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StartseiteCampus & Karriere"Viele werden ihren Job verlieren"22.07.2016

Türkische Hochschulen"Viele werden ihren Job verlieren"

Akademiker werden in der Türkei gerade massenhaft entlassen. Die Türkei sei derzeit kein sicheres Land, um dort zu unterrichten, sagte Deniz Yonucu, Stipendiatin der Humboldt-Stiftung in Berlin, im Deutschlandfunk. Das kritische Denken sei aus den türkischen Hochschulen entfernt worden.

Deniz Yonucu im Gespräch mit Michael Böddeker

Türkische Polizisten patrouillieren auf dem Taksim-Platz in Istanbul. (pa/dpa/EPA)
Türkische Polizisten patrouillieren auf dem Taksim-Platz in Istanbul. (pa/dpa/EPA)
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Michael Böddeker: Was denken Sie über die aktuelle Lage in der Türkei?

Deniz Yonucu: Es ist sehr besorgniserregend. Wir wissen nicht, was als Nächstes passiert. Meine Kollegen in der Türkei sind auch sehr besorgt.

Böddeker: Stehen Sie noch in Verbindung mit ihren türkischen Kollegen? Was sagen die denn über die aktuelle Lage?

Yonucu: Ja, ich stehe mit ihnen im Kontakt. Ich verfolge die Nachrichten von ihnen. Aber eine Sache muss erklärt werden. Es scheint im Moment so, als ob in der Türkei eine groß angelegte Aktion gegen Akademiker stattfindet. Aber tatsächlich passieren gerade zwei Dinge auf einmal. Seit dem Winter gab es in den kurdischen Gebieten in der Türkei eine große Militäraktion. Im Winter haben dann über 2.000 Akademiker eine Petition dagegen unterzeichnet, die "Akademiker für Frieden". Darin wurde die türkische Regierung kritisiert. Sofort danach hat Präsident Erdogan diese Akademiker beschuldigt, eine terroristische Vereinigung zu unterstützen. Daher gab es schon die Erwartung seitens der "Akademiker für Frieden", dass im Sommer Tausende Hochschulmitarbeiter entlassen werden würden.

Dann gab es letzte Woche den Putsch-Versuch. Die Regierung sagt ja, das hätten Anhänger der Gülen-Bewegung organisiert. Und die Gülenisten waren auch an den Universitäten organisiert.

Es passieren also gerade zwei Dinge auf einmal: Erstens sind Akademiker entlassen wurden, von denen vermutet wird, dass sie Sympathien für die Organisatoren des Putsch-Versuchs haben. Und zweitens wurden an manchen Universitäten die "Akademiker für Frieden" entlassen. Es geht also gegen beide, gegen die "Akademiker für Frieden" und auch gegen die Gülenisten. Das muss man differenzieren.

Böddeker: Aber lässt sich das wirklich auseinanderhalten? Jetzt gerade läuft ja an den Hochschulen eine Suche nach Personen, die mit der Gülen-Bewegung sympathisieren. Aber wie kann man wissen, wer solche Sympathien hat und wer nicht?

Yonucu: Das weiß ich auch nicht. Vermutlich hat die Regierung deshalb alle Auslandsaufenthalte gestrichen und türkische Akademiker zurück ins Land gerufen. An den Universitäten werden jetzt vermutlich Verhöre durchgeführt.

Böddeker: Sie selbst sind ja auch eine türkische Akademikerin im Ausland. Planen Sie, in die Türkei zurückzukehren?

Yonucu: Ich habe Freunde und Familie dort. Aber jetzt gerade plane ich keine Rückkehr.

Böddeker: Denken Sie, dass andere Akademiker dem Ruf folgen werden und in die Türkei zurückkehren?

Yonucu: Das kommt ganz darauf an. Viele sind schon zurückgekehrt. Denn das war ja eine Anweisung, ein Befehl der Regierung. Tatsächlich auch viele der "Akademiker für Frieden". Bei anderen weiß ich es nicht so genau.

Böddeker: Wie ist es bei den Akademikern in der Türkei. Glauben sie, dass die versuchen werden, das Land zu verlassen? Sodass es zu einem Brain Drain kommt, wie Menschenrechtsorganisationen es jetzt vorhersagen?

Yonucu: Türkei kein sicheres Land zum Unterrichten

Yonucu: Ja. Die Türkei ist jetzt gerade kein sicheres Land, um zu unterrichten. Es wurde klar gemacht, dass kritische Akademiker an den türkischen Hochschulen keinen Platz haben. Viele werden ihre Jobs verlieren. Manche haben die Türkei schon verlassen, über Forschungsstipendien, zum Beispiel von der deutschen Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Und wir erwarten noch eine größere Welle von Akademikern, die in Deutschland und Europa Asyl suchen.

Böddeker: Was erwarten Sie für die Zukunft? Wie wird sich das Leben an den Hochschulen in der Türkei verändern?

Yonucu: Ich denke, das akademische Leben in der Türkei wird sich grundlegend verändern. In der Wissenschaft ist es wichtig, kritisch zu denken und eine kritische Distanz zu der Gesellschaft einzunehmen, in der man lebt. Besonders in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Unglücklicherweise wurde kritisches Denken jetzt aus den Universitäten entfernt. So, wie ich es sehe, handelt es sich um eine Operation gegen kritisches Denken. Daher denke ich, die türkischen Universitäten werden konservativer werden. Ich selbst habe Hochschulen in der Türkei und in den USA besucht, und bin jetzt in Deutschland. Ich kenne also die akademische Szene in verschiedenen Ländern. Und ich muss sagen: Einige türkische Universitäten haben eine sehr kritische Tradition. Ich denke also, das alles wird das kritische Denken in der Türkei verändern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Aus redaktionellen wurde die Überschrift angepasst.

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