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StartseiteCampus & KarriereIndoktrinierung anstelle von Sprachunterricht?21.12.2016

Türkische KonsulatslehrerIndoktrinierung anstelle von Sprachunterricht?

Seit knapp 40 Jahren gibt es in Deutschland Türkisch-Unterricht an staatlichen Schulen. Über den Inhalt bestimmen die türkischen Konsulate. Nun gibt es vermehrt die Sorge, dass die Konsulatslehrer eine nationalistische Indoktrinierung der Kinder vornehmen könnten – ohne Kontrolle der deutschen Schulbehörden.

Von Kemal Hür

Die Lehrerin Hava Kolbasi (l) unterrichtet am Dienstag (19.02.2008) an der Katharina-Henoth Gesamtschule in Köln in einer 11. Klasse türkischstämmige Schüler in ihrer Muttersprache. An der Schule wird Türkisch im Unterricht als zweite Fremdsprache angeboten.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Der Elternverein und der Türkische Bund Berlin-Brandenburg fordern seit Langem, dass Türkisch für muttersprachliche Kinder als reguläres Schulfach angeboten wird, so wie hier an einer Gesamtschule in Köln. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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Der Betriebswirt Nazim Gündüz hat in der Türkei studiert und spricht ein perfektes Türkisch. Er hat einen 10-jährigen Sohn und eine 8-jährige Tochter. Damit auch sie ein gutes Türkisch in Wort und Schrift beherrschen, haben die Gündüz ihre Kinder für den muttersprachlichen Türkischunterricht angemeldet. Aber der Sohn habe neulich plötzlich gesagt, er habe keine Lust mehr auf den Unterricht, berichtet Nazim Gündüz.

"Wir sind dahinter gekommen, dass der Lehrer den Kindern einen Film über den Dardanellenkrieg gezeigt hat. Das hat unser Kind abgeschreckt. Wie viele andere Eltern erlauben auch wir unseren Kindern nicht, unter der Woche fernzusehen. Es ist natürlich nicht förderlich, den Kindern im Muttersprachenunterricht einen Kriegsfilm zu zeigen. So einen Film kann ich als Erwachsener kaum ertragen."

"Es sollte ausschließlich um das Erlernen der türkischen Sprache gehen"

Die Schlacht um die Meeresenge Dardanellen während des Ersten Weltkrieges wird in der Türkei glorifiziert und als Sieg über die Feinde der Türkei gefeiert. Sie ist fester Unterrichts-Bestandteil in den Grundschulen. Nazim Gündüz hat seinen Sohn nach dem Vorfall mit dem Film aus dem türkischen Konsulatsunterricht abgemeldet. Denn die Lehrer seien offenbar staatstreu und konservativ. Für ihn habe Politik oder Religion in diesem Unterricht nichts zu suchen, sagt er.

"Ich schicke mein Kind nicht dorthin, damit ihm eine bestimmte politische Meinung eingeimpft wird. Es sollte ausschließlich um das Erlernen der türkischen Sprache gehen. Von daher müssen die Lehrer daran arbeiten, dass die Kinder die türkische Sprache schätzen und lieben lernen, aber eben nur die Sprache."

Die Berliner Schulverwaltung möchte zu diesem Thema zurzeit kein Interview geben. Schriftlich teilt sie mit:

"Den muttersprachlichen Ergänzungsunterricht gibt es derzeit an ca. 150 Grundschulen. Er wird von ca. 50 Lehrern außerhalb der regulären Unterrichtszeit in den Nachmittagsstunden angeboten. Die Lehrer werden für bis zu fünf Jahre aus der Türkei nach Deutschland geschickt. Für den Lehrplan und die Lehrmaterialien sind türkische Behörden verantwortlich. Aktuell werden in Berlin Daten erhoben, wie viele Schüler an dem Unterricht teilnehmen und welche Erfahrungen die Schulen mit dem Unterricht machen."

Die Konsulatslehrer sind kein rein Berliner Phänomen. In Hamburg nehmen 900 Schüler am Türkischunterricht teil. Die Hansestadt unterstützt das Angebot finanziell. In Hessen stand der Unterricht bis vor einigen Jahren unter der Verantwortung und Aufsicht der Schulverwaltung. Die Lehrerverbände fordern, das wieder aufzunehmen.

Türkisch für muttersprachliche Kinder als reguläres Schulfach

Berin Arukaslan, die Bundesvorsitzende der Föderation der türkischen Elternvereine, macht die Bundesländer für die bestehenden Probleme verantwortlich.

"Wenn man sich einer Sache nicht annimmt, dann hat man tatsächlich das Problem, dass andere sich diese Aufgabe aufbürden und es dann mehr schlecht als recht übernehmen und dadurch diese Diskussionen entstehen. Anstatt dieses Thema zu politisieren, sollte die deutsche Regierung irgendwann auch nachhaltig eine Lösung für dieses Problem finden, wo seit mehr als 30 Jahren Migrantenorganisationen schreien: So geht das nicht. Das haben wir euch schon Anfang der 90er gesagt."

Der Elternverein fordert genauso wie der Türkische Bund Berlin-Brandenburg seit Langem, dass Türkisch für muttersprachliche Kinder als reguläres Fach angeboten wird –unter staatlicher Kontrolle und von Lehrkräften, die in Deutschland ausgebildet werden. Die neue Berliner Koalition aus SPD, Linken und Grünen hat das in ihrer Koalitionsvereinbarung bereits festgeschrieben – und zwar für Türkisch, Arabisch, Kurdisch und osteuropäische Sprachen. Ein erster Schritt, den die beiden Verbände begrüßen.

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