• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteEuropa heuteFrauen protestieren gegen Gewalt11.02.2016

TürkeiFrauen protestieren gegen Gewalt

Im Februar 2015 wurde die Studentin Özgecan Aslan in der Türkei brutal ermordet. Der Tod der jungen Frau führte zu landesweiten Protesten - viele Frauen wollten nicht länger über Gewalt und Sexismus schweigen. Obwohl es in der Türkei inzwischen schärfere Gesetze gegen Sexualstraftäter gibt, ist die Zahl der weiblichen Mordopfer weiter hoch.

Von Luise Sammann

Junge Frauen halten in Ankara Protest-Schilder mit Slogans und einem Foto der ermordeten Frau. (AFP / Adem Altan)
Das Plakat zeigt das Opfer Özgecan Aslan (AFP / Adem Altan)
Mehr zum Thema

Frauen in der Türkei Kampf gegen alltägliche Gewalt

"Ehrenmorde" und Zwangsehen Was sich elf Jahre nach dem Tod von Hatun Sürücü geändert hat

Türkei Wenig Interesse an neuem Sürücü-Prozess in Istanbul

Die Frauen, die sich an einem kalten Samstagnachmittag im Istanbuler Stadtteil Kadiköy versammelt haben, würden Präsident Erdogan und der AKP keine Freude bereiten: Ein Kopftuch trägt keine von ihnen, trotz der Kälte endet der ein oder andere Rock deutlich über dem Knie. Kadiköy gilt als linkes, säkular geprägtes Viertel – berühmt für seine Bars und Clubs. "Kein Wunder" verkündeten regierungstreue Medien deswegen, als hier vor wenigen Tagen eine 19-Jährige nachts vergewaltigt wurde. Die Demonstrantinnen, die sich mit Postern und Plakaten am Tatort versammelt haben, sind außer sich.

"Sie fragen: Warum ist eine junge Frau auch so spät abends noch auf der Straße? Aber die Frage ist doch: Warum rennt da ein Mann mit einem Messer in der Hand herum? Dieses Misstrauen gegenüber den Frauen zeigt, welchen Stellenwert sie in unserer Gesellschaft haben. Das ist das Ergebnis eines von Männern dominierten Systems."

Ein System, das sich trotz des Wandels, den die Türkei in den letzten Jahren erlebt hat – trotz EU-Annäherung und Wirtschaftsaufschwung – nicht geändert hat. Jeden Tag, so die Statistiken, wird in der Türkei eine Frau umgebracht. Offizielle Daten dazu veröffentlicht die Regierung zwar nicht. Doch Projekte wie das von Ceyda Ulukaya stehen für den Versuch, die Informationslücke zu füllen. 1100 Mordfälle dokumentiert die freie Journalistin auf einer interaktiven Türkeikarte, Medienberichte sind ihre Quelle.

"Wenn Sie hier auf eine Stadt klicken, sehen Sie, wie viele Frauen dort in den letzten Jahren ermordet wurden. In Adana zum Beispiel 65 Frauen in fünf Jahren! Gleichzeitig öffnen sich dann die Details zu jedem Mord: Namen und Alter der Opfer, das Verhältnis zum Mörder, der Tathergang usw."

Der Tod von Özgecan Aslan hat das Land aufgerüttelt

Außerdem werden die Umstände der Tat dokumentiert. Ulukaya spricht von "Ausreden" der Täter statt von Motiven:

"Hier hatte eine Frau ihre Haare rot gefärbt, hier hatte eine gelästert. Hier war ein Mann nicht damit einverstanden, dass seine Frau arbeiten gehen wollte, hier hatte eine ein Tattoo machen lassen, die Wäsche nicht gewaschen oder einfach nur zu laut gelacht..."

Dabei ist es nur ein Jahr her, dass bei den Frauenaktivistinnen in der Türkei Hoffnung aufkam. Der Tod von Özgecan Aslan hatte das Land aufgerüttelt. "Die Wut ist explodiert" titelte die Tageszeitung Cumuriyet, als sich allein im Heimatort des Opfers 15.000 Demonstranten versammelten, als Männer aus Solidarität in Miniröcken aufmarschierten und die Moderatoren der Fernsehnachrichten ihre Zuschauer in Schwarz begrüßten. Als bahnbrechend galt auch das so genannte "Özgecan-Gesetz". Es sollte den bisher üblichen Strafnachlass für Sexualstraftäter abschaffen. Ausreden wie "aber sie hat mich doch angelächelt" sollen künftig kein Gewicht mehr haben, wenn es um das Strafmaß geht.

"Das Gesetz ist noch gar nicht durch, aber schon seine Ankündigung hat diese unfairen Strafnachlässe fast beseitigt. "Lebenslänglich" – das Urteil gegen Özgecans Mörder war beispielhaft,"  lobt die Frauenaktivistin Gülsüm Kav von der Initiative "Kadincinayetleridurduracagiz" , zu deutsch also "Wir werden die Frauenmorde stoppen". Regelmäßig erscheinen sie und ihre Mitstreiterinnen bei Gericht, um weibliche Opfer oder ihre Hinterbliebenen zu unterstützen. Doch trotz kleiner Fortschritte seit Özgecans Tod im Februar 2015: Für Optimismus ist es der Aktivistin noch zu früh. Denn auch im vergangenen Jahr verzeichnete ihre Initiative 303 weibliche Mordopfer.

Für Optimismus ist es noch zu früh

"Nach Özgecans Tod stand das Problem ganz oben auf der Agenda der Türkei. Aber die vielen politischen Krisen seitdem und auch die zunehmende Gewalt im Südosten des Landes haben die Aufmerksamkeit danach wieder völlig von der Gewalt gegen Frauen abgelenkt."

Und so steht auch der so dringend benötigte Bewusstseinswandel weiter aus. Denn, so meinen auch die Demonstrantinnen, die sich im Istanbuler Stadtteil Kadiköy versammelt haben: Zum Schutz der türkischen Frauen sind nicht nur strengere Gesetze nötig, sondern vor allem eine Gesellschaft, in der Vergewaltigungsopfer nicht mehr als mitschuldig gelten, nur weil sie einen kurzen Rock angehabt haben.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk