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StartseiteBüchermarktTürkisches Gastarbeiterschicksal06.07.2011

Türkisches Gastarbeiterschicksal

Selim Özdogan: "Heimstraße 52". Aufbau Verlag

"Heimstraße 52" ist die Fortsetzung eines anderen Romans von Selim Özdogan, das "Die Tochter des Schmieds" heißt und in Anatolien spielt. Gül ist diese Tochter des Schmieds, um ihre Kindheit und Jugend in der Türkei dreht sich das erste Buch. Und eigentlich hatte Selim Özdogan nie vor, einen zweiten oder gar dritten Teil zu schreiben.

Von Antje Deistler

Eine Türkin beim Sprachunterricht in der Volkshochschule in Berlin Neukölln. (AP Archiv)
Eine Türkin beim Sprachunterricht in der Volkshochschule in Berlin Neukölln. (AP Archiv)

"Weil ich, eingebildet oder nicht, mich immer mit dieser Erwartungshaltung konfrontiert sah, dass ich doch so was schreiben wollte, könnte, müsste. Ich wollte keine Migrationsliteratur schreiben, ich mochte aber die Figur sehr gerne und ich für mich hatte schon Lust, weiterzuschreiben und zu gucken, was passiert denn eigentlich mit dieser Figur in D, und dann hab ich mir gedacht, ich bin ja genauso beeinflusst von dieser Erwartungshaltung, wenn ich mich dagegen sperre. Also warum mach ich nicht das, was ich gerne machen will und sag mir: ist doch egal."

Gut, dass Selim Özdogan sich über seine eigenen Schranken hinweggesetzt hat. So können wir in "Heimstraße 52" jetzt miterleben, wie seine Hauptfigur Gül Anfang der 70er-Jahre mit ihrem Mann nach Deutschland geht, sich mühsam eingewöhnt, wie sie zwei Kinder aufzieht, so viel Geld, wie möglich verdient und immer Heimweh hat. Ein Gastarbeiterschicksal, wie es Tausende gab und gibt. Özdogan, 1971 im türkischen Adana geboren, aufgewachsen in Köln, spiegelt aber eine Welt, die er nicht wirklich selbst erlebt hat.

"Nein, ich weiß nicht, wie es ist, Anfang der 70er einkaufen zu gehen, ich war zu klein dafür, aber ich weiß, wie es ist, kein Lexikon zuhause zu haben. Das war halt üblich. Die anderen Kinder hatten alle – die deutschen! – hatten alle ein Lexikon zuhause, in dem sie was nachgucken konnten. Das heißt ich begreife ja auf ne Art den Grundmechanismus, was für Kleinigkeiten, die unbeachtet bleiben, eigentlich für 'ne Wirkung haben. Empathie ist ja immer nur, zu gucken, O.K., kenn ich das auch irgendwie von mir und wie kann ich diese beiden Sachen verbinden?"

Schon weil er seine Kindheit am liebsten in Gegenwart von Frauen verbracht hat, sagt er. Die erzählten die interessanten Geschichten, denen hörte er zu, wenn sie sich gegenseitig zum Lachen brachten oder ihr Leid klagten. Auch dann noch, als er eigentlich zu alt war, um noch bei den Frauen zu sitzen. So entstand Gül, seine charismatische Hauptfigur. Eine Ehefrau und Mutter, die tut, was nötig ist.

"Auf einmal hat man eine Figur, die man mag und mit der man sich weiter beschäftigen möchte. Ich find sie halt sehr warmherzig. Und sehr fürsorglich. Es sagen Leute, man möchte sie manchmal schütteln, das ist so einem anderen Denken geschuldet. Das ist einfach die Welt, in der sie lebt, das ist eine schöne Form für einen Roman, so eine Emanzipationsgeschichte, aber das ist nicht das, was mich interessiert hat. Es ist einfach nicht ihr Charakter, deswegen möchte ich sie auch nicht schütteln."

"Heimstraße 52" erzählt von dem ganz normalen Leben einer Einwandererfamilie. Und das auf sehr ruhige, undramatische Art und Weise. Schon der Vorgängerroman, "Die Tochter des Schmieds", unterscheidet sich von seinen anderen, zum Teil sehr komischen, aber auch irgendwie lauten Büchern. In seinem neuesten Buch besinnt sich Özdogan der Bilder und Vergleiche, die im Türkischen gebraucht werden, was für deutsche Ohren oft faszinierend fremd und poetisch klingt. Für diese scheinbare Veränderung seiner Themen und seines Stils ist Selim Özdogan von Kritikern gelobt worden. Trotzdem sieht er seine Arbeit ganz anders.

"Es sieht von außen anders aus, als sich das für mich anfühlt. Ich mache, seit ich angefangen habe zu schreiben, grundsätzlich das Gleiche, ich versuche Alltag zu beschreiben. Dass ein Alltag Anfang der 90er-Jahre von einem Anfang 20-Jährigen anders aussieht als ein Alltag in den 70ern von einer Anfang 20-Jährigen Frau, die zwei Kinder hat, liegt in der Natur der Sache. Die meisten Schreiber sind glaub ich so, die haben nur ein Thema, und das ist meins, ich beschäftige mich mit Alltag."

In seinem Alltag, ebenso wie in dem seiner Hauptfigur, spielen Integrations- und Kopftuchdebatten eine relativ kleine Rolle.

"Gül trägt keins, aber es gibt Frauen, die ein Kopftuch tragen, aber das ist unerheblich."

Auch die Diskussion um Thilo Sarrazins Thesen interessiert Selim Özdogan eher am Rande. Darüber mag er sich nicht aufregen. Was ihn lange Zeit viel gründlicher aufgeregt hat: wenn er als "türkischer Schriftsteller" bezeichnet wurde. Aber auch das sieht der Kölner inzwischen entspannter.

"Es wird mir immer egaler. Es bringt ja nichts, ob ich das gut haben oder nicht gut haben kann, es ist passiert und wird auch weiterhin passieren, alles, was ich ändern kann, ist meine eigene Einstellung. Aber ich find das schon komisch, ich schreib ja auf Deutsch. Ich weiß nicht, wie man darauf kommt."

Selim Özdogan: Heimstraße 52. Aufbau Verlag, 19,95 Euro

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