugendverband einer islamistischen Vereinigung über den Bürgermeisterposten in Istanbul und das Ministerpräsidentenamt bis hin zum Staatsoberhaupt und schließlich sogar zum regierenden Staatspräsidenten – und er bleibt dabei die Antwort auf das "Wie" nicht schuldig:

"Erdogans Erfolgsrezept war es, die Oppositionsgruppen auseinander zu dividieren, indem er stets einer Gruppe den Olivenzweig reichte, während er die anderen verfolgte. Der Fehler von Erdogans Kritikern war es, dass sie nie geeint waren: Als Erdogan gegen die Säkularen vorging, halfen ihm die Liberalen und die Gülen-Anhänger. Als er auf die Liberalen eindrosch, schwiegen die Gülen-Anhänger und die Kurden. Als er die Gülen-Anhänger verfolgte, schauten die Kurden weg und die Säkularen freuten sich. Und als Erdogan sich dann die Kurden vornahm, waren alle potenziellen Verbündeten entweder schon selbst auf der Flucht oder zu feige, etwas zu sagen."

Krise der Türkei

Damit benennt Cagaptay präzise das größte Handicap der türkischen Demokratie: die Schwäche ihrer ewig zersplitterten und daher handlungsunfähigen Opposition. Daran hat selbst das brutale staatliche Vorgehen gegen Dissidenten aller Couleur im vergangenen Jahr nichts ändern können – selbst gemeinsam hinter Gittern sind sich die verschiedenen Lager der Opposition nicht grün.

Die Aussichten für die Türkei bleiben deshalb schlecht, meint Cagaptay: "Die Türkei steckt in einer tiefen Krise, gespalten zwischen denen, die Erdogan lieben, und jenen, die ihn hassen. Erdogan weiß, dass er die Türkei nicht weiter zu einem konservativen islamistischen Nahost-Staat umformen kann, solange das Land eine Demokratie ist. Ich vertrete in meinem Buch die Ansicht, dass er die Demokratie deswegen abschafft, und ich denke, dass er in den nächsten zwei, drei Jahren weitere Schritte in diese Richtung unternehmen wird. Die unterschiedlichen Gruppen, die Erdogan hassen und verachten und zusammen die Hälfte des Landes ausmachen, werden sich weder einigen können, um ihn zu stürzen, noch werden sie sich ihm unterwerfen. Insofern steuert die Türkei leider in eine noch viel tiefere Krise hinein."

Soner Cagaptay: "The New Sultan. Erdogan and the Crisis of Modern Turkey"
Verlag IB Tauris, 240 Seiten, 25 Euro.

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