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StartseiteInformationen am MorgenStolz, Unverständnis und Belustigung12.09.2017

Türkische Reisewarnung für DeutschlandStolz, Unverständnis und Belustigung

Türken in Deutschland reagieren sehr unterschiedlich auf die Reisewarnung für Deutschland. Während die einen stolz auf Erdogan sind, haben andere nur einen ironischen Kommentar für ihn übrig. Doch es gibt auch viele, die Angst haben, Erdogan öffentlich zu kritisieren.

Von Kemal Hür

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Tuerkische Flagge am 28.08.2016 in Berlin-Kreuzberg Berlin-Kreuzberg (Friedrichshain-Kreuzberg): Tuerkische Flagge am Balkon eines Wohnhauses  (picture alliance / dpa / Revierfoto)
Berlin - Tuerkische Flagge an einem Balkon (picture alliance / dpa / Revierfoto)
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"Na ja, wir leben ja vom Tourismus aus der Türkei. Deswegen haben wir jetzt schlechte Karten (lacht)."

Dieser Mann hat nur Spott übrig für die türkische Reisewarnung. Seinen Namen will er aus Angst nicht nennen. Nach seinem kleinen Witz spricht er mit einem sarkastischen Unterton weiter. Die Türkei habe Deutschland bloßgestellt. Denn die Reisewarnung hätte von Deutschland kommen müssen, sagt er.

"Die deutsche Regierung hätte das schon längst machen müssen und sollen. Die merken, dass die deutsche Politik sehr passiv ist. Deswegen haben sie das selber gemacht."

Kritik an Erdogan-Anhängern in Deutschland

Eine kleine türkische Teestube in Berlin-Kreuzberg. Vier große Tische mit schwarzen weichen Samtdecken und Neonröhren an der Decke. An einer Wand hängt ein sehr großer Fernseher. Am Wochenende füllt sich die Teestube, wenn die Fußballspiele der türkischen Liga gezeigt werden. Jetzt läuft der Fernseher nur im Hintergrund. Die Männer trinken türkischen Schwarztee und diskutieren über Politik. Einer gestikuliert stark und haut auf den Tisch. Er ärgert sich über Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan. "Sie leben in Deutschland, profitieren von der Freiheit hier und vergöttern Erdogan. Dann geht doch zu ihm", sagt er. Ein anderer pflichtet ihm bei und sagt:

"Deutschland ist eines der sichersten Länder der Welt. Ich lebe seit 30 Jahren hier. Es ist hier sicher. Und noch etwas: Ich bin zurzeit arbeitslos. Und der Staat unterstützt mich. Aber würde die Türkei jemanden einen Tag unterstützen? Nein. Aber all das ist nur Wahlkampffutter. Nach der Wahl werden Deutschland und die Türkei wieder sehr gut miteinander umgehen."

Angst Erdogan öffentlich zu kritisieren - auch in Deutschland

Viele der Männer in diesem Café sind Taxifahrer. Niemand von ihnen möchte seinen Namen sagen. Die politische Situation in der Türkei sei zu unberechenbar. Ein falsches Wort über Erdogan könne einen ins Gefängnis bringen, sagen sie. Ein 30-jähriger Taxifahrer schüttelt den Kopf über die Reisewarnung, die das türkische Außenministerium für Deutschland ausgegeben hat.

"Es gibt hier keinen Rassismus. Rassismus gibt es in der Türkei. Jeder kann hierherkommen. Besonders in den letzten zwei Jahren kommen viele türkische Touristen hierher. Das fällt mir als Taxifahrer auf. Es sind Architekten oder Ingenieure. Sie sagen, sie wollen sich hier niederlassen und fragen, wie es wäre. Ich sage: Kommt doch, hier ist es tausendmal besser als in der Türkei. Es ist ein freies Land."

Erdogan-Befürworter: Türkei lässt sich nicht mehr herumkommandieren

Ein paar hundert Meter weiter sitzen türkische Männer nach dem Mittagsgebet in einem Café neben einer Moschee. Die Türkei sei ein stolzes Land, sagen sie. Deutschland und die EU müssten auf Augenhöhe mit der türkischen Regierung verhandeln. Die Türkei unter Erdogan lasse sich nicht mehr herumkommandieren wie die alte Türkei, sagt Fikret Kahraman, der seit den 70er-Jahren in Berlin lebt. Der Maurer meint, Deutschland wolle die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei verhindern.

"Die Türkei ist ein Nato-Partner von Deutschland. Die Türkei hat eine Vereinbarung mit Deutschland seit Jahren über geschäftliche Beziehungen, G20-Partner. Was will denn Deutschland noch mit Druck erreichen? Wie weit will man Druck aufbauen, dass ein Land nicht die gleichen Standards erreichen kann wie Deutschland?"

Will heißen: Die Reisewarnung der Türkei für Deutschland ist gerechtfertigt. Wie du mir, so ich dir. Heute könne die Türkei es sich leisten, dermaßen selbstbewusst aufzutreten, sagt Kahramans Sitznachbar Mehmet Topal.

"Ich erinnere mich an die Türkei vor 15 Jahren. Das Land war in einem schlimmen Zustand. Jetzt werden wir ernstgenommen. Wir sind heute wer. Ich sage nicht, dass die Regierung perfekt ist. Aber wir können hier immerhin erhobenen Hauptes auf die Straße gehen. Deswegen bin ich zufrieden."

Türkischer Bund kritisiert die Erwähnung des NSU-Prozesses

Unzufrieden ist der Türkische Bund Berlin-Brandenburg mit der türkischen Reisewarnung. Die Sprecherin des liberalen Verbandes, Ayse Demir, kritisiert besonders die Erwähnung des NSU-Prozesses. Das türkische Außenministerium kritisiert in der Reisewarnung, dass nach 380 Verhandlungstagen immer noch kein Urteil gesprochen sei.

"Wir als Türkischer Bund sind von Anfang an aktiv und haben alle öffentlichen Ausschusssitzungen begleitet. Wir wissen, dass am Anfang auch Vertreter der türkischen Botschaft dabei waren. Aber in den letzten zwei, drei Jahren haben wir keine Vertreter dort gesehen. Das haben wir auch kritisiert; denn es sind auch türkische Staatsbürger ermordet worden. Und die Familien verdienen und erwarten, dass sich die türkische Regierung um sie kümmert. Laut unserem Informationsstand passiert das aber kaum oder ungenügend."

Ein ernstes Thema, das in der deutsch-türkischen Krise aber vielfach für Spott sorgt.

"Ich bin hier geboren. Natürlich gibt es Rassismus. Aber das gibt es überall. Ich glaube der Wind weht von ganz woanders. Ich glaube, das ist eher eine Vergeltungsaktion. Weil die Deutschen Sanktionen gegenüber der Türkei verhängen, glaube ich, das ist ein Racheakt."

"Ich find es sehr witzig. Das kommt mir vor wie ein Zickenspiel auf staatlicher Ebene."

 

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