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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin weiterer Keil zwischen Kurden und Türken22.01.2018

Türkische Offensive in NordsyrienEin weiterer Keil zwischen Kurden und Türken

Die Türkei hat eine groß angelegte Offensive gegen die Kurden im Nordwesten Syriens begonnen. Damit wolle sie Fakten schaffen, bevor über eine Nachkriegsordnung für Syrien verhandelt werde, kommentiert Christian Buttkereit. Doch mit Schwarz-Weiß-Denken lasse sich der Konflikt nicht begreifen.

Von Christian Buttkereit

Türkische Truppen auf dem Weg nach Syrien: Die "Operation Olivenzweig" richtet sich gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien (AFP/ Bulent Kilic)
Türkische Truppen auf dem Weg nach Syrien: Die "Operation Olivenzweig" richtet sich gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien (AFP/ Bulent Kilic)
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Um es vorweg zu sagen: Krieg kann immer nur das allerletzte Mittel sein. Zuvor sind alle diplomatischen Wege bis zum Ende zu gehen. Im Fall von Afrin hat die Türkei das nicht getan. Es scheint sogar so, als hätte sie diesen Weg gar nicht erst beschritten.

Dabei lässt sich auch dieser Konflikt nicht mit einem Schwarz-Weiß-Denken begreifen - hier die guten Kurden und dort die böse Türkei – oder umgekehrt. Raketen flogen am Wochenende aus beiden Richtungen.

Die Türkei spricht von ihrem Recht auf Selbstverteidigung. Ja, tatsächlich kam es immer wieder vor, dass die türkische Grenzregion aus Syrien beschossen wurde. Als sich jedoch die Terrormiliz Islamischer Staat im Norden Syriens breitmachte und ihre Kämpfer in der Türkei ein und aus gingen, war von Selbstverteidigung nicht die Rede. Wie real die Bedrohung war, bewiesen zahlreiche Anschläge des IS in der Türkei. Doch die Regierung in Ankara musste erst von der internationalen Gemeinschaft genötigt werden, sich am Kampf gegen den IS zu beteiligen. Dass es nun ausgerechnet diejenigen trifft, die den IS in die Flucht geschlagen haben, ist zynisch. Die Kurden hatten nicht zu Unrecht erwartet, dass sie dafür entlohnt werden, dass sie im Kampf gegen die Islamisten ihren Kopf hingehalten haben. Der Plan der USA, eine 30.000 Mann starke Truppe unter kurdischer Leitung entlang der syrischen Nordgrenze aufzustellen, wäre wohl so eine Entlohnung gewesen.

NATO-Partner Türkei sieht sich von USA provoziert

Doch den Amerikanern hätte klar sein müssen, dass ihr Nato-Partner Türkei darin eine Provokation sieht. Entweder war es Kalkül oder ihr Plan schlicht naiv. Der türkische Ärger über US-Präsident Trump ist verständlich. Erdogan hatte in Washington mehrfach erfolglos gegen die Bewaffnung der kurdischen Volksverteidigungseinheiten interveniert. Ankara befürchtete stets, Waffen, die zur Vertreibung des Islamischen Staats an die syrischen Kurden geliefert werden, könnten in die Hände der Terrororganisation PKK geraten und eines Tages gegen türkische Soldaten gerichtet werden. Mehrfach präsentierte der türkische Geheimdienst angebliche Beweise, dass das der Fall sei. Deshalb war es Erdogan wichtig, von Trump die Zusage zu erhalten, dass nach dem Kampf gegen den IS mit den Waffenlieferungen an die Kurden Schluss ist. 

Einsatz treibt weiteren Keil in türkische Gesellschaft

So groß die Enttäuschung über die Amerikaner auch ist - gleichzeitig erscheint sie ein willkommener Anlass für die Türken zu sein, gegen die Kurden in Nordsyrien vorzugehen. Und dort Fakten schaffen, bevor über eine Nachkriegsordnung für Syrien verhandelt wird.

In der Türkei findet die Offensive mit dem blumigen Namen Olivenzweig breite Unterstützung, auch von großen Teilen der Opposition. Zumindest bis jetzt. Der Einsatz treibt einen weiteren Keil in die türkische Gesellschaft zwischen Türken und Kurden.

Auch deshalb ist zu befürchten, dass die Kämpfe nicht auf die Region Afrin beschränkt bleiben. Schon in den ersten beiden Tagen trafen Raketen aus Nordsyrien türkische Wohngebiete in der Grenzregion und verletzten mehrere Dutzend Menschen. Es kann aber noch schlimmer kommen: Die PKK hatte angekündigt, im Falle einer türkischen Invasion in Afrin den Krieg in die türkischen Städte zu tragen. Eine Drohung, die ernst zu nehmen ist.

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